Donnerstag, 5. November 2026

 5.11., von Praia a Mare nach Foligno 

Kalt! Der Wind findet zuverlässig auch den kleinsten Spalt zwischen Kragen und Helm oder in die Ärmel hinein, aber nach zwei Stunden traut sich langsam die Sonne über die Hänge und dann geht´s. Das Navi schickt mich ins Landesinnere, was sich gut trifft, dort wäre ich sonst eh niemals vorbei gekommen. Zeitlose Bergdörfer mit grauen Fassaden, erreichbar nur über steile Straßen, die bei Schneefall automatisch gesperrt werden. Wof bröckelt dann auf einen Dreißiger ab. Aber auch hier schenkt man sich nix, wenn es die Verhältnisse zulassen, sogar der Schulbus brettert dann mit Achtzig statt Dreißig übers Kopfsteinpflaster. 

Auch schon vor Jahren aufgegebene Wege hält das Programm für mich bereit. Wenn das unter Auslassung der Autobahn der beste Weg nach Wien ist, ist mit Besuchern aus dieser Ecke nicht zu rechnen. So steil und kaputt, mit Erde, Ästen und Blättern bedeckt und übersät mit Schlaglöchern. Ein großer brauner Hund ist darüber so perplex wie ich, will mich aber trotzdem beißen. Er kommt von schräg vorne und weiß nicht so recht, ob er das Moped oder mich attackieren soll. Eine enge Linkskurve zwingt mich dazu, ihm meine offene Flanke zu präsentieren, aber mit meinem Auslegerhaxen kann ich ihn auf Distanz halten, bevor ich Stoff geben kann. Außer dem Köter sind alle nett zu mir. Daumen hoch, hup hup. Einer will mir gar ein Bier zahlen und auch die erste Polizeikontrolle der Reise verläuft glimpflich. Ich bin Stefsechef und fahre von Tunesien zurück nach Österreich, der Bulle klopft mir nur anerkennend auf die Schulter, Complimenti, Arrivederci! 

Nach elf Stunden am Bock steige ich klamm ab und suche wie immer meine Unterkunft. Keine Türnummer, kein Schild, warum, ihr Cazzi? In ein rosa ausgemaltes und eingerichtetes Kinderzimmer verfrachtet mich ein mit seiner kleinen Enkelin abgelenkter und überforderter Opa, soll mir recht sein.


 31.10. - 4.11., Catania, nach Praia a Mare

Tatsächlich, wir fuhren das erwartete Programm. Zwar gab es kulturelle Feigenblattaktionen wie eine recht fade Stadtführung oder einen Besuch des größten Friedhofes der Stadt mit seinen Straßenzügen voller mehrstöckiger Mausoleen und Kryptas. Einen Gutteil des Tages verbrachte man allerdings trinkend, schlemmend und spielend. Zumindest zu kleineren Erkundungstouren konnten wir uns aufraffen, zum schwarzen Lavastrand im Norden Catanias oder zum achtzehn Kilometer langen Stadtstrand im Süden, wobei auch in Catania schon der Herbst Einzug gehalten hat mit Regen, Wind und Kälte.

Ein paar authentische Ecken gibt´s auch in Catania und eine davon ist der kleine, zentrale Fischmarkt. Die vom Reiseführer versprochenen Seeigel suche ich zwar vergeblich und außer ein paar grünen Mahi Mahis und Muscheln in allen Variationen bleibt hier auch sonst alles im Rahmen, aber ab sieben Uhr in der Früh warten eiskalte, göttliche Austern um Einsfuffzig das Stück auf Interessenten. Auf die angebrochene Flasche Weißwein, die mitten im Angebot herumkugelt, deutet der Fischer dann auch noch fragend und hat ja nicht unrecht damit. Vodoo ist diesbezüglich auch ein Feinspitz, aber die Damen zeigen sich pingelig. Tanja ist schon fast am Kotzen, wenn sie nur in die Nähe des Marktes kommt, Sandy beutelt´s nach dem Schalentier und Ena lässt die ihrige Auster mit brüchiger Unaufgeregtheit so schnell wie möglich einfach die Gurgel runterflutschen, nur weg damit.

Ganz alleine musste die Süße den verschneiten Ätna hoch latschen, weil ich mich schon nach ein paar steilen Anstiegen, gezeichnet vom Leben und der letzten Nacht, außerstande sah, ihr zu folgen. Der Rest der Partie nahm gleich die Gondel.

Heute, Mittwoch früh, trennen sich unsere Wege. Die Partie fliegt heim und ich schwinge ich mich auf die Mopette. Die letzten vier Tagesetappen heim mit jeweils knapp fünfhundert Kilometern wollen abgespult werden, so zumindest der hehre Plan. 

Taormina eine Stunde nördlich von Catania ist nicht zu Unrecht Tummelplatz der Reichen und Schönen. Der Ätna über der Steilküste hockt zur Linken und eine Seilbahn verbindet das mit Kathedralen und Brunnen übergehende Zentrum mit kleinen Buchten mit Sandstränden hin zum ionischen Meer. 

Viel ist los auf der Straße von Messina, dem drei Kilometer breiten Nadelöhr Italiens. Auch die Mannschaft der Rettung, die noch mit Blaulicht in den Rumpf der Fähre eingefahren ist, muss sich jetzt in Geduld üben. Stefsechef ist wieder in Kalabrien und a klaana Siziliana faungt au zum waana. 

Schon nachmittags, die Tour hätte heute eigentlich länger dauern müssen, schleife ich mich in Praia a Mare ein, zeitgleich mit einem schwitzenden Radler, beladen mit fünfzig Kilo Gepäck und Schweizer Flagge. Seinen Job hat er gekündigt und lebt jetzt seinen lange gehegten Traum. Seit Juni unterwegs und schon neuntausend Kilometer in den Wadeln, von hundertdrei Kilos runter auf neunzig. Nach der Umrundung Siziliens wird er weiter sehen, aber das Nordkap im Sommer ist schon fix.


Samstag, 31. Oktober 2026

 30.10., von Aragona nach Catania

Ein Tag ganz nach meinem Geschmack. Keine zweihundert Kilometer durchs Landesinnere nach Catania stehen an, wo Ena nachmittags ankommen wird. Nicht nur, weil sie mir frische Leibwäsche mitbringen wird, freue ich mich. 

Die Gegend ist ganz erquicklich. Immer schön hügelig ist gleich kurvig, aber außer einer eingestürzten Brücke und weitläufigen Orangenhainen kommt mir nichts unter, das einer eingehenderen Inspektion bedarf. 

Alle fahren wie gewohnt wie die gesengten Säue, sogar die Bauern. Vor Delia schließe ich auf zu einem Typen auf einem kleinen Traktor mit Mähwerk hinten dran, beschleunigt der Agrarhonk doch von zwanzig auf über fünfzig km/h, als er mich bemerkt. Er könnte ganz gemütlich etwas nach rechts hin Platz machen, aber er zieht es vor, mit ausgeschlagener Lenkung Vollstoff zu geben, wobei es ihn auf seinem Sitz hin und her schleudert. Zu viel Espresso, der Arme, oder zu wenig Löcher im Käse. Irgendwann driftet er ab in die Pampa, wahrscheinlich zur Spaghettiernte. (siehe TV- Bericht der BBC, 1957)

Die Vermieterin schickt mir schon die genauen Infos von der heutigen Unterkunft, letzter Stock, Zimmer Nr. 1, lu mo cori. Mein Herz, spuckt der Übersetzer aus, ein Kosewort für Menschen, die man liebt. Aha, ist hier wohl genau so ungezwungen in Verwendung wie My love in Nordengland oder Irland, denke ich mir und beende auch meine Antwort entsprechend. Lu mi cori sei der Zimmername, lässt sie mich wissen, upsi!

Trotz Generalstreiks und landesweiter Proteste, höchster Flugwarnstufe, weil der Ätna gerade massiv Asche spuckt, und dem generellen Mysterium, das die bemannte Luftfahrt umgibt, landet Ena unbeschadet und pünktlich. Einchecken, Lasagne, Aperol, schlafen. Morgen kommt der Rest der Partie und alle werden aus dem letzten Loch pfeifen, nur Vodoo nicht, der hackelt noch weniger als ich. Der Vulkan lockt und Lavagrotten auf zweitausend Metern mit ewiger Eisfüllung, auch die Strände im Osten und Syrakus im Süden, aber ich nehme an, der Themenschwerpunkt der nächsten Tage wird ein anderer sein.

Wird sich Stefsechef dem Gruppendruck beugen und sich ebenfalls dem Suff und dem Kartenspiel hingeben, obwohl er dem Tarocksport ohnehin schon viele Nettomonate seines Lebens gewidmet hat? Oder wird er, se best traveller of se known and unknown world, weiterhin unermüdlich die Fremde erforschen im Zeichen von Anstand und Stil? Ihr werdet es erfahren, aber in ersterem Falle vielleicht erst am Mittwoch, wenn er die Heimreise antritt und es wieder Nennenswertes zu berichten gibt.


Donnerstag, 29. Oktober 2026

 29.10., von Aragona nach Agrigent und zurück

Unterwegs zum Tal der Tempel, alte Steine schon wieder. Ich wollte eh nicht, ich bin wirklich nachhaltig gesättigt, was antike, archäologisch aufbereitete Stätten angeht. Sogar Karthago bei Tunis habe ich ausgelassen, einen geschichtsträchtigen Ort ersten Ranges, obwohl ich direkt daran vorbei gefahren bin. Aber die Stimme in meinem Kopf hat mich dazu getrieben. Du mußt dort hin! Monumentale, sensationell gut erhaltene griechische Tempel! Einer davon, der Concordiatempel, wird sogar als Logo für die Unesco verwendet! Goethe war hier und dem hat´s auch gefallen! Intellekt ist Schicksal, keine Entscheidung.

Eine überraschende Bergwertung mit einer Straße so kaputt, dass die Gemeinde kurzerhand ein Sackgassenschild neben die Bundesstraße gestellt hat. Senkungen, Verwerfungen und Rutsche reduzieren die mögliche Fahrbreite auf einen halben Meter, hier kommt wirklich kein mehr Auto durch. Die Steinhäuser sind verfallen und die Gegend wie ausgestorben. Heruntergefallene Oliven liegen auf der Straße. Eine nur halbherzige Hundeattacke zwingt mich zur Beschleunigung. Der verwahrloste vierbeinige Angreifer ist wohl auch überrascht von meinem Besuch. 

Später sehe ich hinab auf eine von einer Mauer umgebene Ortschaft, aber der Maßstab passt nicht. Irgendwie ist hier alles zu klein, und zwar deswegen, weil das hier ein Friedhof ist, der angelegt wurde wie ein Dorf. 

Die Beisetzung der Verstorbenen im felsigen Boden Siziliens ist so schwierig, dass sie in bis zu sechsstöckigen Wandschränken bestattet werden. Die sehen von hinten wie Mauern aus und ziehen sich über ganze Straßenzüge. Reiche Familien lassen sich noch Kapellen, Tempel oder kleine Häuser errichten und zusätzlich angelegte Plätze mit Laternen und Bäumen und Bänken runden die Täuschung ab.

Nach einem Weilchen finde ich mich in den engen Gassen eines wirklichen Dorfes wieder, gleich soll ich ankommen. Und hier soll das Tal der Tempel sein? Nein, nur ein Laden, der sich so nennt. Wieder einmal nicht gut aufgepasst beim Eingeben des Zieles ins Navi. 

Die dreißig Kilometer also wieder zurück, bis ich schon von Weitem die Kette der Ruinen auf einem Berghang sehe. Dann latsche ich Stunde um Stunde durch das Gelände, sogar einen Audioguide habe ich mir runtergeladen, ich Streber. 

So, Kulturprogramm abgedient. Jetzt aber zur Scala dei Turci. Obwohl es in der Früh schon herbstlich frisch war, isses doch noch ein perfekter Strandtag geworden. 

Bei der Treppe der Türken handelt es sich um eine strahlend weiße Klippe mit treppenähnlichen Stufen, wo früher Piraten, bei den Italienern gleichgesetzt mit Türken?, ihre Boote ankerten, und dieser superschöne, riesige Fels dominiert den ansonsten ebenfalls herrlichen Strand. Eine Busladung Asiaten hat sich auf einer schmalen Landzunge davor, ebenfalls bestehend aus weißem Stein, versammelt. Dort posieren sie unermüdlich und lassen sich stets mit dem Victoryzeichen ablichten. Die meisten sind mit Tüchern vermummt wie exotische Bankräuber in einem Spaghettiwestern und einen haut´s gleich ins Wasser, Aufruhr. 

Hier bleibe ich und trinke Aperol Spritz.


 28.10., von Trapani nach Aragon

Was im Norden der Marmor, ist im Süden das Salz. Flamingos filtern beschwingt in den seichten Becken in der Ebene, die schon seit ewig bewirtschaftet werden. Nur die Windräder, mit Hilfe derer früher das Wasser in höher gelegene Becken befördert beziehungsweise das Salz gemahlen wurde, sind nicht mehr bespannt und stehen still. 

Einen der Betriebe schaue ich mir näher an. Für einen Fünfer bekomme ich eine Führung und einer der drei Söhne, die diese Saline betreiben, singt so wie früher der Vorarbeiter ein Lied, in Reimen die Kübel voll mit Salz zählend, die die Arbeiter an ihm vorbei trugen, woraus sich deren Bezahlung ergab. Mikroalgen haben manche Becken pink verfärbt, in anderen sind schon kleine Salzhaufen aufgetürmt. Das ehemals älteste sich noch in Betrieb befindliche Boot Italiens, mit dem hier naturgemäß Salz transportiert wurde, steht mittlerweile auf dem Trockenen und zerfällt langsam in seine Einzelteile. 

Das pure Idyll hier, da mache ich gleich Mittag. Trifft sich gut, dass hier überall Salz herumliegt, kann ich mir gleich meine Jausengurke damit würzen. Das gewonnene Salz wird nicht gewaschen, weil von Hand geerntet, aber ganz hinten am Gelände, da wo gerade ein Schaufelbagger einen LKW belädt, latschen alle tschickend und mit ihren Straßenschuhen im Salz herum. 

Weiter nach Osten. Mitten in einer langgestreckten Kurve plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm wie aus dem Nichts, mir rutscht das Herz in die Hose. Knapp über mir donnert ein Kampfjet hinweg und setzt zur Landung an, Donnerschlag. Presenza di Algae, warnt später ein Verkehrszeichen, und tatsächlich liegen rechts neben der Fahrbahn riesige Haufen getrockneten Seegrases, angeweht vom Meer, das unmittelbar anschließt. Über Kilometer ist alles wie eingepackt, alle Felsen sind rund und pepolstert. 

In Mazara del Vallo fahre ich unabsichtlich durch eine Werft, was aber niemanden stört. Schiffe verrotten rundum, Haufen von morschem Holz, neue Rümpfe aus Metall glänzen in der Sonne.

Die Straße von Tre Fontane ist teilweise mit tiefem Sand bedeckt und die Verbindungsstraßen zu den umliegenden Ortschaften sind nur mehr Pisten. Deutsche Wohnmobile, die so groß wie Reisebusse sind und gewichtige Namen wie Zenturion oder Grand Empire tragen, stehen am Wegesrand.

Dann isses schon wieder spät und es staut sich gewaltig vor Agrigent, aber nicht für mich. Genüsslich fahre ich wieder an all den Idioten vorbei, die mich zuvor ohne jede Not bedrängt und ohne ausreichenden Seitenabstand überholt haben, va fan culo, ahahahahaaaa! 


Mittwoch, 28. Oktober 2026

 27.10., von Palermo nach Trapani

Raus aus der Stadt und immer ganz nahe am Meer nach Westen. Bis Ena am Freitag in Catania dazu stößt, bleibt noch Zeit für eine Inselumrundung. Blumen werden verkauft und Fische, letztere ganz unprätentiös in Styroporkisten am Boden stehend, der Fang der letzten Nacht. Nach Mondello begibt sich die Palermitanerin, wenn ihr nach Baden ist und hier fiel der Wiener, der gestern an der Tour teilgenommen hat, vor seiner Holden auf die Knie, wissend, dass er den üblichen afghanischen Brautpreis in astronomischer Höhe niemals nicht aufbringen wird können. 

Erst lange nach dem Flughafen und schon inmitten ländlicher Idylle steht das Palermo-Ende-Schild und alle paar Kilometer ein Wachturm aus unterschiedlichsten Epochen gegen Angriffe von Piraten und Korsaren. Dazwischen hocken Bunkeranlagen neueren Datums. 

Heute cruise ich zum ersten Mal mit Musik im Ohr, geht aber nur mit dem kleinen Pro Forma-Helm mit Markennamen Grab, da hätte man sich schon etwas Lebensbejahenderes einfallen lassen können. Über die Schönheit schroffer Küsten wurde sicher schon alles gesagt, womit ich mir weitere Ausführungen sparen kann. An einem Platz mit Bänken rund um ein überdimensionales Vorhängeschloss halte ich, Zona Romantica - Obligatorio Baciarsi. Hier ist Küssen obligatorisch. Über und über mit Früchten behangene Kakteenfelder und kleine Naturschutzreservate. Ausgewiesene Schildkröteneiablagegebiete, verfallene Häuser und Industrieanlagen. Eigentlich ist ganz Sizilien ein perfekter, naturbelassener einsamer Sandstrand. Und Sackgassen gibt es, so viele Sackgassen. Wäre Ena dabei, meine Nieren wären schon blau von ihren Handkantenschlägen in die offene Flanke. Sie kann Sackgassen nicht leiden. 

Noch fünfzig Kilometer Umweg nach San Vito Lo Capo, ein Kap ganz oben im Norden. Dort setze ich mich auf ein Bunkerschwammerl am Strand und esse ein Ciabatta mit Käse. Gleich daneben steht ein Leuchtturm und im Ortsgebiet noch eine Wehrkirche, gebaut wie eine Festung. Alle Berghänge rundum sind gezeichnet vom Marmorabbau. Die Luftlinie zwischen Palermo und Trapani beträgt keine hundert Kilometer, trotzdem geht die Sonne schon unter, als ich mein altehrwürdiges Zimmer inmitten einer Fußgängerzone beziehe. 


Montag, 26. Oktober 2026

 26. 10., Palermo

Dass Palermo ein unglaublicher, in stetigem Verfall begriffener Mischmasch aus allen möglichen Stilepochen der letzten dreitausend Jahre ist, ist schon einzigartig, aber am erstaunlichsten finde ich, mit welcher Nonchalance Unterschichtler in ehemaligen Herrenhäusern mit abgefallener Fassade und mit verschnörkselten, aber wegen Absturzgefahr gesperrten und deswegen zugewachsenen Balkonen wohnen. Ob und wie deren Tragfähigkeit überprüft wird, weiß ich nicht, aber auf einem statisch mehr als fragwürdigen Vorsprung sehe ich sogar eine Waschmaschine stehen.  

Fahrradshops sind unter gotischen Rundbögen eingezogen, Mopeds werden in höhlenartigen Durchgängen abgestellt. Fastfood wird zwischen Marmorsäulen gereicht. Ensembleschutz ist in Palermo unbekannt und ohnehin unmöglich. Mopeds stehen vor Zapfsäulen an, daneben plätschert ein Springbrunnen. Auf den Hauptstraßen fetzen die Kutschen im Galopp, auf den Märkten schreien die Standler. Könige, Heilige, Nixen überall, antike spanische Würdenträger, in Stein verewigt in ihren lächerlichen spanischen Pluderhosen, noch ärger als die Ballonhosen der Talahons, in denen man aussieht, als würde man volle Windeln tragen. Che ridicolo! Die Cattedrale di Palermo, eine Kirche, die auf einer Moschee gebaut wurde, die auf einer Kirche gebaut wurde. Dort steige ich aufs Dach und stehe mit Menschen in der Schlange, auch außerhalb der Saison. Auf wilde Ecken stoße ich, auf hinniche Figuren, grindige Matratzenlager inmitten von Müll und (Hunde)scheiße und der Sicherheitsdienst vom Lidl ist aufmagaziniert wie bei uns nur die Cobra. 

Ein Denkmal zu Ehren der Richter und Anwälte, die im Kampf gegen die Mafia getötet wurden. Paolo Borsellino wurde mitsamt seinen fünf Bewachern von einer Autobombe gekillt und seinem Freund Giovanni Falcone nützten auch keine sechs Leibwächter und eine gepanzerte Fahrzeugkolonne, weil die Mafia unter einer Brücke fünfhundert Kilo Sprengstoff fernzündete. Nur Falcones Chauffeur überlebte den Anschlag, vielleicht weil er auf der Rückbank saß. Falcone wollte selbst fahren. Erst zwanzig Jahre später wurde ein Fischer verhaftet, der damals den Sprengstoff aus Weltkriegsbomben, die er aus dem Meer gefischt hatte, entnommen und an die Mafia verkauft hat. Kann man sich nicht ausdenken.  

Abends bringt mir, einem anderen Wiener und dessen afghanischer Verlobten ein vor zwei Jahren aus Lahore in Pakistan eingewandertes Mädchen, das nur ein paar Worte Italienisch spricht, die sizilianische Kultur näher. Kann man sich auch nicht ausdenken. Ein entspannter Spaziergang durch dunkle Gassen, ein Graffito hier, eine Statue da. Paläste, Piazzas, Kirchen, gesalzenes Erdnusseis und später gebratene Melanzani und Kroketten mit Minze in einem Weckerl, was will man mehr.