Dienstag, 28. Januar 2025

 26.1., Fumba

Die Managerin Grace und ihre sie aufgrund ihrer besseren Englischkenntnisse unterstützenden Putzkollegin passen mich ab. Nach längerem Herumdrucksen verstehe ich, Grace hätte gerne einen Muzungufreund. Ich sei leider schon vergeben, muss ich die zwei enttäuschen, aber Hiasi, Freund und gelegentlicher Reisekollege, sei gestern in Stone Town gelandet, ich würde es ihm ausrichten. 

Zwei noch warme Germteiglaberl von der Straße zum Frühstück, bevor ich zum Strand fahre und mir das tägliche Treiben ansehe. Ein Haufen Touris hat sich schon eingefunden und wühlt in Kisten mit Masken und Flossen, obwohl die Rümpfe der Ausflugsboote noch auf blankem Fels stehen, links und rechts mit Balken gestützt, damit sie nicht umkippen. Bis die Flut einsetzt, haben die zwei  in lange karierte Tücher gewandeten Massai vielleicht ein Paar ihrer auf Stangen montierten Schuhe verkauft, die sie den Weißbroten geduldig präsentieren. Einst als stolze Stammeskrieger vom Festland gekommen, konnten sie in Sansibar nur in zwei Branchen Fuß fassen. Entweder sie verdingen sich als Wächter oder sie verkaufen wie afrikanische Al Bundys Schlapfen mit Fellbommeln an Touristen. 

Später sammle ich Issa auf, er zeigt mir eine Höhle nahe seines Dorfes. In einer schlitzförmigen Tropfsteinhöhle, zu der wir ein paar Meter hinab klettern müssen, befindet sich ein kleiner Pool, von wo die Gemeinschaft ihr Wasser bezieht, außerdem wäscht man hier auch die Wäsche. Mit Seife, jaja, nach zehn Minuten sei das Wasser wieder klar, no Problem. Ein paar kleine Fische hat man hier kürzlich ausgesetzt, wahrscheinlich, damit sie sich um die aufgrund der eingebrachten Tenside prächtig gedeihenden Algen kümmern. Links vom Pool klettere ich ein paar Meter ins Höhleninnere, bis ich ein paar Fledermäuse aufscheuche, rechts vom Wasser sind rote und weiße Fetzen um ein paar Stalagtitten gebunden. Zeichen des Witch Doctors, der hier scheinbar praktiziert, in ein paar leeren kleinen Glasflaschen, die verstreut herumliegen, war demnach einmal Medizin welcher Art auch immer. Seine Großeltern seien immer hierher gekommen um zu beten beziehungsweise ominöse Zaubersprüche aufzusagen, they believed in dark Religion and prayed to the Demons.  

Dann ruft sein Bruder an, Issas Frau gehe es nicht gut. Er ist Zweiundzwanzig und sie zum ersten mal und im siebenten Monat schwanger. Ob er mir die Schmetterlingsfarm ein andermal zeigen könnte, sie müsse wohl ins Krankenhaus. Schließlich bringe ich ihn in sein Dorf, sein Bruder schnappt sich die Frau und fährt mit ihr auf seinem Moped hupend und recht rasant vor, ich folge mit Issa. Nach zwanzig Minuten erreichen wir das erste Spital, ein größeres, unverputztes Haus, vor dem ein paar Kranke herumkugeln, und ich stecke ihm ein paar Euro für etwaige Behandlungskosten zu. Hier seien zu viele Leute, also fahren wir noch ein paar Kilometer weiter, bis wir eine wesentlich schmuckere Klinik erreichen. Gestutzte Büsche vor einer Terrasse und die Daktaris verfügen, möchte man den Bildern auf der Hauswand glauben, über ein Ultraschallgerät, ein Stethoskop, ein digitales Fiebermessgerät und andere Errungenschaften der modernen Medizin. Die Schwangere hat viel Blut verloren und bekommt eine Infusion, das Baby sei gesund. Viel Obst und Gemüse solle sie essen, ah geh, das wir im Zuge der wesentlich geruhsameren Heimfahrt einkaufen.

Abends delektiere ich mich an göttlichem Lammeintopf mit Zimt und Mangosalat und Chillies dazu, dass ich beinahe vergehe, während draußen am Meer Fischer in Einbäumen vorbei dümpeln. Noch mehr Geschichten über Eritrea, Südafrika, Ruanda und den Kongo, begleitet von Rum, der mit Vanilleschoten angesetzt wurde. 


Samstag, 25. Januar 2025

 25.1., Fumba

Issa Brown heißt mein Verbindungsmann für den heutigen Tagesausflug und die Antwort lautet ja. Um 9.00 hat er mich zum Strand bestellt, kurz vor Elf tuckern rund dreißig Italiener, Russen, Deutsche etc. und ich in einem Holzboot mit schwachbrüstigem Motor zunächst zu einer sichelförmigen Sandbank. Geschätzte zweihundert Menschen tummeln sich auf diesem kleinen Fleckchen und harren hauptsächlich der Dinge, es wird Obst gereicht und ein paar erleichtern sich wohl im Wasser. 

Dann fahren wir hundert Meter weiter zum völlig devastierten Schnorchelspot. Eine Hand voll der langweiligsten Fische, die aufzutreiben waren, grundeln resigniert über einem weißgrauen Teppich aus kaputten Korallentrümmern. Wie ein Ausflug in die Schottergrube. Große blaue Quallen gibt es dafür reichlich. Weiter fahren wir für zehn Minuten in eine mit Booten verstopfte Lagune und dann zur Hauptinsel, quasi der tropischen Shopping City Süd. Unzählige Verkaufsbuden mit Ramsch, so weit das Auge reicht. Im Hinterland steht wenigstens ein großer Baobabbaum, der wiederum aus einem noch größeren, schon vor langer Zeit gefallenen Baum wächst, das Highlight des Tages. Einer geht mit einem sogenannten Palmendieb, einer entrechteten Kokosnusskrabbe, hausieren, andere mit Kaffee und Bier. Zum Lunch wird dann kalter Reis mit Shrimps und Langusten aufgefahren, klingt aber besser, als es ist. Wie so oft hat man sich auch diesmal nicht die Mühe gemacht, vor der Zubereitung der Garnelen den Darm zu entfernen, jetzt ist alles mit Scheiße verschmiert. Und die ekelhaften Beine der Langusten sind so stachelig, dass man sie mit den Händen, geschweige denn mit der zur Verfügung gestellten Plastikgabel beim besten Willen nicht knacken kann, ein Großteil der Viecher wandert ungegessen in den Mist. Dann fahren wir wieder eine gute Stunde heim. Was für ein Dreck, die schlechteste Tour aller Zeiten. Manche sind per Bus vom Norden Sansibars herangekarrt worden, die haben fünfundsiebzig Dollar für diese Verhöhnung bezahlt. Und nein, nicht nur ich bin fassungslos ob dem Gebotenen. Hauptsächlich weichgezeichneten Unsinn sondern die zwei mitgeführten Reiseführer über diesen traurigen Ausflug ab, Frechheit. 

Mit Bier und Konyagi, einem sehr gewöhnungsbedürftigen Fusel, tröste ich mich beim Vorarlberger und schaue mir den Sonnenuntergang und das bunte Treiben einer eingemieteten Feiergesellschaft an, die haben ihren eigenen Grill in Kleinwagengröße mitgebracht und singen, tanzen, klatschen und lachen zu lautstarker Wakawaka-Musik.


Freitag, 24. Januar 2025

 24.1., von Stonetown nach Fumba

Die Gastrodamen stellen mir schon ungefragt Suppe und Reisbrötchen hin, heute bei lautstarker Afromucke und regem Andrang. Eine Katze hilft mir dabei, ungenießbare Teile unauffällig verschwinden zu lassen. Ob ich auch gedenke, den Lunch hier einzunehmen? Heute nicht, ich breche auf gen Süden. 

Den Strandzugang von Mbweni verhindert das wuchtige Schiebetor einer Botschaft, die sich scheinbar den gesamten Abschnitt eingerext hat, beim nächsten Versuch ein paar Kilometer weiter stampert mich ein Sicherheitsfuzzi einer Baufirma weg, hier wird ein Resort in bester Lage gebaut. Das House of Representatives an dem ich kurz danach vorbei komme, ein dem Kapitol nachempfundener Prachtbau, bestätigt die gängige Praxis. Alles für die Privilegierten, nix für´s Fußvolk.

Meine Reisegeschwindigkeit beträgt um die dreißig km/h, Raser fetzen mitunter mit einem Sechziger durch die Gegend, aber mehr geht einfach nicht. Schlechte Straßen, Dörfer, Menschen, Kühe und Ziegen bremsen den Verkehrsfluss. Männer auf Eselskarren reiten ihr Gefährt wie einen Streitwagen. Beim Restaurant Shining fungiert ein gewaltiger Baobabbaum mitten auf der Fahrbahn als Richtungsteiler. Bald geht die befestigte Straße in eine rumpelige Staubpiste über, ab jetzt geht´s noch langsamer vorwärts. Das Moped scheint recht geländegängig, der Rucksack liegt zwischen den Knien. Vor Fumba stehen hunderte baugleiche Betonskelette bereit für tausende Touristen, mit denen man wohl zeitnah rechnet. Fast hätte ich hier gestern ein Zimmer gebucht, inmitten der weitläufigen Baustelle wurden scheinbar schon einige Blocks fertig gestellt. Sonstige Infrastruktur: Null. Kein Schatten weit und breit, lähmende Hitze. Die ursprünglichen Wälder wurden schon vor längerer Zeit abgeholzt. 

In Fumba gelingt es mir endlich, den Strand zu erreichen. Dort liegen Fischer im Schatten großer Bäume und schauen aufs Meer, dösen, genießen ihren Feierabend. In der Dünung schaukeln ihre Daus, Holzschiffe mit hohen Masten und trapezförmigen Segeln. Einbäume mit oder ohne Ausleger komplettieren die Flotte. Man fischt hauptsächlich nachts, außer wenn der Mond zu voll steht und es zu hell ist.

Bei einem Burschen melde ich mich für eine Standardtour morgen an, alle Touris unternehmen den selben Trip, dann hockt er sich auf den Sozius und gemeinsam folgen wir seinem Freund, der ein günstiges Quartier weiter im Landesinneren kennt. Dort steige ich ab in einer kleinen Festung mit hohen Mauern, Eisentor und Wachmann, das Zimmer ist tadellos, hat sogar eine Klimaanlage. Im Badezimmer stehen zwei verschiedenfarbige und unterschiedlich große Schlapfen. Mit kaltem Wasser wasche ich mir den Staub und den Hitzestau ab.

Neu geboren diniere ich abends Labberpommes mit scharf bei einer Jungunternehmerin am Straßenrand. Ein älterer Mann schält ihr die Erdäpfel,  sie bringt sie in Form. Im kleinen Speiseraum laufen zwei Fritteusen auf Hochtouren, das Öl könnte man gelegentlich wechseln. Auf der Terrasse des Restaurants Membe schaue ich später aufs Meer und nuckle an einem Safari, dem ersten Bier seit einer Woche. Dessen Betreiber stellt sich als Vorarlberger heraus, ehemaliger Vermittler im Auftrag der Vereinten Nationen in so ziemlich allen bekannten Failed States und Shithole Countries dieses Kontinents. Räubergeschichten aus Ruanda, Somalia, Burundi, dem Kongo und dergleichen, Überfälle, Scharmützel, Intrigen und Verrat, wunderbar. 

In finsterster Nacht bahne ich mir meinen Weg vorbei an kleinen Feuern, schemenhaften Menschen am Fahrbahnrand, Fröschen und Mäusen auf der Straße, hupe dem Sheriff meiner Festung, der das Tor hinter mir schließt, und drehe die Klimaanlage auf. 


Donnerstag, 23. Januar 2025

 23.1., Stone Town

Spannende Tage. Vorgestern noch fernschriftliche Synchronverhandlungen mit drei Moped-Verleihbuden geführt, heute morgen schon zum Bestbieter gelatscht. Niemand kennt den Laden, nicht einmal ein Vertreter der hiesigen Verkehrspolizei in blitzblanker weißer Uniform. Wie er die bei all dem Staub und Dreck so sauber halten kann, ist mir ein Rätsel. Während er mir sicher gut gemeinte, aber falsche Auskunft erteilt, nimmt er nonchalant per Händedruck Bestechungsgeld von einem Passanten entgegen, von mir verabschiedet er sich per Fist bump. Ewig frage ich, bis einer auf einen Typen zeigt, der an einer Ecke sitzt, das ist mein Mann. Büro hätte er gar keines, das wäre ja viel zu teuer, gell? Meine schon im Jahre 2015 abgelaufene LKW- Fahrerkarte, die ich anstatt des Führerscheins dabei habe, musste er gestern noch editen, sprich fälschen, um das Local Permit für mich zu bekommen, ohne das man bei einer Verkehrskontrolle gleich im Vorhinein aufgeschmissen wäre. Das hat er gar nicht schlecht gemacht. Von mir bekommt er vierhundert Dollar für die nächsten vierzig Tage, vor zwei Jahren hat er die Mopette um 1800 Dollar gekauft. Fünf Dollar Bestechung für die Bullen wären genug, 1000 Shilling, das sind 40 Cent, sind für einen kurzfristigen Aufpasser zu veranschlagen. Nach rund 600 Kilometern solle ich wieder zum Ölwechsel vorbei schauen. Leider hat das Gefährt keinen USB- Ladeanschluss, wegen dem Navi wär´s gewesen.

Gegenüber meiner Unterkunft, dort, wo ich gestern die Frauen beim Brei anrühren beobachtet habe, setze ich mich in den abgewohntesten, schmuddeligsten Verschlag ever und frühstücke, mein Vermieter hat mir gut zugeredet. Die Damen sind sehr zurückhaltend, es gibt kein fließend Wasser oder Strom und vor dem Laden bedienen sich die Raben frech aus den großen Töpfen. Für mich gibt es heute dunkelbraune, trübe Rindsuppe mit teilweise etwas zähen Fleischbrocken, aber ohne auch nur ein Flankerl Gemüse und zwei fluffige Reisbrötchen dazu. Alles schmeckt gut, der Mangosaft scheint frei von Leitungswasser zu sein und zwei Euro für alles halte ich für angemessen. 

Gestärkt mache ich mich auf nach Kizimbani zur Gewürzfarm, ein erster Hupfer von zwanzig Kilometern, um Mopette, Verkehr und Straßenverhältnisse anzutesten. Hier einige Erkenntnisse: Es gibt sehr viele Menschen und noch mehr Schüler, man fährt auf der falschen Straßenseite, die LKWs überholen sehr knapp und das Offline-Navi funktioniert leidlich. Freilaufende Muzungus außerhalb der Stadt sind nicht auszumachen, ständig schreien mir Menschen vom Straßenrand etwas zu. Muzungu, yes yes, hello Friend, das Übliche.

Am Ziel meiner Reise hockt ein Typ mit roten Augen unter einem Baum, als ob er nur auf mich gewartet hätte. Jaja, hier wäre ich richtig, nein, sonst wäre niemand hier, und tatsächlich geht er mit einem Messer in der Hand mit mir in den Wald, wo auf kompaktem Raum an die fünfzig oder mehr Bäume und Gewürze angebaut wurden, auf dass der Tourist nicht die ganze Plantage ablatschen muss. Wo fange ich an, wo höre ich auf? Ein Stückchen Rinde schabt er vom Zimtbaum, hackt eine kleine Kerbe, bis rote Flüssigkeit aus dem Jodbaum austritt, gräbt Kurkuma und Ingwer aus, lässt mich an Zitronengras, Thaibasilikum, Pfeffer schnuppern, schneidet mir eine Sternfrucht, Kakao, Maracuja, Rambutan, Jackfruit, Zuckerapfel uvm. auf und erzählt zu jeder Pflanze, wofür oder wogegen sie ist, Moskitos, Wunden, Krebs, Wimmerl, Blutdruck, Manneskraft, Gedächtnis, schmiert mir rote Farbe vom Lippenstiftbaum drauf, zeigt mir Henna, Sesam,  den Affenbrotbaum, Avocados, Durian und Ananas, unbekanntes Superfood, Früchte die gleichzeitig süß, sauer und bitter sind und unzählige andere Dinge, die ich schon wieder vergessen habe. Die rote Banane nennt er Muzungu irgendwas und auf meine Frage hin, ob der weiße Mann tatsächlich wie eine Banane heißt, meint er, es wäre genau umgekehrt. Die rote Banane sei etwas Besonderes und teuer, deswegen habe man sie so benannt. Die Muzungus hätten alles erfunden, vom U-Boot bis zum Flugzeug, jeder würde sie verehren, jeder  würde sich freuen, wenn er einen zu Gesicht bekäme.

Später kommen wir an drei Frauen vorbei, die gerade im großen Stil Holzkohle ausbuddeln und mit Wasser ablöschen. Eine Woche sei das Mangoholz mit Erde zugedeckt vor sich hin geschwelt, der Baum habe keine Früchte mehr getragen. Super Sache das alles, nach zwei Stunden cruise ich wieder heim. Was ist zuerst grün und dann rot? Ein Frosch im Mixer, genau. Und was ist zuerst weiß und dann rot? Stefsechef am Moped, wenn er sich denkt, so stark wird die Sonne schon nicht sein.  

Abends krache ich wieder in eine lokale Suppenküche, es ist Zeit für Ugali. Der weiße Bampf kommt in Form eines kleinen Laibes aufs Teller, zum Tunken gibt´s Bohnengatsch und dazu noch Spinatähnliches und Schaf-, oder Ziegenfleisch in Sauce. Die Fleischteile wären in Europa den Haustieren vorbehalten, sehr zähe Stücke versetzt mit Knochen, Sehnen und Schwarten, beim besten Willen nicht klein zu kauen. Aber der Rest schmeckt sehr gut und das Ambiente ist sehr urig. 

Heute noch die Power Banks fürs Handynavi laden, mir eine Strecke und ein Ziel für morgen überlegen und vielleicht schon ein Quartier buchen, außerdem das Gepäck reduzieren und den vorerst unnötigen Teil hier einlagern, morgen werde ich Stone Town verlassen.


Mittwoch, 22. Januar 2025

 22.1., Stonetown

Über die Innenbalustrade und durch den traditionellen Innenhof verlasse ich morgens mein Haus. Recht gemütlich isses in dieser verkehrsberuhigten, weil unbefestigten, staubigen Ecke. Aufgekehrt wird trotzdem ständig, auch Blätter werden nicht toleriert. Gegenüber rühren zwei Mamas vor ihren Speiseverschlägen schon den blubbernden Brei fürs Mittagsgeschäft an, als ich mich zum großen Darajani Basar aufmache, dem Treffpunkt für die heutige Stadttour. Es wird wie immer Ugali geben, Mais-, oder Maniokbrei mit Sauce. Den Kahava vom fliegenden Händler unterwegs muss ich leider nach dem ersten Schluck wegleeren, obwohl er stark und heiß wäre. Aufgebrüht wurde mit ungenießbarem Leitungswasser, Grundwasser, das in irgendwelchen undichten Tanks gelagert wird, wie mir mein Guide Ali später erzählen wird. Durch die Lecks findet dann Ungeziefer, Echsen und anderes Getier den Weg, Viecher erleichtern sich und sterben gelegentlich darin und so schmeckt die Brühe dann auch.

Die Tour ist großartig, mit mir hat sie noch ein holländisches Pärchen gebucht. Am Markt dominieren zunächst nur Datteln und Brot die Auswahl, aber schon bald tauchen wir ein in das mit Fetzen überdachte Labyrinth. Nicht wie in den Reiseführern verheißen nach Vanille oder Gewürznelken duftet es hier, viel eher nach Diesel, Fleisch und getrocknetem Fisch. Schon bald beginnt es das erste Mal seit langem stark zu regnen und Rinnsale bilden sich zwischen den Ständen. In der Fischhalle werden die Fänge mittels einer Auktion an die Händler verkauft, Haie, Rochen, Thunfische werden zerlegt oder herum geschleppt, Blut und Innereien überall. Und ich muss sagen, eine afrikanische Fleischhalle sprengt bei mir alles bisher Gesehene. Einer hackt auf einen Rinderschädel ein, Mägen und Häute hängen von Stangen, Kiefer und Hufe liegen im Blut, laut Ali wird eigentlich alles vom Tier verwertet. Beim Gemüse ebenfalls, zum Beispiel die Blätter vom Kürbis oder der Süßkartoffel. Ich belasse es für jetzt bei ein paar fingerlangen Bananen, es gäbe aber auch Rambutan, Mangostane, Jackfruit, die Früchte des Baobab, Papayas, Maracujas, bittere, saure, geschmacksneutrale und süße Mangos  und viele, viele mir unbekannte Früchte mehr. Mit einer Maschine fräst einer das Fruchtfleisch aus Kokosnüssen, darin werden zum Beispiel Nudeln gebraten. Die ißt der Einheimische übrigens nur morgens, und das mit Zucker und Zimt. 

Weiter schlendern wir durch die verwinkelten Straßen, besuchen Handwerker und Verkäufer, schauen uns das alte Fort an, einen osmanischen Bau aus dem siebzehnten Jahrhundert, der im Laufe der Jahrhunderte mit einem wilden Stilmix aus portugiesischer und britischer Militärarchitektur bedacht wurde. Das wuchtige Gebilde wurde im Zuge des kürzesten Krieges der Geschichte, nämlich dem zwischen England und Sansibar im Jahre 1896 irgendwann zwischen 9.00 und 9.38, arg ramponiert. Das ehemalige Wahrzeichen der Stadt, ein recht imposanter Turm, ist vor einigen Jahren eingestürzt, als ihn italienische Bauarbeiter renovieren wollten. Ali versteht es bis heute nicht. Warum gerade Italiener? Deren Städte wären alle kaputt, was verstünden die schon von der Materie? 

Seit kurzem ist Stone Town Unesco- Weltkulturerbe. Viele einsturzgefährdete Häuser sind deswegen nur dauerprovisorisch mit Hilfe massiver Balken abgestützt, deren Sanierung sich seitdem aufgrund einschlägiger Vorgaben als kompliziert und kostspielig erweist. Die klassische Zimmerdecke zum Beispiel besteht aus Korallenblöcken und Felsbrocken, gestützt nur mit strategisch angebrachten Rundhölzern, die langsam morsch werden.

Mit einer Handhupe macht der Fischverkäufer auf seinem Fahrrad die Hausfrauen auf sich aufmerksam, einen Gutteil seiner Ware verfüttert er großzügig an die allgegenwärtigen Katzen. Große Plakate und Wandmalereien zeugen von Solidarität mit Palästina und dem Libanon, our Brothers in Action. Moscheen und Kirchen stehen nebeneinander, auch wenn es in dieser Stadt weniger als tausend Christen gibt.

 Türen sind hier eine große Sache. Es gibt sie in indischem oder arabischem Design und je komplexer die Schnitzereien und die Beschläge sind, desto wohlhabender gelten die Bewohner.  Oft verbirgt sich allerdings hinter den pompösen Türen nicht mehr allzu viel, das Prinzip erinnert mich an die teuren Mercedesse in Albanien. Auch das Haus, in dem dereinst Farok Bulsara geboren wurde, passieren wir, Freddie Mercury nannte er sich erst in England.

Abends latsche ich auf eigene Faust durchs Viertel. An einer Ecke spielt eine Partie Taarab, traditionelle Sansibarimusik. Zwei Frauen singen abwechselnd, einer zupft die Harfe, einer an der Geige, einer am Bass. An einer anderen Ecke unterhält ein großer Fernseher wahrscheinlich kostenpflichtig ein paar Männer. Auf drei Metern Höhe hängt ein Telefon und dazu ein Schild, Please make free international Calls. In einer halbwegs vertrauenswürdigen Fressbude lasse ich mir zur Belohnung ein feines Gemüsecurry mit Chapatis aufwarten. Viele Inder leben in Sansibar, ein Glück.


 21.1.,Sansibar, Sansibar-Stadt, Stonetown

Um drei Uhr morgens stelle ich mich erfolgreich um mein Emergency Visa an, dann hüpfe ich in eine kleine Propellermaschine, die mich nach keiner halben Stunde Flug zum Sansibar-Archipel bringt. Für einen Juro bekomme ich dort 2500 Tansania-Shilling, die Fahrt im abgefuckten Sammelbus vom Flughafen in die Stadt kostet 400.-. Die Frauen sind verschleiert, obwohl sie das in öffentlichen Verkehrsmitteln bis auf das Bedecken ihrer Haare eigentlich nicht dürften, die Männer tragen Hemden oder kaftanartige Kleidung, das Gefährt ist bummvoll. Noch ein paar Minuten meinem Navi durch die verwinkelten, oft sehr schmalen Gassen Stonetowns folgen, schon habe ich durchgeschwitzt und erledigt mein Ziel, das voll belegte Zava House, erreicht. Nix also mit meiner insgeheimen Hoffnung, frühzeitigem Check In gegen Aufpreis. Wohnungslos streife ich umher  und lasse mich dann nieder auf einen ersten, im Vorfeld allgemein gehypten Kaffee, na ja.

Vor der Küste dümpelt eine heruntergekommene Flotte von Fischer-, und Ausflugsbooten, Fähren und Containerschiffen. Am Fischmarkt tummeln sich die Katzen, Hunde sind bei Moslems unerwünscht, und auf den Straßen die Keiler. Karibu Zanzibar, willkommen, mambo mambo, servas. Ausflüge, Transportmittel, Rauchwaren und andere Dienstleistungen haben sie im Repertoire. Viele Burschen und Männer lungern herum. Manche von ihnen spielen undurchschaubare Brett-, oder Würfelspiele, andere hocken nur und schauen. Die Träger vor dem Hafen schlafen auf ihren Holzkarren, trotz des Infernos rundum mit hupenden Sattelschleppern, schreienden Händlern, Trauben von Fährgästen. Ein Rudel Männer steht gebannt vor einem Gestell, man liest die Titelseiten mehrerer dort angebrachter Zeitungen.

Der Kopf ist schwer von der Hitze, eine große Flasche Wasser verdunstet umgehend in mir. Gegen Mittag beziehe ich  mein Zimmer. Der Fotograph, der es für die Buchungsplattform abgelichtet hat, ist ein großer Künstler, irgendwie hat er es fertig gebracht, den Substandard zu kaschieren. Dass es in meiner Preisklasse nur kaltes Wasser zum Duschen gibt, macht allerdings gar nichts. Dann entschlafe ich unter dem großen Deckenventilator, endlich. 

Abends am Fressmarkt am Meer löffle ich Urojo, eine Suppe bestehend aus unreifen geriebenen Mangos, Mehl, Erdäpfeln und reichlich Gewürzen. Und gleich muss ich erkennen, dass mich auch in diesem Land früher oder später die Flitze heimsuchen wird, Besuch beim Daktari nicht ausgeschlossen. Gemüse ist Mangelware. Die angebotenen Spieße mit Fleisch, Fisch, Krebsen, Tintenfischen und Innereien gammeln schon lange ungekühlt und eingetrocknet vor sich hin, inmitten von Katzen, Fliegen, Vögeln und Müll. Am Meer stehen Shawarma-Buden, we are the first and best, others are just following our shade. Extra Ausleuchtung mittels Studioschirmen wird entlang der Ufermauer für dunkelhäutige afrikanische Touristen angeboten, die Muzungus setzen sich hauptsächlich aus älteren Touris in der Gruppe und apart gekleideten Pärchen zusammen. 


 20.1., von Wien nach Dar es Salaam

Der erste Flug nach Istanbul ist noch recht fad, prepare for landing, inschhallah, nur der Film, mit dem ich mir die Zeit bis dahin vertreibe, irritiert durch seine  Zensur. In einer Nebenrolle spielt eine Figur mit erfolgter Geschlechtsumwandlung, deren Text, sobald er dieses Thema streift, komplett gelöscht wurde, die Handlung läuft dann einfach stumm weiter. 

Diesbezüglich ein erster Vorgeschmack auf Tansania, wo Homosexualität illegal ist und der Frauenflügel der Regierung vor zwei Jahren die Kastration von Schwulen forderte. Die LGBTQ- Abteilung hat es ebenfalls nicht leicht mit einer eigens für sie eingerichteten Überwachungstruppe, obwohl sich Muttern mein Gastland der nächsten Wochen irrtümlich als Transania notiert hat, ich solle besonders gut aufpassen.

Der Anschlussflug nach Dar es Salaam ist schon wilder. Ein Verrückter ein paar Reihen vor mir, der scheinbar überall Menschen oder wen oder was auch immer sieht, mit denen er sich unterhält, dazu gestikuliert er und starrt Leute nieder, zwängt sich alle paar Minuten an seinem Sitznachbarn vorbei und rennt dann am Gang herum, fordert harsch Unmengen an Wasser von den Stewardessen und pinkelt oder schüttet sich dann an, was ihn noch ungehaltener werden lässt. Der Hahn hat ihn nachhaltig gepeckt, was will der in Tansania? Gut immerhin, dass er nicht neben mir sitzt, ich habe Angst vor Psychos.  Hinter mir brüllt derweilen ein Baby, das nicht mit den Urlaubsplänen seiner Eltern einverstanden ist, es möchte sicher nicht nach Tansania.