Dienstag, 6. Oktober 2026

Nach Tunesien mit dem Moped, 2026

Von Wien nach Bad Bleiberg

Um sieben Uhr morgens starte ich schon mein Gasrad Wheel of fortune, der Tagesplan ist ambitioniert. Die erste Etappe der Reise nach Tunesien sollte noch vor Einbruch der Dunkelheit in Bad Bleiberg nahe Villach enden und ob Wof mit seinen überschaubaren 125 Kubik der Aufgabe gewachsen ist, muss sich erst weisen. Was will er mit der schwachbrüstigen Mopette, könnte sich die geneigte Leserin jetzt fragen, doch sei ihr gesagt: Mehr gibt der Zweiradfuhrpark momentan einfach nicht her. Alles andere wurde schon zu Schanden gefahren oder sonst wie unbrauchbar gemacht. Außerdem wurde Wof noch mit zahlreichen Features ausgestattet. Auf brandneuen Reifen schwebe ich quasi durch die Landschaft, Reifenreini sei Dank, lederne Satteltaschen mit peinlichen Fransen vom H1 sorgen zwar für massiven Stilbruch, aber zusätzlichen Stauraum. Sogar einen Ölwechsel habe ich der um kleines Geld angeschafften China-Krücke noch spendiert, dafür erwarte ich mir rund siebentausend pannenfreie Kilometer. 

Bestes Wetter, aber frisch isses. Drei Pullis, zwei Jacken. Eine Radlerhose, man will es ja bequem haben, eine lange Untergatte mit zusätzlich eingenähten Knieschonern noch vom Marokkotrip, Hose, wattierte Schneehose, zwei Paar Handschuhe. Den rechten Zeigefinger halte ich zwangsweise ausgestreckt, nachdem ich mich noch am Samstag mit Hilfe eines Küchenmessers verstümmelt und ihn kurzerhand in dieser Position zugepflastert habe, das sieht besonders beim Gas geben seltsam aus. Ein paar richtige Biker werden im Laufe des Tages auf meinen vermeintlichen Gruß hin zurück winken, angewidert, aber mitleidig. 

Schon wenige Kilometer außerhalb der Stadt umfängt mich die schönste Landschaft. Pittoreske Idylle, einsame Beschaulichkeit. Außer mir ist fast niemand unterwegs. Der gefühlte Temperaturunterschied zwischen in der Sonne ein Päuschen machen und im Schatten fahren ist beachtlich. Übereilt ausgezogene Kleidung muss ich nicht nur einmal schon nach kürzester Zeit wieder anziehen und penibel alles schließen, was sich schließen lässt. 

Vier Rehe queren nach einem winzigen Kaff, das allen Ernstes Schönbrunn heißt, die Straße. Felder erstrecken sich in alle Richtungen und fast kein Wald, in dem sie sich verstecken könnten. Kürbisse sind penibel in lange Reihen geschlichtet. Siebzig km/h sind meine bevorzugte Reisegeschwindigkeit. Langsamer, wenn´s bergauf geht oder es etwas zu sehen gibt, schneller nur, wenn ein Lastwagen im Rückspiegel zügig größer wird. Wofs Höchstgeschwindigkeit liegt bei maximal 90km/h, aber wirklich sicher fühlt sich das dann auch nicht mehr an. Ein kurzer, unfreiwilliger Abstecher auf die eigentlich verpönte Autobahn ist schrecklich, der Schwerverkehr hasst mich. 

Einschlägige Plakate im Bauernland. Erdäpfelkirtag, Sauerkraut ab Hof. Disko und Tanzstadl, Ladies Night. Achtung Viehtrieb! Nach der ominösen Ortschaft Fleischessen fühle auch ich mich genötigt, Pause zu machen und mir eine Wurst einzuverleiben. In der St. Eiermark folge ich der steirischen Eisenstraße, lasse den Ötscher, das Hochkar und das Gesäuse hinter mir. Ewiger Schatten herrscht hier unter Steilhängen, es ist kalt und die Straße ist nass. Auch hier begegne ich minutenlang niemandem, röhre einsam durch finstere Tunnel. Bisweilen stinkt Mof auf lächerliche 30 Stundenkilometer ab. Als Verkehrshindernis mit mahnend erhobenem Zeigefinger muss ich schon befürchten, in den engen und steilen Kehren bald mitwatscheln zu müssen. Ena ist gewohnt schlau. Sie wird nach Neapel fliegen und nicht wie die zwei Deppen in Dumm und dümmer eingefroren mit mir durch die Berge schleichen. 

Der mitunter wilden Enns folge ich und später wohl der Mur, aber bitte mich bei allen Ortsangaben nicht festzunageln, Geographie war immer ein spanisches Dorf für mich. An Admont und an Trieben kann ich mich noch erinnern und ein paar andere Pässe waren wohl auch noch dabei, Land der Berge. Irgendwo parkt ein alter Sack direkt vor mir aus, obwohl er mich sicher gesehen hat, Land der Hämmer. 

In Bad Bleiberg endet der Tag. Hier gibt es Heilstollen und anderes Kurklimbim, aber eigentlich bin ich nur hier, um in die billigste Herberge Kärntens einzuchecken. Roberto Blanco, immer pleite wie Donald Duck. Zwei Stunden noch, bis die Sonne untergeht. Ein Balkon mit Blick auf den Dobratsch, aber abgeranzt ist die Bude, beachtlich. Später hallt das Klopfen von totem Fleisch durch die Wände und treibt mich in die Gaststube mit dunkelbraunen Furniertischen und gemalten Wappen an den Wänden. Undurchschaubare Geschicke haben auch ein nur französisch sprechendes Pensipärchen hierher verschlagen, die Frage nach Brot irritiert den Wirten nachhaltig. Wos woins? An Pan? Geh Elfi, kum her, de woin wos!! Mein Schnitzerl ist jedenfalls sehr in der Ordnung und schon bald darauf werden mir die Äuglein schwer, bonne nuit. 

Montag, 5. Januar 2026

 4.1., Sal, Espargos

Wieder mit dem Moped unterwegs, die letzten unentdeckten Ecken Sals heimsuchen. Den Monte Liau zum Beispiel, eine schanzenartige Erhebung inmitten einer flachen Ebene. Am kleinen Sandstrand davor liegt ein Schildkrötenschädel , mit dem Ena Shakespeares Hamlet nachspielt, und üben ein paar Surfer, ansonsten weitläufige Einsamkeit. 

Umso ungünstiger, dass wir uns ausgerechnet hier einen Patschen hinten fahren. Geschätzte vier Kilometer bis zur nächsten asphaltierten Straße und das Moped lässt sich keine zwei Meter schieben, weil sich der Gummi sofort über die Felge wurstelt, Shit! Also den Roller zurücklassen und mit einem netten Bayern zur Hauptstraße fahren. Der ist zwar mit einem gemieteten Pickup unterwegs, aber viel mehr Platz als für seine Surfbretter gibt seine hohe Ladefläche nicht her. Außerdem lackierte Stoßstange und so, für einen richtigen Transport leider ungeeignet. Sonntag ist noch dazu, das könnte ein langwieriger Stunt werden. Mit dem Sammeltaxi zurück nach Espargos zwecks Abstimmung mit dem Verleiher, gurkt ein Typ mit einem klassischen Pritschenwagen die Straße entlang. Genau unser Mann. Verfügbar, hoffentlich befähigt, mit zwanzig Juros, die er für das pantomimisch umrissene Unterfangen veranschlagt, leistbar. Einen Holzpimmel hat er am Innenspiegel baumeln und ein Pickerl am Armaturenbrett, Jesus, um grande Amigo. 

Mit Hilfe eines geliehenen, per Tschickanzünder gespeisten Luftkompressors und eines Sprühfläschchens macht er zurück in der Pampa das Loch im Reifen aus, ein Profi. Zu zweit wuchten wir ohne Laderampe die Mopette auf sein Vehikel, die er gekonnt mit einem Seil vertäut, dann rumpeln wir vorsichtig zurück in die Zivilisation. Mit einem Bohrer und einer Reparaturwurst, die er kurzerhand aufstellt, bekommt er sogar den Reifen wieder dicht, Mitarbeiter des Monats!

Mit dreistündiger Verspätung setzen wir die Exploration fort und entdecken noch eine mit Haigebiss geschmückte Bar in einer traumhaften Bucht. Unbelehrbar, wie wir sind, biegen wir wieder ins steinige Terrain ab. Ena wird mit Steinen aufmagaziniert, um bösartige Hofhunde abzuwehren, und wir folgen der Westküste nach Süden, bis sich der Kreis schließt und die Sonne untergeht. Abends Caipis für uns und eines der Nationalgerichte mit Seepocken für mich, over and out. Morgen werden wir noch einen Strandtag einlegen, bevor wir gegen Mitternacht die Kap Verden hinter uns lassen. Schöner als erwartet, abenteuerlicher als erhofft, kurz, aber geil. Tudo bom, tchau tchau!


Sonntag, 4. Januar 2026

 3.1., Sal, Espargos

Hat der Dreckhund nebenan doch tatsächlich die Keramik des Gemeinschaftshäusls vollgeflötzt und es nicht für notwendig erachtet, die Klobürste zu verwenden, beschwert sich die Süße bei mir, und es fühlt sich so an, als ob mich eine diffuse Mitschuld daran träfe. Da hilft nur mehr ein Strandtag ohne wenn und aber mit unterhaltsamem Panoptikum bei Livemusik. 

Kinder, die sich dabei abwechseln, auf einem großen LKW- Reifen rückwärts laufend über den Strand zu rollen, Tänzer, die geduldig ihre Tanzschritte üben, Väter, die die Kinderwagerl ihrer Anhängsel durch den Sand zerren. Einheimische, die mit Hanteln trainieren, deren Gewichte aus in Kübeln gegossenem Beton bestehen. Menschen flanieren mit Surfboards, gaberln sich Bälle zu, Frauen posieren mit Entengesichtern, Fischer mit Harpunen schieben ihren Fang durch die Gegend. Ab und zu brandet Applaus auf, das sind die Engländer, die auf großen Bildschirmen Fußball schauen. 

Bleichgesichter mit frisch geflochtenen Zöpfchen, zu gut gelaunte Schmuckverkäufer und Keiler, Muskelmenschen, Plastiktitten, Insulaner mit freiheitsberaubten Affen an der Leine, konzentrierte Drohnenpiloten, Menschen mit frisch gestochenen Tatoos unter Frischhaltefolie, patrouillierende Bullen in Allrad-SUV´s, aber ansonsten keine besonderen Vorkommnisse.


Samstag, 3. Januar 2026

 2.1., Sal, Espargos

I kill you!, raunt mir ein vor dem Supermarkt bettelnder Halbstarker nach anderen, harmloseren Beflegelungen zu, nachdem ich ihm kein Geld geben wollte, I kill you and your mom!, entgegne ich, etwas Besseres fällt mir auf die Schnelle nicht dazu ein. Gut, dass ich kein Segelboot dabei habe. Deren Besitzer müssen angeblich Schutzgeld an Banden bezahlen, möchten sie Vandalenakte und Diebstahl vermeiden.

Gar nicht schlecht liegt es sich auf der Strandliege unter einem Bastschirm. Hinter uns im Lokal beschallt ein Musikant die Szenerie mit Gesang und Gitarre, der portugiesische, schön kalte Roséwein macht Laune. Zumindest kurz kann ich Ena für das kleine Museum in der Nähe gewinnen. Das größte Münzgeld der Welt ist da ausgestellt, A5- große, gestempelte Kupferplatten, zerrissene Hosensäcke vorprogrammiert. Oder Scheckel aus dem siebzehnten Jahrhundert, verwendet von europäischen Händlern zum Kauf von Sklaven in Westafrika. Auch keine Münzen im klassischen Sinne, sondern ovales, an Nasenringe für Rinder erinnerndes Geld, alles hochgetaucht aus gesunkenen Schiffen.

In der glücklichen Stunde schlürfen wir mit den Massen Cocktails zum Schleuderpreis, schauen den Einheimischen beim Volleyball und der Sonne beim Untergehen zu. In keinster Weise aufregend, genau so geplant und ausgeführt.


 1.1., Sao Nicolau, Sal

Mit dem schon gestern bestellten Taxi vormittags zum Flughafen. Ena hat nachhaltig geschwitzt, ob wir es Anbetracht der zu erwartenden Zustände auch rechtzeitig dorthin schaffen werden. Tatsächlich, zwar noch massenhaft ramponierte Figuren in den Dörfern mit roten Augen und seligem Blick unterwegs, aber außer einem Pickup, der umringt von ein paar agitierten Männern mit Achsbruch im Graben lehnt, so gut wie keine Autos unterwegs.

Wir fliegen zurück nach Sal, hier gäbe es auch nichts mehr zu tun oder zu sehen. Eine dritte der insgesamt neun Inseln Kap Verdes wäre noch schön gewesen, aber bitte. Die angepeilte Hauptbeschäftigung Enas der letzten Tage, stundenlanges, ereignisfreies Herumkugeln am Strand, lässt sich auch auf Sal bewerkstelligen. Heute gammeln wir hauptsächlich am Zimmer herum, muss am Jetlag liegen. Die inselweit einzig verfügbare, auch nur aufgrund einer Stornierung kurzfristig frei gewordene Unterkunft ist das schon erprobte Nifa House in Espargos. Zwar besser als nix, aber halt weit weg vom Meer und Häusl am Gang, Ena is not amused. 

Aufgemascherlte, weil wehrlose Knirpse in fancy Anzügen und Ballkleidern abends in der gut besuchten Fußgängerzone, während sich ihre Eltern in zwanglosen Shirts von den gegrillten Spießen bedienen, die alle paar Meter zum Verkauf stehen. Beschwingte, aber schon gezeichnete Grüppchen, die noch immer am feiern sind. Auch die Hüterin der Habseligkeiten, die wir auf Sal zurücklassen mussten, können wir erst nach mehreren Versuchen aus ihrem Delirium herausklopfen.


Freitag, 2. Januar 2026

 31.12., Tarrafal

Krähende Hähne, brüllende Esel, kläffende Hunde, da braucht man keinen Wecker. Vom Balkon aus schaue ich den Fischern bei ihrer nicht wirklich raffinierten Arbeit zu. Mit einem Boot bringen sie kreisförmig ein Netz aus, zwei, drei Typen mit Masken im Wasser schauen dann, ob sich etwas Brauchbares darin befindet. 

Der letzte Tag des Jahres. Ein Bursche zieht mit einem Ghettoblaster durch die Gassen, "All I want for Christmas" von Maria Carey. Der erste Bittsteller wird schon vormittags vorstellig, ob wir ihm nicht ein Gläschen Grogue ausgeben möchten. Wir starten den unausweichlichen Umdrunk in einer kleinen Bar, in der Männer Karten spielen, während im Fernseher lautlos die Deaflympics laufen. Auf stumm geschaltet, nehme ich an, aber ganz sicher bin ich mir nicht.

 Ein wilder Muskelkater plagt uns von dem bisschen Wandern gestern, als wir zum Zentrum Tarrafals weiterziehen, peinlich. Zuerst hängen sich zwei Schweizer den Feierlichkeiten an, dann ein deutsch-holländisches Pärchen, während der Dj am Platz vor dem Meer etwas verloren in seinen Möglichkeiten scheint. Inmitten von fünf Stroboskopen alias Lichtzerhackern legt er von Bamboleo bis zu Hardcore Techno alles auf, was ihm in die Finger kommt, was das stoische Publikum so hinnimmt. Dann auf einmal ist der Platz bummvoll, die Nebenprodukte eines kleinen Feuerwerkes rieseln zu einer gelungenen Instrumentalbegleitung auf uns herab, Teile davon direkt in meinen Mund, den ich scheinbar vor lauter Staunen offen hatte. Beste Laune, Rundumbeglückwünschungen und Massentanz, dann heim, dann wieder hin durch die Horden, weil mein Pulli noch beim Wirten liegt. Feliz ano novo!


Mittwoch, 31. Dezember 2025

 30.12., Tarrafal

Gewurl am Hauptplatz in Tarrafal, ein Versorgungsschiff hat Vorräte gebracht. Zusätzlich zu den vielen Fischen, die hier jeden Tag umgeschlagen werden, liegen Unmengen an Erdäpfeln und Zwiebeln auf den Gehsteigen. Frauen kaufen aus dem Auto, Fischer verkaufen aus Kübeln, das Kilo Fisch um zirka einen Euro. 

Mit einem altersschwachen Kleinbus fahren wir nach Cachaco, vorbei am strategisch geparkten Feuerwehrauto der Gemeinde. Manchester Fire Service, lässt sich noch entziffern, die Kiste hat sicher auch schon fünfzig Jahre auf dem Buckel. Zum Telefonieren bleibt unser Fahrer mehrfach überland einfach mitten auf der Fahrbahn stehen, Safety first.

Gipfelsturm! Es gilt, den Monte Gordo zu bezwingen, den höchsten Hügel der Insel mit 1312 Metern. Im Zauberwald am Fuß des Berges machen Schatten und kühler Nebel, der in kompakten Schwaden auftritt, das Wandern erträglich. Mit Farnen behangene Drachenbäume und große Agaven säumen den Weg. Wie im botanischen Garten kommt man sich hier vor, ganz entzückend. Ausgesetzt dann die letzten Kehren den Bergrücken hoch und schon sind wir in einer Felsgipfelwelt über den Wolken mit bombastischem Rundumblick auf Tarrafal, das Meer und die benachbarten Inseln.  Südlich von uns nur karge Felsenlandschaft, nördlich, wo sich immer die Wolken fangen und die Feuchtigkeit kondensiert, grüne Hänge und Wälder. Ein holpriges Herumgerutsche auf losem Alternativpfad retour, lockeres Auslaufen inmitten von Bananen, Zuckerrohr und Papayas zurück in der Ebene. Und jetzt reicht´s auch wieder mit Wandern für ein paar Jahre, sind wir uns später bei isotonischem Bier mit Cola einig, während der tägliche Fisch schon in der Pfanne brutzelt.