Montag, 5. Dezember 2016



5.12., Likir, Leh
Um acht nehme ich den Bus zurück in die Stadt, Stanzin kommt auch mit. Er muss seinen Lohn einzahlen und die Tochter vom Internat abholen, trifft sich gut. Selten noch habe ich einen überfüllteren Bus gesehen als diesen. Wobei ich glaube, das schreibe ich jedes Mal. In Leh finden wir ein Zimmer, schlürfen heiße Nudelsuppe, ich kaufe getrocknete Marillen und natürlich Gebetsfahnen und dann treffen wir-Titi und Alberto, die hier irgendwen besuchen. Ein Tee in der Sonne, wunderbar. Dann ab in die gut versteckte Snookerhalle, ist mir letzte Woche entgangen. Die Beatles und Led Zeppelin, erprobte asiatische Gassenhauer, begleiten das Klacken der meist runden Kugeln. Noch einmal Suppe, noch einmal zum gleichen Wirten. Weil´s so gut war. Ein Telefonat mit der Liebsten per Whatsapp, Wunder der Technik. Als würde sie im nächsten Dorf sitzen und dort gehebelte Hammelbäuche statt undurchschaubarer Fonds verkaufen. Dann zum Internet-Cafe, das hier in den Blog stellen.


4.12., Von Hipti über Alchi zurück nach Likir
Gute Fettlaberl gibt´s wenigstens. Und auch gleich Buttertee und dicke Suppe mit Fleisch. Man bemüht sich sehr, trotzdem. Endlich raus und runter zur Hauptstraße, über den schönen und wilden Indus gerade noch rechtzeitig zum Bus nach Alchi. Wir wärmen uns bei Maggi Noodles in der Sonne auf, der erste kleine Shop seit Tagen. Warum sind wir hier? Natürlich wegen einem Kloster. Uralte Wandmalereien, Statuen mit vielen Armen, Überraschung. Die letzten Kilometer heim stoppen wir, keine Lust mehr aufs Wandern. Zuerst erbarmt sich eine Kleinfamilie im Pickup, dann ein Mönch in roter Robe im winzigen roten Auto. Die dürfen das jetzt, genehmigt vom Dalai Lama persönlich. Endlich wieder „daheim“. Vom Socken bis zur Haube ist alles mit Staub gesättigt. Ich klopfe mich aus wie einen kostbaren Teppich. Dann unter die Dusche, also unter den Kübel. Einheizen, was geht (nicht viel, wurscht), später ein Festmahl mit Labberfritten herausgebackenem Gemüse und dazu jeder ein echtes, in einer Teehütte unter der Hand erstandenes Bier. Godfather, acht Prozent, gehopftes Nirvana. Wieder die Sterne vor meiner Glasfront, ein langer, tiefer Schlaf.


3.12., Von Tar nach Hipti
Dashi nimmt, so wie alle anderen vor ihr, lieber fünfzehn Euro als tausend Rupies für Kost und Logis, soll mir recht sein. Der Trek würde sich ansonsten mit meinen bescheidenen Devisenreserven nicht ausgehen. Nach einem Omelett starten wir los. Gleich hinter dem Haus schlängelt sich der Pfad hoch zum Pass, neunhundert Höhenmeter am Stück. Oben auf viertausendvierhundert Metern kauern wir uns hinter einen mit Gebetsfahnen geschmückten Felsen, um uns vor dem schneidenden Wind zu schützen, und trinken Chang. Eiskaltes Ambrosia, nach indischer Sitte lippenlos aus der gestern geleerten Rumflasche. Nie wieder wird mir Chang so gut schmecken wie hier, kein Zweifel. Die Sonne gibt auch heute ihr Bestes aber gegen den Wind ist sie chancenlos. Es folgt eine rasante  Rutschpartie einen viele hundert Meter langen Schiefersandhang hinunter. Das geht fast von selbst und macht viel Spaß. Mit großen Schritten schliddern wir grölend dahin. Unten leeren wir unsere Schuhe aus, Stanzin sucht Bergkristalle, ich finde einen Ibex- Schädel im jetzt ausgetrockneten Flussbett. Der ist mächtig mit seinen Hörnern und bekommt einen Ehrenplatz hoch oben auf einem Felsen über dem Pfad. Schon fast beim nächsten Dorf wachsen einige wenige Bäume in bizarrster Art und Weise, liegen mehr als sie stehen, sind hohl, teilweise abgestorben, in sich verdreht. Ein wildes, zotteliges Yak rammelt am Wegesrand ein domestiziertes Mischlingsweibchen. Wir erreichen die kleine Siedlung, wo scheinbar nur eine Sippe wohnt, wenig später. Die Bude ist abgeschlossen, Stanzin muss die Partie erst aufstöbern. Irgendwann taucht er dann mit zwei Kindern und einem seltsamen weiblichen Zwerg auf. Das Haus wirkt verwahrlost. Monströse Klumpen einer dubiosen Masse, die außen mit roter Lebensmittelfarbe so bemalt ist, dass es wie Fleisch aussieht, gammelt in der Wohnküche vor sich hin. Wieder irgendeine rituelle Opfergabe im Zuge irgendeiner Feier, weiß der Geier. Bald trudeln die Eltern ein. Der Opa brummt Mantras vor dem Ofen, der endlich eingeheizt wird, grauslicher Buttertee, während mich der Zwerg anstarrt. Der Mann hört überlaut verzerrtes Radiogeplärre. Zum Essen gibt´s Nudeln mit Kraut und Karotten, wie gehabt. Das einzige Gemüse auf Lager im ganzen Land. Ekelhaftes eingelegtes Kraut und Karotten dazu, stinkt nach Milchsäure und ist nicht hinunter zu bekommen. Nach dem kulinarischen Fiasko bringt die Frau in Zeitungspapier eingepacktes gelbes Pulver mit noch irgendeinem Bemmerl mittendrin, ausgegeben vom Amchi, dem örtlichen Medizinmann, gegen ihre Knieschmerzen. Kein Text dazu, was das überhaupt sein soll oder wie es einzunehmen wäre. Die nächste Apotheke ist weit und die Familie könnte sich deren Medikamente ohnehin nicht leisten. Jedenfalls will sie von mir wissen, ob sie irgendwelche Nebenwirkungen zu befürchten hat, sollte sie sich das Zeug verabreichen. Ich gebe ihr ein paar entzündungshemmende Tabletten und nehme die folgenden Huldigungen nur zögernd an. Die Zwergenfrau mit ihrem stupiden Starren und ihrer teilweise angebrunzten Jogginghose macht mich fertig. Sie bekommt gelegentlich einen Tritt von den Kindern, die totale Freakshow. Die Häferl haben einen Grindrand Nüsse, die uns in einer Schale hingestellt wurden, werden angetatscht und dann wieder in die Schüssel zurückgegeben. Die Decken im Nachtlager stinken nach ranziger Butter. Ich will hier ehestmöglich weg.


2.12., Von Tingmosgang nach Tar
Wieder ein Kloster am Weg, wo sich dereinst des öfteren der König aufzuhalten geruhte. Deswegen auch mit Mauern verbundene Wehrtürme ringsum. Durch Zufall wurde kürzlich bei Straßenbauarbeiten der Eingang zu einem geheimen Tunnel freigelegt, der von einem Ende der Mauer steil nach unten führt. Wir quetschen uns durch einen niedrigen Eingang und tasten uns mit unseren Stirnlampen in die Tiefe. Eng und stickig ist es, die Steine laufen über unseren Köpfen spitz zusammen, während wir uns langsam vortasten. Ein Wasserbecken versperrt nach vielleicht fünfzig Metern den weiteren Verlauf und bis jetzt hat scheinbar noch niemand erforscht, wie es weiter geht. Wieder an der Oberwelt jagt ein unausgelasteter Hund eine kleine Herde wilder Gazellen den steilen Berghang hoch, die wohl wegen des Wassers bis fast zur Siedlung abgestiegen sind, ist aber gänzlich chancenlos. Wir folgen einem tiefen, von steilen Felswänden flankierten Canyon, durch den ein beschaulicher Bach plätschert, bis wir zum Häuschen einer Krankenschwester kommen, wo wir heute schlafen werden. Ein prähistorisches Stethoskop ist ihr einziges medizinisches Gerät. Hauptsächlich gibt sie kostenlose Medikamente aus, selten hilft sie bei unerwarteten Entbindungen. Um kranke Tiere kümmert sie sich auch, so eng sieht man das hier nicht. Ihr Mann ist auswärts beim Militär, sie lebt hier mit den Eltern. Der Schneeleopard treibt auch hier sein Unwesen, belagert das Dorf schon über eine Woche. Wir schlürfen Chang mit Mehl im Winterzimmer und genießen die Wärme. Dashi, die Wirtin, hobelt indes Kraut und Karotten für Momos, macht noch einen Dip mit Koriander und Chilis dazu, vorher wird Erbsensuppe gereicht. Dauert ewig, schmeckt herrlich. Dann findet sich noch Rum aus Militärbeständen, den wir ihrem abwesenden Mann schamlos wegsaufen.


1.12., Von Hemichupachan nach Tingmosgang
Die Eier fürs Frühstück kommen aus Leh, sie sind unbefruchtet. Sonst würde man ja ein heranwachsendes Lebewesen essen, und das darf der aufrechte Buddhist nicht. Hühner sind in Hemichupachan generell nicht erlaubt, da sie ja Würmer und anderes Getier essen würden, ebenfalls nicht akzeptabel. Tiere schlachten in Ladakh nur Moslems, viele Buddhisten lassen es sich aber dennoch nicht nehmen, eifrig Fleisch zu essen. Gelebte Augenauswischerei also. Titi bekommt noch ein paar Aspirin aus dem Fundus gegen seine Kopfschmerzen, dann ziehen wir weiter. Er hat beim Abschied ein Tränchen im Auge, ein sehr herzlicher Mensch. Er war einst auf Einladung mehrerer Freunde selbst zwei Monate in Europa und war fassungslos, als er mit einem Großteil seiner Ersparnisse auf die Bank ging und für seinen Stapel Rupies gerade einmal zwei Hunderteuroscheine bekommen hat. Trotz all der gesehenen Pracht würde er niemals aus Ladakh weg wollen, hat er mir gestern versichert. Durch einen teilweise gefrorenen Sumpf wandern Stanzin und ich eine sanft ansteigende Landschaft hoch, bis wir auf eine Wolfsfalle stoßen. Treiben es die Wölfe zu bunt, wird ein Schaf in diesem aus Steinen aufgeschichteten, einem Iglu ohne Dach ähnlichen Bau ausgesetzt, als Köder für den Wolf. Der springt hungrig durch die obere Öffnung vielleicht drei Meter in die Tiefe und genießt seine letzte gute Mahlzeit, bevor er von der Dorfgemeinschaft gesteinigt wird. Titi hat gestern von einer uralten Einsiedlerhöhle erzählt, die wollen wir auch noch finden. Wir folgen einer unbefestigten, spektakulären Bergstraße, die aber vor einer hoch aufragenden Felswand abrupt endet. Da muss erst noch kräftig gesprengt werden, bis hier das erste Auto fahren kann. Menschliche Knochen liegen entlang einer frisch gegrabenen Künette für irgendein Kabel. Stanzin meint, dass Menschen, die an einer unbekannten Krankheit gestorben sind, nicht verbrannt, sondern möglichst rasch vergraben werden. Unser heutiges Marschprogramm ist wieder voraussehbar. Ein Tal runter, den nächsten Pass wieder hoch. Ebenso wie das Wetter. Strahlender Sonnenschein, eisig kalt. Ein völlig verwüstetes, aus den Fugen geratenes Flussbett erinnert an die Sturzflut 2010, bevor wir im nächsten Homestay einkehren. Gerade als wir den ersten Tee schlürfen, helle Aufregung! Ein verwilderter Hund, höchstwahrscheinlich vom nahen Militärcamp, hat ein Lamm der Gastfamilie gekillt. Auch vor Menschen soll ein ausgehungertes Rudel nicht zurückschrecken und Stanzin kennt selbstverständlich alle einschlägigen Legenden dazu. Ein Gewehr darf keiner besitzen, obschon so mancher Alte noch insgeheim eine Uraltflinte unter dem Bett versteckt hat. Vergiften mit dem Stechapfel ist das Mittel der Wahl, wenn ich richtig verstehe. Endlich wieder eine Kübeldusche vor dem Dinner, eine schaurige Wohltat bei überschaubarer Raumtemperatur. Die Familie hier ist, obwohl wie immer sehr freundlich, wesentlich verhaltener als ihre Vorgänger, ist auch o.k.