Montag, 3. Januar 2022

 2.1., Aqaba

Mehr als zwei Wochen braucht man für Jordanien wirklich nicht zu veranschlagen, das Land ist restlos aufgemischt. Sicher, es gäbe noch ein paar Wüstenfestungen, Schlösser und andere Ruinen, aber besser als Petra wird´s nicht mehr. Das Gleiche gilt für alle Wüsten, Wadis und Unterwasser-Wracks. Parasailing am Südstrand waren wir noch nicht, lassen wir aber aus. Diesen Sommer wurde dort einem Touri von einem Hai sein Fuß abgebissen, bevor er noch richtig abheben konnte. In Aqaba kennen wir mittlerweile jedes Gässchen und folgen einer täglichen Routine. Ein Kaffee beim Mäci, Stockball, Ena raucht ihre Sisha und ich trinke Tee, während wir aufs Meer schauen. Vor dem Abendessen der Sonnenuntergang und die Tauben/Rabenshow vom Balkon aus. Alle landestypischen Gerichte sind verkostet, wir sind schon auf mysteriöse Inder umgestiegen. Spicy 25 or 15? fragt uns die Kellnerin, wir tippen auf 25 und bekommen gutes, aber völlig ungeschärftes Essen vorgesetzt. Am Zimmer google ich das und die einzigen Einträge beziehen sich auf  die Spice Girls. Anyway, Zeit wird´s. Ein Update folgt, sobald ich wieder auf der Piste bin.


Samstag, 1. Januar 2022

 1.1., Aqaba

Ein frohes Neues euch und für uns gibt´s heute einen Tag der Regeneration und des Müßiggangs. Ich meine, brennende Shots und Brother Loui, ich bin ja keine Sechzehn mehr, gelle? 

Es findet sich sogar Zeit für die weitere Urlaubsplanung und bei näherem Hinsehen muß ich feststellen, daß hier Endstation für mich ist, was den nahen Osten angeht. Die Länder rundum sind beim besten Willen nicht mehr zu bereisen. Im Libanon gibt´s keinen Sprit und die Volksseele kocht, vom in die Luft geflogenen Hafen ganz zu schweigen. Israel hat wegen Corona komplett dicht gemacht, dessen Stempel im Pass würde das Reisen in der Umgebung aber auch nicht gerade leichter machen. Nach Saudi Arabien darf ich nicht ohne Einladung, der Irak und Syrien bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Eine Million Iraker insgesamt leben als Flüchtlinge in Jordanien und so manches Auto ziert ein Foto von Saddam Hussein. Nur Ägypten wäre eine Option, aber bei den südlichen Brüdern im Geiste war ich schon. Für Libyen wurde ebenfalls ein Reiseverbot ausgesprochen und im Sudan herrscht Bürgerkrieg und Ausnahmezustand. 

Was für eine Gegend. Ein Wunder eigentlich, daß Jordanien so einigermaßen stabil ist, wobei die Betonung auf einigermaßen liegt. Vierzig Prozent der im Land lebenden Bevölkerung haben palästinensische Wurzeln. Eine große Zahl an Flüchtlingen anderer Länder belastet den Haushalt, die Inflation und Arbeitslosigkeit sind hoch. Also  übermorgen mal zurück nach Wien und von dort neu durchstarten.

 31.12., Aqaba

Ein Unwetter zieht des Nächtens über die Stadt, damit hätte ich nicht gerechnet. Getaucht wird trotzdem. Direkt vom Strand schwimmen wir zu einem fünfundsiebzig Meter langen libanesischen Frachter, der 1982 während eines Feuers an Bord  schwer beschädigt und später kontrolliert versenkt wurde, damit Fische und Taucher etwas zu sehen haben. Freilich leidet bei absichtlich platzierten Objekten der Abenteuerfaktor, aber bitte. 

Der  Hauptmast mit intaktem Krähennest ragt ins blaue Meer, das Schiff liegt auf der Seite. Ein Loch klafft im Rumpf, wahrscheinlich von einer Sprengung. Gleich daneben liegt die Tarmac Five, eine von der Firma Alcatel 1996 nach Beendigung der Verlegung eines Stromkabels nach Ägypten zwanglos entsorgte Plattform mit neun mal neun Metern. 

Ums Eck steht ein Typ wie eine Säule unter Wasser, wie bestellt und nicht abgeholt. Mittels dreier Finger, die er sich auf seine Schulter legt, gibt er unserem Guide zu verstehen, daß er Militarist ist. Dann hält er sich eine Faust gegen die Stirn, scheinbar das Zeichen für den König. Wir sollen uns zügig schleichen. Ist der Staatenlenker also schon wieder da. Scheinbar lassen seine Amtsgeschäfte genügend Spielraum für ein gewisses Maß an Freizeitaktivitäten. Soll sein, wir sind ohnehin schon durch mit unserer Runde. 

Nächster Programmpunkt der Unterwassertour ist das Underwater Military Museum. Auf einer Länge von 140 Metern sind einundzwanzig Objekte in Sand und Seegras deponiert, Hubschrauber, Kanonen, Panzer, Jeeps, ein Sanitätsfahrzeug, Truppentransporter, usw. Rundum Korallenstöcke, Kugelfische und Anemonen, sweet. 

Abends platzt die Stadt aus allen Nähten. Es staut von allen Himmelsrichtungen, was einleuchtet, weil der Hauptkreisverkehr von lustwandelnden Horden aus dem ganzen Land belagert wird. Die Süße und ich fallen mit unserem Tauchguide Thaer im Believe you ein, einer sogenannten Soft Bar am Dach eines stillgelegten Hotels hoch über der Stadt. Zu Brother Loui Loui Loui und vergleichbarem Liedgut werden brennende Shots und das erste Bier nach zehn Tagen der Askese gereicht, dazu Taucherlatein an der Schmerzgrenze. Darüber hinaus werden Einblicke in soziale Besonderheiten gewährt. Möchte Thaer eine Frau ehelichen, muß er an deren Eltern zirka dreitausend Juros abdrücken. Der gleiche Betrag wird im Falle einer Scheidung fällig.  Die Ex kann dann froh sein, wenn noch irgendwo ein alter Knacker für sie abfällt. Mehr als vier Frauen gleichzeitig darf Thaer ohnehin nicht unterhalten. Fände er also Gefallen an einer fünften, müsste er eine aus dem Sortiment abstoßen,  um den islamischen Gepflogenheiten zu entsprechen. Die fertige Betreiberin der Bar ist übrigens Christin, nur deswegen darf sie das. Die ehrenhafte Muslimin sitzt hauptsächlich zu Hause und verhält sich ruhig. 

Unser Mann ist bald sehr dicht und muß daheim noch mit der ganzen Family Mamas Geburtstag feiern, der Arme. Wir schauen uns die paar Raketen, die in Eilat und Aqaba verschossen werden, vom Balkon aus an. Böller werden reichlich gezündet und die Krähen packen es nicht. Panisch irren sie zu Hunderten im Luftraum herum, wie in Hitchcocks Die Vögel.


Donnerstag, 30. Dezember 2021

 30.12., Aqaba

Polizeikontrolle  am Weg zum Südstrand. Keiner ist angegurtet oder trägt eine Maske, egal. Aber einen Feuerlöscher würde der Beamte gerne sehen, na bumm. Zaubert unser Fahrer doch tatsächlich ein brandneues Exemplar aus den Untiefen seines Wracks hervor und darf unbehelligt passieren, nicht schlecht. Das Highlight des ersten Tauchgangs ist ein von Weichkorallen besetzter Panzer amerikanischer Bauart aus dem Fundus der jordanischen Armee, aber der zweite Ausflug verzögert sich etwas. Gerade als ich mich unauffällig erleichtern will, scheucht mich ein unscheinbarer Typ aus dem Wasser, der König geruht genau jetzt und genau hier, ebenfalls zu tauchen. Rania, seine im Gegensatz zu ihren weiblichen Untertanen meistens chic in italienische Designerpanier gewandete Gattin, hat ihm scheinbar einen Männertag zugestanden, und daß er dann nicht in meiner Lulle herumgrundeln will, verstehe ich. Wir und alle anderen Anwesenden müssen uns eine gute Stunde gedulden, bis der King und sein aus drei Armeebooten bestehendes Geleit weitergezogen sind, ehe wir eine Lockheed Hercules erforschen dürfen. Riesig ist das Flugzeug und mit den Jahren auseinandergebrochen und in Trümmern. Hier sieht´s nicht so aus, als ob das Teil einst kontrolliert versenkt wurde. Das Szenario erinnert mehr an einen verheerenden Absturz. Allerhand Bewohner im Laderaum, Feuerfische, Muränen und Konsorten, das Cockpit mit einem Plastikskelett am Pilotensitz schon ziemlich geplündert, aber noch immer beeindruckend. Ein bemühtes Abendessen noch mit neuer Tauchbekanntschaft, mehr passiert heute nicht. Tauchen macht müde.


Mittwoch, 29. Dezember 2021

 29.12., Aqaba

Ein Teigtascherl mit Alfalfa, dann runter zur gelben Fastfoodbude. Es fällt mir nicht leicht es zuzugeben, aber den einzig trinkbaren Kaffee Jordaniens gibt´s bei Mc Donalds. Der Rest ist mit Kardamom gestreckt und extrem bitter oder wird in vorgesüsster Granulatform ausgeschenkt. Ena ist natürlich happy darüber und stopft sich, wenn wir schon mal da sind, schnell mit Burgern und Fritten voll. 

Von einem Alten am Straßenrand kaufen wir Wasser und beschwören mit ihm die jordanisch-österreichische Freundschaft, dann fahren wir zu den südlichen Stränden. Die Autos, mit denen wir unterwegs sind, sind, glaube ich, privat. Deren Lenker nützen scheinbar die Gelegenheit und sammeln uns auf, um sich ein paar schnelle Scheinchen zu verdienen. Kurz vor der saudischen Grenze hat sich Jordanien vom Nachbarn zwölf Kilometer Küste gegen ein ansehnliches Stück Wüste eingetauscht und auf Geheiß des Königs, selbst ein passionierter Taucher, wurden unweit der Küste allerhand Flugzeuge, Hubschrauber, Panzer, Schiffe und anderes ausrangiertes Kriegsgerät versenkt. Im Laufe der Jahre entstand so im Ansatz ein künstliches Riff mit gefälliger Flora und Fauna, das wir die nächsten Tage betauchen werden. Das direkt vor der Stadt versenkte Flak-Geschütz werden wir später im Rahmen einer privaten Glasboot-Tour sehen. 

Viele Einheimische machen heute Strandtag und lassen es sich gut gehen. Man kocht Tee, ignoriert den Wind und genießt die Sonne, eine Frau hat sogar ihre Schuhe ausgezogen. Zum Sonnenuntergang pufft die Süße eine Sisha am Stadtstrand, dann verlangt der Dienstleister, einst gesäugt von aussätzigen Echsen (ja, Scharti!) in finsterster Nacht und großgezogen von verschlagenen Lemuren, noch je einen zusätzlichen Dinar für die Sessel, auf denen wir gesessen sind.  Als ob der Hiesige seine Pfeife im Stehen rauchen würde, Frechheit. Ich bekomme kein Wechselgeld und zeige ihm den Finger, er verabschiedet sich freundlich. Entweder schmerzbefreit der Hawara oder nicht vertraut mit eigentlich internationalen Gesten des Missfallens. 


Dienstag, 28. Dezember 2021

 28. 12., von Amman nach Aqaba

Wieder die dreihundert Kilometer runter in den wärmeren Süden des Landes. Vorbei an der West Bank, in den 60ern von Jordanien im Zuge des Sechstage-Krieges an Israel verlorenes Territorium, und an den vermuteten Überresten von Sodom und Gomorrah, zweier antiker Party-Städte, die der Bibel zufolge bei Gott in Ungnade gefallen waren und von ihm in seiner unergründlichen Weisheit deswegen vollständig annihiliert wurden.

Viele Bagger stehen entlang der Straße und vor einzelnen Häusern. Lebt man zum Beispiel am Wolfgangsee, besitzt man mitunter ein Boot. In der Wüste scheint das Gegenstück dazu der Bagger, mit dem man bei Lust und Laune das Geröll rund ums Eigenheim umgestalten kann. Weiter im Süden steht gelegentlich ein Kamel vor einer der Hütten, das entspricht dann meinem Skoda daheim. An manchen Tagen würde ich ihn sofort eintauschen, aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück in Aqaba erweist sich der Balkon unseres Zimmers als Quell ungeahnter Unterhaltung. Die Sonne verschwindet gerade hinter den Bergen Eilats, auf der gegenüberliegenden, israelischen Seite der Meeresbucht, und taucht den Horizont in bombastisches Rot. Das nimmt der Muezzin der nahen Moschee zum Anlass, Allah zu preisen, während sich lautstark hunderte Rabenvögel in den Bäumen eines Parks mit großzügigem Kinderspielplatz unter uns einfinden. Am gegenüberliegenden Flachdach wiederum entlässt ein Kind rund dreißig Tauben aus ihrem Schlag, die daraufhin in immer größer werdenden Kreisen ihre Runden ziehen, bis er sie nach einer Weile durch Pfiffe zurück beordert. Ein Fluter hilft den Vögeln wohl, wieder heim zu finden, darüber hinaus wachelt und drischt der Bursche mit einem Wischmop auf eine Plastiktonne. Letzteres vielleicht auch nur, um die Rabenviecher zu vertreiben, was weiß man schon als Nicht-Onkologe. 


Montag, 27. Dezember 2021

 27.12., Amman

Wenn einen der jordanische Kellner mit Griass di! begrüßt und er sich in Smalltalk über Wiener Fußballklubs üben möchte, weiß man, daß man diesen Ort zügig hinter sich lassen muß.  Zurück in Amman latschen wir hoch zur Zitadelle, von der man die Monströsität der Stadt gut überblicken kann. Auch den angeblich höchsten Fahnenmast der Welt sehen wir, diesmal sogar mit Fahne. Dort oben haben im Laufe der letzten zehntausend Jahre alle möglichen (Sub)kulturen gehaust und im örtlichen Museum ist von Rhinozeroszähnen über Glasfische als geheimes Erkennungszeichen der antiken Christen bis hin zu Kindersarkophagen alles ausgestellt. Irgendwo steht wohl auch eine versteinerte Unterhose von Julius Cäsar, aber alle Exponate haben wir uns nicht gegeben. 

Ein Tempel mit Überresten einer einst dreizehn Meter hohen Herkulesstatue, eine byzantinische Kirche, Zisternen, wieder das volle Programm.

Neben Jericho und Damaskus ist Amman mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern eine der ältesten Städte der Welt. Trotzdem gibt es nach niederösterreichischem Vorbild sehr viele Kreisverkehre, an denen man sich leidlich orientieren kann. Mit nervtötendem Gedudel fahren Lastautos mit Gasflaschen zum Tauschen durch die Gassen und oft ist das Konterfei des Königs zu sehen. Seit 1999 regiert Abdallah der Zweite das Land.  Er führt seine Abstammung auf keinen Geringeren als den Propheten Mohammed zurück und in Werbefilmen cruist er lässig mit seiner Harley durch die Gegend. Der Bevölkerung sind motorisierte Zweiräder untersagt, aus Gründen der Sicherheit! Stau überall zu jeder Zeit, aber keine Roller unterwegs. Fahrräder erübrigen sich auch, die Stadt erstreckt sich über zwanzig Hügel.