9.10., Orbetello, Monte Argentario
Wo auch immer ich bin, hier werde ich einen Tag bleiben. Erstens bin ich erledigt, zweitens sind die restlichen knapp vierhundert Kilometer nach Neapel auch noch morgen zu schaffen, bevor Ena abends aufschlägt.
Die lärmige Bar unter mir konnte meinem zehnstündigen Schlaf wenig anhaben. Dann ein Kaffee in aller Ruhe am Balkon zur Hauptstraße hin zwischen zerfransten Fahnen, die das Hotel hier gehisst hat, ein Schlückchen Öl für die Mopette, einen Adapter organisieren. Auch mit aller Gewalt läßt sich der heimatliche Dreierverteiler nicht in die zierlichen Steckdosen mit drei Eingängen dreschen.
Ich pausiere im untersten Zipfel der Toskana, im Süden grenzt das Latium. Und zufällig liegt vor Orbetello Monte Argentario. Ursprünglich eine Insel, mittlerweile vom Festland über drei angeschwemmte Landzungen und einen künstlichen Damm erreichbar und wunderbar für einen Tagesausflug ohne Tonnen an Zeug geeignet. Durch wuchtige spanische Befestigungsanlagen hindurch, entlang von Pulvermagazinen und einer Windmühle im Wasser quere ich die natürlich entstandene Lagune, in der seit einigen Jahren zum Beispiel der bei manchen sehr beliebte Waldrapp überwintert, eingeflogen aus einem Wiederansiedelungsprojekt im Waldviertel und offensichtlich zu faul, sich nach Afrika durchzuschlagen. Im Inneren der Insel, hoch oben am Berg, mache ich Halt beim Kloster der Passionisten, einer christlichen Splittergruppe, die besonders auf das Leiden des Jesus hineingekippt sind, und schaue auf Orbetello und das Meer. Kein Kommentar zu diesen Brüdern, die ihr Leben darauf verwenden, den Tod eines Zauberers zu betrauern. Hier herrscht Schweigen im Walde.
Am Berggipfel steht neben einer Sendeanlage der RAI auch ein eingezäuntes, riesiges Metallkreuz, in dessen Maschendrahtzaun Menschen selbstgemachte Kreuze, meistens aus kleinen Ästen, aber auch aus Metall oder Plastikmüll gebastelt, gesteckt haben, ziemlich spooky. Eine Panoramastraße hoch über den Buchten und kleinen Stränden führt um die Insel, flankiert von alten Festungen, Wach- und Leuchttürmen. Nach Norden hin sehe ich schemenhaft Elba, dereinst Homebase des kleinen Napoleon, ehe ihm die Flucht gelang.
Ganz im menschenleeren Westen wird die Straße zusehends kaputter, bis sie sich in eine steinige Piste verwandelt. Mit einem Leihmoped wäre mir das ja wurst, aber mit Mof habe ich noch viel vor. In Zeitlupe zittere ich mich über Geröll, bis ich den Strand Aqua dulce erreiche, wo ich über selbiges mit erhobenem Zeigefinger ins herrliche Meer balanciere und dann, sitzend auf einem angeschwemmten Ölkanister, auf den Sonnenuntergang warte, jetzt bin ich ja auf der richtigen Seite.
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