18.10., Tunis
Eine Momentaufnahme im kleinen Speisesaal meines Hotels, wo Frauen trotz Betriebes gerade den Boden feucht aufwischen. Das Frühstücksbuffet gibt Folgendes her: Gekochte Eier, einen völlig neutralen, ungereiften Käse, Oliven, einem Teller mit kleingehackten Gurken und Tomaten. Zwei Säfte und extrafeine Einheitswurst in Leuchtfarben, außerdem noch Halva und Croissants. Gegessen wird mit billigstem Kindergeburtstagsplastikbesteck und der Kaffee wird aus Pappbechern getrunken, wobei die Milch dazu wohl ganz dünn angerührtes Milchpulver ist. Die meisten Gäste nehmen sich ein Kompaktweckerl und ein Ei dazu, ohne Butter, Öl oder Sonstiges, Nahrungsaufnahme als Notwendigkeit. Den einzigen Salzstreuer für den ganzen Frühstücksraum habe ich eingezogen. Alle anwesenden Frauen sind verschleiert und obwohl einige Tische besetzt sind, herrscht Schweigen, untermalt von leiser arabischer Schleiftonmusik. Vom Gefühl her glaube ich, dass es eine gute Idee ist, fortan Flötzhemmer und Kohletabletten im Hosensack mitzuführen.
Auf der Straße wird sehr viel Brot verkauft. Hauptsächlich minderwertige Baguettes, aber auch frittierte Varianten, so wie Langos. Dazu knabbert die überwiegend hellhäutige Tunesierin Nüsse, Kerne, Datteln und dergleichen. Granatäpfel werden direkt vom Anhänger gekauft, die haben gerade Saison.
Demolierte Straßenbahnen und Sammeltaxis. Insgesamt wirkt alles ziemlich schmuddelig und kaputt, aber im gewohnten Rahmen. Kleinere Märkte mit Afroramsch, gebrauchter Kleidung, Plastikspielzeug. Viele, viele Katzenbabies, denen man Essen hinstellt. Es stinkt nach Katzenpisse. Streunende Hunde kommen mir nicht unter. Ein imposantes Monument auf einem großen, sterilen, leeren Platz vor einem palastähnlichen Gebäude, wo Bullen in Autos hocken und mit ihren Handies spielen. Tunesische Flaggen überall, die stark an die türkische Fahne erinnern, osmanisches Reich und so. Später biege ich in die Altstadt, in die Medina ein, die zunächst trotz geschätzter hunderttausend Einwohner wie ausgestorben ist. Ein recht normales Wohngebiet mit engen, verwinkelten Gassen, schönen Bogengängen, unterschiedlich oder unvollständig verfliesten Fassaden. Unförmige Pflastersteine, oft mit einer Rinne in der Mitte, sind tückisch. Manche Holztore sind bunt bemalt und mit Eisennieten geschmückt. Angeschrieben ist alles in Arabisch, einer sehr eleganten Schrift, selten auch in Französisch.
Als ich zu den Ausläufern des überdachten Souk komme, schmeißen mir die Verkäufer multinationale Wortbrocken hin, um herauszufinden, woher ich komme. Ich strafe sie mit Schweigen. Bald sind die Gassen voll mit Touristen, Kaffeehäusern und Läden. Am nicht sehr prächtigen Prachtboulevard, der bei einem alten Tor, das wiederum den Rest der alten Stadtmauer repräsentiert, beginnt, steht die französische Botschaft, gesichert mit drei Zaunreihen und Stacheldraht. Tunesien war früher Frankreichs Kolonie und das kam stark gekürzt so: Tunesien hatte bei Frankreich Schulden, Soldaten marschierten ein, man plünderte die Ressourcen. Vor siebzig Jahren erfolgte die Unabhängigkeit, wobei Frankreich nicht gewillt war, einen bestimmten Militärstützpunkt ebenfalls zu räumen. Nach vielen tunesischen Toten zogen die Franzosen dann doch komplett ab.
Schwarz gekleidete Frauen mit Kindern hocken im Dreck und betteln. Taxifahrer legen sich während der Fahrt Handtücher über ihre Unterarme, wohl um unerwünschten Teint zu verhindern. Vor dem Justizministerium halte ich nur für Sekunden inne, deutet mir schon ein Uniformierter und stampert mich weg. Pfadfinder, Judoka und noch irgendeine Interessensgemeinschaft gehen hinter einer Marching Band, die hauptsächlich aus Kindern besteht, und schwenken Fähnchen. Auch ich war dereinst bei den Pfadfindern, erinnere ich mich. Im Rahmen eines Zeltlagers und Pfadfinderwettkampfes musste ein armer Mensch von uns gekochte Löwenzahn/ Gänseblümchensuppe verkosten und bewerten, aber das ist eine andere Geschichte.
Der Boulevard endet am Platz des 14. Januar, benannt nach dem Beginn der Jasminrevolution 2011, die zumindest in Tunesien eine Demokratie hervorgebracht hat, wenn auch nur kurzfristig. Mittlerweile herrscht wieder eine autokratische Regierung und sehr viele Überwachungskameras hängen in der Gegend herum. Eine Foodtour buche und storniere ich gleich wieder. Ich wäre der einzige Teilnehmer gewesen, was zwangsläufig zu stundenlanger Konversation geführt hätte. Da gehe ich lieber in die große Markthalle und suche mir dort ein paar Snacks. Gewürze, Obst, Gemüse, das Übliche. Recht gesittet geht es hier zu, aber die sehr große Fischhalle spielt in einer anderen Liga. Männer schreien herum, nehmen aus, entschuppen, zerteilen Tun- und Schwertfische und Muränen im Akkord. Schon mit den Eingeweiden, Schuppen und sonstigen Abfällen, die in Haufen neben den Schneidbrettern am Boden liegen, könnte man ganze Scheibtruhen füllen. Kundige Frauen drängen, wühlen selbst im Angebot und befüllen sich Säcke, ein großes Schauspiel. Hoffentlich sind meine Sohlen dicht.
Später wundere ich mich, dass in einer Straße ausschließlich Rechtsanwälte und Übersetzer ihre Büros haben, bis ich auf teilweise aufgelöste, weinende Angehörige stoße. Sie warten vor der Ausfahrt einer großen, mit einer Mauer umgebenen Justizwache auf regelmäßig auftauchende, vergitterte Polizeiautos, stecken dann den darin sitzenden Gefangenen schnell Päckchen zu, versuchen, kurz mit ihnen zu reden, ehe der Fahrer Gas gibt und sie weiß Gott wohin bringt.
Am Weg zu einem Museum verirre ich mich hinein in eine Kinder- und Entbindungsklinik, wo ganz hinten am Parkplatz etliche havarierte und mittlerweile ausgeschlachtete Rettungsautos abgestellt sind, latsche bei beachtlicher Hitze stark befahrene Straßen entlang, bis ich kapituliere, mich heim schleppe und am Zimmer ein Nickerchen mache.
Ein abendlicher Spaziergang. Der Soma-Shop hat schon zu, aber alle hocken vor alten Röhrenfernsehern oder Leinwänden, schon wieder ein Fußballspiel. Manche rauchen dabei Wasserpfeife oder spielen Karten, natürlich ausschließlich Männer, hunderte von ihnen. Nur die Plastiksammler nicht. Die wühlen in den großen Mistkübeln nach Verwertbarem, so wie auch die Katzen. Tunis ist sicher mäuse- und rattenfrei. Sonst passiert hier nix mehr. Alle Geschäfte in der Altstadt haben schon geschlossen und ich bin ganz alleine. Meine Schritte hallen durch die überdachten Säulengänge und ab und zu ist es so finster, dass ich genau schauen muss, wo ich hin steige. In anderen Gegenden würde ich mir in die Hose machen.
Es ist noch nicht spät, ebenso gut könnte es aber vier Uhr morgens sein. Die einzigen Gestalten, die doch noch unterwegs sind, gehen in die Moschee. Hinter einer unscheinbaren Tür erstreckt sich ein riesiger, offener Platz mit Minarett, erhasche ich einen Blick beim Vorbeigehen, als Ungläubigem bleiben mir tiefere Einblicke verwehrt. Zurück in der Neustadt trottet ein Rudel unfrisierter Hunde ruhig an mir vorbei, es gibt sie also doch. Auch der Fakh Fakh Shop hat schon den Rollladen herunten, was auch immer hier sonst vertrieben wird. Geisterstadt also. Im Gegensatz zum sechsten Bier hat Mann wahrscheinlich nach dem sechsten Glas Pfefferminztee kein Problem damit, nach Hause zu gehen. Überhaupt hat mit Minztee noch keine große Geschichte begonnen, sehr wohl aber geendet.