Dienstag, 20. Oktober 2026

 20.10., Kairouan

Vielleicht ist mein Zimmer das entzückenste, in dem ich jemals abgestiegen bin. Eine orientalische Vision mit teilweise bemaltem, rundem Deckengewölbe, zweiflügeliger Tür, bunt verfliestem Boden, verschnörkeltem Himmelbett mit weißen Vorhängen und zwei vergitterten Fenstern in den kleinen, ebenfalls verfliesten Innenhof, zu dem hin sich auch die anderen Zimmer auf zwei Ebenen öffnen. Salah beobachte ich durch das Fenster, wie er den Tisch deckt. Alles wird zentimetergenau eingerichtet und nachpoliert. Später beim Frühstück bedient er mich wie einen Großemir, schiebt mir den Sessel unterm Hintern nach und schenkt mir ein, peinlich. Aufgewartet wird eine Flade mit Margarine, Marmelade und einem gekochten Ei. Nicht gerade üppig, aber mit Grandezza dargereicht.

Später bringt er mich zur nächsten Mopedwerkstatt, wo neben den längerfristigen Projekten kurz nach der Öffnungszeit schon fünf, sechs Einheimische mit ihren zusammengerittenen Mopeds vorstellig geworden sind, Boxenstopp quasi. Alle sind gut drauf und für meinen Patienten werden eineinhalb Stunden und fünfundzwanzig Juros veranschlagt, das ist würdig und recht. 

Natürlich ist die Medina von Kairouan Unesco Weltkulturerbe und abgesehen davon spirituelle und religiöse Hauptstadt Tunesiens und weltweit nach Mekka, Medina und Jerusalem die viertheiligste Stadt des sunnitischen Islam. Sieben Pilgerfahrten hierher ersetzen die eine nach Mekka. Dreieinhalb Kilometer lang ist die mit Zinnen bewehrte Stadtmauer mit zehn Toren und zwanzig Wachtürmen. Natürlich schreibe ich das alles von meinem Reiseführer ab, so etwas kann und muss ja keiner wissen.

Wenn ich alles richtig verstanden habe, hatte der Stadtgründer ein paar Haare des Propheten im Hosensack, vielleicht war er ja sein Frisör, und deswegen gibt es hier dreihundert Moscheen. Die größte und älteste von allen, nach dem Vorbild des Very large Telescope in Chile ebenfalls äußerst geistreich Die große Moschee benannt, ist in ihren Dimensionen und ihrer Ausstattung enorm. Eine Open Air Anlage mit einem Minarett aus dem achten Jahrhundert und einem mit Marmor gefliesten Boden, darauf zwei Sonnenuhren zur Festlegung der Gebetszeiten. Dem nicht genug, gebe ich mir noch ein schön verfliestes Mausoleum und einen heiligen Brunnen aus dem siebenten Jahrhundert. Der Legende nach hat er eine direkte Verbindung zum Zamzam, dem heiligen Wasser aus Mekka, wovon sich wiederum der österreichische, superlativierte Trinkspruch Zamzamzam herleitet. Im ersten Stock des Gebäudes muss ein Kamel angebunden an einem Holzkonstrukt seine Runden drehen, um das Wasser aus fünfundzwanzig Metern Tiefe zu pumpen. Ich denke, es wird sein ganzes Leben in dieser Nische verbringen, außer es kann Stiegen steigen.

Als ich in der Früh Salah zur Werkstatt nachgefahren bin, die im Übrigen dem Anschein nach super Arbeit geleistet hat, hat er sich aus einer kleinen Nische heraus ein Sackerl mit Fressalien geben lassen. Hier esse ich zu Mittag. Drei selbstgebastelte Barhocker und ein Brett an der Wand für die Gäste, eine tiefe Pfanne mit heißem Fett und eine verkrustete Schüssel für den Wirten, der darin höchstwahrscheinlich Ojja anrührt, einen hervorragenden Schlatz aus diversen Saucen und Gewürzen, in den ein nur kurz anfrittiertes Ei gerührt wird. Mit einer Flade, die mir direkt aufs vollgekleckerte Brett gelegt wird, und ein paar Gummifritten wird aufgetunkt, Besteck gibt´s keines. Blockabfertigung. Ist einer fertig, wird sein Teller in einem Trog abgespült und mit Papier trocken gewischt. Grind und Fliegen, ein wrackreifes Moped nimmt ein Viertel des verfügbaren Platzes ein. Ich komme aus Australien und zahle fünf Dinar, das entspricht einem Euro fuffzig. Den Verdauungskaffee und die vier Kohletabletten, die ich mir nach diesem kulinarischen Stunt präventiv vergönne, nehme ich auf einem kleinen Platz ein, aber die Drecksfliegen, die auch beißen, nerven wahnsinnig, sobald man sich wo hinsetzt. Gerne halten sie sich auch bei den Gerbereien auf, ein wahres Fliegenparadies. Schöne Silberringe gäbe es, aber alle sind zu klein für meine Wurstfinger. Einen Granatapfel, der so groß ist wie Enas Kopf, kaufe ich mir für daheim.

Bei mir ums Eck gibt´s ein Kino, das ist die Gelegenheit. Alle Filme natürlich nur auf Arabisch, aber einen einzigen englischen Streifen für Touristen hätte der Mann am Schalter ebenfalls. Er würde ihn sofort abspielen, nur für mich. Um was geht´s? Um den Islam. Ich komme abends wieder. Vorher werde ich kurzerhand delogiert. Organisatorische Unschärfen, Fremdbuchung trotz Zusage an mich. Die Nachmieter kommen in zehn Minuten, aber ich solle mir ruhig Zeit lassen. Ein Ersatzquartier hat die nette unbekannte Dame am Telefon schon für mich gebucht, Hotel Tunisia. Drei Minuten mim Moped, außerhalb der Medina, zwölf Juros. Der Preis überzeugt mich, aber auch in Tunesien bekommt man für diese Kohle nur überschaubare Gegenleistungen. Wof wird über drei Stufen in ein Nebengebäude verräumt und ich brauche den Hotelboy, um meine Zimmertüre überhaupt aufsperren zu können. 60er-Charme, die Bremsspuren des Typen vor mir noch in der Keramik, alhamdulillah! 

Ab ins Kino. Das ist chic in einem historischen Haus untergebracht, aber trotzdem ganz modern und neu. Die jungen Besucher sind auch sehr chic und die Filmcharaktere auch. Man raucht E-Tschick, trägt Bikinis, fährt Merzedes und Jeep, trinkt Corona und tippt in Eiphones. 

Die Handlung behirne ich problemlos. Eine Partie schöner Menschen verbringt ein Wochenende im Edeldomizil, aber Unheil bahnt sich an. Ein überfahrener Vogel ist das erste böse Omen. Dann verlasse ich das Etablissement, ich habe meine Zeit ja auch nicht gestohlen. Als Cineast erster Güte genügen mir die paar Minuten, um den Film als das zu erkennen, was er ist, der totale Dreck. 

Verbringe ich doch meine wertvolle Zeit lieber damit, den Granatapfel zu entkernen. Merke: Kaufst du dir einen großen Granatapfel, kaufst du dir sehr viel Arbeit. Die Monotonie des Unterfangens kann nur durch wenige Tätigkeiten übertroffen werden, etwa das Löffeln einer Schüssel Suppe mit einer Gabel oder das Stricken eines Winterpullovers mit einer Angelschnur. Wäre ich ein eingepuffter indischer Eremit, ich würde aufgehen in dieser kontemplativen Übung, bin ich aber nicht. Gegen Ende der Session fresse ich mir die Bemmerl nur mehr hinein, damit ich irgendwann fertig werde, und bin froh, den klebrigenTatort morgen verlassen zu können.


 19.10., von Tunis nach Kairouan

Nicht nur Autos, LKW´s und Mopeds, auch Stapler, motorisierte Rollstühle, Schaufelbagger und von Menschen gezogene Holzkarren behindern den Verkehr. Jeder ist in Tunis willkommen, seinen Teil zum vollendeten Verkehrschaos beizutragen. Wenigstens gibt es hier auch so etwas wie die Südosttangente, auf der ich mich verhältnismäßig zügig von dannen machen kann. Männer mit viel Gepäck warten am Straßenrand wohl auf Sammeltaxis oder Überlandbusse, ihnen viel Glück. Die Außenbezirke von Tunis sind kein schöner Anblick und es stinkt. 

Vorerst grobes Ziel ist der Süden, der Ostküste folgend. Staubiges, ebenes Brachland, verunstaltet mit Haufen von Bauschutt oder sonstigem Müll. Plastiksackerl hängen in Zäunen und Büschen. Schäfer lassen ihre Tiere entlang der Straße nach Fressbarem suchen. Wenigstens können sie sich frei bewegen, bis sie einen grausamen Tod sterben müssen. An einer Tankstelle ist ein Schaf festgebunden und muss mitansehen, wie zwei Meter neben ihm sein Kollege ausblutet, nach islamischen Vorgaben ohne vorherige Betäubung. 

Im Touristenstädtchen Hammamed im Norden passiert nicht viel, bis um Zwölf hunderte Schüler die Straßen fluten und Leben in die Bude bringen. Dann komme ich nur mehr im Schritttempo weiter, inmitten von Schuluniformierten. 

Mittlerweile regnet es. Nicht übermäßig, aber genug, dass sich schnell große Lacken bilden. Kanaldeckel sehe ich keine, nur Gräben neben den Straßen. Regelmäßig tauchen Moscheen am Horizont auf, sonst reine Schuhschachtelarchitektur. Hier geht nicht viel, außer der Wind. Regelmäßig passiere ich Polizeikontrollen, noch lässt man mich in Ruhe.

Auf Höhe der Stadt Sousse biege ich wieder ins Landesinnere ab, fahre über einen Schweller und zack- reißt das Auspuffrohr vor dem Endtopf ab, der jetzt am Boden aufliegt. Ein Fressbudenbetreiber spricht Englisch, alle möchten helfen. Irgendeiner führt mich zur nächsten Werkstatt, wohin ich Wof scheppernd schiebe, keine hundert Meter entfernt. Die zwei Mechaniker dort machen sich auch gleich ans Werk und löten das Röhrl, aber das eigentliche Problem ist, dass sich scheinbar im Laufe der letzten dreitausend Kilometer die zwei massiven Befestigungsschrauben des Endtopfes rausgezittert und verabschiedet haben, weswegen das Trumm nur mehr über besagtes Rohr mit dem Restmoped verbunden war. Da es in dieser Werkstatt keine einzige Schraube zu viel gibt, fährt der eine los und es dauert eine halbe Stunde, bis er wieder kommt. Dann biegen sie mit einem Brecheisen herum und erhitzen mit dem Lötkolben das Rohr, aber die zwei schaffen es einfach nicht, die zweite Schraube zu montieren. Sympathisch und bemüht sind sie ja, aber scheinbar nicht sehr talentiert. Zwölf Euro hätten sie gerne für ihre fragwürdigen Dienste, mehr sind sie auch nicht wert. 

In der Fressbude kehre ich noch ein und trinke ein tunesisches Cola, dann rausche ich ab mit windschiefem Auspuff. Zehn Kilometer später liegt das Teil wieder am Boden. Das Rohr ist wieder gerissen und die eine Schraube fungiert jetzt lediglich als mittiger Drehpunkt des Topfes, wenn ihr versteht. Ein Stück Draht täte not, habe ich aber nicht. Mein einziger fetter Kabelbinder hält keine fünf Kilometer, ehe er schmilzt. Zurück zur Werkstatt fahre ich nicht mehr. Ich möchte mein Quartier erreichen, so lange es hell ist. Mit einer Gepäckgummiwurst kann ich zumindest den Topf nach oben ziehen, mache jetzt aber mächtigen Lärm, der sich in den engen Gassen der Medina von Kairouan noch erheblich verstärkt. Auf der Suche nach meinem Zimmer ende ich in einer engen Sackgasse, meine Rückspiegel schleifen links und rechts. Die Anrainer schauen aus ihren Fenstern, pardon, pardon. Ein kleiner Bub kommt und schaut sich das lautstarke Spektakel näher an und kassiert dafür gleich eine Watsche. Frechheit, den Neugierigen gehört die Welt. 

Die Adresse stimmt nicht, Schilder gibt´s keine, die Menschen kennen die Unterkunft nicht. Aaaaahhhh! Einer hilft, fragt sich durch und trifft einen Dicken, Salah. Der ist mein Mann, ja gibt´s das. Er sperrt mir die in einer Nische sehr gut versteckte Bude auf, zeigt mir mein Zimmer, schon wieder bin ich restlos erledigt. Ein Bier wäre jetzt schön, aber schon gar nicht in Kairouan, heiliger Stadt wegen irgendwelcher Haare, mehr dazu morgen. Trinke ich halt Tee, aber nicht bei den alten Knackern, wo ich nicht bedient werde. 


Sonntag, 18. Oktober 2026

 18.10., Tunis

Eine Momentaufnahme im kleinen Speisesaal meines Hotels, wo Frauen trotz Betriebes gerade den Boden feucht aufwischen. Das Frühstücksbuffet gibt Folgendes her: Gekochte Eier, einen völlig neutralen, ungereiften Käse, Oliven, einem Teller mit kleingehackten Gurken und Tomaten. Zwei Säfte und extrafeine Einheitswurst in Leuchtfarben, außerdem noch Halva und Croissants. Gegessen wird mit billigstem Kindergeburtstagsplastikbesteck und der Kaffee wird aus Pappbechern getrunken, wobei die Milch dazu wohl ganz dünn angerührtes Milchpulver ist. Die meisten Gäste nehmen sich ein Kompaktweckerl und ein Ei dazu, ohne Butter, Öl oder Sonstiges, Nahrungsaufnahme als Notwendigkeit. Den einzigen Salzstreuer für den ganzen Frühstücksraum habe ich eingezogen. Alle anwesenden Frauen sind verschleiert  und obwohl einige Tische besetzt sind, herrscht Schweigen, untermalt von leiser arabischer Schleiftonmusik. Vom Gefühl her glaube ich, dass es eine gute Idee ist, fortan Flötzhemmer und Kohletabletten im Hosensack mitzuführen.

Auf der Straße wird sehr viel Brot verkauft. Hauptsächlich minderwertige Baguettes, aber auch frittierte Varianten, so wie Langos. Dazu knabbert die überwiegend hellhäutige Tunesierin Nüsse, Kerne, Datteln und dergleichen. Granatäpfel werden direkt vom Anhänger gekauft, die haben gerade Saison.

Demolierte  Straßenbahnen und Sammeltaxis. Insgesamt wirkt alles ziemlich schmuddelig und kaputt, aber im gewohnten Rahmen. Kleinere Märkte mit Afroramsch, gebrauchter Kleidung, Plastikspielzeug. Viele, viele Katzenbabies, denen man Essen hinstellt. Es stinkt nach Katzenpisse. Streunende Hunde kommen mir nicht unter. Ein imposantes Monument auf einem großen, sterilen, leeren Platz vor einem palastähnlichen Gebäude, wo Bullen in Autos hocken und mit ihren Handies spielen. Tunesische Flaggen überall, die stark an die türkische Fahne erinnern, osmanisches Reich und so. Später biege ich in die Altstadt, in die Medina ein, die zunächst trotz geschätzter hunderttausend Einwohner wie ausgestorben ist. Ein recht normales Wohngebiet mit engen, verwinkelten Gassen, schönen Bogengängen, unterschiedlich oder unvollständig verfliesten Fassaden. Unförmige Pflastersteine, oft mit einer Rinne in der Mitte, sind tückisch. Manche Holztore sind bunt bemalt und mit Eisennieten geschmückt. Angeschrieben ist alles in Arabisch, einer sehr eleganten Schrift, selten auch in Französisch. 

Als ich zu den Ausläufern des überdachten Souk komme, schmeißen mir die Verkäufer multinationale Wortbrocken hin, um herauszufinden, woher ich komme. Ich strafe sie mit Schweigen. Bald sind die Gassen voll mit Touristen, Kaffeehäusern und Läden. Am nicht sehr prächtigen Prachtboulevard, der bei einem alten Tor, das wiederum den Rest der alten Stadtmauer repräsentiert, beginnt, steht die französische Botschaft, gesichert mit drei Zaunreihen und Stacheldraht. Tunesien war früher Frankreichs Kolonie und das kam stark gekürzt so: Tunesien hatte bei Frankreich Schulden, Soldaten marschierten ein, man plünderte die Ressourcen. Vor siebzig Jahren erfolgte die Unabhängigkeit, wobei Frankreich nicht gewillt war, einen bestimmten Militärstützpunkt ebenfalls zu räumen. Nach vielen tunesischen Toten zogen die Franzosen dann doch komplett ab. 

Schwarz gekleidete Frauen mit Kindern hocken im Dreck und betteln. Taxifahrer legen sich während der Fahrt Handtücher über ihre Unterarme, wohl um unerwünschten Teint zu verhindern. Vor dem Justizministerium halte ich nur für Sekunden inne, deutet mir schon ein Uniformierter und stampert mich weg. Pfadfinder, Judoka und noch irgendeine Interessensgemeinschaft gehen hinter einer Marching Band, die hauptsächlich aus Kindern besteht, und schwenken Fähnchen. Auch ich war dereinst bei den Pfadfindern, erinnere ich mich. Im Rahmen eines Zeltlagers und Pfadfinderwettkampfes musste ein armer Mensch von uns gekochte Löwenzahn/ Gänseblümchensuppe verkosten und bewerten, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Boulevard endet am Platz des 14. Januar, benannt nach dem Beginn der Jasminrevolution 2011, die zumindest in Tunesien eine Demokratie hervorgebracht hat, wenn auch nur kurzfristig. Mittlerweile herrscht wieder eine autokratische Regierung und sehr viele Überwachungskameras hängen in der Gegend herum. Eine Foodtour buche und storniere ich gleich wieder. Ich wäre der einzige Teilnehmer gewesen, was zwangsläufig zu stundenlanger Konversation geführt hätte. Da gehe ich lieber in die große Markthalle und suche mir dort ein paar Snacks. Gewürze, Obst, Gemüse, das Übliche. Recht gesittet geht es hier zu, aber die sehr große Fischhalle spielt in einer anderen Liga. Männer schreien herum, nehmen aus, entschuppen, zerteilen Tun- und Schwertfische und Muränen im Akkord. Schon mit den Eingeweiden, Schuppen und sonstigen Abfällen, die in Haufen neben den Schneidbrettern am Boden liegen, könnte man ganze Scheibtruhen füllen. Kundige Frauen drängen, wühlen selbst im Angebot und befüllen sich Säcke, ein großes Schauspiel. Hoffentlich sind meine Sohlen dicht.

Später wundere ich mich, dass in einer Straße ausschließlich Rechtsanwälte und Übersetzer ihre Büros haben, bis ich auf teilweise aufgelöste, weinende Angehörige stoße. Sie warten vor der Ausfahrt einer großen, mit einer Mauer umgebenen Justizwache auf regelmäßig auftauchende, vergitterte Polizeiautos, stecken dann den darin sitzenden Gefangenen schnell Päckchen zu, versuchen, kurz mit ihnen zu reden, ehe der Fahrer Gas gibt und sie weiß Gott wohin bringt.

Am Weg zu einem Museum verirre ich mich hinein in eine Kinder- und Entbindungsklinik, wo ganz hinten am Parkplatz etliche havarierte und mittlerweile ausgeschlachtete Rettungsautos abgestellt sind, latsche bei beachtlicher Hitze stark befahrene Straßen entlang, bis ich kapituliere, mich heim schleppe und am Zimmer ein Nickerchen mache.

Ein abendlicher Spaziergang. Der Soma-Shop hat schon zu, aber alle hocken vor alten Röhrenfernsehern oder Leinwänden, schon wieder ein Fußballspiel. Manche rauchen dabei Wasserpfeife oder spielen Karten, natürlich ausschließlich Männer, hunderte von ihnen. Nur die Plastiksammler nicht. Die wühlen in den großen Mistkübeln nach Verwertbarem, so wie auch die Katzen. Tunis ist sicher mäuse- und rattenfrei. Sonst passiert hier nix mehr. Alle Geschäfte in der Altstadt haben schon geschlossen und ich bin ganz alleine. Meine Schritte hallen durch die überdachten Säulengänge und ab und zu ist es so finster, dass ich genau schauen muss, wo ich hin steige. In anderen Gegenden würde ich mir in die Hose machen. 

Es ist noch nicht spät, ebenso gut könnte es aber vier Uhr morgens sein. Die einzigen Gestalten, die doch noch unterwegs sind, gehen in die Moschee. Hinter einer unscheinbaren Tür erstreckt sich ein riesiger, offener Platz mit Minarett, erhasche ich einen Blick beim Vorbeigehen, als Ungläubigem bleiben mir tiefere Einblicke verwehrt. Zurück in der Neustadt trottet ein Rudel unfrisierter Hunde ruhig an mir vorbei, es gibt sie also doch. Auch der Fakh Fakh Shop hat schon den Rollladen herunten, was auch immer hier sonst vertrieben wird. Geisterstadt also. Im Gegensatz zum sechsten Bier hat Mann wahrscheinlich nach dem sechsten Glas Pfefferminztee kein Problem damit, nach Hause zu gehen. Überhaupt hat mit Minztee noch keine große Geschichte begonnen, sehr wohl aber geendet.


Samstag, 17. Oktober 2026

 17.10., von Militello nach Tunis

Es könnte schöner nicht sein. Die kurvige Küstenstraße fast für mich allein. Der Lärmpegel der Mopette ist nicht berauschend, aber doch auszuhalten, so dass ich das Problem vorerst geflissentlich ignorieren kann. Meine Zeitreserve verwende ich darauf, am Platz in Cefalu einen Kaffee zu trinken, eingedenk der alten Zeiten. Hier hatte ich vor einigen Jahren ein paar schöne Tage mit Ena. Das Erfrischungsgetränk der Wahl damals war allerdings Bloody Mary in den großen, eckigen Ikea-Gläsern, göttlich. Those where the days my friend, we thought they´d never end, la la la laaa la la la la la la laaaa..

Standln mit großen Schwerfischen und säckeweise Muscheln am Straßenrand, als ich entspannt nach Palermo komme, aber ab dann wird´s hektisch. Das Navi schickt mich zum falschen Hafen, plus zehn Minuten. Auf dem Ticket steht die Fahrzeugidentifikationsnummer anstatt des Kennzeichens, weil damals beim Ausfüllen des Formulares die Identification Number gefragt war. Ich möge das Moped einparken, zum Ticketbüro latschen und den Fahrschein umschreiben lassen, plus zehn Minuten. Viel zu viele Menschen dort. Retour, betteln, bis ich mit dem Moped wenigstens aufs Gelände darf, dann versuche ich mein Glück und fahre direkt zur Fähre, plus zehn Minuten. Ob ich schon eingecheckt hätte. Zurück zum Büro, anstellen, wieder zur Fähre, plus zwanzig Minuten.

Ein Bulle schnauzt mich an, warum ich keinen Helm trage, dann Passkontrolle. Ein Zöllner fragt, wieviel Cash ich mithabe. Zuerst denke ich, er will geschmiert werden, aber nein. Plus zehn Minuten. Acht Minuten vor der geplanten Abfahrt fahre ich in den Schiffsbauch, durchgeschwitzt. Auf zwei Ebenen lungern hunderte Menschen in einem Aufenthaltsraum mit Tischen und Sesseln, darunter viel Kinder. Profis liegen schon auf dünnen Matratzen in den Gängen. Der Lärmpegel ist nicht auszuhalten. Der Alte an meinem Tisch fragt, wo ich her bin. Als Kind sei er zwei Jahre in Österreich in die Schule gegangen. Die Donau so blau, so blau, so blau. Und die Blume heißt Vergissmeinnicht, genau! Ich bedeute ihm, mein Hirn schmilzt gerade, drehe mir die Ohrstöpsel so tief in die Birne, wie mein kleiner Finger mit viel Kraft reinkommt, dann wird es ruhiger und ich atme tief durch. 

Elf Stunden Überfahrt. Nach einer Stunde habe ich meinen kompletten Proviant aufgefressen, nach drei Stunden bin ich mit dem Tunesien- Reiseführer durch. Nach vier Stunden auch mit dem italienischen. Fad, fad, fad. Faaad, ismirfad. Und der Hintern tut mir weh.

Früher als erwartet erreichen wir Tunis, immerhin. Eine Stunde später finde ich mich am Hafengelände in einer Spur mit geschätzt fünfzig anderen Zweirädern wieder. Zuerst Passkontrolle, dann Nachweis einer Unterkunft. Dann langsam weiter zu sehr vielen kleinen Büros und Verschlägen. Nach langer Fragerei, es steht nix angeschrieben und niemand, der sich auskennen würde, spricht Englisch , die Erkenntnis, dass eine Zusatzversicherung abzuschließen ist, siebzig Euro für zwei Wochen. Endlich eine Italienerin, die mich versteht, endlich ein erkennbarer Plan. Zuerst Geld tauschen, nur Cash wird akzeptiert, dann brauche ich einen ominösen QR- Code. Ein Zöllner ist geduldig beim Ausfüllen eines hochkomplexen französischen Formulares behilflich, nicht nur mir, sondern sehr vielen anstehenden Menschen. Dann ewig anstellen bei der Registrierung, wie angewiesen. Als ich endlich drankomme, fehlt ein Stempel. Der Stempler sitzt im gleichen kleinen Container, schaut aber bei einem anderen Fenster raus. Neu anstellen, Stempel holen, wieder anstellen, Eintrag in den Pass bekommen. Die Italienerin sagt, wenn die heimische Versicherung Tunesien mit abdeckt, braucht man die Zusatzversicherung nicht. Wie das kontrolliert wird? Gar nicht. Ok, meine heimische Versicherung deckt ab jetzt Tunesien mit ab. Ob ich jetzt gehen kann? Nein, ich muss noch zum Inspecteur, der nicht da ist. Wie er heisst? Met heisst er, Mohamed. Ich renne herum und suche Mohamed, der mir etwas auf ein Formular krixelt. Ein Zöllner nimmt mir den Wisch ab, einer will meinen Pass sehen. Ob ich jetzt endlich fahren darf? Ja mit einer gelangweilten Handbewegung, zisch ab. Meine Nerven halten das nicht mehr aus. Ich bin so kaputt. Drei Stunden ohne jeglichen Durchblick, was hier überhaupt los ist. 

Noch fünfzehn Kilometer in die Stadt. Alles wirkt recht sauber und modern, aber es stinkt extrem nach offenem Kanal. Ich finde mein Hotel gerade noch so, Wof kommt in die Tiefgarage und ich ins Bett. Jetzt isses Drei und langsam geht´s wieder.


Freitag, 16. Oktober 2026

 


16.10., von Santa Maria nach St. Agatha Militello

Na da schau her, hier gibt´s sogar echtes, zivilisiertes Frühstück mit Brot und Eiern und Wurst und Käse anstatt des landesüblichen gastronomischen Desasters in Form von verpacktem Industriesüsszeugs. Nachhaltig gestärkt nehme ich gleich einen zugewachsenen und anfangs auch zugeschissenen, steilen Weg in Angriff, der mit einem Auto unmöglich zu befahren gewesen wäre, um so zur nächsten Bundesstraße zu gelangen. Was das Navi oft so aus dem Ärmel zaubert, der Wahnsinn.

Schwere dunkle Wolken hängen über mir, bis ich den Fährhafen erreiche, aber sie sind nicht das größte Problem heute. Wof macht schrecklich laute, metallisch röhrende Geräusche, später dominiert geschwindigkeits- aber nicht drehzahlabhängiges Schleifen und Rasseln. Ich krieche am Boden herum und rüttle an mir unbekannten Teilen, leuchte die Mopette von unten aus und kann einfach nichts finden. Der Defekt muss also in den Eingeweiden stecken, im Antrieb, irgendwelchen Lagern, Riemen, Stangen, Ketten. Ich befürchte Schlimmstes, das Internetz ist ein grausamer Ort für Hilfesuchende. Vielleicht ist ja die Antriebskette gedehnt und schleift im Gehäuse? KI meint, Wheel of fortune hätte einen Riemen. Anyway, morgen geht die Fähre und die will ich nicht verpassen. Also vorerst weiter fahren. Ab vierzig, fünfzig km/h lässt der Lärm etwas nach. In Tunesien werde ich das Moped dann in eine Werkstatt stellen und um maximal fünf Euro reparieren lassen, so der ausgereifte Plan.

Irgendwie hätte ich mit einer Brücke gerechnet zwischen Kalabrien und Sizilien, aber die drei Kilometer Distanz werden noch ganz altmodisch mit Fähren bezwungen. Tickets kann man am Hafen allerdings keine kaufen. Ein Mitarbeiter schickt mich dafür zur nächsten Trafik in der Stadt, mich wundert nichts mehr. 

Auch in Sizilien warten tolle Strecken. In den Felsen gehauene, exponierte Straßen, runde, grobe Tunnel mit schlechter oder gar keiner Beleuchtung, Ziegen auf der Fahrbahn, Kopfsteinpflaster in Haarnadelkurven. Aber die Leichtigkeit ist weg. Immer lausche ich angestrengt auf die Geräusche, gebe nur mehr verhalten Gas - bis ich auf einmal gar nichts mehr höre! Alles plötzlich so, wie es immer war, nur mehr die üblichen Fahrgeräusche. Ähhh? Wie kann das sein? Hat sich irgendein automatischer Spanner doch noch in den Dienst gestellt? Wurde etwas weggeschmirgelt, ist etwas abgefallen? Filtert und löscht mein Hirn im Selbsterhaltungstrieb störende Elemente? Ehrlich, es könnte mir für den Moment wurster nicht sein. 

Das Kaff mit der billigsten Hütte heute heißt Militello. Eine der zwei auf Wiki gelisteten Sehenswürdigkeiten, ein Schloß aus dem achtzehnten Jahrhundert, schaue ich mir gnadenhalber an, damit ich mir noch etwas die Beine vertrete, und kaufe mir ein paar suprige Kaktusfrüchte. Der Grund des grassierenden Treibstoffmangels liegt übrigens in der Blockade einer großen Raffinierie von Streikenden, die gegen die hohen Preise demonstrieren, lässt mich Travelex von daheim wissen. Einmal muss ich noch tanken, dann setze ich mich ab.


Donnerstag, 15. Oktober 2026

 15,10., von Neapel nach Santa Maria

Im Morgengrauen lasse ich Neapel hinter mir. Nicht, dass ich schon all seine zehntausend Pizzerias und alle fünfhundert Kirchen gesehen hätte, aber für einen Überblick reicht´s. Soeben ist die Sonne aufgegangen und  heute wird´s ein richtig schöner Tag, obwohl ab und zu tiefe Lacken und deswegen noch immer gesperrte Straßen an den großen Regen erinnern. 

Absurd lange muss ich mich plagen, bis ich endlich raus aus der Stadt bin. Auf erhöhten Trassen fahre ich über ein Meer von Glashäusern, auch ganze Ortschaften passiere ich so. Die Landschaft ist großartig. Durch Wälder und über Berge geht´s dahin, Brücken spannen sich über tiefe Täler. Inmitten von Farnlandschaft sind Ortschaften in den Fels gebaut, graue Häuser und Kirchen und ganz oben immer die Überreste von Festungen, wie gemalt. Serpentinen schlängeln sich durch die Gegend, Spaßpartie. 

Zurück an der Küste münden die Flüsse im Meer und Salerno entzückt. Den Hang weit unter mir liegt der große, aber überraschend ordentlich und sauber aussehende Industriehafen mit großen Containerlagern, Kränen und allem was dazu gehört, in den Felswänden über mir alte, geziegelte Aquädukte und Eisenbahnbögen und noch höher die Ruinen einer alten Festung. In der Ferne ein paar Wolkenkratzer, Inseln und das glitzernde Meer. Eine Strandpromenade gibt´s auch und Parks, scheinbar eine sehr adrette Stadt. 

Ein Unfall mit einem böse havarierten Moped erinnert mich daran, dass es keinen Grund zur Eile gibt. Da bleibe ich doch gleich stehen und trinke einen Lungo und keinen Cappuccino, weil es mittlerweile schon nach Elf ist und ich ansonsten als Tourist erkannt werden würde! Na no na, was für ein Blödsinn. Lungo schmeckt auch nicht, viel zu stark. 

Überland ist dann plötzlich ein Handschuh weg, noooo. Zurück ohne Hoffnung, aber nach ein paar Kilometern liegt er da im Dreck und wartet auf mich und ich freue mich wahnsinnig. Ich könnte niemals ein guter Buddhist werden. Ich liebe und hänge nämlich viel zu sehr an meinen irdischen Besitztümern. 

Wof wird laut. Soll sein, so lange motorisch alles schnurrt. Ab jetzt also immer die Ohrstöpsel reindrehen, wenn längere Strecken geplant sind. Entweder haben sich einige Kubikkugeln aus dem Fluxkompensator gelöst oder die kleinen Glühbirnen der Vergaserinnenbeleuchtung brummen, leider eine häufige Fehlerquelle bei den chinesischen Rollermodellen. Dafür hat die Mopette ein bisschen mehr Pep als zu Beginn, kommt mir vor, vielleicht bin das aber auch nur ich selbst. 

Benzina ist schon wieder aus auf den Tankstellen, und die Autos, die vor denen warten, die noch welches haben, stauen sich bis auf die Fahrbahn und behindern massiv den Verkehr. Vier Tankstellen muss ich anfahren, bis endlich ein paar Liter für mich abfallen, che cazzo! Mein Zimmer, das ich kurz vor Sechs erreiche, liegt am Berg mit Meerblick und das Entzücken hält an.


Mittwoch, 14. Oktober 2026

 14.10., Neapel, Pozzuoli, Bacoli

Wir cruisen zu den phlegräischen Feldern, sozusagen zum Ausgleich für die Niederlage am Vesuv. Die ganze Region westlich von Neapel ist ein aktiver Supervulkan, der, wenn es soweit ist, unvorstellbare Verwüstungen zumindest über Italien bringen wird. Der Boden hier senkt und hebt sich alle paar Jahrzehnte um ein paar Meter und das letzte kleine Erdbeben ist erst knapp drei Monate her, aber der Krater der Solvatara,  einem Vulkan von vielen hier, ist nicht wirklich spannend. Von Weitem sehen wir auf einer grauen, von steilen Wänden umgebenen Ebene ein paar Spalten, aus denen Rauch austritt, weswegen es in der ganzen Stadt nach faulen Eiern riecht. Das Gelände ist gesperrt, nachdem vor Jahren eine Familie im freigegebenen Areal umkam, nachdem der Sohn in eine dieser Spalten gerutscht war. 

Ansonsten jede Menge alte Steine auch hier. Für das drittgrößte Amphitheater Italiens bleiben wir nicht einmal mehr stehen. Runde Tempel, Marktplätze mit Marmorsäulen, Stadttore. Alte Steine hinter jeder dritten Kurve! Wer hier etwas bauen will, das Grabungen notwendig macht, kann gleich Konkurs anmelden. 

An der Landspitze vor Ischia geben wir uns am Strand bei Italo-Hits dem dolce far niente hin, wenn wir uns auch nicht mit Bierschaum einreiben, wie einer der anderen Badegäste. 

Zurück im Quartier lässt man uns per offiziellem Aushang wissen, dass es in unserer Unterkunft eine erhöhte Gefahr von Salmonellenbefall gibt, na super. Bis wir auschecken, werden wir als erste und letzte Sicherheitsmaßnahme beim Duschen die Luft anhalten, um uns nicht mit der Legionärskrankheit anzusandeln. 

Auch heute lassen wir den Zufall entscheiden, wo in der Altstadt wir essen gehen, ich Rapini, das ist Grünzeug, das nach Mandeln schmeckt und scharf ist, und Ena Nudeln mit Tomatensauce, ich hab´s schon aufgegeben. 

Übrigens zahlen noch immer die meisten Läden Neapels das Pizzo, das Schutzgeld der Camorra, aber das ist eine andere Geschichte. Noch schnell einen Sprizz, dann bringe ich die Süße zum Flughafen. Seit sie damals in Marokko auf einem Wochenmarkt heimtückisch mit Obstschalen beworfen wurde, ist sie es leid, gegen das nordafrikanische Patriarchat anzukämpfen, wir werden uns in zwei Wochen in Catania wiedersehen. 

Der Wahnsinn auf Neapels Straßen erreicht eine neue Qualität, wenn Stoßzeit ist, jede Oma mit ihrem Einkaufswagerl fährt dann beherzter, waghalsiger, geistesgestörter als ich. Die vorgegebenen Richtungen von Kreisverkehren und Einbahnen sind dann schon fast wurscht und auch die roten Ampeln, man weicht auf Gehsteige aus und presst und zwickt und drängelt und schneidet rein. Ist anstrengend, macht aber auch Spaß. Ab morgen muß auch ich wieder Vollgas geben, damit ich´s noch rechtzeitig zur Fähre nach Tunis schaffe, die legt am Samstag von Palermo ab.