Donnerstag, 29. Oktober 2026

 29.10., von Aragona nach Agrigent und zurück

Unterwegs zum Tal der Tempel, alte Steine schon wieder. Ich wollte eh nicht, ich bin wirklich nachhaltig gesättigt, was antike, archäologisch aufbereitete Stätten angeht. Sogar Karthago bei Tunis habe ich ausgelassen, einen geschichtsträchtigen Ort ersten Ranges, obwohl ich direkt daran vorbei gefahren bin. Aber die Stimme in meinem Kopf hat mich dazu getrieben. Du mußt dort hin! Monumentale, sensationell gut erhaltene griechische Tempel! Einer davon, der Concordiatempel, wird sogar als Logo für die Unesco verwendet! Goethe war hier und dem hat´s auch gefallen! Intellekt ist Schicksal, keine Entscheidung.

Eine überraschende Bergwertung mit einer Straße so kaputt, dass die Gemeinde kurzerhand ein Sackgassenschild neben die Bundesstraße gestellt hat. Senkungen, Verwerfungen und Rutsche reduzieren die mögliche Fahrbreite auf einen halben Meter, hier kommt wirklich kein mehr Auto durch. Die Steinhäuser sind verfallen und die Gegend wie ausgestorben. Heruntergefallene Oliven liegen auf der Straße. Eine nur halbherzige Hundeattacke zwingt mich zur Beschleunigung. Der verwahrloste vierbeinige Angreifer ist wohl auch überrascht von meinem Besuch. 

Später sehe ich hinab auf eine von einer Mauer umgebene Ortschaft, aber der Maßstab passt nicht. Irgendwie ist hier alles zu klein, und zwar deswegen, weil das hier ein Friedhof ist, der angelegt wurde wie ein Dorf. 

Die Beisetzung der Verstorbenen im felsigen Boden Siziliens ist so schwierig, dass sie in bis zu sechsstöckigen Wandschränken bestattet werden. Die sehen von hinten wie Mauern aus und ziehen sich über ganze Straßenzüge. Reiche Familien lassen sich noch Kapellen, Tempel oder kleine Häuser errichten und zusätzlich angelegte Plätze mit Laternen und Bäumen und Bänken runden die Täuschung ab.

Nach einem Weilchen finde ich mich in den engen Gassen eines wirklichen Dorfes wieder, gleich soll ich ankommen. Und hier soll das Tal der Tempel sein? Nein, nur ein Laden, der sich so nennt. Wieder einmal nicht gut aufgepasst beim Eingeben des Zieles ins Navi. 

Die dreißig Kilometer also wieder zurück, bis ich schon von Weitem die Kette der Ruinen auf einem Berghang sehe. Dann latsche ich Stunde um Stunde durch das Gelände, sogar einen Audioguide habe ich mir runtergeladen, ich Streber. 

So, Kulturprogramm abgedient. Jetzt aber zur Scala dei Turci. Obwohl es in der Früh schon herbstlich frisch war, isses doch noch ein perfekter Strandtag geworden. 

Bei der Treppe der Türken handelt es sich um eine strahlend weiße Klippe mit treppenähnlichen Stufen, wo früher Piraten, bei den Italienern gleichgesetzt mit Türken?, ihre Boote ankerten, und dieser superschöne, riesige Fels dominiert den ansonsten ebenfalls herrlichen Strand. Eine Busladung Asiaten hat sich auf einer schmalen Landzunge davor, ebenfalls bestehend aus weißem Stein, versammelt. Dort posieren sie unermüdlich und lassen sich stets mit dem Victoryzeichen ablichten. Die meisten sind mit Tüchern vermummt wie exotische Bankräuber in einem Spaghettiwestern und einen haut´s gleich ins Wasser, Aufruhr. 

Hier bleibe ich und trinke Aperol Spritz.


 28.10., von Trapani nach Aragon

Was im Norden der Marmor, ist im Süden das Salz. Flamingos filtern beschwingt in den seichten Becken in der Ebene, die schon seit ewig bewirtschaftet werden. Nur die Windräder, mit Hilfe derer früher das Wasser in höher gelegene Becken befördert beziehungsweise das Salz gemahlen wurde, sind nicht mehr bespannt und stehen still. 

Einen der Betriebe schaue ich mir näher an. Für einen Fünfer bekomme ich eine Führung und einer der drei Söhne, die diese Saline betreiben, singt so wie früher der Vorarbeiter ein Lied, in Reimen die Kübel voll mit Salz zählend, die die Arbeiter an ihm vorbei trugen, woraus sich deren Bezahlung ergab. Mikroalgen haben manche Becken pink verfärbt, in anderen sind schon kleine Salzhaufen aufgetürmt. Das ehemals älteste sich noch in Betrieb befindliche Boot Italiens, mit dem hier naturgemäß Salz transportiert wurde, steht mittlerweile auf dem Trockenen und zerfällt langsam in seine Einzelteile. 

Das pure Idyll hier, da mache ich gleich Mittag. Trifft sich gut, dass hier überall Salz herumliegt, kann ich mir gleich meine Jausengurke damit würzen. Das gewonnene Salz wird nicht gewaschen, weil von Hand geerntet, aber ganz hinten am Gelände, da wo gerade ein Schaufelbagger einen LKW belädt, latschen alle tschickend und mit ihren Straßenschuhen im Salz herum. 

Weiter nach Osten. Mitten in einer langgestreckten Kurve plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm wie aus dem Nichts, mir rutscht das Herz in die Hose. Knapp über mir donnert ein Kampfjet hinweg und setzt zur Landung an, Donnerschlag. Presenza di Algae, warnt später ein Verkehrszeichen, und tatsächlich liegen rechts neben der Fahrbahn riesige Haufen getrockneten Seegrases, angeweht vom Meer, das unmittelbar anschließt. Über Kilometer ist alles wie eingepackt, alle Felsen sind rund und pepolstert. 

In Mazara del Vallo fahre ich unabsichtlich durch eine Werft, was aber niemanden stört. Schiffe verrotten rundum, Haufen von morschem Holz, neue Rümpfe aus Metall glänzen in der Sonne.

Die Straße von Tre Fontane ist teilweise mit tiefem Sand bedeckt und die Verbindungsstraßen zu den umliegenden Ortschaften sind nur mehr Pisten. Deutsche Wohnmobile, die so groß wie Reisebusse sind und gewichtige Namen wie Zenturion oder Grand Empire tragen, stehen am Wegesrand.

Dann isses schon wieder spät und es staut sich gewaltig vor Agrigent, aber nicht für mich. Genüsslich fahre ich wieder an all den Idioten vorbei, die mich zuvor ohne jede Not bedrängt und ohne ausreichenden Seitenabstand überholt haben, va fan culo, ahahahahaaaa! 


Mittwoch, 28. Oktober 2026

 27.10., von Palermo nach Trapani

Raus aus der Stadt und immer ganz nahe am Meer nach Westen. Bis Ena am Freitag in Catania dazu stößt, bleibt noch Zeit für eine Inselumrundung. Blumen werden verkauft und Fische, letztere ganz unprätentiös in Styroporkisten am Boden stehend, der Fang der letzten Nacht. Nach Mondello begibt sich die Palermitanerin, wenn ihr nach Baden ist und hier fiel der Wiener, der gestern an der Tour teilgenommen hat, vor seiner Holden auf die Knie, wissend, dass er den üblichen afghanischen Brautpreis in astronomischer Höhe niemals nicht aufbringen wird können. 

Erst lange nach dem Flughafen und schon inmitten ländlicher Idylle steht das Palermo-Ende-Schild und alle paar Kilometer ein Wachturm aus unterschiedlichsten Epochen gegen Angriffe von Piraten und Korsaren. Dazwischen hocken Bunkeranlagen neueren Datums. 

Heute cruise ich zum ersten Mal mit Musik im Ohr, geht aber nur mit dem kleinen Pro Forma-Helm mit Markennamen Grab, da hätte man sich schon etwas Lebensbejahenderes einfallen lassen können. Über die Schönheit schroffer Küsten wurde sicher schon alles gesagt, womit ich mir weitere Ausführungen sparen kann. An einem Platz mit Bänken rund um ein überdimensionales Vorhängeschloss halte ich, Zona Romantica - Obligatorio Baciarsi. Hier ist Küssen obligatorisch. Über und über mit Früchten behangene Kakteenfelder und kleine Naturschutzreservate. Ausgewiesene Schildkröteneiablagegebiete, verfallene Häuser und Industrieanlagen. Eigentlich ist ganz Sizilien ein perfekter, naturbelassener einsamer Sandstrand. Und Sackgassen gibt es, so viele Sackgassen. Wäre Ena dabei, meine Nieren wären schon blau von ihren Handkantenschlägen in die offene Flanke. Sie kann Sackgassen nicht leiden. 

Noch fünfzig Kilometer Umweg nach San Vito Lo Capo, ein Kap ganz oben im Norden. Dort setze ich mich auf ein Bunkerschwammerl am Strand und esse ein Ciabatta mit Käse. Gleich daneben steht ein Leuchtturm und im Ortsgebiet noch eine Wehrkirche, gebaut wie eine Festung. Alle Berghänge rundum sind gezeichnet vom Marmorabbau. Die Luftlinie zwischen Palermo und Trapani beträgt keine hundert Kilometer, trotzdem geht die Sonne schon unter, als ich mein altehrwürdiges Zimmer inmitten einer Fußgängerzone beziehe. 


Montag, 26. Oktober 2026

 26. 10., Palermo

Dass Palermo ein unglaublicher, in stetigem Verfall begriffener Mischmasch aus allen möglichen Stilepochen der letzten dreitausend Jahre ist, ist schon einzigartig, aber am erstaunlichsten finde ich, mit welcher Nonchalance Unterschichtler in ehemaligen Herrenhäusern mit abgefallener Fassade und mit verschnörkselten, aber wegen Absturzgefahr gesperrten und deswegen zugewachsenen Balkonen wohnen. Ob und wie deren Tragfähigkeit überprüft wird, weiß ich nicht, aber auf einem statisch mehr als fragwürdigen Vorsprung sehe ich sogar eine Waschmaschine stehen.  

Fahrradshops sind unter gotischen Rundbögen eingezogen, Mopeds werden in höhlenartigen Durchgängen abgestellt. Fastfood wird zwischen Marmorsäulen gereicht. Ensembleschutz ist in Palermo unbekannt und ohnehin unmöglich. Mopeds stehen vor Zapfsäulen an, daneben plätschert ein Springbrunnen. Auf den Hauptstraßen fetzen die Kutschen im Galopp, auf den Märkten schreien die Standler. Könige, Heilige, Nixen überall, antike spanische Würdenträger, in Stein verewigt in ihren lächerlichen spanischen Pluderhosen, noch ärger als die Ballonhosen der Talahons, in denen man aussieht, als würde man volle Windeln tragen. Che ridicolo! Die Cattedrale di Palermo, eine Kirche, die auf einer Moschee gebaut wurde, die auf einer Kirche gebaut wurde. Dort steige ich aufs Dach und stehe mit Menschen in der Schlange, auch außerhalb der Saison. Auf wilde Ecken stoße ich, auf hinniche Figuren, grindige Matratzenlager inmitten von Müll und (Hunde)scheiße und der Sicherheitsdienst vom Lidl ist aufmagaziniert wie bei uns nur die Cobra. 

Ein Denkmal zu Ehren der Richter und Anwälte, die im Kampf gegen die Mafia getötet wurden. Paolo Borsellino wurde mitsamt seinen fünf Bewachern von einer Autobombe gekillt und seinem Freund Giovanni Falcone nützten auch keine sechs Leibwächter und eine gepanzerte Fahrzeugkolonne, weil die Mafia unter einer Brücke fünfhundert Kilo Sprengstoff fernzündete. Nur Falcones Chauffeur überlebte den Anschlag, vielleicht weil er auf der Rückbank saß. Falcone wollte selbst fahren. Erst zwanzig Jahre später wurde ein Fischer verhaftet, der damals den Sprengstoff aus Weltkriegsbomben, die er aus dem Meer gefischt hatte, entnommen und an die Mafia verkauft hat. Kann man sich nicht ausdenken.  

Abends bringt mir, einem anderen Wiener und dessen afghanischer Verlobten ein vor zwei Jahren aus Lahore in Pakistan eingewandertes Mädchen, das nur ein paar Worte Italienisch spricht, die sizilianische Kultur näher. Kann man sich auch nicht ausdenken. Ein entspannter Spaziergang durch dunkle Gassen, ein Graffito hier, eine Statue da. Paläste, Piazzas, Kirchen, gesalzenes Erdnusseis und später gebratene Melanzani und Kroketten mit Minze in einem Weckerl, was will man mehr.


Sonntag, 25. Oktober 2026

 25.10., von Tunis nach Palermo

Allerhand unbeleuchtete Fahrzeuge am Weg zum Hafen in La Goulette. Ein Kind schleppt einen Holzkarren voll mit großen Säcken mitten am Zubringer zur Stadtautobahn, wahrscheinlich gesammelte Plastikflaschen. In La Goulette wurde dereinst, wie ich aus für gewöhnlich zuverlässiger Quelle erfahren habe, Claudia Cardinale geboren, da konnte sie bequem zu Fuß zur Fähre gehen und übersetzen, um in Italiens Showbiz durchzustarten. Brauche ich gar nicht. Mir würde es schon reichen, heute von hier ohne großes Trara zurück nach Europa schippern zu können. 

Ich solle mich beeilen, go,go!, das Gate 13 würde gleich schließen, sagt mir der Typ beim Check In- Schalter auf der Straße! Wie meinen? Es sind noch über vier Stunden bis zur Abfahrt? Vier italienischen Bikern und mir wird drauf hin abgesondert von den angestellten Autos eine bizarre Spezialabfertigung zuteil. Über das ganze Hafengelände verteilt müssen wir auf Anweisung diverser Uniformierter und Ziviler bei mehreren Bürocontainern und Entscheidungsträgern vorstellig werden, müssen die Fahrzeugpapiere, das Einreiseformular, die internationale Versicherung, den Pass herzeigen, immer und immer wieder. Das Ticket wird mehrmals gescannt, der Pass wird so oft kontrolliert und mit Stempeln versehen, dass ich es aufgebe, mitzuzählen. Handschriftliche Notizen werden auf Formularen niedergeschrieben. Im Prinzip wiederholen sich die gleichen Abläufe immer und immer wieder, nur durch andere Beamte und in anderer Reihenfolge. Dann überholen wir auf einer separaten Spur alle anderen und fahren auf die Fähre. Alles eine undurchschaubare Farce zur Aufrechterhaltung des aufgeblähten Beamtenapparates.

Erleichtert sediere ich mich umgehend und schlafe drei Stunden im Sitzen mit dem Kopf auf der Tischplatte und dann noch vier Stunden auf dem Fliesenboden des Salons, die Motorradjacke unter mir. Viel später legt das Schiff im Hafen von Palermo an, und als nach mehr als einer halben Stunde noch immer keine Bewegung in die Fahrgäste kommt, frage ich einmal nach. Die Fähre fährt noch weiter nach Salerno, es wäre eh alles über Lautsprecher durchgesagt worden! Schnell, schnell raus mit mir, bevor die Luken hochgeklappt werden, aaahhhh! Natürlich wurde etwas durchgesagt, den ganzen Tag lang wurde irgend etwas durchgesagt. Hätte babylonisch oder altmesopotamisch oder tierischen Ursprungs sein können, in solch schlechtem Zustand befindet sich die Lautsprecheranlage.

Buon giorno, what can I do for you?, frage ich den Bullen oder Zöllner, der mich nötigt, vor einem Container anzuhalten, make my job! schlägt er vor. Keine zwei Minuten dauern die Formalitäten und draußen die Straßen wirken alle sehr sauber und der Verkehr überhaupt nicht mehr chaotisch. Palermo empfängt mich mit Regen, meinetwegen. Später esse ich pani ca meusa an der Straße, ein Milzbrötchen mit gekochter Lunge und Luftröhre, untermalt mit einem Bier und wunderbarer Elektromucke. Die verehrte Kundschaft wird per Aushang gebeten, nicht anzufragen, ob die Musik lauter gedreht werden kann. Dann lustwandle ich noch ein bisschen durch die grandiose Altstadt, aber ehrlich, ich bin sogar vom Nichtstun total erledigt.


Samstag, 24. Oktober 2026

 24. 10., von Tunis zum Cap Bon und retour

Die östlich von Tunis gelegene Halbinsel ist perfekt für einen abschließenden Rundkurs, bevor ich Tunesien kommende Nacht um 3.30 verlasse. Welcher Volltrottel hat sich diese unmenschliche Abfahrtszeit ausgedacht? Die Überfahrt dauert zwölf Stunden plus eine Stunde Zeitverschiebung und die nächste Fähre geht dann sechs Tage später, da hätte man doch noch bis nach dem Frühstück warten können.

Den ersten Halt lege ich in Hammam Lif ein, da gibt´s gleich zwei interessante Orte. Zum einen das Denkmal, das an die Angriffe israelischer Kampfjets 1985 ebenhier erinnert. PLO-Chef Yassir Arafat hätte getötet werden sollen, erwischt hat es siebzig Unschuldige, die jetzt immerhin Märtyrer sind. Bombenangriffe in einem unbeteiligten Land, unglaublich.

Nicht weit entfernt findet sich der deutsche Soldatenfriedhof, wo mehr als 8500 Soldaten, die während des zweiten Weltkrieges an vielen Orten Tunesiens gefallen sind, in den 70er Jahren exhumiert und hier in etwas gelegt wurden, das aussieht wie zweistöckige, überdimensionale Bahnhofsschließfächer, sehr viele davon. Jeweils die Überreste von sieben Soldaten liegen in einem quadratischen Fach, nach dreißig Jahren in afrikanischem Boden auf handliche Größe geschrumpft. Eine Gedenktafel ist Graf Stauffenberg gewidmet, der, nachdem ihm hier eine Hand, ein paar Finger und ein Auge abhanden gekommen waren, plötzlich gegen den Krieg war, auch weil sich schon eine Niederlage der Deutschen an allen Fronten abzeichnete.

Weiter cruise ich über grüne Berghänge und folge ohne Gepäck und ohne behelligt zu werden, schroffen Felsküsten. Durch mindestens dreißig Polizeikontrollen bin ich die letzte Woche gefahren und wurde kein einziges mal aufgehalten. 

Vor Korbus sprudelt eine knapp sechzig Grad heiße Quelle ins Meer, wo man sich dann selbst durch entsprechende Positionierung seine Wohlfühltemperatur gestalten könnte. Heute leider nicht. Das Meer ist zu wild und darüber hinaus hat sich sehr viel Seegras angesammelt. Ein paar Schmerzbefreite halten trotzdem tapfer ihre Kasler in die Rinnen mit dem sehr heißen Wasser, aber ich passe. 

Der Wind weht stark und beutelt mich ordentlich durch in Haouaria ganz im Norden, bis ich hinabsteige in einen finsteren, stillen Steinbruch der Römer, angelegt, um Sandstein für Karthago abzubauen. Von den unterirdischen Hallen schaue ich Schächte hoch, die dreißig Meter nach oben verlaufen und damals für die Sklaven die einzige Licht- und Sauerstoffquelle waren.  Ein Teil des Systems ist eingestürzt, weswegen irgendwann die gesamte Anlage gesperrt wurde, aber ein Gitter wurde ausreichend weggebogen und niemand ist hier, der mich an einer genaueren Exploration hindern könnte. Dumm ist der, der Dummes tut, deswegen bleibe ich auch nicht lange. 

Ein Stückchen weiter, vor Kelibia, liegt nämlich das Wrack eines Frachters, der vor der Küste auf Grund gelaufen ist, das will ich auch noch sehen. Mühsam sind die letzten Kilometer über sandige Pisten mit tiefen Fahrrinnen, aber es zahlt sich aus. Ein Tscheche hat sich dort mit seinem historischen Ostblock-Allradgefährt eingerichtet, doch viel Zeit für eine Plauderei bleibt nicht mehr. Gleich wird´s finster und bis nach Tunis fahre ich noch mehr als zwei Stunden. 

Was das Moped besonders die letzten Tage aushalten musste, kann sich keiner vorstellen. Unzählige tiefe Schlaglöcher, die ich zu spät gesehen habe, hunderte Bodenschwellen, vor denen ich von fünfzig bis siebzig km/h auf fast null abbremsen musste, wenn ich sie denn rechtzeitig gesehen habe, was sehr oft nicht der Fall war. Wie können ein Fahrwerk, eine Federung oder die Reifen hunderte solcher wuchtigen Stöße überhaupt überstehen? Im Sand, im Gatsch, über Schotter, Felsen und durch Baustellen. Sollte Wof morgen auseinanderfallen, ich wäre trotzdem hochzufrieden mit seiner Performance. 

Proviant für die Überfahrt brauche ich auch noch. Und was kauft man sich, wenn man viel Zeit totzuschlagen hat? Einen Granatapfel, genau. Mehr werde ich nicht brauchen, bin ich doch mit Droo, dem traditionellen tunesischen Winterbrei aus Sorghumhirse, abgefüllt. Der kommt mit der großen Schöpfkelle aus einer Wanne und sehr grau daher, schmeckt aber in der Ordnung. Ungefragt schaufelt der Gastronom zunächst sehr viel Zucker dazu, dann kann ich aus allerlei auswählen und entscheide mich für Pistazien und Rosinen. Eine Schüssel davon und man ist nachhaltig satt, vielleicht für Tage. 

Noch vor Mitternacht werde ich am Hafen sein. Angeraten werden mindestens vier Stunden Vorlaufzeit, da es etwas chaotisch zugehen kann, ah geh. Wenn ich morgen in Sizilien einlaufe, weiß ich zumindest, dass ich rechtzeitig in Wien sein werde, sei es mit dem Zug, Bus oder Moped. Daumen halten!


 23. 10., von Hajeb El Ayun nach Tunis und La Marsa

Der Ami erzählt noch vom letzten Erdbeben in Kolumbien und davon, dass er keine Homies im Exil hat, dann reiße ich ab. 

So wie bei uns Bäume, pflanzt man in Tunesien über Kilometer Kakteenalleen entlang der Straße. Dass alle Pflanzen restlos vertrocknet sind, zeigt das Ausmaß der derzeitigen Dürre. 

Transporter, übervoll beladen mit Fenchel und Rüben sind unterwegs, aber die talentiertesten Hoch- und Querstapler sind bei den Strohfuhren am Werk. Kamelschädel mit heraushängender Zunge oder frisch abgezogene Felle, die vor Häusern hängen, zeigen an, wo gerade frisch geschlachtet wurde.

Viertausend Kilometer gefahren, den Reifendruck könnte ich mal kontrollieren. An der Wand der Tanke hängt ein Kasten, wo man einen Wert eingeben kann, die Luftzufuhr erfolgt dann automatisch. Aber bezeichnet der Wert die Menge an zugeführter Luft oder den Reifendruck nach Befüllung? Ein Berber mit kariertem Tuch um den Kopf und sehr schlechten Zähnen, auch hier zum Boxenstopp, möchte mir helfen, hat aber auch keinen Tau. Er lässt Luft ab, pumpt wieder was nach, eineinhalb Bar, zweieinhalb Bar, verbrennt sich trotz Warnung am heißen Auspuff, lässt wieder etwas ab. Sicher hat er selbst erst kürzlich ein Kamel gegen sein Peugeot-Moped eingetauscht. Irgendwann fahre ich, das hätte ich mir sparen können. 

Je näher ich Tunis komme, desto chaotischer wird der Verkehr. In Kreisverkehren geparkte Lastwagen, verstaute Ortschaften wegen stattfindender Viehmärkte, alle Tiere auf Pickups in zweiter Spur verladen. Die Gegend bleibt im Landesinneren im Gegensatz zur Küste recht schön bis ganz nahe zur Stadt hin, karge, aber gepflegte Kulturlandschaft. Die Randbezirke präsentieren sich dann erwartungsgemäß räudig, ähnlich wie bei uns Transdanubien oder Simmering. Noch mehr Polizei und Militär als sonst lungert an den Kreuzungen herum. In Tunis und mehreren anderen Städten ist es zu schweren Zusammenstößen gekommen, nachdem ein Mann in Polizeigewahrsam gestorben ist. Außerdem protestiert man gegen die Wirtschaftskrise, den Präsidenten und überhaupt. 

Ich checke ein im schon erprobten Hotel, bekomme zufällig oder mit Kalkül mein altes Zimmer und fahre gleich weiter nach La Marsa im Norden, ein kleines, entspanntes Nest am Meer. An den Ampeln dorthin betteln die einzigen Schwarzafrikaner, die ich bis dato in Tunesien gesehen habe, wahrscheinlich gestrandet am Weg nach Europa. 

28 Grad, makelloser Sandstrand, auch das Wasser ist noch gut besucht. Manche Männer tragen ein Jasminblümchen hinter dem Ohr, links, wenn single, rechts, wenn vergeben. Hier könnte ich sogar ein Bier trinken! Allerdings nur versteckt an irgendeiner Hotelbar, was mir dann doch zu blöd ist.