Dienstag, 15. Januar 2019

13.1., Samara

Ein schöner verfaulenzter Tag am großartigen Strand Samaras, eine sichelförmige Bucht über mehrere Kilometer, zu beiden Seiten begrenzt von schroffen Felszungen.
Dazwischen nur feiner Sand und ein paar Palmen. Unter denen hängen wir frohgemut unsere Matten auf und schauen einem Buben zu, der ein paar Pferde über den Strand führt und ab und an für einen kurzen Ausritt vermietet. Am Sandfußballplatz neben uns spielen die Einheimischen bei Affenhitze und tschechern und schwitzen. Familien halten ihr Sonntagspicknick ab und auch wir löffeln butterweiche Avocados und zischen kalte Kokosnüsse. Würdig und recht für heute, aber
was wird morgen? Der Weg in den Süden der Halbinsel ist scheinbar nur Besitzern eines Allradautos vorbehalten, eigentlich sitzen wir hier fest. Die öffentlichen Busse fahren aus unerfindlichen Gründen gigantische Umwege, nur um nach einer ausgedehnten Umfahrungsspanne über das Landesinnere ein Stückchen weiter unten wieder zur Küste zu gelangen. Der Grazer, der erst unlängst per Fähre vom Süden her kommend Samara erreicht hat, meint, die Straßen seien in der Tat sehr schlecht, soweit überhaupt vorhanden. Das kann man so nicht stehen lassen. Schließlich sind wir mit dem festen Ziel hierher gekommen, die gesamte Halbinsel Nicoya aufzumischen.
Morgen setzen wir uns entgegen besseres Wissen ab. Adäquate Fahrzeuge sind allerdings vergriffen oder in Gold aufzuwiegen. Ein stinknormales 110ccm Automatik-Moped ist als Rustikalalternative für drei Tage reserviert, das Gepäck schon auf ein transportierbares Maß zusammengedampft, der Rest wird im Hostel eingelagert. Alles weitere wird sich unterwegs weisen, wir sind zuversichtlich.
12.1., von La Fortuna nach Samara

Wer hier kein eigenes Auto hat, braucht Zeit und Nerven, wobei es in Sachen Komfort eigentlich nichts zu meckern gibt. Das erste Taxi bringt uns zum zentralen Terminal, wo wir bei Gallo Pinto und Caffee Negro auf den Bus nach San Ramon warten.  Es regnet noch immer, perfektes Reisewetter. Mit heute sollten wir auf unserer Fahrt nach Süden den klimatisch bedingten Dauerregen hinter uns lassen und in der Trockenzeit ankommen.
Hohe und mitunter Furcht einflößende Hängebrücken passieren wir mit gebotener Vorsicht des routinierten Fahrers, dann tauchen wir für zwei Stunden ein in dichtesten Nebel. Keine zehn Meter Sicht, nur undurchdringliches Weiß rund um uns wie im Dampfbad. Entsprechend verspätet kommen wir an, was aber total egal ist. Einen Bahnhof oder gar Anschlussbus gibt´s in engerem Sinn eh keinen. Ein Taxi setzt uns wie angeraten am Panamerika-Highway aus, da sollen wir auf eine geeignete Möglichkeit zum Weitertransport warten. Dort stehen wir eine Zeit lang gemeinsam mit ein paar Ticos, Pläne hängen keine aus. Irgendwann erreichen wir nichtsdestotrotz Nicoya, alles fügt
sich immer irgendwie. Mit dem letzten Taxi des Tages geht´s nach mittlerweile elf Stunden Anfahrt zum letzten Bus nach Samara, einem Dorf an der Küste.
Jedes mal, seit ich in Costa Rica bin, denke ich mir, es kann jetzt nicht mehr touristischer werden und prompt wird´s noch ärger. Wer es gerne ruhig und ursprünglich hat, braucht nicht hierherzukommen. Italienische Eissalons und vegane Restaurants, amerikanische Steakhäuser, deutsche Bäckereien. Und kein Quartier mehr frei weit und breit. Das Preisleistungsverhältnis unserer heutigen Unterkunft treibt uns die Tränen in die Augen, aber es hilft nix. Auch die Ticos genießen gerade ihren Urlaub. Mit einem Grazer, den wir vor einiger Zeit an der Grenze kennengelernt haben, trinken wir noch ein Schlückchen und bedauern uns gegenseitig auf hohem Niveau.
11.1., La Fortuna

Nichts passiert und das ist auch so beabsichtigt. Nach ungerechtfertigten Verbrüderungsszenen mit dem abreisenden deutschen Pärchen gehört das Hostel mitsamt allen seinen Lümmelecken und den Hängematten im Garten allein uns. Ein feudales Frühstück mittels eigens zu diesem Behufe erstandener Kaffeefiltersocke, Eiern und einer prächtigen Ananas, während sich die Kinder des Besitzers neidisch ein paar unreife Bananen kochen, dann aber hurtig in die Waagrechte für den Rest des Tages.
Neue Reisepläne müssen ausgeheckt werden, die wilde Halbinsel Nicoya lockt. Lesen, packen, Analogkäse naschen, dösen. Ab und zu trommelt der Regen beruhigend auf das Blechdach und lässt uns wissen, wir versäumen nichts.

Freitag, 11. Januar 2019

10.1., La Fortuna

Eine Zeit lang konnten wir die Vulkane, von denen wir hier umzingelt sind, ganz gut ignorieren, heute müssen wir doch noch auf einen raufklettern. Auf den größten, den El Arenal, führt kein offizieller Weg hoch, aber sein Nachbar, der Cerro Chato, lockt sogar mit einem klassischen Kratersee.
Auf der Straße zum Berg nimmt uns noch ein finnisch-costaricanisches Pärchen mit dem Auto mit, ab dann wird´s anstrengend. Der erste Abschnitt ist mit einer klassischen Almwanderung vergleichbar, mit schöner Landschaft und Aussicht auf die Stadt unter uns, dann folgt der Einstieg zum Steig, der an die Spitze des tausendeinhundert Meter hohen Vulkans führt.
Jaja, der sei zwar offiziell gesperrt und mit Stacheldraht dicht gemacht worden, das wäre aber eine
übertriebende Reaktion der Gemeinde auf noch akzeptable Zerfallserscheinungen entlang der Route, hat man uns gesagt. Also frohen Mutes am Zaun und an den Warntafeln vorbeigeschlüpft und weiter. Es folgen fünfzig bis hundert hüfthohe Geländekanten, ebenso hoch ausgeschwemmte, ganz schmale Rinnen, durch die wir uns hindurch zwängen, die meisten der ursprünglich als Treppen angebrachten Holzbalken im steilen Gelände sind schon weggespült oder verrottet.
Selbstverständlich musste dieser Weg gesperrt werden, er ist gänzlich verwüstet. Aber Spaß macht es auch, obwohl alles nass und schlammig ist und wir uns teilweise auf allen vieren fortbewegen müssen. Fünf Argentinierinnen sind hinter uns, zwei Amis schon am Weg retour, weil ihnen das Wasser ausgegangen ist und ihnen der Abstieg vom Kraterrand zum See als zu gefährlich erschien. Tatsächlich werden die letzten hundert Meter in unwegbarem Gelände sehr steil, dann
stehen wir am Fuß des Kraters vor dem türkisgrünen See, über den Nebelschwaden ziehen. Die Wände des Kraters sind mit dichtem Dschungel bewachsen, der letzte Ausbruch ist schon treitausendfünfhundert Jahre her. Scheinbar riecht es leicht nach Schwefel (ich rieche gar nichts, meine Nase ist dicht), an den Rändern hat sich Schaum gebildet, im Wasser selbst dürfte nichts leben.
Für den Weg zurück wählen wir eine andere Route über den El Arenal, hängen uns an eine russische Geburtenhelferin und ihre Mutter in der Hoffnung auf leichteres Terrain an. Der Weg ist allerdings doppelt so lange und die zwei Damen aus Sibirien (im Winter minus dreißig, im Sommer vierzig Grad und Mücken. Sehr schön, du kommen!) legen ein wahnwitziges Tempo vor. Wirklich, ich marschiere mit fünfundneunzig Prozent Leistungskapazität-den Rest als Reserve bei
einem Pumaangriff-, aber ich komme kaum nach. Auch ein veritabler Sturz kann das Duo nicht bremsen.
Nach sechs Stunden Marsch im Stechschritt treten wir endlich aus dem Wald und schauen alle aus wie ein Burgenlandler nach einem dreitägigen Weinfest. Verschwitzt und verstunken, dreckig und zerschrammt, aber glücklich.
Bis vor die Haustüre bringen uns die zwei noch mit ihrem Mietwagen und mehr geht heute nicht mehr.

Mittwoch, 9. Januar 2019

9.1., La Fortuna

Seit Tagen schon stehe ich an der Schwelle zum Hades, eine schwere Form der Männergrippe hat mich fest in ihren Klauen. Von der in solchen Belangen völlig empathielosen Holden ist kein Mitleid zu erwarten, ich bin auf mich allein gestellt in der grünen Hölle Costa Rica.
Nächtliche Fieberfantasien von menschlichen Tomaten und latent drohende Denaturierung meiner selbst ließen mich, wenn überhaupt, nur ein trübes Auge schließen. Entsprechend überschaubar
das heutige Tagespensum. Zu Fuß in die Stadt, vorbei an uralten, überwachsenen Gräbern von weiß Gott wem und unsere Euroreserven wechseln. Die hiesigen Automaten spucken für unsere Bankkarten kein Cash aus, deswegen. In auf dem Boden vorgemaltem Zickzackkurs nähern wir uns in Zeitlupe, aber unaufhaltsam einer Ermöglicherin neu gewonnener Liquidität, die uns nach strengster Kontrolle meines Reisepasses endlich wieder mit der neben DKT-Geld wohl buntesten Währung der Welt ausstattet. Und so kitschig! Spielende Hasen und Rehe, Kolibris, Faultiere, Haie zwischen Seesternen, wunderbar.
Zum verspäteten Frühstück gebe ich mir gleich ein Ceviche, das ist roher Fisch in Limettensaft mit Koriander und Zwiebel. Die Fischfrau zwinkert mir zweimal lüstern zu, ich kann es ihr nicht
verübeln. Ena meint, ich fantasiere und nicht einmal eine räudige Fischfrau würde auf mich abfahren, dessen Weg von Schleimbatzen und vollgerotzten Taschentüchern gepflastert ist. Que desgracia!
8.1., von Monte Verde nach La Fortuna

Wenig Straßen in dieser Gegend, wohl wegen der ungünstig platzierten Berge und Vulkane. Um ins keine fünfundzwanzig Kilometer entfernte La Fortuna zu gelangen, ist eine vierstündige Reise inklusive einer Kombination aus zwei Autos und einem Boot erforderlich, das uns noch über den malerischen Arenalsee schippert, ehe wir im Epizentrum des costarikanischen Tourismus, in La Fortuna, ankommen. Gemeinsam mit Chinesen mit riesigen Hartschalenkoffern und amerikanischen
Pensionistenpärchen werden wir im Zentrum der Kleinstadt ausgespuckt. Über allem dominierend der riesige Vulkan, der das letzte mal erst 2010 ein paar Dörfer in der Nähe platt gemacht hat.
Unsere Absteige, das Woodhouse Hostel, ist großartig. Bunte Wandmalereien, Sinnsprüche, Hängematten, Skulpturen, Windspiele, ein hängendes Bett. Pflanzen und bemaltes Treibholz im Garten, hier hat sich jemand viel Mühe gemacht.
Das Internetz bestätigt Gerüchte, wonach die Einheimischen fernab der elitären, vom Vulkan gespeisten Thermalspas ihren eigenen naturbeheizten Fluss hätten, wohin wir gleich einen ausrangierten amerikanischen Schulbus nehmen, der hier noch als Überlandtransportmittel gute Dienste leistet. Unser Spanisch ist nach wie vor nicht vorhanden bis katasrophal, das macht das Unterfangen nicht leichter. El Rio con aqua caliente es donde, por favor? Come? No entiendo, pura vida!
Nach kurzer Suche entdecken wir trotzdem das gar nicht so stille Örtchen. Ein gut besuchter, unregulierter Fluss mit aus schwarzem Lavagestein provisorisch gebauten kleinen Pools, wo es sich formidabel mit den Anrainern herumsulen lässt. Das Wasser hat an die vierzig Grad, das mir von einem kurz zuvor kennengelernten Deutschen gereichte Bier mindestens dreißig weniger, herrlich. Kulinarisch erwähnenswert ist ein Palmensalat am Abend, der besser schmeckt, als sich erwarten hätte lassen.
7.1., Monte Verde

Ok, Chickos, sagt die kleine Tochter des Busfahrers zu uns, während wir zum berühmten Nebelwald Monte Verdes hochfahren, bis 16.00 hätten wir Zeit für unsere Wanderung, bevor sie uns wieder abholen kommen würden. So ein Nebelwald ist mit einem stinknormalen Urwald gar nicht zu vergleichen. Dadurch, daß der Wald ständig in Nebel und tiefhängende Wolken gehüllt ist, sind die Bäume flächendeckend mit Moos und Flechten bewachsen und in ihrer eigentlichen Form fast
nicht mehr zu erkennen. Windschief und knorrig hängen sie herum, es tropft und gluckst allerorts und die Luftfeuchtigkeit liegt bei knapp hundert Prozent.
Etwas Unwirkliches, Verwunschenes hat so ein Cloud Forest, wo sogar auf dem Moos noch Moos wächst. Die ersten paar hundert Meter aller begehbaren Wanderwege sind noch japanersicher mit Kies oder Betonplatten gestaltet, ab dann regiert der Gatsch. Exotische Fauna ist allerdings Mangelware. Ein paar braune Vögel sind in etwa so spannend wie die Spatzen im Außenbereich eines Mäc Donalds, wenn ich großherzig ein paar Fritten ausgebe. Keine taufeuchten Leoparden oder
wenigstens Nasenbären lassen sich blicken, dieser Wald ist eher für Ornithologen oder herzlose Vogelhändler interessant. Doch selbst hier merken die wenigen Bewohner des Waldes meine indianische Verbundenheit mit ihnen und dem Kosmos überhaupt. Ein Kolibri brummt durch seine gewaltige Motorumdrehungsflatterzahl zuerst unbeteiligt herum und bleibt dann keinen halben Meter vor mir für ein Weilchen auf Augenhöhe in der Luft stehen. Was will das Viech? Telepathische
Zwiesprache vielleicht oder möchte mir der Vogel einen weisen Rat fürs Leben mitgeben? Es wird wohl eher meine weiße Sonnenbrille sein, die er für eine Orchideenblüte hält. Immer weiter kämpfen wir uns durch den Dreck, werden dazwischen mit schönem Ausblick auf den Bilderbuchvulkan El Arenal belohnt, während uns langsam Schwimmhäute und Froschzungen auf den mittlerweile mit Flechten übersäten Körpern wachsen.
Giftgrün schimmernde Käfer, ein paar Tausendfüßler, die es auch in diesem schwierigen Terrain schaffen, nicht über ihre eigenen Füße zu stolpern. Tierischer Höhepunkt eine vielleicht vier oder fünf Zentimeter große Gottesanbeterin, perfekt getarnt als ein Büschel Flechte, erspäht wieder von der anmutig durch den Wald pirschenden, unbefleckten Gefährtin. Dreck perlt an ihr ab wie an einem modernen Klo mit Antihaftbeschichtung.
Drei Schweizer im Geländewagen nehmen uns mit retour ins Dorf, das ist standesgemäßer als mit den Öffis.