Samstag, 24. Oktober 2026

 24. 10., von Tunis zum Cap Bon und retour

Die östlich von Tunis gelegene Halbinsel ist perfekt für einen abschließenden Rundkurs, bevor ich Tunesien kommende Nacht um 3.30 verlasse. Welcher Volltrottel hat sich diese unmenschliche Abfahrtszeit ausgedacht? Die Überfahrt dauert zwölf Stunden plus eine Stunde Zeitverschiebung und die nächste Fähre geht dann sechs Tage später, da hätte man doch noch bis nach dem Frühstück warten können.

Den ersten Halt lege ich in Hammam Lif ein, da gibt´s gleich zwei interessante Orte. Zum einen das Denkmal, das an die Angriffe israelischer Kampfjets 1985 ebenhier erinnert. PLO-Chef Yassir Arafat hätte getötet werden sollen, erwischt hat es siebzig Unschuldige, die jetzt immerhin Märtyrer sind. Bombenangriffe in einem unbeteiligten Land, unglaublich.

Nicht weit entfernt findet sich der deutsche Soldatenfriedhof, wo mehr als 8500 Soldaten, die während des zweiten Weltkrieges an vielen Orten Tunesiens gefallen sind, in den 70er Jahren exhumiert und hier in etwas gelegt wurden, das aussieht wie zweistöckige, überdimensionale Bahnhofsschließfächer, sehr viele davon. Jeweils die Überreste von sieben Soldaten liegen in einem quadratischen Fach, nach dreißig Jahren in afrikanischem Boden auf handliche Größe geschrumpft. Eine Gedenktafel ist Graf Stauffenberg gewidmet, der, nachdem ihm hier eine Hand, ein paar Finger und ein Auge abhanden gekommen waren, plötzlich gegen den Krieg war, auch weil sich schon eine Niederlage der Deutschen an allen Fronten abzeichnete.

Weiter cruise ich über grüne Berghänge und folge ohne Gepäck und ohne behelligt zu werden, schroffen Felsküsten. Durch mindestens dreißig Polizeikontrollen bin ich die letzte Woche gefahren und wurde kein einziges mal aufgehalten. 

Vor Korbus sprudelt eine knapp sechzig Grad heiße Quelle ins Meer, wo man sich dann selbst durch entsprechende Positionierung seine Wohlfühltemperatur gestalten könnte. Heute leider nicht. Das Meer ist zu wild und darüber hinaus hat sich sehr viel Seegras angesammelt. Ein paar Schmerzbefreite halten trotzdem tapfer ihre Kasler in die Rinnen mit dem sehr heißen Wasser, aber ich passe. 

Der Wind weht stark und beutelt mich ordentlich durch in Haouaria ganz im Norden, bis ich hinabsteige in einen finsteren, stillen Steinbruch der Römer, angelegt, um Sandstein für Karthago abzubauen. Von den unterirdischen Hallen schaue ich Schächte hoch, die dreißig Meter nach oben verlaufen und damals für die Sklaven die einzige Licht- und Sauerstoffquelle waren.  Ein Teil des Systems ist eingestürzt, weswegen irgendwann die gesamte Anlage gesperrt wurde, aber ein Gitter wurde ausreichend weggebogen und niemand ist hier, der mich an einer genaueren Exploration hindern könnte. Dumm ist der, der Dummes tut, deswegen bleibe ich auch nicht lange. 

Ein Stückchen weiter, vor Kelibia, liegt nämlich das Wrack eines Frachters, der vor der Küste auf Grund gelaufen ist, das will ich auch noch sehen. Mühsam sind die letzten Kilometer über sandige Pisten mit tiefen Fahrrinnen, aber es zahlt sich aus. Ein Tscheche hat sich dort mit seinem historischen Ostblock-Allradgefährt eingerichtet, doch viel Zeit für eine Plauderei bleibt nicht mehr. Gleich wird´s finster und bis nach Tunis fahre ich noch mehr als zwei Stunden. 

Was das Moped besonders die letzten Tage aushalten musste, kann sich keiner vorstellen. Unzählige tiefe Schlaglöcher, die ich zu spät gesehen habe, hunderte Bodenschwellen, vor denen ich von fünfzig bis siebzig km/h auf fast null abbremsen musste, wenn ich sie denn rechtzeitig gesehen habe, was sehr oft nicht der Fall war. Wie können ein Fahrwerk, eine Federung oder die Reifen hunderte solcher wuchtigen Stöße überhaupt überstehen? Im Sand, im Gatsch, über Schotter, Felsen und durch Baustellen. Sollte Wof morgen auseinanderfallen, ich wäre trotzdem hochzufrieden mit seiner Performance. 

Proviant für die Überfahrt brauche ich auch noch. Und was kauft man sich, wenn man viel Zeit totzuschlagen hat? Einen Granatapfel, genau. Mehr werde ich nicht brauchen, bin ich doch mit Droo, dem traditionellen tunesischen Winterbrei aus Sorghumhirse, abgefüllt. Der kommt mit der großen Schöpfkelle aus einer Wanne und sehr grau daher, schmeckt aber in der Ordnung. Ungefragt schaufelt der Gastronom zunächst sehr viel Zucker dazu, dann kann ich aus allerlei auswählen und entscheide mich für Pistazien und Rosinen. Eine Schüssel davon und man ist nachhaltig satt, vielleicht für Tage. 

Noch vor Mitternacht werde ich am Hafen sein. Angeraten werden mindestens vier Stunden Vorlaufzeit, da es etwas chaotisch zugehen kann, ah geh. Wenn ich morgen in Sizilien einlaufe, weiß ich zumindest, dass ich rechtzeitig in Wien sein werde, sei es mit dem Zug, Bus oder Moped. Daumen halten!


 23. 10., von Hajeb El Ayun nach Tunis und La Marsa

Der Ami erzählt noch vom letzten Erdbeben in Kolumbien und davon, dass er keine Homies im Exil hat, dann reiße ich ab. 

So wie bei uns Bäume, pflanzt man in Tunesien über Kilometer Kakteenalleen entlang der Straße. Dass alle Pflanzen restlos vertrocknet sind, zeigt das Ausmaß der derzeitigen Dürre. 

Transporter, übervoll beladen mit Fenchel und Rüben sind unterwegs, aber die talentiertesten Hoch- und Querstapler sind bei den Strohfuhren am Werk. Kamelschädel mit heraushängender Zunge oder frisch abgezogene Felle, die vor Häusern hängen, zeigen an, wo gerade frisch geschlachtet wurde.

Viertausend Kilometer gefahren, den Reifendruck könnte ich mal kontrollieren. An der Wand der Tanke hängt ein Kasten, wo man einen Wert eingeben kann, die Luftzufuhr erfolgt dann automatisch. Aber bezeichnet der Wert die Menge an zugeführter Luft oder den Reifendruck nach Befüllung? Ein Berber mit kariertem Tuch um den Kopf und sehr schlechten Zähnen, auch hier zum Boxenstopp, möchte mir helfen, hat aber auch keinen Tau. Er lässt Luft ab, pumpt wieder was nach, eineinhalb Bar, zweieinhalb Bar, verbrennt sich trotz Warnung am heißen Auspuff, lässt wieder etwas ab. Sicher hat er selbst erst kürzlich ein Kamel gegen sein Peugeot-Moped eingetauscht. Irgendwann fahre ich, das hätte ich mir sparen können. 

Je näher ich Tunis komme, desto chaotischer wird der Verkehr. In Kreisverkehren geparkte Lastwagen, verstaute Ortschaften wegen stattfindender Viehmärkte, alle Tiere auf Pickups in zweiter Spur verladen. Die Gegend bleibt im Landesinneren im Gegensatz zur Küste recht schön bis ganz nahe zur Stadt hin, karge, aber gepflegte Kulturlandschaft. Die Randbezirke präsentieren sich dann erwartungsgemäß räudig, ähnlich wie bei uns Transdanubien oder Simmering. Noch mehr Polizei und Militär als sonst lungert an den Kreuzungen herum. In Tunis und mehreren anderen Städten ist es zu schweren Zusammenstößen gekommen, nachdem ein Mann in Polizeigewahrsam gestorben ist. Außerdem protestiert man gegen die Wirtschaftskrise, den Präsidenten und überhaupt. 

Ich checke ein im schon erprobten Hotel, bekomme zufällig oder mit Kalkül mein altes Zimmer und fahre gleich weiter nach La Marsa im Norden, ein kleines, entspanntes Nest am Meer. An den Ampeln dorthin betteln die einzigen Schwarzafrikaner, die ich bis dato in Tunesien gesehen habe, wahrscheinlich gestrandet am Weg nach Europa. 

28 Grad, makelloser Sandstrand, auch das Wasser ist noch gut besucht. Manche Männer tragen ein Jasminblümchen hinter dem Ohr, links, wenn single, rechts, wenn vergeben. Hier könnte ich sogar ein Bier trinken! Allerdings nur versteckt an irgendeiner Hotelbar, was mir dann doch zu blöd ist. 


Donnerstag, 22. Oktober 2026

 22.10., von Tozeur nach Hajeb El Ayun

Planänderung. Tozeur wird mein südlichster Punkt bleiben und ich mich zurück nach Tunis aufmachen. Aus unerfindlichen Gründen fährt zwischen dem 25. und dem 31. Oktober keine Fähre zurück nach Sizilien und der zweite Termin ist zu spät, als dass ich wie vereinbart Ena, Vodoo, Tanja und Sandy in Catania treffen könnte. Verkürztes Tunesienprogramm also, halb so wild. 

Dass ich gestern doch noch einen Handschuh verloren habe, nehme ich so hin als kleinen Preis für meine Blödheit und kreuze monobehandschuht die einspurigen Bahngleise, die im Kopfbahnhof Tozeurs münden und schon von Alice besungen wurden. Bis hierher kommt man von Tunis mit dem Zug, aber auch nicht weiter. 

Dann fahre ich lange durch einen riesigen schattigen Palmenhain, der die Stadt umgibt. Eine Million Bäume kämpfen hier mit zunehmendem Wassermangel. Deren Bewässerung verheizt momentan die letzten fossilen Bestände, aber Datteln bringen Tunesien unglaubliche zwanzig Prozent der Exporteinnahmen.

Die Tour heute beginnt famos, zuerst durch die Ebene und dann ins Gebirge. Was sich so alles findet in der Wüste. Neben den üblichen Wracks, wirklich nur mehr die skelettierten, verrosteten Karosserien ohne Türen, Sitze, Verkabelung, Motor oder Achsen, zum Beispiel die sehr große Ladefläche eines Kippers oder der Teil eines Betonmischers, der sich dreht. Scheinbar ist der Beton darin ungeplant ausgehärtet. Später sehe ich noch zwei dieser Rieseneier in der Gegend herumkugeln, seltsam. Unmittelbar an der algerischen Grenze liegt die Bergoase Mides und ihr kleiner, aber knackiger Canyon. Tief und steil eingeschnitten in den Fels ist die Schlucht, aber nur drei Kilometer lang. Von einem ungesicherten Plateau hoch oben kann man in den gigantischen Spalt schauen, wobei ich eingedenk meiner gestrigen Erkenntnis weit weg vom Rand bleibe. 

Das Gebiet östlich lebt vom Phosphatabbau. Die zersprengte Mondlandschaft rund um Gafsa umfahre ich auf Anraten Zacharias großräumig und bleibe nur zum Lunch in dieser Industriestadt. Eine riesige Fabrik steht im Ortsgebiet und auf dem zentralen Platz wurde ein großes Monument errichtet, bestehend aus einem Krampen und einer Schaufel, gekreuzt auf einem Bergarbeiterhelm mit Stirnlampe. Die gelben bis bräunlichen Zähne der Ansässigen aufgrund von hohem Fluoridgehalt im Wasser und in der Luft kann ich nicht bestätigen, obwohl die Schulmädchen in der Fastfood-Bude, in der ich speise, minutenlang ihre Beisser im Spiegel betrachten. 

Wieder unterwegs, bleibe ich bei einer Gedenkinstallation stehen, hier ist wohl jemand verunfallt. Ein Röhrenfernsehergehäuse auf einem weiß lackierten Reifen und darauf Plastikblumen in einer Vase.

Mein Offline- Navi macht keinen Unterschied zwischen einem Feldweg und einer Bundesstraße, Hauptsache, die Distanz zum Ziel ist die kürzeste. Kurz vor meinem heutigen Etappenende schickt es mich erst über einen wenigstens einsamen Friedhof und dann kilometerweit auf holprigen Pfaden durch eine Olivenplantage. Ein Bauer fährt mir netterweise nach und hilft mir, wieder den Weg zurück zu finden. 

In Hajeb El Ayoun kam es 1943 zum Showdown zwischen den Amis und Rommels Afrika Korps, aber deswegen bin ich nicht hier. Einzig die billigste Hütte im Umkreis und die strategisch hervorragende Lage am Weg nach Norden sind der Grund. Über meinem abendlichen Couscous, aufgefettet im wahrsten Sinne des Wortes mit einem formlosen und knochigen, aber wohlschmeckendem Brocken Schafffleisch, lerne ich einen Ami kennen, der in Kolumbien lebt und mit einer in Kroatien geliehenen Suzuki in Richtung Wüste unterwegs ist. Die Haare sind ihm stressbedingt ausgefallen und bis heute nicht nachgewachsen, da hat er gekündigt und nach Kolumbien geheiratet und ist jetzt in Pense, obwohl sicher nicht älter als ich. Hauptsächlich zeltelt er und von der Welt hat er insgesamt schon viel gesehen. So viele Geschichten und kein Bier dazu.


Mittwoch, 21. Oktober 2026

 21.10., von Kairouan nach Tozeur

Gestern umständehalber blau gemacht, heute für Tunesien ambitionierte dreihundert Kilometer geplant. Der Süden verheißt die größten Chancen auf Abenteuer und die Zeit rennt, deswegen. Also zeitig aufgestanden und Kaffee so dick wie Schweröl getrunken, dazu ein bröseliges Brot, Margarine und Marmelade. Pro Stock leistet sich das Hotel Tunisia einen eigenen kleinen Speisesaal mit Personal. 

Wof schnurrt wieder und bei der Tanke kann ich mir endlich meine strategische Reserve in Form von eineinhalb Litern Benzin in der Flasche anlegen, so fährt sich´s gleich wesentlich entspannter. Eine Zeit lang fahre ich inmitten eines kleinen Militärkonvois mit brandneuen Lastautos und Humvees. Für Allah und das Militär findet sich wohl immer ein Sondervermögen. 

Die Kamelsichtungen häufen sich. Ein totes Pferd liegt fünfzig Meter abseits der Straße in einer breiten Senke. Rundum Blut, ansonsten wirkt es recht frisch und unversehrt. Die Gegend wird endlich schöner, weil auch menschenleerer. Ein Großteil der Bevölkerung lebt im Norden des Landes. Für starken Kontrast zum kargen Braun sorgen die viele Meter langen Vorhänge aus leuchtendroten Spitzpaprikas, die an der Straße verkauft werden. 

In einer der wenigen Städte, durch die ich fahre, ist gerade Markttag. Aufgehängte Kalbs- und Schafschädel, Tiere, Granatäpfel und Kürbisse auf Pickups, Pferde, die der Breite nach auf die Ladefläche eines Lastwagens geschlichtet wurden, sicher zehn Stück. Junge Olivenbäume werden verkauft und alles, was man aus Fellen herstellen kann, und Motorteile. Große, ölige, metallisch-graue Haufen voller Eisen, wobei die Verkäufer genauso aussehen, wie ihre Ware.  

Von wegen, ambitioniert. Es geht flach und schnurstracks dahin. Die dreihundert Kilometer werde ich heute locker runterbiegen, sogar mit Mittagspause. Im Restaurant der Wahl scheuche ich zwei Frauen auf und bedeute ihnen, dass ich etwas essen möchte. Sie reden arabisch auf mich ein und niemand versteht auch nur ein einziges Wort des Gegenübers. Die eine fragt mich etwas, ich vermute ein Speisenangebot und sage oui, oui.  Dann imitiere ich ein Huhn. Wieder reden sie auf mich ein, ich sage oui, oui. Sie: Oui, oui???, und schauen mich entgeistert an, dann schnattern sie wieder und wir lachen viel. Ich deute auf meine Augen und schließlich darf ich einen Blick in die Kühltruhe machen und mir einen handtellergroßen Fisch angeln. Vor dem Hauptgang bekomme ich noch einen Teller mit gelben Nudeln mit Tomatensauce und einem Stück Erdäpfel obendrauf, soll mir auch recht sein. Der mittlerweile eingetroffene Herr des Hauses schreibt mir dann eine Rechnung, sogar einen abgebrochenen Stempel samt Kissen kramt er aus einem Plastiksackerl hervor und ist ganz schön stolz. Leider kann ich nix damit anfangen, ich bin ja nicht der Travelex, der seine Reisen von der Steuer abschreibt.

Ein Weilchen später hat die Landschaft  auch noch den letzten Rest an Vegetation verloren. Trotzdem schätze ich, dass gut dreißigtausend Menschen in der Stadt wohnen, die sich links von mir in einer Senke befindet. Kein Schatten, nur kahles Geröll, soweit das Auge reicht. Wovon zum Geier ernähren sich diese Menschen?  Sicher nicht vom Bauschutt und den Müllhalden, die sie rundum angelegt haben. Tankstellen werden auch immer rarer. Sprit gibt´s jetzt dort, wo Schläuche aus Kanistern heraushängen, die am Straßenrand gestapelt sind. Benzina, no Melange si wu plä! Natürlich hätte ich nichts einzuwenden gegen einen guten Kaffee, aber Melange steht in diesem Fall für ein Benzin/Ölgemisch für Zweitaktmotoren, womit hier die meisten Mopeds fahren.

Gegen Ende der Etappe stecken dann hüfthohe Schilfzäune über Kilometer entlang der Straße im Boden, damit die nicht ständig versandet, ich bin in der Wüste angekommen. Attention! Passage Dromadaires! warnen große Schilder. Tatsächlich, rechts von mir steht die erste Herde mit sechzehn Tieren, später sehe ich noch viel mehr. Natürlich gehören die Viecher irgendjemandem, aber Ohrenmarkerl oder Brandzeichen oder Sonstiges kann ich nicht entdecken.  

Schon nachmittags erreiche ich Tozeur, eine der größten Oasenstädte im Süden des Landes, bekannt für seine Palmenhaine und seine Altstadt und am Flughafen rosten zwei Boeings von Saddam Hussein vor sich hin, die dieser angesichts der sich abzeichnenden Niederlage noch schnell außer Landes bringen ließ. Tozeur liegt am Nordufer von Chott el-Djerid, einem Teil des größten Salzseengebietes der Welt. Ein riesiges, abflussloses Becken am Rand der Sahara ist das, von Karl May dereinst mit vielen Geschichten bedacht. Einbrechende und versinkende Karawanen, Fata Morganas, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in Action. Die Amis wollten den Salzsee in den Sechziger Jahren mit Hilfe von Atombomben tiefer legen und so einen Binnensee erschaffen, man konnte es ihnen ausreden. 

Mein Gastgeber Zacharias meint, da ginge sich doch noch locker der Trip nach Mos Espa aus, wo die Kulissen aus Star Wars, Episode Eins, noch immer erhalten sind. Etwas überhastet checke ich ein und breche ich auf, ohne Wasser und nur im Leiberl, zuerst nach Nefta und von dort fünfzehn Kilometer nach Norden auf einer asphaltierten, herrlich kurvigen Straße durch eine Bilderbuchwüste mit vereinzeltem, dornigen Buschwerk.  Runde, hobbitartige Behausungen haben die Filmmenschen hier inmitten von Sanddünen gebaut, dazu wie Antennen aussehende Luftverdampfer, mit denen im Film Feuchtigkeit aus der Luft gewonnen wurde. Absolut surreal und lässig! Entspannte Wüstenheinis verkaufen daneben alles vom gebleichten Kamelschädel bis zum Kühlschrankmagneten, ich erstehe eine eiskalte Flasche Wasser zum Wucherpreis. 

Rechts neben dem Gelände zeigt mir mein Navi eine weitere Sehenswürdigkeit, den Berg Ong Jmal am Südufer eines weiteren Salzsees, zirka acht Kilometer entfernt. Eine holprige, felsige Piste dorthin zweigt ab, der folge ich. Schon nach zwei Dritteln der Distanz biege ich nördlich ab, das Navi zeigt mir den See ganz nahe. Allzu weit wage ich mich nicht hin zum Ufer. Eine große, flimmernde weiße Fläche also im Sand, o.k. Ich drehe wieder um und biege bei der nächsten Abzweigung rechts ab, wo ich schon bald in tiefem Sand stecke. Das kann nicht der richtige Weg sein. Wieder zurück also und ein Stückchen weiter nach Süden fahren, bis sich eine andere Abzweigung auftut, ist aber auch nicht die, die ich suche. Ich bin offline, aber immerhin wird mir der Weiler Mos Espa angezeigt, zumindest kenne ich die Himmelsrichtung dorthin. Meine Piste muss irgendwo links von mir verlaufen, aber ich traue mich nicht, durch den jungfräulichen Sand zu kreuzen oder Wof stehenzulassen und zu Fuß zu scouten. Also weiter im schweren Terrain. Wof schleudert´s, die Reifen drehen durch, ich watschle und schiebe mit. Dann ist der Bildschirm des Telefons schwarz, Akku leer. Ich spüre die Panik, wie sie sich anschleicht. Cool bleiben jetzt, leichter gesagt. Habe ich die Powerbank mit oder habe ich sie in der Jacke, die im Zimmer hängt. Im seitlichen Hosensack finde ich sie. Fünf Kilometer, eineinhalb Stunden, bis die Sonne untergeht. Kurz vor dem Ziel treffe ich wieder auf die felsige Piste und dann sehe ich den Asphalt. Ich küsse den Boden, wasche mir das Gesicht, saufe die Flasche aus, vallah billah! 

Ena sagt oft, ich sei nicht der Hellste. Das meint sie auch gar nicht böse, sie konstatiert es einfach nur trocken angesichts zahlreicher Ereignisse, die nicht für meine geistige Gesundheit sprechen. Ich denke, es ist an der Zeit, das zur Kenntnis zu nehmen. 

Daheim eine lange Dusche, auf der Straße noch eine gefüllte Flade, dann ins Bett. Ich werde schlafen wie ein Stein.


Dienstag, 20. Oktober 2026

 20.10., Kairouan

Vielleicht ist mein Zimmer das entzückenste, in dem ich jemals abgestiegen bin. Eine orientalische Vision mit teilweise bemaltem, rundem Deckengewölbe, zweiflügeliger Tür, bunt verfliestem Boden, verschnörkeltem Himmelbett mit weißen Vorhängen und zwei vergitterten Fenstern in den kleinen, ebenfalls verfliesten Innenhof, zu dem hin sich auch die anderen Zimmer auf zwei Ebenen öffnen. Salah beobachte ich durch das Fenster, wie er den Tisch deckt. Alles wird zentimetergenau eingerichtet und nachpoliert. Später beim Frühstück bedient er mich wie einen Großemir, schiebt mir den Sessel unterm Hintern nach und schenkt mir ein, peinlich. Aufgewartet wird eine Flade mit Margarine, Marmelade und einem gekochten Ei. Nicht gerade üppig, aber mit Grandezza dargereicht.

Später bringt er mich zur nächsten Mopedwerkstatt, wo neben den längerfristigen Projekten kurz nach der Öffnungszeit schon fünf, sechs Einheimische mit ihren zusammengerittenen Mopeds vorstellig geworden sind, Boxenstopp quasi. Alle sind gut drauf und für meinen Patienten werden eineinhalb Stunden und fünfundzwanzig Juros veranschlagt, das ist würdig und recht. 

Natürlich ist die Medina von Kairouan Unesco Weltkulturerbe und abgesehen davon spirituelle und religiöse Hauptstadt Tunesiens und weltweit nach Mekka, Medina und Jerusalem die viertheiligste Stadt des sunnitischen Islam. Sieben Pilgerfahrten hierher ersetzen die eine nach Mekka. Dreieinhalb Kilometer lang ist die mit Zinnen bewehrte Stadtmauer mit zehn Toren und zwanzig Wachtürmen. Natürlich schreibe ich das alles von meinem Reiseführer ab, so etwas kann und muss ja keiner wissen.

Wenn ich alles richtig verstanden habe, hatte der Stadtgründer ein paar Haare des Propheten im Hosensack, vielleicht war er ja sein Frisör, und deswegen gibt es hier dreihundert Moscheen. Die größte und älteste von allen, nach dem Vorbild des Very large Telescope in Chile ebenfalls äußerst geistreich Die große Moschee benannt, ist in ihren Dimensionen und ihrer Ausstattung enorm. Eine Open Air Anlage mit einem Minarett aus dem achten Jahrhundert und einem mit Marmor gefliesten Boden, darauf zwei Sonnenuhren zur Festlegung der Gebetszeiten. Dem nicht genug, gebe ich mir noch ein schön verfliestes Mausoleum und einen heiligen Brunnen aus dem siebenten Jahrhundert. Der Legende nach hat er eine direkte Verbindung zum Zamzam, dem heiligen Wasser aus Mekka, wovon sich wiederum der österreichische, superlativierte Trinkspruch Zamzamzam herleitet. Im ersten Stock des Gebäudes muss ein Kamel angebunden an einem Holzkonstrukt seine Runden drehen, um das Wasser aus fünfundzwanzig Metern Tiefe zu pumpen. Ich denke, es wird sein ganzes Leben in dieser Nische verbringen, außer es kann Stiegen steigen.

Als ich in der Früh Salah zur Werkstatt nachgefahren bin, die im Übrigen dem Anschein nach super Arbeit geleistet hat, hat er sich aus einer kleinen Nische heraus ein Sackerl mit Fressalien geben lassen. Hier esse ich zu Mittag. Drei selbstgebastelte Barhocker und ein Brett an der Wand für die Gäste, eine tiefe Pfanne mit heißem Fett und eine verkrustete Schüssel für den Wirten, der darin höchstwahrscheinlich Ojja anrührt, einen hervorragenden Schlatz aus diversen Saucen und Gewürzen, in den ein nur kurz anfrittiertes Ei gerührt wird. Mit einer Flade, die mir direkt aufs vollgekleckerte Brett gelegt wird, und ein paar Gummifritten wird aufgetunkt, Besteck gibt´s keines. Blockabfertigung. Ist einer fertig, wird sein Teller in einem Trog abgespült und mit Papier trocken gewischt. Grind und Fliegen, ein wrackreifes Moped nimmt ein Viertel des verfügbaren Platzes ein. Ich komme aus Australien und zahle fünf Dinar, das entspricht einem Euro fuffzig. Den Verdauungskaffee und die vier Kohletabletten, die ich mir nach diesem kulinarischen Stunt präventiv vergönne, nehme ich auf einem kleinen Platz ein, aber die Drecksfliegen, die auch beißen, nerven wahnsinnig, sobald man sich wo hinsetzt. Gerne halten sie sich auch bei den Gerbereien auf, ein wahres Fliegenparadies. Schöne Silberringe gäbe es, aber alle sind zu klein für meine Wurstfinger. Einen Granatapfel, der so groß ist wie Enas Kopf, kaufe ich mir für daheim.

Bei mir ums Eck gibt´s ein Kino, das ist die Gelegenheit. Alle Filme natürlich nur auf Arabisch, aber einen einzigen englischen Streifen für Touristen hätte der Mann am Schalter ebenfalls. Er würde ihn sofort abspielen, nur für mich. Um was geht´s? Um den Islam. Ich komme abends wieder. Vorher werde ich kurzerhand delogiert. Organisatorische Unschärfen, Fremdbuchung trotz Zusage an mich. Die Nachmieter kommen in zehn Minuten, aber ich solle mir ruhig Zeit lassen. Ein Ersatzquartier hat die nette unbekannte Dame am Telefon schon für mich gebucht, Hotel Tunisia. Drei Minuten mim Moped, außerhalb der Medina, zwölf Juros. Der Preis überzeugt mich, aber auch in Tunesien bekommt man für diese Kohle nur überschaubare Gegenleistungen. Wof wird über drei Stufen in ein Nebengebäude verräumt und ich brauche den Hotelboy, um meine Zimmertüre überhaupt aufsperren zu können. 60er-Charme, die Bremsspuren des Typen vor mir noch in der Keramik, alhamdulillah! 

Ab ins Kino. Das ist chic in einem historischen Haus untergebracht, aber trotzdem ganz modern und neu. Die jungen Besucher sind auch sehr chic und die Filmcharaktere auch. Man raucht E-Tschick, trägt Bikinis, fährt Merzedes und Jeep, trinkt Corona und tippt in Eiphones. 

Die Handlung behirne ich problemlos. Eine Partie schöner Menschen verbringt ein Wochenende im Edeldomizil, aber Unheil bahnt sich an. Ein überfahrener Vogel ist das erste böse Omen. Dann verlasse ich das Etablissement, ich habe meine Zeit ja auch nicht gestohlen. Als Cineast erster Güte genügen mir die paar Minuten, um den Film als das zu erkennen, was er ist, der totale Dreck. 

Verbringe ich doch meine wertvolle Zeit lieber damit, den Granatapfel zu entkernen. Merke: Kaufst du dir einen großen Granatapfel, kaufst du dir sehr viel Arbeit. Die Monotonie des Unterfangens kann nur durch wenige Tätigkeiten übertroffen werden, etwa das Löffeln einer Schüssel Suppe mit einer Gabel oder das Stricken eines Winterpullovers mit einer Angelschnur. Wäre ich ein eingepuffter indischer Eremit, ich würde aufgehen in dieser kontemplativen Übung, bin ich aber nicht. Gegen Ende der Session fresse ich mir die Bemmerl nur mehr hinein, damit ich irgendwann fertig werde, und bin froh, den klebrigenTatort morgen verlassen zu können.


 19.10., von Tunis nach Kairouan

Nicht nur Autos, LKW´s und Mopeds, auch Stapler, motorisierte Rollstühle, Schaufelbagger und von Menschen gezogene Holzkarren behindern den Verkehr. Jeder ist in Tunis willkommen, seinen Teil zum vollendeten Verkehrschaos beizutragen. Wenigstens gibt es hier auch so etwas wie die Südosttangente, auf der ich mich verhältnismäßig zügig von dannen machen kann. Männer mit viel Gepäck warten am Straßenrand wohl auf Sammeltaxis oder Überlandbusse, ihnen viel Glück. Die Außenbezirke von Tunis sind kein schöner Anblick und es stinkt. 

Vorerst grobes Ziel ist der Süden, der Ostküste folgend. Staubiges, ebenes Brachland, verunstaltet mit Haufen von Bauschutt oder sonstigem Müll. Plastiksackerl hängen in Zäunen und Büschen. Schäfer lassen ihre Tiere entlang der Straße nach Fressbarem suchen. Wenigstens können sie sich frei bewegen, bis sie einen grausamen Tod sterben müssen. An einer Tankstelle ist ein Schaf festgebunden und muss mitansehen, wie zwei Meter neben ihm sein Kollege ausblutet, nach islamischen Vorgaben ohne vorherige Betäubung. 

Im Touristenstädtchen Hammamed im Norden passiert nicht viel, bis um Zwölf hunderte Schüler die Straßen fluten und Leben in die Bude bringen. Dann komme ich nur mehr im Schritttempo weiter, inmitten von Schuluniformierten. 

Mittlerweile regnet es. Nicht übermäßig, aber genug, dass sich schnell große Lacken bilden. Kanaldeckel sehe ich keine, nur Gräben neben den Straßen. Regelmäßig tauchen Moscheen am Horizont auf, sonst reine Schuhschachtelarchitektur. Hier geht nicht viel, außer der Wind. Regelmäßig passiere ich Polizeikontrollen, noch lässt man mich in Ruhe.

Auf Höhe der Stadt Sousse biege ich wieder ins Landesinnere ab, fahre über einen Schweller und zack- reißt das Auspuffrohr vor dem Endtopf ab, der jetzt am Boden aufliegt. Ein Fressbudenbetreiber spricht Englisch, alle möchten helfen. Irgendeiner führt mich zur nächsten Werkstatt, wohin ich Wof scheppernd schiebe, keine hundert Meter entfernt. Die zwei Mechaniker dort machen sich auch gleich ans Werk und löten das Röhrl, aber das eigentliche Problem ist, dass sich scheinbar im Laufe der letzten dreitausend Kilometer die zwei massiven Befestigungsschrauben des Endtopfes rausgezittert und verabschiedet haben, weswegen das Trumm nur mehr über besagtes Rohr mit dem Restmoped verbunden war. Da es in dieser Werkstatt keine einzige Schraube zu viel gibt, fährt der eine los und es dauert eine halbe Stunde, bis er wieder kommt. Dann biegen sie mit einem Brecheisen herum und erhitzen mit dem Lötkolben das Rohr, aber die zwei schaffen es einfach nicht, die zweite Schraube zu montieren. Sympathisch und bemüht sind sie ja, aber scheinbar nicht sehr talentiert. Zwölf Euro hätten sie gerne für ihre fragwürdigen Dienste, mehr sind sie auch nicht wert. 

In der Fressbude kehre ich noch ein und trinke ein tunesisches Cola, dann rausche ich ab mit windschiefem Auspuff. Zehn Kilometer später liegt das Teil wieder am Boden. Das Rohr ist wieder gerissen und die eine Schraube fungiert jetzt lediglich als mittiger Drehpunkt des Topfes, wenn ihr versteht. Ein Stück Draht täte not, habe ich aber nicht. Mein einziger fetter Kabelbinder hält keine fünf Kilometer, ehe er schmilzt. Zurück zur Werkstatt fahre ich nicht mehr. Ich möchte mein Quartier erreichen, so lange es hell ist. Mit einer Gepäckgummiwurst kann ich zumindest den Topf nach oben ziehen, mache jetzt aber mächtigen Lärm, der sich in den engen Gassen der Medina von Kairouan noch erheblich verstärkt. Auf der Suche nach meinem Zimmer ende ich in einer engen Sackgasse, meine Rückspiegel schleifen links und rechts. Die Anrainer schauen aus ihren Fenstern, pardon, pardon. Ein kleiner Bub kommt und schaut sich das lautstarke Spektakel näher an und kassiert dafür gleich eine Watsche. Frechheit, den Neugierigen gehört die Welt. 

Die Adresse stimmt nicht, Schilder gibt´s keine, die Menschen kennen die Unterkunft nicht. Aaaaahhhh! Einer hilft, fragt sich durch und trifft einen Dicken, Salah. Der ist mein Mann, ja gibt´s das. Er sperrt mir die in einer Nische sehr gut versteckte Bude auf, zeigt mir mein Zimmer, schon wieder bin ich restlos erledigt. Ein Bier wäre jetzt schön, aber schon gar nicht in Kairouan, heiliger Stadt wegen irgendwelcher Haare, mehr dazu morgen. Trinke ich halt Tee, aber nicht bei den alten Knackern, wo ich nicht bedient werde. 


Sonntag, 18. Oktober 2026

 18.10., Tunis

Eine Momentaufnahme im kleinen Speisesaal meines Hotels, wo Frauen trotz Betriebes gerade den Boden feucht aufwischen. Das Frühstücksbuffet gibt Folgendes her: Gekochte Eier, einen völlig neutralen, ungereiften Käse, Oliven, einem Teller mit kleingehackten Gurken und Tomaten. Zwei Säfte und extrafeine Einheitswurst in Leuchtfarben, außerdem noch Halva und Croissants. Gegessen wird mit billigstem Kindergeburtstagsplastikbesteck und der Kaffee wird aus Pappbechern getrunken, wobei die Milch dazu wohl ganz dünn angerührtes Milchpulver ist. Die meisten Gäste nehmen sich ein Kompaktweckerl und ein Ei dazu, ohne Butter, Öl oder Sonstiges, Nahrungsaufnahme als Notwendigkeit. Den einzigen Salzstreuer für den ganzen Frühstücksraum habe ich eingezogen. Alle anwesenden Frauen sind verschleiert  und obwohl einige Tische besetzt sind, herrscht Schweigen, untermalt von leiser arabischer Schleiftonmusik. Vom Gefühl her glaube ich, dass es eine gute Idee ist, fortan Flötzhemmer und Kohletabletten im Hosensack mitzuführen.

Auf der Straße wird sehr viel Brot verkauft. Hauptsächlich minderwertige Baguettes, aber auch frittierte Varianten, so wie Langos. Dazu knabbert die überwiegend hellhäutige Tunesierin Nüsse, Kerne, Datteln und dergleichen. Granatäpfel werden direkt vom Anhänger gekauft, die haben gerade Saison.

Demolierte  Straßenbahnen und Sammeltaxis. Insgesamt wirkt alles ziemlich schmuddelig und kaputt, aber im gewohnten Rahmen. Kleinere Märkte mit Afroramsch, gebrauchter Kleidung, Plastikspielzeug. Viele, viele Katzenbabies, denen man Essen hinstellt. Es stinkt nach Katzenpisse. Streunende Hunde kommen mir nicht unter. Ein imposantes Monument auf einem großen, sterilen, leeren Platz vor einem palastähnlichen Gebäude, wo Bullen in Autos hocken und mit ihren Handies spielen. Tunesische Flaggen überall, die stark an die türkische Fahne erinnern, osmanisches Reich und so. Später biege ich in die Altstadt, in die Medina ein, die zunächst trotz geschätzter hunderttausend Einwohner wie ausgestorben ist. Ein recht normales Wohngebiet mit engen, verwinkelten Gassen, schönen Bogengängen, unterschiedlich oder unvollständig verfliesten Fassaden. Unförmige Pflastersteine, oft mit einer Rinne in der Mitte, sind tückisch. Manche Holztore sind bunt bemalt und mit Eisennieten geschmückt. Angeschrieben ist alles in Arabisch, einer sehr eleganten Schrift, selten auch in Französisch. 

Als ich zu den Ausläufern des überdachten Souk komme, schmeißen mir die Verkäufer multinationale Wortbrocken hin, um herauszufinden, woher ich komme. Ich strafe sie mit Schweigen. Bald sind die Gassen voll mit Touristen, Kaffeehäusern und Läden. Am nicht sehr prächtigen Prachtboulevard, der bei einem alten Tor, das wiederum den Rest der alten Stadtmauer repräsentiert, beginnt, steht die französische Botschaft, gesichert mit drei Zaunreihen und Stacheldraht. Tunesien war früher Frankreichs Kolonie und das kam stark gekürzt so: Tunesien hatte bei Frankreich Schulden, Soldaten marschierten ein, man plünderte die Ressourcen. Vor siebzig Jahren erfolgte die Unabhängigkeit, wobei Frankreich nicht gewillt war, einen bestimmten Militärstützpunkt ebenfalls zu räumen. Nach vielen tunesischen Toten zogen die Franzosen dann doch komplett ab. 

Schwarz gekleidete Frauen mit Kindern hocken im Dreck und betteln. Taxifahrer legen sich während der Fahrt Handtücher über ihre Unterarme, wohl um unerwünschten Teint zu verhindern. Vor dem Justizministerium halte ich nur für Sekunden inne, deutet mir schon ein Uniformierter und stampert mich weg. Pfadfinder, Judoka und noch irgendeine Interessensgemeinschaft gehen hinter einer Marching Band, die hauptsächlich aus Kindern besteht, und schwenken Fähnchen. Auch ich war dereinst bei den Pfadfindern, erinnere ich mich. Im Rahmen eines Zeltlagers und Pfadfinderwettkampfes musste ein armer Mensch von uns gekochte Löwenzahn/ Gänseblümchensuppe verkosten und bewerten, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Boulevard endet am Platz des 14. Januar, benannt nach dem Beginn der Jasminrevolution 2011, die zumindest in Tunesien eine Demokratie hervorgebracht hat, wenn auch nur kurzfristig. Mittlerweile herrscht wieder eine autokratische Regierung und sehr viele Überwachungskameras hängen in der Gegend herum. Eine Foodtour buche und storniere ich gleich wieder. Ich wäre der einzige Teilnehmer gewesen, was zwangsläufig zu stundenlanger Konversation geführt hätte. Da gehe ich lieber in die große Markthalle und suche mir dort ein paar Snacks. Gewürze, Obst, Gemüse, das Übliche. Recht gesittet geht es hier zu, aber die sehr große Fischhalle spielt in einer anderen Liga. Männer schreien herum, nehmen aus, entschuppen, zerteilen Tun- und Schwertfische und Muränen im Akkord. Schon mit den Eingeweiden, Schuppen und sonstigen Abfällen, die in Haufen neben den Schneidbrettern am Boden liegen, könnte man ganze Scheibtruhen füllen. Kundige Frauen drängen, wühlen selbst im Angebot und befüllen sich Säcke, ein großes Schauspiel. Hoffentlich sind meine Sohlen dicht.

Später wundere ich mich, dass in einer Straße ausschließlich Rechtsanwälte und Übersetzer ihre Büros haben, bis ich auf teilweise aufgelöste, weinende Angehörige stoße. Sie warten vor der Ausfahrt einer großen, mit einer Mauer umgebenen Justizwache auf regelmäßig auftauchende, vergitterte Polizeiautos, stecken dann den darin sitzenden Gefangenen schnell Päckchen zu, versuchen, kurz mit ihnen zu reden, ehe der Fahrer Gas gibt und sie weiß Gott wohin bringt.

Am Weg zu einem Museum verirre ich mich hinein in eine Kinder- und Entbindungsklinik, wo ganz hinten am Parkplatz etliche havarierte und mittlerweile ausgeschlachtete Rettungsautos abgestellt sind, latsche bei beachtlicher Hitze stark befahrene Straßen entlang, bis ich kapituliere, mich heim schleppe und am Zimmer ein Nickerchen mache.

Ein abendlicher Spaziergang. Der Soma-Shop hat schon zu, aber alle hocken vor alten Röhrenfernsehern oder Leinwänden, schon wieder ein Fußballspiel. Manche rauchen dabei Wasserpfeife oder spielen Karten, natürlich ausschließlich Männer, hunderte von ihnen. Nur die Plastiksammler nicht. Die wühlen in den großen Mistkübeln nach Verwertbarem, so wie auch die Katzen. Tunis ist sicher mäuse- und rattenfrei. Sonst passiert hier nix mehr. Alle Geschäfte in der Altstadt haben schon geschlossen und ich bin ganz alleine. Meine Schritte hallen durch die überdachten Säulengänge und ab und zu ist es so finster, dass ich genau schauen muss, wo ich hin steige. In anderen Gegenden würde ich mir in die Hose machen. 

Es ist noch nicht spät, ebenso gut könnte es aber vier Uhr morgens sein. Die einzigen Gestalten, die doch noch unterwegs sind, gehen in die Moschee. Hinter einer unscheinbaren Tür erstreckt sich ein riesiger, offener Platz mit Minarett, erhasche ich einen Blick beim Vorbeigehen, als Ungläubigem bleiben mir tiefere Einblicke verwehrt. Zurück in der Neustadt trottet ein Rudel unfrisierter Hunde ruhig an mir vorbei, es gibt sie also doch. Auch der Fakh Fakh Shop hat schon den Rollladen herunten, was auch immer hier sonst vertrieben wird. Geisterstadt also. Im Gegensatz zum sechsten Bier hat Mann wahrscheinlich nach dem sechsten Glas Pfefferminztee kein Problem damit, nach Hause zu gehen. Überhaupt hat mit Minztee noch keine große Geschichte begonnen, sehr wohl aber geendet.