Montag, 28. Dezember 2015



22.12., Trinidad
Zum Abschied werden wir von unserer entzückenden Vermieterin ausgiebig abgebusselt, dann ziehen wir weiter. Es ergibt sich, dass wir bei der Busstation nach Cienfuegos mit einem deutschen Duo ins Gespräch kommen und wenig später sitzen wir schon zu viert in einem Chevrolet mit dem Aussehen eines in die Jahre gekommenen Panama-Frachters, der uns für einen überschaubaren Fuhrlohn die rund siebzig Kilometer nach Trinidad führt, ohne dass wir den Umweg über das Hinterland machen müssen. Die Fenster offen, die Küstenstraße kurvig und schön, kubanische Musik. Nur an komprimierter Luft mangelt es, einem hohen Gut im Land der technischen Entbehrungen. Der linke Reifen hinten braucht dringend Zuwendung und bis wir in einem namenlosen Dorf einen Druckluftmonopolisten ausmachen, fahren wir schaumgebremst, was niemanden außer den Fahrer stört. In Trinidad beziehen wir ein Zimmer, das noch nach den neu eingesetzten, rohen Fenstern und Türen aus Vollholz duftet. Auf der Dachterrasse sitzt ein Hund seine Einzelhaft in einem vollgeschissenen Zwinger ab. In der Töpferei, die wir später besuchen, steht neben windschiefen Brennöfen, Ramsch und Drehtellern auch ein alter Ford T, das erste auf einem Fließband zusammengebaute Auto der Welt, das Ambiente erinnert also frappant an Henry´s Fabrik. Am Nachmittag wird die Hitze langsam erträglicher, wenn die alten Gassen mit dem groben Steinpflaster schattiger werden, bis dahin verstecken wir uns in Reisebüros und Eisdielen. Am Hauptplatz später ein Pina Colada, während dem Trompeter der Livecombo in der Sonne die Augen aus dem roten Schädel kommen. Die hohen Töne klingen überhaupt, als wäre ein Furz am Weg in die Freiheit stecken geblieben. Haben wir in Pinar del Rio beim Bahnhofsnahversorger noch wie altes Hundefutter aussehenden Flan aus aufgeschnittenen Aludosen gelöffelt, speisen wir heute in gehobenerem Ambiente. Dem Koch sind Gewürze, Garzeiten und die bunte Welt der Salatgarnitur vertraut. Celine Dion teilt derweilen aus dem Hintergrund mit, dass ihr Herz weitergehen wird. Variatiodelectat, wie der Kubaner sagt, wenn er angeben möchte.


21.12., Rancho Luna
Dieser Tag ist dem rückhaltlosen Müßiggang gewidmet. Nach spätem Frühstück im Garten gehen wir die zwei Minuten zum Strand und spannen unsere Hängematten auf. Ein DJ unterhält mit einem wilden Musikmix, unterlegt mit ewig währendem, monotonem Dancefloorbeat. Sogar Falco und STS finden ihren Weg ins kubanische Unterhaltungsprogramm. Fliegende Händler versorgen uns mit Kokosnüssen und gesüßten Erdnüssen in Blöcken, auch hier sind die Mojitos sehr bekömmlich. Bei heimischen Klängen tanzt ein ausgefressenes Pärchen mit beneidenswerter Anmut, während wir fett und faul abstinken, bis uns ein kurzes Unwetter vom Strand vertreibt.Das kommt nicht überraschend, schon lange vorher haben wir dem Regen am dunklen Horizont zugesehen, wie er sich weit draußen über das Meer ergossen hat.

Montag, 21. Dezember 2015



20.12., Rancho Luna
Heute tricksen wir das System aus und reisen nicht mit der vorgeschriebenen Buslinie, sondern mit Style. Nach einem überzuckerten Kaffee aus dem Fingerhutbecher bestreiten wir die erste Etappe nach Havanna schon frühmorgens im Taxi Collectivo, in diesem Fall einer sehr geräumigen amerikanischen Uralt-Limousine mit drei Sitzreihen. Wir reisen zu zehnt, der Großteil der Reisegemeinschaft kennt sich. Im Kofferraum sitzt der Sohn des Fahrers und fungiert bei Bedarf als menschgewordene Rückfahrkamera. Auf der verwaisten Autobahn fressen wir zügig Kilometer, wobei es auf Radfahrer und Fuhrwerke auf der dritten Spur aufzupassen gilt, obwohl für die ohnehin der erste Fahrstreifen reserviert wäre. In Havanna gestalten sich die Verhandlungen nach einer Mitfahrgelegenheit dann schwieriger aber nach einer knappen Stunde geht die Reise gen Osten in einer kleinen französischen Klapperkiste weiter.Alles an diesem Auto ist kaputt aber trotz mehrerer heftiger Regengüsse erreichen wir Cienfuegos unbeschadet. Hier war ich schon, als mir damals die Mopette verreckt ist und nach einer Stunde bin ich auch schon damit durch, der Holden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten dieser Stadt zu zeigen. Die letzten zwanzig Kilometer zum Strand legen wir im heillos überfüllten, öffentlichen Bus zurück. Immer wieder bleibt er an einer Ecke stehen und nimmt noch mehr Fahrgäste auf, obwohl in diesem Lkw mit umgebauter Ladefläche schon kein Quadratzentimeter mehr frei ist. Einer schafft es trotzdem, mit einem Glas Rum herumzuhängen, als wäre er zum Feierabenddrink in seiner Lieblingsbar eingekehrt. Da wir das Fünfundzwanzigfache des ortsüblichen Preises für die Fahrt bezahlt haben, sind wir mit Sitzplätzen gesegnet. Noch in meiner Privatunterkunft von vor einem Monat eingecheckt, einen Fisch und einenMojito verdrückt, schon ist der Tag vorbei.


19.12., Pinar del Rio
Wir beschließen, bei einem anderen Reisebüro ein Quartier für die nächsten Tage zu buchen, die Weihnacht und mit ihr ein vermehrtes Reiseaufkommen steht kurz bevor. Nach Bekanntgabe der Eckdaten vertieft sich die Tante hinter ihrem Schreibtisch einmal ein Weilchen in, wie ich glaube, Listen und Tabellen, Ena wird mich später aufklären, sie hätte die ganze Zeit nur versucht, ihre kaputt gegangene Brille zu reparieren. Dann faselt sie etwas von falscher Baustelle und wir ziehen wieder ab. Zwei Touristen mit Auto! Die Gefährtin nimmt sich ein Herz und haut sie an, ob sie nicht mit uns zur Tabakplantage fahren wollen, wir wären hier gestrandet. Die zwei Spanier sind so perplex, dass sie ja sagen und wir verabreden uns für später. Die Zeit bis dahin nutzen wir zum Besuch einer sehr kleinen Brennerei, wo uns eine gruselig geschminkte Oma auf Spanisch eine Führung durch die Räumlichkeiten angedeihen lässt. Eigentlich zeigt sie uns nur einen kleinen Raum mit einer drei Meter langen Etikettier- und Abfüllanlage, der Rest ist heute wegen Wochenende geschlossen. Irgendwelche bitteren Bemmerl, vielleicht Guavensamen, werden hier zu Hochprozentigem destilliert. Wie gesagt, alles auf Spanisch. Mehr als das Kernthema erschließt sich uns nicht. Noch ein paar Betondinosaurier im naturkundlichen Museum, dann fahren wir aufs Land. Ich hätte nicht damit gerechnet, aber dort empfängt uns eine mit fundiertem Wissen und Englischkenntnissen ausgestattete Seniora für eine kurze aber sehr interessante Führung durch die Tabakplantage. Obwohl sich diese in Familienhand befindet, müssen 90 Prozent der Ernte an die Regierung verkauft werden. Der Rest ist nur für den Eigenbedarf bestimmt. In einer riesigen Scheune mit Querbalken zum Trocknen der von Hand mühsam aufgefädelten Tabakblätter bis hoch zum Giebel hält sie ihren Vortrag über Bewässerung, Qualitätsmerkmale und Varianten in der Herstellung. Ein verhutzelter Senior rollt anbei ein paar Zigarren und verschenkt sie an die anwesenden Raucher. Im Treibhaus nebenan stehen in geordneten Bahnen die Pflanzen und an der Fassade des Wirtschaftshauses prangt das Portrait von Alejandro Robaina, dem Gründer der einzigen noch zu Lebzeiten nach einer Privatperson benannten Zigarrenmarke Kubas. Mit zehn hat der Knabe schon zu rauchen begonnen und hat 81 Jahre lang, bis erabgetreten ist, nicht mehr damit aufgehört. Das Logo für die Marke Vegas Robaina hat übrigens unser Wunderwuzzi Niki Lauda entworfen.


18.12., Pinar del Rio
Ein Provinznest am Ende der bekannten Welt, Endstation Sehnsucht. Von hier geht kein öffentlicher Verkehr mehr nach Westen oder Süden, hier gibt’s auch keine Mopeds auszuleihen. Die Strommasten bestehen aus handgeschnitzten, windschiefen Baumstämmen, die Sehenswürdigkeiten Pinar del Rios erschöpfen sich in einer geschlossenen Zigarrenfabrik und einer kleinen rosa Kirche. Unser Plan, von hier aus Tagestouren zu unternehmen, löst sich somit in Wohlgefallen auf und wir stecken bis zum Anschlussbus nach Osten bis übermorgen hier fest. Als ich den Schaffner am Bahnhof frage, wo ich zwei Plätze reservieren könne, grinst er. Schalter gibt es keinen. Wir sollen einfach kommen und dann wird das schon. Wann die Busse gehen? Um 7.40 und der nächste dann wieder einen Tag später. Was die paar Kilometer kosten? 62 Euro für uns, dabei peckt er sich schon ab. Wahnsinn, als Tourist ist man hier wirklich der letzte Trottel.
In der Lobby des größten Hotels dieser Stadt mit immerhin knapp 200 000 Einwohnern sitzt ein Schädel vom staatlichen Reisebüro seine Zeit ab und schaut ins Leere. Unsere Frage, ob es eine organisierte Tour zur Tabakplantage zwanzig Kilometer außerhalb gäbe, bejaht er, wir könnten uns ein Taxi nehmen. Wir versuchen, ihm das Grundprinzip einer organisierten Tour näherzubringen, unter anderem das nicht unerhebliche Element des festgesetzten Beginns, auf dass sich zu dieser per Aushang angegebenen Uhrzeit mehrere Interessierte einfinden und einen gemeinsamen Transport dorthin in Anspruch nehmen könnten. Das ginge nicht, sagt er, weil die Touristen ja immer zu unterschiedlichen Zeiten zu ihm kämen, um sich nach organisierten Touren zu erkundigen. Ein Wunder, dass diese Dumpfbacke jeden Tag wieder heim findet. Ich kaufe mir eine Flasche Rum und wir sehen uns daheim einen Film an, bis uns etwas Besseres einfällt.
Nach Sonnenuntergang werdendie Gehsteige hochgeklappt. Es würde einen nicht wundern, sollten gelegentlich Distelbälle durch die verlassenen Gassen rollen. Wie es für einen Ort wie diesen zu erwarten ist, versammeln sich dessen Einwohner in den kühlen Stunden vermehrt dort, wo sie mit dem zivilisierten Teil dieses Planeten kommunizieren können, in den zwei Parks mit Wifi-Hotspots.Die Landjugend steht vor einer Disco an.
Ena meint, ich solle die positiven Dinge des heutigen Tages nicht aussparen. Als Quartier haben wir ein geräumiges Appartement mit vollvergittertem Balkon ausgefasst, fällt ihr ein, und die Pizza am Bahnhof war auch ganz lecker.