29.10., von Aragona nach Agrigent und zurück
Unterwegs zum Tal der Tempel, alte Steine schon wieder. Ich wollte eh nicht, ich bin wirklich nachhaltig gesättigt, was antike, archäologisch aufbereitete Stätten angeht. Sogar Karthago bei Tunis habe ich ausgelassen, einen geschichtsträchtigen Ort ersten Ranges, obwohl ich direkt daran vorbei gefahren bin. Aber die Stimme in meinem Kopf hat mich dazu getrieben. Du mußt dort hin! Monumentale, sensationell gut erhaltene griechische Tempel! Einer davon, der Concordiatempel, wird sogar als Logo für die Unesco verwendet! Goethe war hier und dem hat´s auch gefallen! Intellekt ist Schicksal, keine Entscheidung.
Eine überraschende Bergwertung mit einer Straße so kaputt, dass die Gemeinde kurzerhand ein Sackgassenschild neben die Bundesstraße gestellt hat. Senkungen, Verwerfungen und Rutsche reduzieren die mögliche Fahrbreite auf einen halben Meter, hier kommt wirklich kein mehr Auto durch. Die Steinhäuser sind verfallen und die Gegend wie ausgestorben. Heruntergefallene Oliven liegen auf der Straße. Eine nur halbherzige Hundeattacke zwingt mich zur Beschleunigung. Der verwahrloste vierbeinige Angreifer ist wohl auch überrascht von meinem Besuch.
Später sehe ich hinab auf eine von einer Mauer umgebene Ortschaft, aber der Maßstab passt nicht. Irgendwie ist hier alles zu klein, und zwar deswegen, weil das hier ein Friedhof ist, der angelegt wurde wie ein Dorf.
Die Beisetzung der Verstorbenen im felsigen Boden Siziliens ist so schwierig, dass sie in bis zu sechsstöckigen Wandschränken bestattet werden. Die sehen von hinten wie Mauern aus und ziehen sich über ganze Straßenzüge. Reiche Familien lassen sich noch Kapellen, Tempel oder kleine Häuser errichten und zusätzlich angelegte Plätze mit Laternen und Bäumen und Bänken runden die Täuschung ab.
Nach einem Weilchen finde ich mich in den engen Gassen eines wirklichen Dorfes wieder, gleich soll ich ankommen. Und hier soll das Tal der Tempel sein? Nein, nur ein Laden, der sich so nennt. Wieder einmal nicht gut aufgepasst beim Eingeben des Zieles ins Navi.
Die dreißig Kilometer also wieder zurück, bis ich schon von Weitem die Kette der Ruinen auf einem Berghang sehe. Dann latsche ich Stunde um Stunde durch das Gelände, sogar einen Audioguide habe ich mir runtergeladen, ich Streber.
So, Kulturprogramm abgedient. Jetzt aber zur Scala dei Turci. Obwohl es in der Früh schon herbstlich frisch war, isses doch noch ein perfekter Strandtag geworden.
Bei der Treppe der Türken handelt es sich um eine strahlend weiße Klippe mit treppenähnlichen Stufen, wo früher Piraten, bei den Italienern gleichgesetzt mit Türken?, ihre Boote ankerten, und dieser superschöne, riesige Fels dominiert den ansonsten ebenfalls herrlichen Strand. Eine Busladung Asiaten hat sich auf einer schmalen Landzunge davor, ebenfalls bestehend aus weißem Stein, versammelt. Dort posieren sie unermüdlich und lassen sich stets mit dem Victoryzeichen ablichten. Die meisten sind mit Tüchern vermummt wie exotische Bankräuber in einem Spaghettiwestern und einen haut´s gleich ins Wasser, Aufruhr.
Hier bleibe ich und trinke Aperol Spritz.