Samstag, 28. Januar 2017



25.1., Lamalera
Frühstück mit Kaffee und Fettgebäck in aller Hergottsfrühe, ab halb sechs beginnt in Lamalera schon reges Treiben. Musik mit absurden Bässen wummert aus den umliegenden Häusern, in Verschlägenwird Fleisch geräuchert. Fotos vom Walfang hängen im Vorraum meiner Unterkunft.Männer harpunieren mit langen Stangen einen Wal, den sie zwischen ihre Boote treiben konnten. Dabei springen sie auf den Rücken des Tieres, um die Spitze möglichst tief in den Körper treiben zu können. Der Wal schleppt dann das Boot stundenlang hinter sich her, bis er verendet oder ihm die Fischer den Todesstoß versetzen können. Oft kentern die Jäger, wenn das Boot von der riesigen Flosse getroffen wird. Fotos von der Zerlegung eines Wals am Strand zeigen, wie groß die getöteten Tiere mitunter sind. Deren Fleisch wird auf alle Familien des Dorfes aufgeteilt, die Männer jagen im Kollektiv.Rechts oberhalb der Bucht habe ich gestern einen perfekten Unterstand auf Stelzen mit Ausblick auf den „Hafen“ und die gesamte Bucht gefunden, dort hänge ich mir die Hängematte auf. Ein Fischer am Weg meint, morgen um Sieben könnte ich ihn begleiten, sein Boot hießeKannibal. Ich bin gespannt. Hoffentlich steht nicht nur Stoppelfischen am Programm. Fläze ich so in meiner Matte, geht am Strand unter mir plötzlich voll die Post ab. Vor einigen Minuten, als die Glocke der kleinen Kapelle geläutet hat, habe ich mir nichts dabei gedacht, jetzt werden über zwanzig Booteinnerhalb von Minuten unter lautstarkem Geschrei über die Hölzer ins Wasser geschoben. Jeweils ein kleineres mit Außenbordmotor nimmt dann ein größeres in Schlepp. Auf den motorisierten Booten befinden sich um die fünfMann, auf den anderen jeweils zirka zwölf. Keine Segel, nur ein Boot hat seitliche Ausleger. Alles geht richtig schnell. Von hier oben habe ich die perfekte Übersicht, aber da unten auf einem der Boote wäre es sicher noch viel spannender. Wo kommen die vielen Männer her? Das sind weit mehr als hundert. Vielleicht aus den umliegenden Dörfern. Ein konzertierter, eigentlich für hiesige Gebräuche völlig untypischer Aufbruch. Viel Aufwand, vielleicht hat irgendwer etwas gesehen. Die übliche Walfangsaison ist in meinem Reiseführer von Mai bisOktober angegeben, wenn die Wale durch die Sunda-Straße ziehen. Nach zwei, drei Kilometern verliere ich die Flotte aus den Augen. Eineinhalb Stunden später kommen die Boote ohne Fang zurück und werden in schweißtreibender Arbeit wieder hoch zu den Unterständen geschoben. Ein Mann erzählt mir später, jemand hätte einen Delphin gesehen. Fisch und Reis für mich zu Mittag, am Abend zur Abwechslung ein Ei. Am Nachmittag regnet es sich ein und ich lese.


24.1., Waiwerang, Lamalera
In der Nacht Wolkenbrüche, dass mich der Lärm des Regens am Blechdach kaum schlafen lässt. Packen, Cash abheben. Sollte auf der Nachbarinsel tatsächlich noch der Tauschhandel herrschen, gilt das sicher nicht für mich. Pünktlich um acht Uhr stehe ich am Pier, das Schiff kommt entgegen gestriger Auskunft erst um Zehn. Als es schließlich einfährt, bricht tumultartige Hektik aus. Über eine schmale Planke steigen Leute vom schaukelnden Schiff, während andere sich schon ihren Weg an Bord bahnen. Mopeds werden nebenbei auf- und abgeladen, Säcke mit Gemüse werden auf Pickups verladen. Reinstes Chaos, aber alles ohne schlechte Laune. An Bord verkaufen Kinder diverses Zeug, einer sagt „Fuck you, Mister“ und zeigt angestrengt, aber gegen niemand bestimmten den Finger. So eine Respektlosigkeit ist hier eigentlich undenkbar, scheinbar hat er das irgendwo aufgeschnappt. Sicherheitshalber schaue ich trotzdem böse, mehr fällt mir dazu auch nicht ein. Einer bringt mir noch mein in der Wartehalle zurückgelassenes, weil ausgelesenes Buch nach, das hätte ich wissen müssen. Eine Stunde dauert die Überfahrt nach Lebolewa. Im dortigen Hafenbüro erkundige ich mich vorsorglich, wann ich die Insel mit Ziel Alorwieder verlassen kann. Nach einigem Hin und Her findet sich ein Mitarbeiter, mit dem ich mich verständigen kann, und nach langwierigem Palaver mit seinen Kollegen sagt er,morgen. Ich sei aber gerade erst angekommen, wann denn die übernächste Fähre gehe? Nach erneuter Konsultation der restlichen Angestellten sagt er, nächsten Mittwoch. Ob es vorher noch eine Möglichkeit gäbe? No. Jeden Mittwoch. Eine Fähre pro Woche. Für diese Erkenntnis bedurfte es mehrerer Minuten Unterredung mit seinen Kollegen. Dieser Zeitplan scheint mir eigentlich recht übersichtlich. Nach intensivem Kitzeln spuckt er noch mehr aus. Im Nordosten gibt es eine kleine Stadt, von der starten täglich Boote zumindest auf die nächste InselPantar. Von dort muss man dann weitersehen. So werde ich das machen. Heute möchte ich jedenfalls nach Süden zum WalfängerdorfLamalera. Bis zum Busbahnhof schaff ich´s irgendwie selber. Dort gilt es herauszufinden, wanndenn der nächste Bus geht.Frage in die Runde, ob jemand Englisch spricht.Einer tut so, als ob, an den halte ich mich. „Bus at eleven.“, sagt er. „But nowit´sallreadytwelve?“„At eleven.“ Vielleicht bringt er irgendwas mit den Zahlen durcheinander. Ich halte ihm meinen Kalender hin, er möge mir die Zahl aufschreiben. ELEVEN malt er mir ins Buch, hier komme ich nicht weiter. Bei den Fressläden rund ums Terminal frage ich noch einmal und siehe da, eine Frau meldet sich. Fast immer sind es die Frauen, die nicht nur den nötigen Mut aufbringen, mit mir zu sprechen, sondern auch die entsprechende Intelligenz und Bildung besitzen, mir tatsächlich weiterhelfen zu können. Diese hier hat in Bali studiert und jahrelang mit Touristen gearbeitet, ist dann aber freiwillig in dieses Kaff zurückgekehrt, wo sie mit ihrer Familie eine Snackbude betreibt. Hier sind alle gut drauf und der Schmäh rennt,wahrscheinlich eine gute Entscheidung. Sie bringt mich zur Nachbarin, wo ich mir einen Teller mit Fisch, Reis und Gemüse aufladen darf, und setzt mich später in den richtigen Kleinbus. Der transportiert mehr Waren als Fahrgäste, wenigstens habe ich zwei Sitzplätze für mich. Hühner flattern in Bierkartons mit Luftschlitzen, daneben undichte, weil schlecht verschlossene Plastikkanister mit Benzin, viele davon. Die Dämpfe im heißen Bus sind übel. Der schaukelt sich einen schmalen Pfad durch den Dschungel hoch, der oft mehr einem trockenen Flussbett denn einer Straße gleicht. Oft muss sich auch der Fahrer mit einer Hand anhalten, während er mit der anderen Hand lenkt, und ich hau mir den Schädel abwechselndam Fenster oder an der Haltestange im Mittelgang an. Auf meinem Schoß sammeln sich Blätter und kleine Äste, die vom Bus abgerissen und durch die offenen Fenster hereingeweht werden. Auf halbem Weg werden ein paar Hühner entladen, ihre Köpfe hängen schlaff aus den Kartons. Entweder voll drauf vom Sprit schnüffeln oder schon im Hühnerwalhalla. BeimAbel Beding Homestay steige ich aus, geführt von einemPensionistenpärchen. Sie spricht kein Englisch, er ist mürrisch und einsilbig. „Name?“ lautet seine charmante Begrüßung. Die Zimmer im Obergeschoss sind so einfach, wie man sie sich nur vorstellen kann. Ein paar Bienen beginnen gerade damit, an der Wand ein Nest zu bauen. Das Mandi, ein einfacher Waschplatz mit Hockklo und Schöpfkelle, befindet sich im Zwischengeschoss. Außerdem verfüge ich über ein Moskitonetz und einen Ventilator. Die Nacht kostet inklusive dreier Mahlzeiten umgerechnet sieben Euro, das ist in Ordnung. Nebenbei betreibt das Pärchen noch einen kleinen Shop mit allen notwendigen Grundnahrungsmitteln, zum Beispiel gekühltemBier. Dann schau ich mich mal um. Die Alte hat mir ein Päckchen Moskitokohle angeboten, als ich ihr zuvor im Ohne Wörter-Buch ein Bild von einem Strand mit Sonnenschirmen und Badetüchern gezeigt habe. Sie hatte keine Ahnung, was das sein soll. Vom Homestay etwas oberhalb der Bucht suche ich mir zwischen Hütten und engen Verschlägen für Schweine einen Weg nach unten zum Meer. Hier gibt´s zwar etwas Sand, aber ob sich hier schon jemals wer hergelegt hat, wage ich zu bezweifeln. In erster Reihe stehen im leichten Halbkreis mehr als zwanzig längliche Verschläge mit Bastdächern, in denen die Holzboote der Fischer lagern. Von manchen weg liegen Rundhölzer im Sand, mit deren Hilfe die Boote leichter zu Wasser gelassen werden können. Am Gelände verteilt liegen Knochen aller Art und Größe. Wirbel mit einem halben Meter Durchmesser, Rippenbögen, riesige Schädel, ovale Knochenblätter. Manche Teile liegen sicher schon seit vielen Jahren herum, andere nicht länger als ein paar Tage. Eine komplette Wirbelsäule mit einer Länge von eineinhalb Metern schaut noch ganz frisch aus. Ein paar Schildkrötenpanzer mitten drin. Die Fischer jagen scheinbar alles, was groß ist, neben Pott-und Grindwalen auchDelfine und Haie.Auf Stangen hängen dünn geschnittene Fettschwarten mit schwarzer Haut und vielleicht Innereien zum Trocknen. Eine Frau kommt aus einem der Häuser oberhalb der Bootshäuser und bietet mir einen Ikat-Schal zum Kauf an, in einem kleinen Körbchen hat sie noch Zähne liegen und einen massiven Stoßzahn. Der ist zirka doppelt so lang und etwas dicker als mein Daumen und ist vielleicht für eine Strafe gut, sollten sie mich an der Grenze damit erwischen. Andererseits ist´s ja nur ein Walzahn. Ich habe hier keinen Internetzugang, vielleicht lasse ich es darauf ankommen. Eine andere Frau sagt „Orca, Orca“, und zeigt aufs Meer, vielleicht ist das ja das passende Viech zum Beisser. Im Schatten eines Baumes arbeiten ein paar Männer an einem kleinen Boot. In die Rumpfplanken stemmen sie Nut und Feder und mit selbst geschnitzten Stiften verbinden sie die einzelnen Bretter auf der Breitseite. Die Metallteile ihrer Hämmer sind mit Hilfe einer Blechummantelung mit dem Stiel verbunden, Nägel werden keine verwendet. Natürlich schauen mich alle an, als wäre ich der leibhaftige Klabautermann, aber daran habe ich mich schon fast gewöhnt. Die in Indonesien bevorzugte nonverbale Kontaktaufnahme, das gemeinsame Rauchen einer Zigarette, muss ich leider auch ablehnen. So streife ich als Spaceinvaderdurch das kleine Dorf. Schulmädchen kreischen, kleine Kinder beginnen zu weinen oder verstecken sich in den Häusern. Überall hängt Fleisch oder Fett. Der Geruch ist ungewohnt und intensiv, aberauf Dauer ähnlich schlecht auszuhalten wie der von getrocknetem Fisch. Im Nachbarort komme ich noch rechtzeitig zu den Ausklängen eines Wahlkampfauftrittes. Ein Alleinunterhalter singt und bespielt übersteuert auf einerverstärkten Heimorgel unter einem ausladenden Baum sitzendes Publikum. Ich komme mit einem Typen im neonfarbenen Frotteepullover ins Gespräch. Der müssteeigentlich unglaublich schwitzen, tut er aber nicht.Für eine Kreditkooperative arbeitet er und als ich anfrage, ob ich auch einen haben kann, hat er was zu lachen. Nach einem Bier und der üblichen Fisch-Reis-Gemüse-Kombi zum Abendessen ziehe ich mich zurück. Am Zimmer stinkt´s nach Benzin, mein Rucksack hat was abbekommen.


23.1., Waiwerang
Im einzigen Internetcafe der Insel bin ich gestern noch am Boden meines Sichtschutzquadrats aus Sperrholzgesessen und habe mühsam nach letzten Spuren von schon lange wegpolierten Buchstaben auf vorsintflutlichen Tastaturen gesucht, um der Außenwelt meine ewiggültigen Botschaften zu übermitteln. Der Laden selbst wäre ja ganz geräumig gewesen, aber der Kunde hat nur einen lumpigen Quadratmeter zur Verfügung. Ich musste meine eingeschlafenen Schläuche schon bald in den Nachbarkobel schieben, wo sich mehrere Schülerinnen sardinenartig versammelt hatten, um sich die neuesten indonesischen Musikclips anzusehen. Anschließend ewig lange gekochtes Rindfleisch beim Wirten mit dicker Sauce und mit selbst mitgebrachtem Bier, das er mir bereitwillig aufgemacht und eingeschenkt hat, dann auf der finsteren Straße heim. Die Gehsteige waren schon lange hochgeklappt. Heute starte ich mit einem herzhaften Frühstück in den Tag. Nach dem Kaffee im Homestay und nachdem ich die Tageseinkäufe und das Auftanken der Reibe erledigt habe, setze ich michin das Warung von gestern. Ich möchte nachher den Rest der Insel abfahren und unterwegs ist nicht mehr mit Gastronomiebetrieben zu rechnen. Ich bin noch dabei, die ungekühlten Teller und Töpfe in der Auslage zu inspizieren, da gibt mir der Wirt schon zu verstehen, dass er genau das Richtige  für mich hätte. Da er sich sehr über meinen abermaligen Besuch gefreut hat, vertraue ich ihm voll und ganz und unter Zuhilfenahme meines Bilderbuchs finde ich schon bald heraus, dass es drei Schweineherzen sind, die er mir mit Beilagen freudig unter die Nase geschoben hat. Teile davon sind butterweich und schmecken sehr intensiv und gut, der Rest ist sehnig-knorpelig und nichts für europäische Geschmäcker. Nahrungsaufnahme erledigt, eigentlich könnte ich los. Da fällt mir ein, dass heute in Waiwerang selbst ein großer Wochenmarkt stattfindet, den muss ich mir auch noch ansehen. Je näher ich der Handelsecke komme, desto verstopfter wird die Straße. Irgendwann parke ich mein Moped und gehe zu Fuß weiter. Neben dem Üblichen verkauft man hier auch ausgegrabene Bananenstaudenwurzeln und Frauen preisen Fische an, die so groß sind, dass man sie nicht mehr alleine wegtragen könnte. Nicht alle von ihnen sind noch ganz taufrisch, so manches Exemplardürfte schon mehrere Markttage hinter sich haben. Ob dieser hier ein Tauschmarkt ist, werde ich heute nicht mehr herausfinden. Gerade als ich mich an einem im Stau steckenden Auto vorbeischlängeln will, steigt eine Frau mit einem Kleinkind auf ihrem Arm aus und der hinterhältige Zwerg kotzt mir von der Hüfte abwärts das komplette rechte Hosenbein mit brauner Suppe voll. Du kleines Stück Dreck, das darf ja wohl nicht wahr sein! Was hast du heute schon alles in dich hineingefressen? Ich schwimme förmlich in meinen Sandalen. Der Gestank von Milchsäure steigt mir in die Nase, die Mutter schaut mich mit großen Augen an. Ich packe es nicht, warum passiert so etwas immer mir? Der Wurm scheint noch nicht strafmündig und es hat auch nicht den Anschein, als ob er sich der Tragweite seiner Tat bewusst ist. Außerdem beobachten mich zu viele Menschen, ich muss ihn am Leben lassen. Notdürftig säubere ich mich vor Ort, daheim wasche ich Hose und ebenfalls angebröckeltesLeiberl aus, ehe ich endgültig losstarten kann. Ich folge ein Weilchen der Küste nach Osten. Jedes Haus hat Gräber im Garten stehen. Der Müll wird an mehreren Stellen den Hang hinunter direkt ins Meer gekippt, wo an zwei Häfen unzählige Holzboote vor Anker liegen. Alle sind weiß gestrichen und sehen brandneu aus. Manche sind so schnittig gearbeitet, dass sie aussehen wie Rennboote. Dann nehme ich eine Straße, die sich hoch und immer höher durch sonst unberührt scheinenden Urwald schlängelt, bis es richtig kühl wird. Irgendwo nehme ich für ein Weilchen einen Passanten mit Machete mit, irgendwo liegt ein schon mehrfach durchgesägter, großer Baum über der Straße und jeder muss den Jugendlichen, die dort warten, fünftausend Rupien Wegzoll bezahlen. Ob sie so für ihren gemeinnützigen Dienst entschädigt werden oder ob es sich um Wegelagerer handelt, kann ich nicht sagen. Rafael hat mir gestern auf seiner Karte eine Strecke von siebzehn Kilometern markiert, wo die Straße kaputt sei. Selbstverständlich möchte ich herausfinden, welchen Zustand eine Straße erreichen muss, damit sie auch ein Indonesier als kaputt erachtet, und ich werde nicht enttäuscht. Ich brauche gute zwei Stunden für das Teilstück des Todes und mein Hintern ist nachher weichgeklopft wie bestes sonntägliches Schnitzelfleisch bei Muttern, das genügt für heute.

Sonntag, 22. Januar 2017



22.1., Waiwerang
Um Sieben höre ich schon die Kirchengemeinde ihre Lieder trällern. Der Kaffee, den mir der Chef Rafael hinstellt, ist außerordentlich gut, er wird auf Flores angebaut. Dann malt er mir eine grobe Karte von der Insel Adonara und schon bald bin ich auf Erkundungsfahrt mit seinem tadellosen Verleihmoped. Das einzige im ganzen Dorf, so ein Glück. Ohne fahrbaren Untersatz wäre ich aufgeschmissen, würde ich hier mehr oder weniger festsitzen. Helmpflicht herrscht nur an Werktagen, am Sonntag machen die Bullen blau. Die Straße nach Osten ist auf siebzehn Kilometern gar nicht mehr befahrbar, der Rest ist überwiegend kaputt, aber ok. Von wo weiß ich das? Von Rafael. Ein gebildeter Mann, sein Bruder studiert sogar in Belgien. Ich folge einer mit einer Eisenstangeabgesperrten Stichstraße zu einer verlassenen Bucht, einem der schönsten Orte, an denen ich jemals gewesen bin. Ganz allein stapfe ich durch den jungfräulichen,fast weißen Sand, in dem ein paar verkümmerte Mangrovenbäume wachsen.  Korallen und Muscheln, kein Müll. Schwarze, löchrige Basaltfelsen rahmen die Bucht rechts ein, links ragen gekrümmte Felszinnen wie Finger in alle Himmelsrichtungen. Die Brandung ist laut.Ein paar recht schöne Unterstände gäbe es auch gegen die Sonne, eine Reuse aus Bambus lehnt gegen einen Baum. Nur kurz gehe ich ins Wasser,die Strömung ist mir nicht geheuer. Zum offenen Meer hin bilden Felsen knapp unter der Wasseroberfläche eine natürliche Barriere mit einemnur schmalen Durchlass und davor scheint sich das Wasser in alle Richtungen zu drehen.Der letztes Jahr in Kuba eingebüßte Zehennagel kommt mir in schmerzliche Erinnerung, wider haltlose Behauptungenlerne ich aus meinen Fehlern. Kleine Fähren tuckern vorüber und nebenan sehe ich noch weitere Buchten. Ein Typ stört meine Kreise und lässt sich auch nicht vom Umstand beirren, dass wir kein einziges Wort miteinander teilen können, außer Indonesia. Er tippt etwas in sein Telefon und ein Übersetzungsprogramm spuckt Thingsformanyaus. Aha? Also macht er halt Fotos von uns. Den Vulkaniergruß, den ich immer anwende, damit die Leute etwas nachzudenken haben, kann er auch nicht, nicht im Ansatz. Ich verlasse den Spasti und setze meine Expedition fort. Ein Dorf am Hang eines perfekten, rauchenden Vulkans, mittendrin eine Kirche mit rotem Spitzdach. Typen mit Gewehren und Macheten beim Checkpoint zum nächsten, offiziellen Strand. Der wohl am besten bewachte Parkplatz ever. Ich zahle anstandslos meine vierzig Cent Gebühr. Es ist so heiß. Erst als ich unabsichtlich ins Landesinnere abbiege, beginnt es endlich zu nieseln. Keine Wegweiser, Blindflug. Ein paar verschlafene Dörfer, kein Warung weit und breit. Die Straße dampft. Der Regen nimmt zu, ist anfangs aber noch immer sehr angenehm. Dann ein unglaublicher Wolkenbruch, der mich mit einigen Stopps, während derer ich mich unterstellen muss, heim treibt. Mohidor kommt, ob ich mit ihm und seiner Freundin zum Strand will, ich passe. Die Klimaanlage schnurrt.


21.1., Maumere, Waiwerang
Keine zehn Minuten stehe ich kurz vor Sieben neben der Hauptstraße, bleibt schon ein Minibus nach Larantuka stehen, der östlichsten Stadt von Flores mit Hafen zu den Inseln des Solor-Alor-Archipels. Heute die Frauen Perry und Pink in Dauerschleife, während wir beengte Dörfer außerhalb Maumeresabklappern, um noch mehr Passagiere für die vierstündige Fahrt aufzutun. Stelzenhäuser, verdreckte Gassen, Männer, die an Einbäumen hobeln. Dann wird es immer einsamer. Statt kleiner Siedlungen nur mehr einzelne Höfe inmitten von Reisfeldern. Fahrende Händler mit Besen und anderen Waren auf ihren Mopeds. Ein Bauer schleift seine Harke, indem er sie während der Fahrt auf dem Asphalt neben sich her zieht. In Larantuka bringt mich ein Typ zu einer Bootsanlegestelle und von dort setzt mich ein kleiner Kutter die dreihundert Meter zur Insel Adonara über. Der Steuermann muss dabei steil gegen die in dieser Enge herrschende Strömung halten, damit wir nicht zu weit abgetrieben werden. Drüben funktioniert die Verständigung endgültig nur mehr mit mehrfach unterschiedlich betonten Ortsnamen und einfachsten Gesten, beide Hände an den geneigten Kopf mit Schnarchgeräuschen zum Beispiel oder reibende Finger und gestreckte Finger für Preisverhandlungen. Mein Bilderbuch mit den wichtigsten Symbolen für unterwegs ist noch irgendwo im Hauptgepäck vergraben. Nach Wureh möchte ich, zu irgendeinem namenlosen Marktflecken in der entgegengesetzten Richtung bringt mich ein Mopedtaxler, weil es nur hier so etwas wie eine Unterkunft gibt. Bis ich das verstehe, vergeht eine halbe Stunde inmitten einer Traube aufgewühlter Eingeborener, die mich mit wertlosen Wortfetzen und englischen Phrasen behelligen, die sie irgendwo einmal aufgeschnappt haben. „Whereyougo, Mister?“, das war´s aber dann. Permanent zupft wer an mir oder klopft mir auf die Schulter, während ich herauszufinden versuche, wer mich hier überhaupt versteht. Das finstere Loch mit zwei Stockbetten darin mitten im Marktgebiet ist skandalös, keinen Hund würde ich hier über Nacht einsperren. Ein Benzintandler verschafft mir schließlich einen groben Überblick über die örtlichen Gegebenheiten, nur in Waiwerang gäbe es zwei Homestays.Mein Reiseführer erwähnt ebenfalls zwei Unterkünfteim Hauptort der Insel, lässt aber die essentielle Frage unbeantwortet, welches der vielen Dörfer denn jetzt der eigentliche Hauptort ist. Schreibtischtäter,na wurscht. Mohidor, ein fünfundzwanzigjähriger Bursche, dessen Familie hier heute einen Marktstand betreibt, bietet mir schließlich an, mit ihnen nach Waiwerang zurückzufahren, sobald sie die Waren am Pickup verstaut hätten. Ich finde mich wieder inmitten vieler anderer auf großen Kleidungssäcken in luftiger Höhe sitzend, bei einem entgegenkommenden Truck haue ich mir gleich ordentlich die Zehen an, weil ich meine Füße arglos herunterbaumeln habe lassen und die Straßen sehr eng sind. Mohidor möchte dann alles über die westlichen Gepflogenheiten in Bezug auf vorehelichen Sex, Prostitution, Heirat und Religionsausübung wissen und während wir die engen Kehren über die Hügel im Landesinneren erklimmen, stehe ich pflichtschuldigst Rede und Antwort. Ob Polygamie in Ordnung sei und ob bei uns die Frauen vor der Eheschließung ebenfalls schriftlich bestätigen müssten, dass mit ihnen körperlich und geistig alles in Ordnung sei? Nicht alles ist mit wenigen Sätzen erklärt. Warum es denn überhaupt noch horizontales Gewerbe bei uns gäbe, wo doch quasi jeder mit jedem jederzeit und ähnliche Kurzschlüsse gilt es aufzuklären. Selbstredend ist er begeistert ob der geschilderten Zustände und gibt mir noch einen Kaffee im Haus der Familie aus, ehe er mich zu den zwei Hotels führt. Die schüchterne Frau des Bruders tastet sich die Wand entlang so weit bis zum Vorraum vor, in dem wir sitzen, dass ich ganz kurz ihre neugierigen Augen sehe, dann reicht sie die Tassen ins Leere und zieht sich hurtig ins Innere des Hauses zurück, nachdem ihr der Schwager endlich den Kaffee abgenommen hat. An der Wand hängt ein Bild seines Koranlehrers und ich lerne alles über halal und haram und noch irgendwas dazwischen, ohne Worte. Mohidor selbst hätte auch einen Raum frei, der ist allerdings bis auf eine Matte am Boden leer und moskitoverseucht. Im Hotel Asri checke ich ein und verschnaufe erst einmal, anstrengend ist das Vagabundendasein. Am Abend gibt´s nicht mehr viel zu tun oder zu sehen in Waiwerang und ich bin froh, dass ich noch gebratenen Reis mit kleinen Fischen und Kokosraspeln und eine Flasche Wasser dazu aufstellen kann.