Samstag, 10. Oktober 2026

 10.10., von Orbetello nach Neapel

Um Sieben checke ich aus und mache mich auf den Weg gen Süden. Noch ist es dunkel, noch ist alles gut. Beeinträchtigungen auf dem Weg wegen Überschwemmungen nahe Rom, sagt mein Navi, na wird schon nicht so schlimm sein, ahahahahahaaaaaa! 

Anfangs sind schimmelige, finstere Tunnel die Hauptattraktion, aber nach einer Stunde sehe ich schon die erste Gewitterzelle vor mir, ein schwarzes V inmitten hoch aufgetürmter, weißer Wolken. Ich könnte ja warten theoretisch, aber praktisch muss ich schauen, dass ich weiter komme. Starkregen, nach einer halben Stunde bin ich schon ganz schön nass. Von der Innenseite der Jacke rinnt es in die Handschuhe. Unter einer verlassenen Tankstelle warte ich dann doch ein Weilchen. Zwei Leidensgenossen reden mich an wegen des Wetters, si si, che miseria. Bei mehr Text muss ich die Notbremse ziehen, non parlo italiano. 

Heute möchte die Bevölkerung vermehrt mit mir in Kontakt treten. Ein Mopettenheini wie ich zog schon anerkennend die imaginäre Truckerhupe, als er mein Kennzeichen gesehen hat und eine Straßendirne, vom Schicksal und schlechter Ernährung mit Ungestalt geschlagen, fragte mittels eindeutiger, äußerst vulgärer Handzeichen an, ob ich nicht Liebe mit ihr machen möchte.  

Die erste überschwemmte Straße überrascht mich dann doch. Autos hinter mir, der Gegenverkehr achtet nicht auf mich und brettert durch die Suppe, viel Wasser von links und von unten, ein guter Teil davon in meine Schuhe. Später auf einer Art Schnellstraße spritzen die LKW´s gewaltige Fontänen über die Betontrennelemente und einige Male sind alle Spuren vor mir tief unter Wasser. Shit, da kann ich nur im Schritttempo durch, aber die, die sich gleichzeitig mit mir der Lacke nähern, fetzen durch ohne Rücksicht auf Verluste. Irgendwann schwimme ich das erste mal auf und dann sicher noch fünfmal. Dann geht die Drehzahl in die Höhe und ein schwammiges Fahrgefühl setzt ein, aber Wof bleibt dabei einigermaßen kontrollierbar. Ich wusste gar nicht, dass das auch bei Zweirädern geht, ohne dass es einen zwangsläufig auf die Pfeife haut. 

Normaler Regen wäre schon super, aber es schüttet extrem und ohne Unterlass. Eine Tortur. Der Zustand der Straßen macht das Unterfangen nicht leichter. Quadratmetergroße und tiefe Schlaglöcher, wo man die darunterliegenden Reihen von Kopfsteinpflaster sieht, wahrscheinlich noch aus dem römischen Reich. 

Nicht nur fahren die Itaker wie die Schinder, Schweine sind sie auch. Müll überall, vor Neapel haben sich so manche Unterführungen und Zubringer in regelrechte Müllkippen verwandelt, wo gerade noch so Platz zum Fahren bleibt. Mittendrin im Dreck hängt das Bild eines jungen Mannes, der hier weiß Gott wie ums Leben gekommen ist. 

Nach Stunden hört der Regen endlich auf, ich bin sehr glücklich. In Neapel ist der Straßenbelag auch so schon schlecht genug. Ein paar hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt, neben einem Spiellokal, vor dem zwielichtige Typen herumschlatzen, treffe ich eine Figur, die in einer Mischung aus Trainings- und Regenanzug steckt, wobei der Teil der Hose, auf dem normalerweise die Eier liegen, dem Typen bis zu den Knöcheln herunterhängt. Diese Witzfigur übergibt mir das Zimmer, das ich sogleich in eine Waschküche verwandle. Panier zum Trocknen aufhängen, gleich ein bisschen Wäsche waschen, heiß duschen, affengeil. 

Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis Ena um 19.00 landet. Noch schnell einkaufen gehen, denke ich mir, dann stehe ich dicht gedrängt mit allen anderen gefangenen Kunden zwanzig Minuten beim Ausgang, es schüttet schon wieder. Bis ich schließlich die paar hundert Meter zurück gelaufen bin, ist auch die letzte Garnitur waschelnass, Oida! Ena muss heute mit einem Taxi vorlieb nehmen, mich bringt nichts und niemand mehr aus der Bude.


Freitag, 9. Oktober 2026

 9.10., Orbetello, Monte Argentario

Wo auch immer ich bin, hier werde ich einen Tag bleiben. Erstens bin ich erledigt, zweitens sind die restlichen knapp vierhundert Kilometer nach Neapel auch noch morgen zu schaffen, bevor Ena abends aufschlägt. 

Die lärmige Bar unter mir konnte meinem zehnstündigen Schlaf wenig anhaben. Dann ein Kaffee in aller Ruhe am Balkon zur Hauptstraße hin zwischen zerfransten Fahnen, die das Hotel hier gehisst hat, ein Schlückchen Öl für die Mopette, einen Adapter organisieren. Auch mit aller Gewalt läßt sich der heimatliche Dreierverteiler nicht in die zierlichen Steckdosen mit drei Eingängen dreschen. 

Ich pausiere im untersten Zipfel der Toskana, im Süden grenzt das Latium. Und zufällig liegt vor Orbetello Monte Argentario. Ursprünglich eine Insel, mittlerweile vom Festland über drei angeschwemmte Landzungen und einen künstlichen Damm erreichbar und wunderbar für einen Tagesausflug ohne Tonnen an Zeug geeignet. Durch wuchtige spanische Befestigungsanlagen hindurch, entlang von Pulvermagazinen und einer Windmühle im Wasser quere ich die natürlich entstandene Lagune, in der seit einigen Jahren zum Beispiel der bei manchen sehr beliebte Waldrapp überwintert, eingeflogen aus einem Wiederansiedelungsprojekt im Waldviertel und offensichtlich zu faul, sich nach Afrika durchzuschlagen. Im Inneren der Insel, hoch oben am Berg, mache ich Halt beim Kloster der Passionisten, einer christlichen Splittergruppe, die besonders auf das Leiden des Jesus hineingekippt sind, und schaue auf Orbetello und das Meer. Kein Kommentar zu diesen Brüdern, die ihr Leben darauf verwenden, den Tod eines Zauberers zu betrauern. Hier herrscht Schweigen im Walde. 

Am Berggipfel steht neben einer Sendeanlage der RAI auch ein eingezäuntes, riesiges Metallkreuz, in dessen Maschendrahtzaun Menschen selbstgemachte Kreuze, meistens aus kleinen Ästen, aber auch aus Metall oder Plastikmüll gebastelt, gesteckt haben, ziemlich spooky. Eine Panoramastraße hoch über den Buchten und kleinen Stränden führt um die Insel, flankiert von alten Festungen, Wach- und Leuchttürmen. Nach Norden hin sehe ich schemenhaft Elba, dereinst Homebase des kleinen Napoleon, ehe ihm die Flucht gelang. 

Ganz im menschenleeren Westen wird die Straße zusehends kaputter, bis sie sich in eine steinige Piste verwandelt. Mit einem Leihmoped wäre mir das ja wurst, aber mit Mof habe ich noch viel vor. In Zeitlupe zittere ich mich über Geröll, bis ich den Strand Aqua dulce erreiche, wo ich über selbiges mit erhobenem Zeigefinger ins herrliche Meer balanciere und dann, sitzend auf einem angeschwemmten Ölkanister, auf den Sonnenuntergang warte, jetzt bin ich ja auf der richtigen Seite. 

Donnerstag, 8. Oktober 2026

 8.10., von Gatteo a mare nach Orbetello

Regen! Aussitzen geht nicht, der Zeitplan ist straff. Bis ich alles wetterfest verstaut habe, ist das Schlimmste eh schon wieder vorüber. San Marino, die weltweit älteste Republik, liegt fast auf meiner Route, dorthin muß ich einen kleinen Abstecher machen. Der im Jahre des Herrn 301 gegründete Gebirgsstaat mit gut 30.000 Einwohnern liegt hoch oben am Monte Titano und gefühlt überblicke ich von hier ganz Italien, von dem San Marino vollständig umschlossen ist. Zufällig findet ab heute die berühmte San Marino Rallye statt. Absperrungen und Heuballen vor Hindernissen sind schon verteilt, aber mehr als die Registrierung der Teams und die Einrichtung des Fahrerlagers wird heute nicht passieren. Schade, das wäre sicher ein Spektakel erster Güte, aber ich muß weiter in meinem höchstpersönlichen Rennen gegen mich selbst. Samstag abend landet Ena in Neapel und heute muß ich Italien queren.

Ein wolkenverhangenes Gebirge steht im Weg nach Arezzo. Schön ist die Strecke, kurvig, einsam und waldig, aber oben schüttet es so stark, daß es auf den Oberschenkeln weh tut. Ich rette mich unter einen zugewachsenen Verschlag, vielleicht ein altes Bushäuschen, und ziehe mir ein paar Pullis an, kalt ist es auch geworden. Beim Umpacken kippt Wheel of fortune um, bleibt aber außer ein paar Schrammen unversehrt. Schön langsam schleiche ich die Serpentinen wieder runter in die trockene, warme Ebene und die schwarzen Wolken im Rückspiegel sind nur mehr wilde Erinnerung. Vor einer Panetteria sammle ich mich und esse ein Pizzastück, bianco und voll mit Zwiebeln und sonst keinem anderen Belag. Noch reise ich alleine. Mittlerweile bin ich in der Toskana, die Emilia Romagna liegt hinter mir. Nächstes Ziel sind die thermalen Saturniaquellen, von einem Freund empfohlen. Wo die Leute überall hin kommen... 

Siebenunddreißig Grad warmes, nach faulen Eiern riechendes Wasser in einer unwirklichen, eisern bläulichen Farbe gehalten. Es schaut schon wieder nach Regen aus und den eigentlichen Parkplatz finde ich nicht, aber zwei Menschen in Bademänteln sehe ich vor einem Auto mit italienischem Kennzeichen. Hier sei es ganz wunderbar, meinen sie, also stapfe ich über einen Acker und erblicke zwei Pools, in denen ich mich ganz alleine suhle. Das Anziehen danach gestaltet sich schwierig. Rund um den Ausstieg ist es gatschig. An einen Baum gelehnt säubere ich meine Füße notdürftig mit der nassen Untergatte, mit der ich im Wasser war, die hänge ich mir später zum Trocknen ans Moped. So werde ich in Orbetello einreiten, wobei bei näherer Betrachtung mein Wimpel für Uneingeweihte auch das Produkt eines sanitären Unfalls darstellen könnte. Jedenfalls mache ich mich vorerst erholt, aber auch stinkend von dannen, Duschen gibt´s hier natürlich auch keine. 

Die Sonne geht schon unter. Weites, hügeliges, verlassenes Land. Alle paar Kilometer steht eines der prächtigen ikonischen Steinhäuser, für die die Toskana bekannt ist, umgeben von schlanken Zypressen, Olivenhainen und Weingärten, wie gemalt. Ansonsten gibt es hier nichts und niemanden und ich frage mich, wie ich es mit meinem leeren Tank noch raus aus dieser Idylle zur westlichen Küste schaffen soll. Ich befürchte Schlimmstes, sehe mich schon nachtwandernd mit den wichtigsten Habseligkeiten geschultert, Wof irgendwo notdürftig im Unterholz versteckt, aber die Geschicke sind mit mir. Irgendein chinesischer Konstrukteur hat wohl für Honks wie mich eine versteckte Spritreserve eingebaut, ich küsse seine Schlitzaugen.

Der Mann an der Rezeption meiner heutigen Absteige empfängt mich mit einer ordentlichen Fahne und schon bald folge ich seinem Beispiel, hocke an der Straße frage mich, wo ich hier eigentlich gelandet bin. 

Mittwoch, 7. Oktober 2026

 7.10., von Bad Bleiberg nach Gatteo a Mare

Kein Wölkchen am Himmel, dafür Bodennebel und frische sechs Grad. Wenig später bin ich schon in Tarvis und folge dem breiten ausgewaschenen Fluss, dimensioniert für eine Jahrtausendflut. Wie immer schlängelt sich auch heute nur ein Rinnsal durch das weiße, steinige Flussbett. Alte Steinhäuser und Kirchen mit den für Italien typischen, freistehenden Glockentürmen, verfallene Burgen und Festungen locken, aber ich muss Kilometer machen, bevor mich das schlechte Wetter einholt. Ein bißchen zugezogen hat es mittlerweile, der Oktober ist der regenreichste Monat in Italien. 

An die wahnwitzigen, völlig realitätsfernen Geschwindigkeitsbegrenzungen würde ich mich zumindest im Ansatz wirklich gerne halten, wäre da nicht die ständige Gefahr, von einem nachkommenden, enthemmten Spaghettifresser gerammt zu werden.  Fahre ich sechzig statt dreissig, überholt man mich mit neunzig, so in etwa die Relationen. Dafür darf sich die mündige Bürgerin dann aussuchen, wann sie es für angemessen hält, die Begrenzung überhaupt für beendet zu erachten. Eine offizielle Beschilderung dafür fehlt in den meisten Fällen. 

Ein paar kleine alte Autos sind noch unterwegs in den verschlafenen Ortschaften, wo die Patezettel der jüngst Verstorbenen an den Hausecken kleben, aber dann wird´s richtig schiach. Flach ist das Land und die einzigen Kurven sind die der Kreisverkehre. Rauchende Stahlwerke, Lagerplätze mit verrostetem Zeug. Industrie, dichter Schwerverkehr. Es raucht und stinkt und mittendrin laden Campingplätze zum Verweilen ein, wie wenn man neben der Raffinierie Schwechat sein Zelt aufstellen würde. Venedig lasse ich hinter mir, den Markusturm sehe ich von Weitem, und auch das entzückende Chioggia, wo es Prosecco vom Fass gibt, die Holde war begeistert.  

Heiß ist es mittlerweile geworden und die Mopette ist vollgepackt mit Plastiksackerln, keine Pullover sind mehr notwendig und auch keine Schneehose. Nicht nur einmal sehe und höre ich Kampfjets in Formation fliegen, während ich zwischen Sattelschleppern mit dem Kinn am Lenker und angezogenen Ellenbogen versuche, die letzten Reserven an Aerodynamik zu mobilisieren, go with the flow. Alle zwei, drei Stunden muß ich tanken, jedesmal ein Stunt. Auf manchen Tankstellen kleben Zettel auf den Zapfsäulen, esaurito! Was soll das heißen, ausverkauft? Sind wir hier in Russland? Eine andere wird gerade befüllt und ich bin schon zu leer, als dass ich es noch bis zur nächsten schaffen könnte. Fünf Minuten noch, deutet mir der blade Typ, der den Schlauch bewacht. Dreimal, der Stronzo vom Isonzo. In Matteo a Mare rolle ich schließlich aus und checke ein im letzten Haus am Platz. Beim Alimentari kaufe ich mir ein Peroni und hocke mich damit an den makellosen, menschenleeren Strand. Wellenbrecher vor mir, Möwen, Wind, Sonnenuntergang. Cozze in Weißweinsauce, das wär´s jetzt, aber außer Fastfoodbuden hat nix offen. Die Wirten öffnen erst wieder am Donnerstag, porca miseria! 


Dienstag, 6. Oktober 2026

Nach Tunesien mit dem Moped, 2026

Von Wien nach Bad Bleiberg

Um sieben Uhr morgens starte ich schon mein Gasrad Wheel of fortune, der Tagesplan ist ambitioniert. Die erste Etappe der Reise nach Tunesien sollte noch vor Einbruch der Dunkelheit in Bad Bleiberg nahe Villach enden und ob Wof mit seinen überschaubaren 125 Kubik der Aufgabe gewachsen ist, muss sich erst weisen. Was will er mit der schwachbrüstigen Mopette, könnte sich die geneigte Leserin jetzt fragen, doch sei ihr gesagt: Mehr gibt der Zweiradfuhrpark momentan einfach nicht her. Alles andere wurde schon zu Schanden gefahren oder sonst wie unbrauchbar gemacht. Außerdem wurde Wof noch mit zahlreichen Features ausgestattet. Auf brandneuen Reifen schwebe ich quasi durch die Landschaft, Reifenreini sei Dank, lederne Satteltaschen mit peinlichen Fransen vom H1 sorgen zwar für massiven Stilbruch, aber zusätzlichen Stauraum. Sogar einen Ölwechsel habe ich der um kleines Geld angeschafften China-Krücke noch spendiert, dafür erwarte ich mir rund siebentausend pannenfreie Kilometer. 

Bestes Wetter, aber frisch isses. Drei Pullis, zwei Jacken. Eine Radlerhose, man will es ja bequem haben, eine lange Untergatte mit zusätzlich eingenähten Knieschonern noch vom Marokkotrip, Hose, wattierte Schneehose, zwei Paar Handschuhe. Den rechten Zeigefinger halte ich zwangsweise ausgestreckt, nachdem ich mich noch am Samstag mit Hilfe eines Küchenmessers verstümmelt und ihn kurzerhand in dieser Position zugepflastert habe, das sieht besonders beim Gas geben seltsam aus. Ein paar richtige Biker werden im Laufe des Tages auf meinen vermeintlichen Gruß hin zurück winken, angewidert, aber mitleidig. 

Schon wenige Kilometer außerhalb der Stadt umfängt mich die schönste Landschaft. Pittoreske Idylle, einsame Beschaulichkeit. Außer mir ist fast niemand unterwegs. Der gefühlte Temperaturunterschied zwischen in der Sonne ein Päuschen machen und im Schatten fahren ist beachtlich. Übereilt ausgezogene Kleidung muss ich nicht nur einmal schon nach kürzester Zeit wieder anziehen und penibel alles schließen, was sich schließen lässt. 

Vier Rehe queren nach einem winzigen Kaff, das allen Ernstes Schönbrunn heißt, die Straße. Felder erstrecken sich in alle Richtungen und fast kein Wald, in dem sie sich verstecken könnten. Kürbisse sind penibel in lange Reihen geschlichtet. Siebzig km/h sind meine bevorzugte Reisegeschwindigkeit. Langsamer, wenn´s bergauf geht oder es etwas zu sehen gibt, schneller nur, wenn ein Lastwagen im Rückspiegel zügig größer wird. Wofs Höchstgeschwindigkeit liegt bei maximal 90km/h, aber wirklich sicher fühlt sich das dann auch nicht mehr an. Ein kurzer, unfreiwilliger Abstecher auf die eigentlich verpönte Autobahn ist schrecklich, der Schwerverkehr hasst mich. 

Einschlägige Plakate im Bauernland. Erdäpfelkirtag, Sauerkraut ab Hof. Disko und Tanzstadl, Ladies Night. Achtung Viehtrieb! Nach der ominösen Ortschaft Fleischessen fühle auch ich mich genötigt, Pause zu machen und mir eine Wurst einzuverleiben. In der St. Eiermark folge ich der steirischen Eisenstraße, lasse den Ötscher, das Hochkar und das Gesäuse hinter mir. Ewiger Schatten herrscht hier unter Steilhängen, es ist kalt und die Straße ist nass. Auch hier begegne ich minutenlang niemandem, röhre einsam durch finstere Tunnel. Bisweilen stinkt Mof auf lächerliche 30 Stundenkilometer ab. Als Verkehrshindernis mit mahnend erhobenem Zeigefinger muss ich schon befürchten, in den engen und steilen Kehren bald mitwatscheln zu müssen. Ena ist gewohnt schlau. Sie wird nach Neapel fliegen und nicht wie die zwei Deppen in Dumm und dümmer eingefroren mit mir durch die Berge schleichen. 

Der mitunter wilden Enns folge ich und später wohl der Mur, aber bitte mich bei allen Ortsangaben nicht festzunageln, Geographie war immer ein spanisches Dorf für mich. An Admont und an Trieben kann ich mich noch erinnern und ein paar andere Pässe waren wohl auch noch dabei, Land der Berge. Irgendwo parkt ein alter Sack direkt vor mir aus, obwohl er mich sicher gesehen hat, Land der Hämmer. 

In Bad Bleiberg endet der Tag. Hier gibt es Heilstollen und anderes Kurklimbim, aber eigentlich bin ich nur hier, um in die billigste Herberge Kärntens einzuchecken. Roberto Blanco, immer pleite wie Donald Duck. Zwei Stunden noch, bis die Sonne untergeht. Ein Balkon mit Blick auf den Dobratsch, aber abgeranzt ist die Bude, beachtlich. Später hallt das Klopfen von totem Fleisch durch die Wände und treibt mich in die Gaststube mit dunkelbraunen Furniertischen und gemalten Wappen an den Wänden. Undurchschaubare Geschicke haben auch ein nur französisch sprechendes Pensipärchen hierher verschlagen, die Frage nach Brot irritiert den Wirten nachhaltig. Wos woins? An Pan? Geh Elfi, kum her, de woin wos!! Mein Schnitzerl ist jedenfalls sehr in der Ordnung und schon bald darauf werden mir die Äuglein schwer, bonne nuit. 

Montag, 5. Januar 2026

 4.1., Sal, Espargos

Wieder mit dem Moped unterwegs, die letzten unentdeckten Ecken Sals heimsuchen. Den Monte Liau zum Beispiel, eine schanzenartige Erhebung inmitten einer flachen Ebene. Am kleinen Sandstrand davor liegt ein Schildkrötenschädel , mit dem Ena Shakespeares Hamlet nachspielt, und üben ein paar Surfer, ansonsten weitläufige Einsamkeit. 

Umso ungünstiger, dass wir uns ausgerechnet hier einen Patschen hinten fahren. Geschätzte vier Kilometer bis zur nächsten asphaltierten Straße und das Moped lässt sich keine zwei Meter schieben, weil sich der Gummi sofort über die Felge wurstelt, Shit! Also den Roller zurücklassen und mit einem netten Bayern zur Hauptstraße fahren. Der ist zwar mit einem gemieteten Pickup unterwegs, aber viel mehr Platz als für seine Surfbretter gibt seine hohe Ladefläche nicht her. Außerdem lackierte Stoßstange und so, für einen richtigen Transport leider ungeeignet. Sonntag ist noch dazu, das könnte ein langwieriger Stunt werden. Mit dem Sammeltaxi zurück nach Espargos zwecks Abstimmung mit dem Verleiher, gurkt ein Typ mit einem klassischen Pritschenwagen die Straße entlang. Genau unser Mann. Verfügbar, hoffentlich befähigt, mit zwanzig Juros, die er für das pantomimisch umrissene Unterfangen veranschlagt, leistbar. Einen Holzpimmel hat er am Innenspiegel baumeln und ein Pickerl am Armaturenbrett, Jesus, um grande Amigo. 

Mit Hilfe eines geliehenen, per Tschickanzünder gespeisten Luftkompressors und eines Sprühfläschchens macht er zurück in der Pampa das Loch im Reifen aus, ein Profi. Zu zweit wuchten wir ohne Laderampe die Mopette auf sein Vehikel, die er gekonnt mit einem Seil vertäut, dann rumpeln wir vorsichtig zurück in die Zivilisation. Mit einem Bohrer und einer Reparaturwurst, die er kurzerhand aufstellt, bekommt er sogar den Reifen wieder dicht, Mitarbeiter des Monats!

Mit dreistündiger Verspätung setzen wir die Exploration fort und entdecken noch eine mit Haigebiss geschmückte Bar in einer traumhaften Bucht. Unbelehrbar, wie wir sind, biegen wir wieder ins steinige Terrain ab. Ena wird mit Steinen aufmagaziniert, um bösartige Hofhunde abzuwehren, und wir folgen der Westküste nach Süden, bis sich der Kreis schließt und die Sonne untergeht. Abends Caipis für uns und eines der Nationalgerichte mit Seepocken für mich, over and out. Morgen werden wir noch einen Strandtag einlegen, bevor wir gegen Mitternacht die Kap Verden hinter uns lassen. Schöner als erwartet, abenteuerlicher als erhofft, kurz, aber geil. Tudo bom, tchau tchau!


Sonntag, 4. Januar 2026

 3.1., Sal, Espargos

Hat der Dreckhund nebenan doch tatsächlich die Keramik des Gemeinschaftshäusls vollgeflötzt und es nicht für notwendig erachtet, die Klobürste zu verwenden, beschwert sich die Süße bei mir, und es fühlt sich so an, als ob mich eine diffuse Mitschuld daran träfe. Da hilft nur mehr ein Strandtag ohne wenn und aber mit unterhaltsamem Panoptikum bei Livemusik. 

Kinder, die sich dabei abwechseln, auf einem großen LKW- Reifen rückwärts laufend über den Strand zu rollen, Tänzer, die geduldig ihre Tanzschritte üben, Väter, die die Kinderwagerl ihrer Anhängsel durch den Sand zerren. Einheimische, die mit Hanteln trainieren, deren Gewichte aus in Kübeln gegossenem Beton bestehen. Menschen flanieren mit Surfboards, gaberln sich Bälle zu, Frauen posieren mit Entengesichtern, Fischer mit Harpunen schieben ihren Fang durch die Gegend. Ab und zu brandet Applaus auf, das sind die Engländer, die auf großen Bildschirmen Fußball schauen. 

Bleichgesichter mit frisch geflochtenen Zöpfchen, zu gut gelaunte Schmuckverkäufer und Keiler, Muskelmenschen, Plastiktitten, Insulaner mit freiheitsberaubten Affen an der Leine, konzentrierte Drohnenpiloten, Menschen mit frisch gestochenen Tatoos unter Frischhaltefolie, patrouillierende Bullen in Allrad-SUV´s, aber ansonsten keine besonderen Vorkommnisse.