Dienstag, 5. Dezember 2023

 4.12., Valladolid, Tizimin, Rio Lagartos

Woutje der Belgier geht schon zum dritten mal aufs Häusl, seit ich bei meinem Löskaffee sitze. Sein Bus nach Merida geht gleich und er hat eine schwache Blase. Irgendwo in Belgien arbeitet er den Rest des Jahres als Kassier an einer Supermarktkasse und trinkt während seiner Schicht deutlich weniger als er gerne würde, weil er für zwölf Euro Stundenlohn oft fünf, sechs Stunden ohne Pause durchhackeln muss und nicht nicht einmal pinkeln gehen darf. Als ich ihm von Firmen erzähle, deren Arbeiter Windeln tragen müssen, schaut er mich mit großen Augen an, aber so groß ist der Unterschied dann gar nicht mehr. 

Auch ich setze mich mittags ab, obwohl das Hostal Gayser eine spottbillige Oase der netten Menschen und Gemütlichkeit in einer sehr lauschigen Stadt ist. Sehr karibisch ist das Feeling, das mich unterwegs zur nördlichen Küste beschleicht. Sattgrüne, dichte Vegetation, dann wieder ärmliche Stelzenhütten in hügeliger, fast unbewaldeter Gegend mit Weiden und vereinzelten Palmen. Schwarzfleckig  verschimmelte, aber noch immer monumentale Kathedralen der Kolonialzeit säumen meinen Weg, räudige Hunde stehen sinnlos auf der Fahrbahn herum und packen es nicht. Vor einer Ampel jongliert einer mit Macheten, vor einer anderen spielt ein ziemlich trauriger Clown die Melodica, während er auf einem Einrad balanciert. Jesus died for bikers too, steht auf dem T- Shirt eines Passanten. Ein Coral, erbaut mittels gewagter Holzkonstruktionen und blickdicht gemacht mit Palmwedeln, steht in einem Kaff neben der Straße. Vielleicht dauerprovisorisch errichtet, vielleicht auch nur für ein Rodeo in naher Zukunft. Näheres lässt sich nicht herausfinden, schade. Zwischendurch erstehe ich ein Sackerl mit Chicharrones, die nichts anderes sind als frittierte Fetzen Schweinehaut. Ein Coatl, ein entzückender kleiner Nasenbär, scharwenzelt im Niemandsland aus dem Dickicht auf die Straße und macht sofort wieder kehrt, als er meiner ansichtig wird. Gut so, den hätte ich wohl nicht mehr derbremst. 

Schnell checke ich ein in der heruntergekommenen Villa Mercedes in Tizimin, am Ende des Weges noch weiter nördlich in Rio Lagartos gibt´s dem Vernehmen nach Bootstouren durch ausgedehnte Mangrovenlandschaft. Lange brauche ich nicht nach Anbietern im verschlafenen, weil gänzlich abgeschieden Fischerdorf zu suchen. Die letzten fünfzig Kilometer kam mir keine andere Siedlung mehr unter. Entlang des Malecon sitzen Männer und warten auf Suchende wie mich. Mit einem einheimischen Pärchen und mir fetzt kurz darauf ein netter Dicker zuerst dem grünen Labyrinth entgegen, dann gleiten wir beinahe lautlos durch enge Wasserwege. Ein Reiher hockt unberührt und mit einem Fisch im Schnabel im Geäst, andere Vögel suchen das Weite. Kormorane und Fregattvögel sind mir noch geläufig. Unser Mann fischt einen prähistorischen Pfeilschwanzkrebs aus dem Wasser, der sechs Augen hat, zwei davon auf seiner Unterseite. Seine vielen Haxen, mit denen er panisch herumfuchtelt, greifen sich irgendwie ekelhaft an. Froh kann er sein, das wir ihm sein blaues Blut nicht abzapfen. Man kann damit Keime in Impfstoffen nachweisen und ein Liter davon wird um viele tausend Euro gehandelt. Dann triftet gemächlich ein Krokodil vorbei, wesentlich größer als ich und nicht sehr scheu. Auf der Seite des Bootes legt es an und wartet wohl auf ein Leckerli. Ich könnte ihm den Kopf kraulen und es könnte von mir abbeißen, wenn es denn wollte. So ein schönes Coccodrillo im natürlichen Habitat zu sehen ist eine starke Sache.

Die streng riechende Saline Las Coloradas ist heute nicht wirklich pink, aber die Flamingos vor dem Feuerrot der untergehenden Sonne machen witzige Moves mit ihren dürren Haxen, um kleine Viecher aufzuwirbeln, während sie mit ihren Schnäbeln das Wasser filtern. Bailando!, ruft unser Käptn routiniert entzückt. Mister Pink kann bis zu eineinhalb Meter groß werden, wenn er fleißig filtert. Das Einreiben mit gesundem, wahrscheinlich mit wohltuendem Flamingo Aa gesättigtem Gatsch sparen wir uns, denn was viele nicht wissen- Nach dem Sonnenuntergang folgt Dunkelheit. Fünfzig  Kilometer fahre ich mit Sonnenbrillen auf und Fernlicht an zurück nach Tizimin. Die Brillen deswegen, weil sie hier noch in Scharen fliegen, die Insekten. Übergänge zu in Bau befindlichen Straßenabschnitten sind mitunter sehr direkt. Unerkannte Bodenwellen heben mich nicht nur einmal aus dem Sitz. Der zum Glück sehr spärliche Gegenverkehr gibt nichts auf die Möglichkeit des Abblendens. Viel sehe ich also nicht, und wenn sich zu Beginn eines Waldstückes das Blätterdach der Bäume über mir schließt, dann wird die Finsternis noch finsterer und die Geräuschkulisse noch durchdringender. Irgendwann geht warum auch immer meine Warnblinkanlage an. Keine Ahnung, wo der Knopf dafür ist, aber anhalten werde ich deswegen sicher nicht. Gestern hat mir eine Deutsche, angestellt bei einer Organisation, die hiesige  NGO´s betreut, von 110.000 Verschwundenen in Mexiko erzählt. Froh bin ich, als ich mir daheim das Gesicht freirubbeln und ein Cerveza Superior aufknacken kann.


Montag, 4. Dezember 2023

 3.12., Valladolid

Jeden Tag schüttet es wie aus Schaffeln trotz vermeintlicher Trockenzeit, ich werde mir wohl einen Regenschirm zulegen müssen. Zwischen den Schauern fahre ich zu den Cenoten X´Kekén und Samulá, zwei düsteren unterirdischen Pools mit Fledermäusen an der Decke und gewaltigen Tropfsteinformationen, die bis weit unter die Wasseroberfläche reichen. Die Durchbrüche in der Decke beschränken sich jeweils auf ein paar Quadratmeter und nur von dort dringt etwas Licht in die Höhlen. Entsprechend frisch ist auch das Wasser, was sehr in der Ordnung ist. 

Dann cruise ich noch ein bißchen herum , vorbei an einem Gefängnis wie aus dem Bilderbuch mit weiß getünchten Mauern, Türmen und reichlich Stacheldraht, daneben werden von den Knastis gehäkelte Hängematten verkauft. Ein Friedhof neben der Bundesstraße ist so farbenfroh bemalt wie bei uns ein Kindergarten, auch die Gräber selbst. Eine Auswahl an anderen Verkehrsteilnehmern: Ein zerfetzter Hund am Fahrbahnrand, ein Pensi am Rad mit einem Gewehr umgeschnallt, die Guardia Nacional wie immer martialisch in extrabreiten Humvees. 

Abends nippe ich an meinen ersten Mescals, rauchigen Agavenschnäpsen ähnlich dem Tequila. Dazu werden Orangenspalten mit Chiliflocken und Sal de Gusano gereicht, mit getrockneten Raupen vermischtes Salz. Eine Band spielt auch noch auf in der Mezcaleria Don Trejo, unter dem müden Applaus einiger weniger Gäste bemüht sie sich redlich um Stimmung.


Sonntag, 3. Dezember 2023

 2.12., Valladolid

Auf um Drei, Mysterium Jetlag. Außerdem ruft Muttern an, Mysterium Zeitzone. À propos Zeitzone: Gestern habe ich auf meinem Weg nach Westen eine Stunde verloren. Kurz vor Sieben mache ich mich auf zur angeblich spektakulärsten Maya- Stätte Mehigos, nach Chichén Itzá. Nicht dass ich gesteigertes Interesse an dieser Anlage hätte, aber wenn mich die Geschicke schon hierher verschlagen, fühle ich mich irgendwie verpflichtet.

Oh wie schön es ist, frühmorgens hier herumzucruisen, ohne Gepäck und mit reichlich Tiger im Tank. Valladolid ist ein ausnehmend entzückendes Kolonialstädtchen mit großzügigen Plätzen vor altehrwürdigen Kathedralen und die Orientierung fällt leicht aufgrund der rasterförmigen Anordnung der Straßen. Auch über Land macht die Gegend Laune. Kleine Dörfer, viel Grün, wenig Verkehr. 

Seit 2007 zählt C.I. zu den neuen sieben Weltwundern. Zu bestaunen gibt es zum Beispiel eine dreißig Meter hohe Pyramide, ein Observatorium, Tempel etc., allerdings nur von außen. Seit es jemanden vor einigen Jahren tödlich von einer der Ruinen gezaubert hat, ist´s vorbei mit dem Herumklettern auf den extrem hohen, schmalen und steilen Stufen, alle Bauwerke sind jetzt eingezäunt. Somit bleiben den Besuchern auch die inneren Räumlichkeiten verborgen, was eigentlich ein schlechter Witz ist. In einer Cenote, einer gefluteten Höhle mit eingestürzter Decke, wurden unzählige menschliche Knochen gefunden, sie galt als Tor zur Unterwelt. Reliefs zeigen Adler, die Männern die Brust aufreißen und deren Herzen fressen. Es gibt Opfersteine, eine Plattform, wo einst die Schädel geopferter Feinde ausgestellt wurden, und auch der große Ballspielplatz macht deutlich, wie verstrahlt die Mayas waren. Reliefs zufolge wurden Spieler der unterlegenen Mannschaft kurzerhand geköpft, Nachwuchsteams waren wohl schwer zu finden. Das Spiel selbst bleibt bis heute ein Rätsel. Der Platz ist begrenzt durch zwei gegenüberliegende, viele Meter hohe Mauern, in welche in luftiger Höhe jeweils ein Steinring eingefasst ist. Durch diesen Ring mussten die Spieler ein Balli schupfen, allerdings ohne die Hände zu gebrauchen. Jedenfalls klatschen die Besucher noch heute, was aber mehr am fantastischen Echo liegt. Noch ärger als die Mayas waren nur mehr die Azteken drauf. Zur Einweihung ihres wichtigsten Tempels wurden zwanzigtausend menschliche Herzen geopfert. 

Jedenfalls, eine ganz gefällige Anlage. Aber kein Vergleich zu Ankor Vat in Kambodscha, das in seiner unfassbaren Geilheit niemals erreicht werden kann. Pünktlich zur Öffnung der Tore war ich schon hier, gemeinsam mit einer Heerschar an fliegenden Händlern, jetzt, keine drei Stunden später, fluten schon die Horden das Areal und ich ziehe von dannen. 

Mitten in Valladolid gibt es ebenfalls eine Cenote mit klingendem Namen Zaci, ein großartiges, noch halb überdachtes Wasserloch mit fünfundvierzig Metern Durchmesser und einer Tiefe von bis zu hundert Metern. Von der Decke hängen Farne und Wurzeln und Stalagtiten. An drei Stellen plätschern winzige Wasserfälle herab. Das Schwimmen hier unten, dreißig Meter unter Straßenniveau, ist nur mit Schwimmwesten gestattet, soll sein. Das Wasser ist herrlich erfrischend, heute hat´s schon wieder mehr als dreißig Grad. Fische knabbern an mir, ein paar größere schwarze Fische mit Barteln sind auch dabei und ab und zu sind sie mit zu viel Eifer bei der Sache. Ein österreichisches Pärchen treffe ich, die hatten den Job, in einem Haus am Meer ein paar Monate auf einen Hund aufzupassen. Zu zweit! Jetzt reisen sie durchs Land und geben das verdiente Geld aus. Wo darf ich mich anmelden?

Abends schlendere ich mit dem Kanadier durch die herausgeputzte Stadt, es weihnachtet schon sehr. Gesoffen wird auch viel, frühmorgens wecken mich grausige Speibgeräusche.


Samstag, 2. Dezember 2023

 1.12., Cancun, Valladolid

Sergey, mein Mann mit dem Moped, schreibt mir, er findet meine Pension nicht. Verlasse ich also meine gefängnisgleich gesicherte Unterkunft, um ihn auf der Straße in Empfang zu nehmen. Während ich so herumstehe und warte, schlendert ein ganz passabel gekleideter Typ mit Spiegelbrille zum verwahrlosten Haus gegenüber und sondert am Zaun Plopp- und Klicklaute ab. Er wirkt nervös und trollt sich wieder nach kurzer Zeit. Kurz darauf biegen zwei Polizeiautos um die Ecke, ohne Blaulicht und ohne Sirene. Noch im Fahren gehen die Türen auf, Ninjabullen hüpfen raus, einer rüttelt am Zaun, andere klettern schon drüber und stürmen lautlos das Gelände. Eine Grindlady in Leggings wird noch auf der Straße verhaftet und gleich ausgesackelt. Wow, bist du. Ein älterer Beamter in normaler Uniform stellt sich derweilen ganz entspannt neben mich, überblickt die ganze Aktion und bedeutet mir, ich solle Meter machen. Si claro!, ich wollte eh noch Wasser für die Fahrt kaufen. 

Viel später bin ich startklar. Das Moped ist kleiner als erwartet und ich habe wie üblich zu viel Zeug dabei. Allerdings punktet Das Zweirad mit einem fancy USB- Stecker fürs Handy, womit ich genügend Saft für das Offline-Navi haben werde. Mit dem Moped kam noch eine Merkliste: Alle Polizisten sind prinzipiell korrupt und trachten danach, die "Gringo Tax" einzukassieren. Grundlos sind für gewöhnlich 200 bis 400 Pesos (11 bis 22 Juros) abzudrücken, bei augenscheinlichem Reichtum auch mehr. Auch dem Tankstellenpersonal sei nicht zu trauen, die üblichen Schmähs. 

Mit welcher Ecke soll ich anfangen, wo soll ich hin? Mexiko ist gigantisch groß, sogar die Halbinsel Yucatan hat die dreifache Fläche Österreichs. In südlicher Reichweite locken darüber hinaus Guatemala und Belize, sollte jemandem fad werden. Diese Dimensionen machen mich schon jetzt ganz wucki, eine Kolonialisierung des gesamten Staates wird sehr schwer werden. Die nördlich und östlich gelegenen Inseln hebe ich mir bis zur Ankunft der Gefährtin Mitte Dezember auf und starte o-beinig gen Westen, den Rucksack zwischen den Haxen. 

Schon bald muß ich auf den Highway 180 auffahren und das erste Schild, das mir unterkommt, kündigt die nächste Tankstelle in fünfundachtzig Kilometern an. Das wird sich nicht ausgehen. Mein Tank fasst keine dreieinhalb Liter und Sergey hat sie mir nicht voll aufgetankt übergeben, der linke Agent. Fahre ich halt dazwischen wo ab, denke ich mir. Während der nächsten fünfzig Kilometer keine einzige Abfahrt, keine Ortschaften, nur Dschungel und bisweilen Nieselregen, dann erblicken meine tränenden Augen eine Mautstation. Zuerst behellige ich die Kassiererin, no tengo gasolina, es finito complettamente!, dann einen von ihr zu Hilfe gerufenen Mautsheriff. Der ruft schließlich jemanden an und nach zwanzig Minuten kommt schon ein Pickup mit Zehnliterkanistern vorbei, was auch der Mindestabgabemenge entspricht. Es folgt eine Pritschelei mittels abgeschnittenem Flaschenhals, eine alte Colaflasche füllt mir der Typ auch noch voll, der Rest ist seine Maut in Naturalien. Warum es auf dieser Autobahn keine Tankstellen gibt? Müssen erst gebaut werden, aha. Auch das eingangs erwähnte Schild ist nur Vorbote einer besseren Zukunft, abermals restlos ausgezuzelt erreiche ich nachmittags Valladolid. Für mindestens drei Tage wird das Hostal Gayser meine Homebase für Tagesausflüge aller Art sein, eine Spitzenhütte mit kleinen Zimmerchens und großem Kühlschrank, den ich sogleich mit Bieren bestücke. Die Restkälte des Gefrierfaches überdauert den mehrstündigen Stromausfall locker, währenddessen ich mich im gemütlichen Innenhof mit einem Kanadier unterhalte. Zehn Jahre war er in einer Sekte, hat dort eine Klagenfurterin kennengelernt und geehelicht, viele Geschichten. Noch eine Runde durch mein Grätzl, mehr dazu morgen.


Freitag, 1. Dezember 2023

 30.11., Cancun

Robert hat ein paar Eier aus seinem Fundus freigegeben und scharfe Saucen in allen Farben gibt´s zuhauf dazu. Ich solle ausschließlich mit Kokosöl kochen, hier und in Zukunft, alles andere sei tödlich. Obendrein spendiert er mir eine Banane und das grindige Marmeladeglas wurde erneuert. Der Advent naht, die ersten milden Gaben werden verteilt. Wie ein Nachkriegsbergbauernkind freue ich mich und frühstücke feudalst, dann checke ich aus. 

Eine neue Bude mit Klima und Bad für kleines Geld hat sich aufgetan, die Gegend ist allerdings nicht die beste. Am Weg latsche ich am ausgebrannten Hotel Acapulco vorbei, aus dessen schwarzen Fensterlöchern jetzt ziemlich erledigte Figuren schauen. Das Erdgeschoss ist komplett zugemüllt, irgendein Freak kehrt inmitten von Schutt und Abfall den Boden mit einem Besen. Hier könnte man einen Zombiefilm drehen, beängstigend. Und sonst hauptsächlich Werkstätten, Lagerhallen, ärmliche Behausungen mit Sperrmüll davor als improvisiertem Zaunersatz. Damen des horizontalen Gewerbes, gemeinsam auf einer Holzbank sitzend.

Morgen werde ich Cancun verlassen, wenn alles gut geht. Vormittags sollte mir der dazu notwendige Roller geliefert werden, alles ist recht kompliziert. Die Kaution muss in Cash hinterlegt werden, die Filialen der HSBC, der einzigen Bank, die meine Karte akzeptiert, sind rar. Im Foyer hängen Schnappschüsse von Bankräubern bei ihrer Arbeit. Später gebe ich der Touristenmeile noch eine Chance und fahre mit dem Bus zum Playa Ballenas. Schwierig genug, den öffentlichen Zugang zu den Stränden zu finden. Die Mauern der Hotelanlagen sind an die fünf Meter hoch, sollte King Kong kommen, und die Stromaggregate dahinter sind selbst so groß wie Häuser. Hier ist der Strand breiter und das Meer ist wild und traumhaft. Zurück in der Stadt erstehe ich ein Sackerl Rambutans und dann noch eine dicke Suppe an der Straße, die man sich noch mit allerhand Zeug pimpen könnte, dann attackiert mich grundlos eine rote Ameise. Sitzt plötzlich auf meinem kleinen Finger, lässt sich nicht wegblasen, sticht mich oder beißt mich oder pinkelt mich an, der Schmerz ist jedenfalls enorm. Trottelviech! Den Preis für das seltsamste T-Shirt des Jahres holt sich übrigens ein mexikanischer Pensi, sein Leiberl trägt den Shriftzug: Win, lose or tie, I am a duck until I die.  


Donnerstag, 30. November 2023

 29.11., Cancun

Viel bekommt man auch fernab der eigentlichen Touristenmeile nicht für sein Geld. In dieser Stadt mit ihren achthunderttausend Einwohnern reichen sechzehn Euro für eine Nacht im Betonhäuschen mit drei mal drei Metern, ausgestattet mit einem Fliesenboden und einem Standventilator. Keine Vorhänge, Kästchen oder Bilder zieren mein Domizil, nur weiße Wände und ein Bett. Die gemeinschaftlichen Sanitärräume mit verwahrlosten Plastikarmaturen und antriebsschwacher Kaltwasserdusche befinden sich im Haupthaus. Kaffee, Toastbrot und Marmelade sind im Übernachtungspreis enthalten, genauer gesagt der eingetrocknete Bodensatz eines Einlitergebindes, den schon länger niemand mehr essen wollte. Warum der Kaffee entkoffeiniert sein muss, kann ich nicht sagen, vielleicht wieder etwas Religiöses. Ein Asiate, ein alter Türke und eine vollgepeckte Lady sind ebenfalls hier wohnhaft. 

Später führt mich mein Vermieter Robert zur vorteilhaftesten Wechselstube. Sein Geld verdient er eigentlich mit dem Export von Limetten, die ihm fünfzig Erntehelfer auf hundertfünfzig Hektar Land für Kundschaft in Texas und Dubai von den Bäumen holen. Sephardischer Jude sei er, es gäbe unterschiedliche Thoras oder zumindest abweichende Auslegungen der heiligen Schrift, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Der übliche Bullshit. Cancun sei im Übrigen recht sicher, die Bullen zwar korrupt, aber dienstbeflissen. Und sollte sich jemand fragen- natürlich kann Robert Englisch. Mein Sprachschatz beläuft sich noch immer auf Si, no, buenos dias, cerveza und pendejo, aber ich arbeite daran. 

Im schrottreifen Bus der Linie 1 pendelt dann ein gewaltiges Kruzifix an der Windschutzscheibe, der genagelte Erlöser nimmt einen Großteil des Sichtfeldes ein. Laut und heiß isses, der Fahrer schindet sein Vehikel und die Fenster und Türen stehen aufgrund karibischer Hitze offen. Links das Meer, rechts die angeblich mit Krokodilen verseuchte Lagune. An irgendeinem Strand hüpfe ich raus, am Parkplatz davor verkaufen zwei Männer Essen buchstäblich aus dem Kofferraum. Ich erstehe Tacos con todos mit Guacamole übers Fleisch und scharfer Sauce, geil. Ansonsten ist kein Gemüse in den Gefäßen auszumachen. Am Meer ist es dann schrecklich. Fünfzehnstöckige Hotels mit erhöhten Poollandschaften, die sich den Großteil des Strandes einverleibt haben. Am verbleibenden schmalen Streifen mit pudrig weißem Sand liegen größtenteils amerikanische Urlauber mit zu enger Badebekleidung und Baseballkappen. Das einzig coole hier sind nur die mächtigen Pelikane, die scheinbar mühelos in den stürmischen Böen schweben um ab und an wie Blitze ins Meer zu stechen, sobald sie Fressbares entdeckt haben.

Später latsche ich heim, es ist schwül und ich bin erledigt. Die Anonymen Alkoholiker haben eine Niederlassung bei mir ums Eck und durch die Scheiben des Fitnesscenters hindurch sehe ich Menschen auf der Stelle laufen. Das Etablissement nennt sich Mutant und dem ist nichts hinzuzufügen. 


 28.11., Wien, Frankfurt, Cancun

Unterwegs nach Mexiko, die ersten Wochen alleine.  Beim Umsteigen in Frankfurt marschiere ich an gemütlich schlafenden Reisenden vorbei, der Flughafen hat in mehreren Nischen Feldbetten zur freien Entnahme gestapelt. Dass ich das noch erleben darf. Anstatt wie sonst üblich die Möbel für übernächtigte Passagiere so unbequem wie nur irgendwie möglich zu gestalten,  geht man hier erstaunlich unkompliziert auf die Nöte der Schlaflosen ein.

Zwei Stunden Verspätung hat der Anschlussflug. Irgendein Trumm am Bordhäusl musste noch getauscht werden, vielleicht die Klopapierrolle. Viele Stunden später schlage ich in Cancun am nordöstlichen Zipfel der Halbinsel Yucatan auf. Um den Einreisestempel anstellen (willkürlich von der Grenzschützerin drei Monate von möglichen sechs Monaten zugestandener Aufenthalt), Geld wechseln (zwanzig Juros, skandalöser Kurs), den Bus in die Stadt finden. Nach Ciudad de Cancun staue ich mich, nicht in die Zona Hotelera, einem schmalen Landstrich vor der eigentlichen Küstenlinie, wo sich ein Hotel an das nächste reiht.

Pickups mit dreckigen Hacklern oder Soldaten auf der Ladefläche kriechen neben dem Bus der Stadt entgegen. Stoßzeit trotz vorgerückter Stunde. Rund um den Hauptbahnhof herrscht noch reges Treiben, wummert Musik aus Autos und Geschäften, essen Menschen an kleinen Straßenstandln. Über die Teller wird ein Sackerl gestülpt, darauf kommt dann die Mahlzeit. Etwas abgefuckt wirkt die Ecke, aber noch voll im Rahmen. Männer ohne Shirts, Frauen in kurzen Röcken. Runde mexikanische Gesichter. Gen Norden folge ich meinem Offline- Navi der Hauptstraße entlang zur schon vorab gebuchten Unterkunft, bis die Gegend ruhiger wird. Der letzte Kilometer ist dann schon recht abgelegen und finster. Unter einer Brücke wurden rund hundert Portraits von Menschen affichiert, die vom Urheber als korrupte Schläger und Diebe diffamiert werden, scheinbar Politiker. Dann finde ich die Dreckshütte nicht, das Bed and Breakfast Lendermann, dem ich schon zwei Nächte bezahlt habe. Niemand mehr unterwegs, den ich fragen könnte. Hunde bellen mich an, springen an Zäunen hoch oder schleichen mit Sicherheitsabstand um mich herum. Schließlich schlendert ein Pärchen mit Kinderwagen durch die Szenerie, schön. Der Mann kann sogar Englisch und gemeinsam eruieren wir aufgrund der geposteten Bilder den tatsächlichen Standort der Unterkunft, die Position auf der Karte war fälschlicherweise einen Häuserblock weiter angegeben. Ich danke meinem Retter, einen anderen Gast klopfe ich aus seinem ebenerdigen Zimmer.  Warum er denn kein Schild anbringen könne, frage ich den Betreiber später. Geht nicht, er führe eine Habitacion privado, scheinbar eine Untergrundbude. Ob ich ein kaltes Bier haben könne? Cerveza fria? No no, er sei Jude und trinke nicht. Sogleich setzt er sich demonstrativ sein Häubchen auf, das ihm wie immer viel zu klein ist. Auch wurscht. Mit einem halben Liter Wasser mit Eis in Händen schließe ich endlich die Tür meines schmucklosen Kobels am Flachdach seines verwinkelten Hauses. Mitten in der Nacht rüttelt noch eine spanisch sprechende Lady mit Rucksack an meiner Sperrholztüre. Es occupado, schleich dich.