Donnerstag, 16. Februar 2017



15.2., Nemberala, Kupang
In Baá ist es mir noch vergönnt, den hässlichsten Weihnachtsbaum der Welt zu erblicken. Schlecht gestapelte, kleiner werdende, grün lackierte Reifen mit einem umgedrehten Blumentopf als Abschluss und einem Meter goldene Girlande. Am Flughafen läuft Werbung im Fernseher, während wir auf den traditionell verspäteten Flieger warten. Eine Bürotussi macht Mittag und hat sich von daheim einen wirklich schön anzusehenden Salat in ihrem Plastikgeschirr mitgenommen. Dann kommt eine andere Tussi und reißt sich einen Schoko-Müsliriegel auf, woraufhin die Salatlady sich vor Neid grün und blau ärgert. Auf den Straßen in Kupang tumultartige Szenen. Die Gouverneurswahl in Jakarta ist geschlagen und Konvois mit aufgeregten, jubelnden Menschen wälzen sich durch die Straßen. Fahnen, T-Shirts, LKW- Ladungen voll mit Bullen. Typen auf Mopeds, die rhythmisch Gas geben, ohrenbetäubende Musik bis spät in die Nacht. Hoffentlich haben nicht die Islamisten gewonnen. Ich möchte noch ein Bier trinken, ohne dafür gleich ausgepeitscht zu werden.


14.2., Nemberala
Heute ist der Norden dran. Ebenfalls traumhaft, aber nichts , wovon ich nicht schon berichtet hätte. Grassierende Ereignislosigkeit am schönsten Flecken. Ein paar Standardhäuschen im Niemandsland in Reih und Glied, vielleicht irgendein Ansiedelungsprojekt. Ein kleines Krankenhaus empfiehlt mittels gemalten Plakaten, im Falle einer Tuberkuloseerkrankung nicht auf die Behandlung des Medizinmannes zu vertrauen. Die Verpflegung im Resort ist größtenteils ungenießbar. Vielleicht nach dem Zufallsprinzip werden hier Zutaten zu oft pseudowestlichen Gerichten vermengt, heute gibt´s Spiralnudeln mit Mayo und Tempestückchen. Matthias ist trotzdem happy, der hat während seiner vier Monate Entwicklungshilfe nur weißen Reis mit Gemüsesuppe bekommen. Dazu Flexuntermalung, der vierte Bungalow wird dieser Tage am Gelände gebaut. Tschau mit au.


13.2., Nemberala
Noch einmal breche ich auf in südliche Richtung und sorge für Unruhe in kleinen Dörfern, die bisweilen von niedrigen Mauern aus  scharfkantigem, unförmigem Vulkangestein umgeben sind. Frauen tragen auf Stangen Netze voll frischem Seegras herum, das an gekräuselten Salat erinnert und recht intensiv, aber nicht unangenehm riecht. Ich folge zugewachsenen Pisten auf der Suche nach dem südlichsten Punkt Indonesiens, der sich aber auf einer kleinen, vorgelagerten Insel mit einer Militärbasis darauf befindet. Auf der Insel Ndao gibt´s noch Bewohner mit eigenem Dialekt und eigener Religion, die werde ich auch nicht stören. Sicherheitshalber fahre ich stattdessen zum Flughafen und kaufe mir ein Ticket für den Retourflug übermorgen. Eine Biene peckt mich aus dem Nichts  in den Finger, besten Dank.



12.2., Nemberala
Hunderte halbe Mördermuscheln sind am langgezogenen Felsplateu oberhalb des Sandstrandes aufgereiht, als Regenwasserauffangbehältnisse für das herumstreunende Nutzvieh. Deren Fassungsvermögen reicht von der Menge, die in zwei Handflächen Platz findet bis zu der Füllmenge kleiner Waschbecken. Am Riff zweihundert Meter vor dem Strand brechen sich die Wellen und bei Ebbe zieht sich das Wasser bis fast dorthin zurück. Der Strand mit seinem weißen Sand ist dann fast flächendeckend mit glattem Seegras übersät. Auf Pritschen liegt gekräuselter Seetang zum Trocknen, der auf langen Seilen im seichten, durch das Riff geschützten Meerwasser angebaut wird, den verkaufen die Insulaner an Kosmetik erzeugende und pharmazeutische Betriebe. Herrlichstes Wetter schon wieder, endlich. Ein Einheimischer verschafft mir freundlicherweise einen groben Überblick über die hiesigen Sehenswürdigkeiten. Ich kenne ihn schon von einem Youtube-Werbevideo über Rote, das ich mir gestern noch angesehen habe, so klein ist die Welt zumindest hier. Die Insulaner  sprechen nicht nur, aber auch hier von sich in der dritten Person, so auch Mus. Ob er seinen Namen genau so schreibt, weiß ich natürlich nicht, aber so hat er sich jedenfalls bei mir vorgestellt. Ich cruise die Küste entlang nach Süden. Menschenleere, versteckte Strände und Lagunen, Mangrovenbäume in rötlichem Sumpf. Am Ende einer sandigen Landzunge, die in ruhiges türkises Wasser hineinragt, ein Dorf. Eigentlich nicht mehr als sechs, sieben geduckte, runde Basthütten mit niedrigen Eingängen und den Matten des Daches fast bis zum Boden reichend. Die Leute kommen aufgescheucht auf den fußbreiten Sandpfad gelaufen, den ich als noch nie zuvor gesehener Botschafter des guten Geschmacks herangegurkt komme. Dann wieder weitläufige grüne Wiesen. Ohne Einschränkungen paradiesisch. Im Hinterland gar kein Müll, am Strand nur vereinzelt angespülte Schlapfen und Flaschen. Schweinefamilien überall, sogar am Strand, wo sie nach Krabben graben. Wasserbüffel bis zum Hals in ihren schlammigen Löchern, Lontarpalmen rauschen in der Brise. Angeblich beruht das Auskommen der Bevölkerung neben dem Handel mit Seegras auf ihnen. Den milchigen, nahrhaften Saft kann man frisch oder vergoren trinken, die Blätter für Taschen, Hüte etc. verwenden und aus dem Holz werden die Hütten gebaut. Die Einwohner Lotes sind nach holländischer Gehirnwäsche noch immer gläubige Christen. Alle paar hundert Meter immer drei große Kreuze, viele Kirchen. Rechtzeitig zum Sonnenuntergang sitzen Matthias und ich wieder am Resortfelsen und beobachten die Fischer, wie sie mit Harpunen in ihren kleinen Booten ausfahren oder mit Lampen die Wasseroberfläche beleuchten und versuchen, Squids oder was auch immer mit hinter sich hergezogenen Plastiktonnen zu fangen.


11.2., Baá, Nemberala
Ein LKW nimmt mich vom Flughafen mit nach Baá, einer kleinen Hafenstadt an der Westküste der Insel. Das läuft fast wortlos ab. Der Fahrer bleibt neben mir stehen, als ich die Straße entlang latsche, ich steige ein und sondere ein schafsgleiches Baá ab. Er nickt und bedeutet mir nach ein paar Minuten, wieder auszusteigen. Ich gebe ihm ein Scheinchen, er deutet noch in eine Richtung, wo ich das Zentrum vermute. In einer Werkstatt finde ich jemanden, der mir sein Moped für ein paar Tage verleiht, aber erst, nachdem ich ihm meinen Pass als Pfand anbiete. Eineinhalb Stunden fahre ich durch das Landesinnere zur südöstlichen Küste nach Nemberala, das ein vorgelagertes Riff zur Homebase der australischen Surfercommunity gemacht hat und wo ich mir entsprechende Infrastruktur auch außerhalb der Saison erwarte. Traumhaftes Wetter, Inselatmosphäre. Luftiges, weites Land. Große Grasflächen wie Golfplätze mit von Ziegen, Pferden und Kühen kurz gestutztem Rasen mit kleinen Sandbunkern und vereinzelt Palmen. Weniger Leute, kleinere Siedlungen. Kein „Mister, Mister!“ mehr, nur mehr verhaltenes Grinsen. In Nemberala liegt erwartungsgemäß noch alles im Dornröschenschlaf, aber rechtzeitig zum Sonnenuntergang finde ich noch eine Hütte im Kampung Resort. Heute mit mir auf der Insel gelandet und über verschlungene Pfade ebenfalls hierhergekommen ist  der Schweizer Matthias, auf Urlaub nach vier Monaten Zivildienst bei Jakarta. Dort hat er im Auftrag einer Schweizer Stiftung Entwicklungshilfe für ein Agrarunternehmen betrieben. Ein Bier und das Ende des Sonnenuntergangs am Strand, häuslich einrichten in meiner Hütte mit schönem Freiluftsanitärbereich und morschem Lattenrost, dem meine neunzig Kilo gleich den Rest geben.  


10.2., Kalabahi, Kupang
Ich fliege zurück nach Westtimor. Vor dem Flughafengebäude der Insel Alor liegt ein Fußdackerl, so wie ich auch eines vor meiner Wohnung liegen habe, das noch zur besseren Veranschaulichung der örtlichen Dimensionen. In Kupang erstehe ich ein Sackerl gebackene Brotfrucht und Kochbanane, neben Sago und Tofu zwei weitere, völlig geschmacksneutrale Nationalspeisen, denen ich nur mit einem Prost-Bier zu etwas Aroma verhelfen kann, dann kümmere ich mich um die Weiterreise zur kleinen Insel Rote südwestlich vor Westtimor. Für die übliche Fähr-Lotterie bleibt keine Zeit mehr, morgen Nachmittag geht eine kleine Propellermaschine.