8.10., von Gatteo a mare nach Orbetello
Regen! Aussitzen geht nicht, der Zeitplan ist straff. Bis ich alles wetterfest verstaut habe, ist das Schlimmste eh schon wieder vorüber. San Marino, die weltweit älteste Republik, liegt fast auf meiner Route, dorthin muß ich einen kleinen Abstecher machen. Der im Jahre des Herrn 301 gegründete Gebirgsstaat mit gut 30.000 Einwohnern liegt hoch oben am Monte Titano und gefühlt überblicke ich von hier ganz Italien, von dem San Marino vollständig umschlossen ist. Zufällig findet ab heute die berühmte San Marino Rallye statt. Absperrungen und Heuballen vor Hindernissen sind schon verteilt, aber mehr als die Registrierung der Teams und die Einrichtung des Fahrerlagers wird heute nicht passieren. Schade, das wäre sicher ein Spektakel erster Güte, aber ich muß weiter in meinem höchstpersönlichen Rennen gegen mich selbst. Samstag abend landet Ena in Neapel und heute muß ich Italien queren.
Ein wolkenverhangenes Gebirge steht im Weg nach Arezzo. Schön ist die Strecke, kurvig, einsam und waldig, aber oben schüttet es so stark, daß es auf den Oberschenkeln weh tut. Ich rette mich unter einen zugewachsenen Verschlag, vielleicht ein altes Bushäuschen, und ziehe mir ein paar Pullis an, kalt ist es auch geworden. Beim Umpacken kippt Wheel of fortune um, bleibt aber außer ein paar Schrammen unversehrt. Schön langsam schleiche ich die Serpentinen wieder runter in die trockene, warme Ebene und die schwarzen Wolken im Rückspiegel sind nur mehr wilde Erinnerung. Vor einer Panetteria sammle ich mich und esse ein Pizzastück, bianco und voll mit Zwiebeln und sonst keinem anderen Belag. Noch reise ich alleine. Mittlerweile bin ich in der Toskana, die Emilia Romagna liegt hinter mir. Nächstes Ziel sind die thermalen Saturniaquellen, von einem Freund empfohlen. Wo die Leute überall hin kommen...
Siebenunddreißig Grad warmes, nach faulen Eiern riechendes Wasser in einer unwirklichen, eisern bläulichen Farbe gehalten. Es schaut schon wieder nach Regen aus und den eigentlichen Parkplatz finde ich nicht, aber zwei Menschen in Bademänteln sehe ich vor einem Auto mit italienischem Kennzeichen. Hier sei es ganz wunderbar, meinen sie, also stapfe ich über einen Acker und erblicke zwei Pools, in denen ich mich ganz alleine suhle. Das Anziehen danach gestaltet sich schwierig. Rund um den Ausstieg ist es gatschig. An einen Baum gelehnt säubere ich meine Füße notdürftig mit der nassen Untergatte, mit der ich im Wasser war, die hänge ich mir später zum Trocknen ans Moped. So werde ich in Orbetello einreiten, wobei bei näherer Betrachtung mein Wimpel für Uneingeweihte auch das Produkt eines sanitären Unfalls darstellen könnte. Jedenfalls mache ich mich vorerst erholt, aber auch stinkend von dannen, Duschen gibt´s hier natürlich auch keine.
Die Sonne geht schon unter. Weites, hügeliges, verlassenes Land. Alle paar Kilometer steht eines der prächtigen ikonischen Steinhäuser, für die die Toskana bekannt ist, umgeben von schlanken Zypressen, Olivenhainen und Weingärten, wie gemalt. Ansonsten gibt es hier nichts und niemanden und ich frage mich, wie ich es mit meinem leeren Tank noch raus aus dieser Idylle zur westlichen Küste schaffen soll. Ich befürchte Schlimmstes, sehe mich schon nachtwandernd mit den wichtigsten Habseligkeiten geschultert, Wof irgendwo notdürftig im Unterholz versteckt, aber die Geschicke sind mit mir. Irgendein chinesischer Konstrukteur hat wohl für Honks wie mich eine versteckte Spritreserve eingebaut, ich küsse seine Schlitzaugen.
Der Mann an der Rezeption meiner heutigen Absteige empfängt mich mit einer ordentlichen Fahne und schon bald folge ich seinem Beispiel, hocke an der Straße frage mich, wo ich hier eigentlich gelandet bin.