Freitag, 31. Januar 2025

 31.1., Jambiani

Bevor ich mich gen Norden absetze, zeigt mir Uwe noch sein Haus beziehungsweise zukünftiges Seminargelände. Das von einer hohen Mauer umgebene Areal direkt am Meer ist sicher so groß wie zwei Fußballfelder. Da stehen großzügige Pagoden mit Mosaikböden, Pools, leerstehende Häuser, Gemüsegärten, Ziegen-, Hühner-, und Hasenställe, Obstbäume, die schon erwähnte Madenfabrik, eine Obsttrocknungsanlage, ein Freilufttheater und ein Koiteich. Am Gelände lässt er die für den Ausbau notwendigen Ziegel gleich selbst produzieren und auch Steine schneiden, er hat eine Tischlerei und Unterkünfte für zwanzig oder so Arbeiter und einen großen Haufen Schwemmholz, das er regelmäßig einsammeln lässt. In einer Ecke liegen Tonnen von Baustahl aus dem Iran, aus Dubai erwartet er Stoff und Moskitonetze. Am Berg, dort wo der Brunnen für die künstliche Bewässerung liegt, steht noch ein riesiges Haus. Die zwei Fischerboote, die draußen vor Anker liegen, gehören auch ihm, natürlich mit Personal. 

Wenn er von seinen Plänen spricht, wird mir schwindlig, er könne hier immer gute Leute gebrauchen. Und vorne unter einem Baum liegt seit zwei Monaten seine Frau begraben, dort saß sie immer und sah aufs Meer. Das Leben kann sehr hart sein. 

Gegenüber von sehr verwahrlosten, vierstöckigen Plattenbauten im DDR-Stil erstehe ich bei einem Greißler aus einem Kanister drei Liter Sprit zum Wucherpreis, damit fahre ich nach Jambiani und beziehe ein entzückendes Zimmerchen im Vanilla House direkt am Strand.

Mehrere Erkenntnisse beim Strandspaziergang nach Paje. Erstens, dass hier nur Touristen und Massai mit Schnickschnack für sie herumlaufen, zweitens, dass ich keine Kondi mehr habe und schon nach kurzer Zeit voll erledigt bin, und drittens, dass es Dinge gibt, die ich mir nicht erklären kann. Ein Einbaum mit Ausleger, der nur einem Insulaner gehören kann, trägt den Namen Homeboy Lewandowski. Nach den Strapazen des Tages gönne ich mir gutes Essen. Die Wirtschaft lockt mit einem bestechenden Slogan, eat Chicken, make friends.

Donnerstag, 30. Januar 2025

 30.1., Makunduchi

Bei Ebbe ernten Frauen in brütender Hitze Seegras im knöcheltiefen Wasser, viele von ihnen. Bunte Tücher, leuchtend türkises Wasser, weißer Sand. Stille, nur ich knattere hier herum und im Wind rascheln die Palmen. Never give up! lautet das Motto einer Tischlerei am Weg nach Jambiani, wo es auch ein Muslim friendly Hotel gibt, wovon aber bei einem Bevölkerungsanteil von über neunzig Prozent ohnehin auszugehen sein sollte.

Upsi, nichts ahnend bin ich in die erste Touristenhochburg meiner diesjährigen Exploration gestolpert. Muzungus in Massage-, und Beautysalons, Banken, einer German Bakery oder einer Pizzeria, wo auf der Karte eine Adolf Hitler Pizza irritiert, sogar italienisches Eis gibt es. Und so wird es wohl die nächsten Tage bleiben, während ich der Ostküste bis zur großen Chwaka Bay folgen werde, da kann man nix machen. 

Im Vanilla House direkt am Meer reserviere ich mir ab morgen für zwei Tage ein Zimmer. Auf der schattigen, super gemütlichen Terrasse sitzt ein alter, ebenfalls hier gastierender Norweger, der sich mit dem Haus-Massai fließend auf Swahili unterhält, das hat Potential für ein paar gute Geschichten. 

An der einzigen Tankstelle in näherer Umgebung stauen sich dann an die dreißig Autos und Mopeds, Sprit is aus! Bei mir schaut´s auch schon sehr traurig aus im Tank, als letzte Reserve bleibt noch ein halber Liter in einer Colaflasche. Ich hoffe auf Reserven in Makunduchi. 

Am Weg dorthin besuche ich die Kumbi Höhle, in der scheinbar schon vor 30.000 Jahren ein paar innerhalb ihrer bescheidenen intellektuellen Grenzen schlaue Steinzeithomos den kühlen Schatten ihrer Bleibe genossen, während draußen die Dinosaurier wüteten. Auch chinesische Münzen aus dem vierzehnten Jahrhundert wurden gefunden, worauf sich aber niemand einen Reim machen kann.  Zurück auf der Piste sticht mir noch eine Travel Agency namens Tuff Gong ins Auge, klingt wie bei den Simpsons. Theoretisch gäbe es mehrere interessante Kulturprogramme zur Auswahl. Eine Dorf-, oder Algenfarmbesichtigung oder eine Strandwanderung, aber außer mir interessiert sich momentan niemand dafür. Lange Gesichter bei den zwei Typen, als ich ihnen mitteile, warum ich mich auch für einen Kochkurs interessieren würde, meine Frau könne nämlich nicht kochen und ich wäre verpflegungstechnisch auf mich alleine gestellt. 


Mittwoch, 29. Januar 2025

 29.1., Kizimkazi, Makunduchi

Auf, auf zum nächsten Schnorcheltrip. Zwei Spanier und ich werden vom Käptn durch eine enge Furt übers felsige, vorgelagerte Plateau manövriert, wir im Boot sitzend und er zu Fuß. Ringsum wandern Menschen auf der Jagd nach gestrandeten Kreaturen umher, haben Einbäume oder Netze im Schlepp. In diesem etwas erhöhten Bereich ist das Wasser aufgrund der Ebbe bereits abgeflossen. Ein großer fliegender Fisch muss daran glauben, er flattert wie ein Vogel, als er mit einem Staberl aufgespießt wird. Zweihundert Meter vom Ufer entfernt überwinden wir eine Riffkante, dann ist der Weg frei und wir tuckern zu einer Insel. Neben uns hat ein Boot mit gehisster Piratenflagge das gleiche Ziel.

Später unter Wasser nichts, weswegen mein guter alter Forscherkollege Jaques Cousteau in seinen Taucheranzug gemacht hätte, aber soll sein. Zumindest ein paar Fische inmitten teilweise noch lebender Korallen. Dann beschnorcheln wir noch einen Abhang mit gelbschwarzen Seesternen, wo mich eine Qualle ordentlich in der Armbeuge erwischt. 

Nachmittags ziehe ich weiter gen Westen und besichtige einen nichtssagenden, eckigen Leuchtturm und schaue den Burschen beim abendlichen Kick am Strand zu, bevor ich im Edeletablissement einchecke. Ein Pool vor der Hütte, eine Bar, eine Aussichtsplattform, Bedienstete scharwenzeln herum und Uwe erzählt. Vor drei Jahren ist er mit seiner Frau hauptsächlich wegen der Coronalüge nach Sansibar ausgewandert, vorher hat er Demos und dergleichen organisiert und wurde zunehmend angefeindet. Sie ist vor zwei Monaten gestorben, wahrscheinlich an Krebs. Ein Großteil der jetzigen Gäste sind Gesinnungsgenossen. Gefälschte Statistiken, Übersterblichkeit erst, seit es die Impfung gibt, Zensur, staatliche Repressionen. Er hat dreißig Angestellte, das Resort, in dem ich residiere, ist teilweise dreistöckig. Zusätzlich lässt er gerade ein Seminarzentrum bauen, hat eine Option auf weitere 35 Gebäude, erwartet zwei Frachtcontainer aus Singapur mit Solarpaneelen und einem Quad, züchtet Maden im großen Stil für seine Hühner, beschäftigt Gärtner, Manager, Buchhalter uvm. Ich höre hauptsächlich zu, ohne meinen Senf dazu zu geben und irgendwann gehe ich schlafen. Vorher kommt noch einer und richtet mir das Moskitonetz und vernebelt die Bude, Wahnsinn. Regen und Stromausfall während der Nacht. Ein Blitz ist zuvor mit metallischem Tuscher irgendwo in der Nähe eingeschlagen. Kein Ventilator, kein Lüftchen. Die Hitze ist fast nicht auszuhalten.


Dienstag, 28. Januar 2025

 28.1., Kizimkazi

Local Breakfast hat sein Für und Wider. Einerseits unterstützt man das hiesige Kleingewerbe, hat Promistatus und atmet den Hauch des Authentischen, andererseits ist die Auswahl dürftig. Noch nie sah zum Beispiel Gemüse das Innere meines heute gewählten Verschlages, die Insulaner kauen lediglich trockene Chapatis und schlürfen Ingwertee dazu. Auf Nachfrage bekomme ich ein Omelett und einen kleinen Fisch zur Flade, aber die Mission für heute lautet, Zwiebel, Tomaten und dergleichen auf Vorrat einzukaufen und fortan der Kochmama für raffiniertere Gerichte bereitzustellen. 

Am Strand bin ich wie immer das Opfer meiner guten Manieren, lasse mich von jedem Dahergelaufenen zutexten und verlasse den Schauplatz behangen mit Armbändern, befüllt mit Kokosnüssen und unter Eid zugesagten Transaktionen zu meinem Nachteil. Fast alle kennen mich schon von gestern, letzter Woche oder letztem Monat und in Anbetracht meiner schlechten Erinnerung muss ich ihnen wohl glauben.

Da ich dieses Kaff morgen hinter mir lassen möchte, kommt mir mittags in den Sinn, ich könnte meine nächste Destination hinsichtlich einer Unterkunft ja schon einmal auskundschaften, damit ich mir die Sucherei nach einem Quartier mit Kampfgepäck morgen erspare, Makunduchi ist ja nur fünfzehn Kilometer entfernt. Leider entscheide ich mich für einen strichliert eingezeichneten Weg entlang der Küste anstatt der asphaltierten Straße weiter nördlich und schon nach wenigen Minuten rinnt mir buchstäblich der Schweiß aus dem Helm, bei den bereitgestellten Eierschalen geht das. Blanker, löchriger, scharfkantiger Fels wechselt sich ab mit tiefem Sand, einmal verreckt das Moped und springt ewig nicht mehr an. Doch halt, auch ich lerne dazu. Nach einer halben Stunde mache ich kehrt und nehme die bedienerfreundlichere Alternativroute, was mich im Nachhinein ziemlich stolz macht. 

Viele Sterne in Makunduchi, aber nicht am Himmel. Unter zweihundert Juros die Nacht ist nichts aufzutreiben. Am Weg zurück komme ich im Hinterland noch an einem kleinen Boutique Hotel vorbei, Betreiber ist Hugo aus Rostock, der sich gerade mit dem Bürgermeister unterhält. Dem wächst seitlich irgendein gutmütiges Geschwür und niedrigen Blutdruck hat er auch, er geht von Fluch und Hexerei aus. Hugo rät ihm zu salziger Suppe am Morgen und mit der Wucherung solle er sich anfreunden. Eigentlich hält er hier Seminare für Ärzte, es geht um Umarmungen und überhaupt viel Körperlichkeit, erzählt er mir, nachdem der Bürgermeister gegangen ist, der Arzt müsse zu in erster Linie Freund sein. Das würde auch ihn langfristig glücklich machen. Dann spricht er lange über alternative Kulturen, Sichtweisen und Ansätze. Meine mit gänzlich unpassender Verve vorgetragene Meinung, Homöopathie sei nur etwas für Trotteln, weil wissenschaftlich belegt rein physikalisch absurd, Ayurveda sowieso Mumpitz und TCM nicht mehr als Folklore, haut ihn um und er spricht sich beinahe in Rage, bis wir irgendwie die Kurve bekommen und das Thema wechseln. Jedenfalls darf ich für zwei Nächte in einen seiner affengeilen Bungalows einziehen und das zum absoluten Sparfuchspreis. Vielleicht braucht er mich als schlechtes Beispiel für die zahlreich anwesenden Ärzte, als verkommenes Faktotum der Schulmedizin.

An der Bundesstraße hält mich später eine Kreatur in grüner Uniform auf, eher Militarist als Bulle. Ein bisschen Small Talk, dann sagt er, ich könne fahren und dann noch: Do you have something for me on the way? Mehr als ein wirsches No! fällt mir auf die Schnelle nicht ein und ich mache mich zügig vom Acker, hoffentlich treffen wir einander nicht wieder. Abends muss ich wieder zum Strandwirten Bier saufen, weil bei mir das Internet noch immer nicht funktioniert, alles nur für euch.


 27.1., von Fumba nach Kizimkazi

Ich träume, ich muss eine schriftliche Arbeit über Nachtmärkte schreiben, und das in einem Institut in Thailand. Ich bin schlecht vorbereitet wie immer, nichts fällt mir ein dazu. Ein Thai steckt mir netterweise eine auch nicht sehr gelungene Skizze von einem Standl zu, die gebe ich zusammen mit ein bisschen Geld in einen Umschlag, 

Dann wache und breche ich auf, in Fumba gibt es nichts mehr zu sehen oder zu tun für mich. Zieglereien, Schlossereien, Tischlereien haben ihre Erzeugnisse direkt an der Straße stehen, Militärbasen mit bewaffneten Hoschis in der näheren Umgebung, ab und an ein prächtiger, dickstämmiger Baobab und immer wieder kaputte Kühlschränke als Sitzgelegenheiten.

Es herrscht kein gesteigertes Interesse an Stefsechef, mit Ausnahme der Kinder ignoriert man mich. Auf meinem Weg nach Kizimkazi erstreckt sich eine Landzunge ohne jeglichen eingezeichneten Geländepunkt einige Kilometer gen Süden, die schaue ich mir an. Einer um die fünfzig Meter breiten Schneise der Verwüstung folge ich, abgeholzte Mangrovenwälder, aufgebrochener Boden, gefällte Bäume, Mondlandschaft. Nach einem Weilchen erreiche ich ein großes, allem Anschein nach sehr rückständiges, einst wohl recht abgelegenes Dorf mit Hütten aus Lehm oder Korallenbrocken, vor dem  die apokalyptische Schneise endet, nach bewohntem Gebiet folgt wieder die totale Zerstörung. Kein Zweifel daran, diese Siedlung, in der die meisten Gestalten, die ich zu Gesicht bekomme,  nur lethargisch herumkugeln, wird früher oder später ebenfalls dem Erdboden gleich gemacht werden, obwohl deren Schule laut Aushang von der Allianz-Versicherung adoptiert wurde. Einen Mister Manga, der mir in gebrochenem Englisch seine Dienste anbietet, frage ich, was für einen Zweck diese Verwüstung hier erfüllen soll und er antwortet: To protect the China. Wohl eher nicht, obwohl die beauftragte Firma tatsächlich chinesisch ist. Das eingezäunte Areal der Bauleitung ist mit roten Lampions und einschlägigem KrixiKraxi geschmückt. Irgendwann geht´s nicht mehr weiter. Bagger und Muldenkipper, Haufen von Geröll versperren den Weg.

Lifti, lifti, schreit mir einer am Rückweg und deutet in meine Richtung, soll sein. In mein Navi musste ich zuvor als Fortbewegungsmittel "Zu Fuß" eingeben, ansonsten hätte mir das Programm gar keine Strecke mehr ausgespuckt. Ein paar Kilometer nehme ich den Anhalter mit und später noch jemanden, der sein Begehr mit gleichem Wortlaut kundtut und dazu noch mit den Handflächen nach unten wachelt. Dann hunderte Schüler am Wegesrand! Welche Schule kann so viele Kinder fassen? 

Entlang des Weges verkaufen verschlafene Frauen Obst, von einer erstehe ich drei herrliche Maracujas und eine Mango, ihr Messer kaufe ich ihr auch gleich ab. Ob ich ihren Säugling mitnehmen möchte nach Europa, fragt sie, und ich könnte nicht sagen, ob sie das ernst meint oder nicht. In einem großen Resort irgendwo im Niemandsland bewirkt meine Frage nach dem Zimmerpreis ein heilloses Durcheinander. Für die Preisgebarung Zuständige werden auf dem Gelände gesucht, Manager werden angerufen. Hundert Dollar für eine verschimmelte Hütte, sicher nicht. Wie kommen diese Hinterwäldler bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von zwanzig Dollar auf diese astronomischen Summen? Weil die Touris sie bezahlen.

In der nächsten Anlage geleitet mich ein Massai mit Schmucknarben im Gesicht zur Rezeption. Am Gürtel trägt er eine Machete und einen vorne rechtwinkelig geknickten Totschläger, mit einer mächtigen Beule abschließend, der aus einer Mangrovenwurzel geschnitzt wurde und schwer in der Hand liegt. Auch hier werde ich nicht alt, aber nach zähesten Verhandlungen mit Heulen und Zähne knirschen komme ich in einem Resort in Kizimkazi unter. Die Klimaanlage dürfe ich für diesen Preis aber nicht einschalten, geh gusch. Während das Zimmer sauber gemacht wird, liegt mir noch der Haus-, und Hofkeiler in den Ohren. Neben den üblichen Boots-, und Mangroventouren hat er auch Frauen im Angebot, er imitiert beidhändig Affennippel. Alter, schleich dich. 

Reis mit Bohnen, irgendwelchen gedünsteten Blättern und einem Stück Fisch von einer Kochmama, Bier am Strand zum Sonnenuntergang. Nach Einbruch der Nacht buntes Treiben entlang der Hauptstraße. Zahlreiches Publikum hat sich bei den drei überdachten Billardtischen eingefunden, große Fleischbrocken hängen dort, wo im Akkord Spieße gegrillt werden. Hupende Mopedgeschwader cruisen.


 26.1., Fumba

Die Managerin Grace und ihre sie aufgrund ihrer besseren Englischkenntnisse unterstützenden Putzkollegin passen mich ab. Nach längerem Herumdrucksen verstehe ich, Grace hätte gerne einen Muzungufreund. Ich sei leider schon vergeben, muss ich die zwei enttäuschen, aber Hiasi, Freund und gelegentlicher Reisekollege, sei gestern in Stone Town gelandet, ich würde es ihm ausrichten. 

Zwei noch warme Germteiglaberl von der Straße zum Frühstück, bevor ich zum Strand fahre und mir das tägliche Treiben ansehe. Ein Haufen Touris hat sich schon eingefunden und wühlt in Kisten mit Masken und Flossen, obwohl die Rümpfe der Ausflugsboote noch auf blankem Fels stehen, links und rechts mit Balken gestützt, damit sie nicht umkippen. Bis die Flut einsetzt, haben die zwei  in lange karierte Tücher gewandeten Massai vielleicht ein Paar ihrer auf Stangen montierten Schuhe verkauft, die sie den Weißbroten geduldig präsentieren. Einst als stolze Stammeskrieger vom Festland gekommen, konnten sie in Sansibar nur in zwei Branchen Fuß fassen. Entweder sie verdingen sich als Wächter oder sie verkaufen wie afrikanische Al Bundys Schlapfen mit Fellbommeln an Touristen. 

Später sammle ich Issa auf, er zeigt mir eine Höhle nahe seines Dorfes. In einer schlitzförmigen Tropfsteinhöhle, zu der wir ein paar Meter hinab klettern müssen, befindet sich ein kleiner Pool, von wo die Gemeinschaft ihr Wasser bezieht, außerdem wäscht man hier auch die Wäsche. Mit Seife, jaja, nach zehn Minuten sei das Wasser wieder klar, no Problem. Ein paar kleine Fische hat man hier kürzlich ausgesetzt, wahrscheinlich, damit sie sich um die aufgrund der eingebrachten Tenside prächtig gedeihenden Algen kümmern. Links vom Pool klettere ich ein paar Meter ins Höhleninnere, bis ich ein paar Fledermäuse aufscheuche, rechts vom Wasser sind rote und weiße Fetzen um ein paar Stalagtitten gebunden. Zeichen des Witch Doctors, der hier scheinbar praktiziert, in ein paar leeren kleinen Glasflaschen, die verstreut herumliegen, war demnach einmal Medizin welcher Art auch immer. Seine Großeltern seien immer hierher gekommen um zu beten beziehungsweise ominöse Zaubersprüche aufzusagen, they believed in dark Religion and prayed to the Demons.  

Dann ruft sein Bruder an, Issas Frau gehe es nicht gut. Er ist Zweiundzwanzig und sie zum ersten mal und im siebenten Monat schwanger. Ob er mir die Schmetterlingsfarm ein andermal zeigen könnte, sie müsse wohl ins Krankenhaus. Schließlich bringe ich ihn in sein Dorf, sein Bruder schnappt sich die Frau und fährt mit ihr auf seinem Moped hupend und recht rasant vor, ich folge mit Issa. Nach zwanzig Minuten erreichen wir das erste Spital, ein größeres, unverputztes Haus, vor dem ein paar Kranke herumkugeln, und ich stecke ihm ein paar Euro für etwaige Behandlungskosten zu. Hier seien zu viele Leute, also fahren wir noch ein paar Kilometer weiter, bis wir eine wesentlich schmuckere Klinik erreichen. Gestutzte Büsche vor einer Terrasse und die Daktaris verfügen, möchte man den Bildern auf der Hauswand glauben, über ein Ultraschallgerät, ein Stethoskop, ein digitales Fiebermessgerät und andere Errungenschaften der modernen Medizin. Die Schwangere hat viel Blut verloren und bekommt eine Infusion, das Baby sei gesund. Viel Obst und Gemüse solle sie essen, ah geh, das wir im Zuge der wesentlich geruhsameren Heimfahrt einkaufen.

Abends delektiere ich mich an göttlichem Lammeintopf mit Zimt und Mangosalat und Chillies dazu, dass ich beinahe vergehe, während draußen am Meer Fischer in Einbäumen vorbei dümpeln. Noch mehr Geschichten über Eritrea, Südafrika, Ruanda und den Kongo, begleitet von Rum, der mit Vanilleschoten angesetzt wurde. 


Samstag, 25. Januar 2025

 25.1., Fumba

Issa Brown heißt mein Verbindungsmann für den heutigen Tagesausflug und die Antwort lautet ja. Um 9.00 hat er mich zum Strand bestellt, kurz vor Elf tuckern rund dreißig Italiener, Russen, Deutsche etc. und ich in einem Holzboot mit schwachbrüstigem Motor zunächst zu einer sichelförmigen Sandbank. Geschätzte zweihundert Menschen tummeln sich auf diesem kleinen Fleckchen und harren hauptsächlich der Dinge, es wird Obst gereicht und ein paar erleichtern sich wohl im Wasser. 

Dann fahren wir hundert Meter weiter zum völlig devastierten Schnorchelspot. Eine Hand voll der langweiligsten Fische, die aufzutreiben waren, grundeln resigniert über einem weißgrauen Teppich aus kaputten Korallentrümmern. Wie ein Ausflug in die Schottergrube. Große blaue Quallen gibt es dafür reichlich. Weiter fahren wir für zehn Minuten in eine mit Booten verstopfte Lagune und dann zur Hauptinsel, quasi der tropischen Shopping City Süd. Unzählige Verkaufsbuden mit Ramsch, so weit das Auge reicht. Im Hinterland steht wenigstens ein großer Baobabbaum, der wiederum aus einem noch größeren, schon vor langer Zeit gefallenen Baum wächst, das Highlight des Tages. Einer geht mit einem sogenannten Palmendieb, einer entrechteten Kokosnusskrabbe, hausieren, andere mit Kaffee und Bier. Zum Lunch wird dann kalter Reis mit Shrimps und Langusten aufgefahren, klingt aber besser, als es ist. Wie so oft hat man sich auch diesmal nicht die Mühe gemacht, vor der Zubereitung der Garnelen den Darm zu entfernen, jetzt ist alles mit Scheiße verschmiert. Und die ekelhaften Beine der Langusten sind so stachelig, dass man sie mit den Händen, geschweige denn mit der zur Verfügung gestellten Plastikgabel beim besten Willen nicht knacken kann, ein Großteil der Viecher wandert ungegessen in den Mist. Dann fahren wir wieder eine gute Stunde heim. Was für ein Dreck, die schlechteste Tour aller Zeiten. Manche sind per Bus vom Norden Sansibars herangekarrt worden, die haben fünfundsiebzig Dollar für diese Verhöhnung bezahlt. Und nein, nicht nur ich bin fassungslos ob dem Gebotenen. Hauptsächlich weichgezeichneten Unsinn sondern die zwei mitgeführten Reiseführer über diesen traurigen Ausflug ab, Frechheit. 

Mit Bier und Konyagi, einem sehr gewöhnungsbedürftigen Fusel, tröste ich mich beim Vorarlberger und schaue mir den Sonnenuntergang und das bunte Treiben einer eingemieteten Feiergesellschaft an, die haben ihren eigenen Grill in Kleinwagengröße mitgebracht und singen, tanzen, klatschen und lachen zu lautstarker Wakawaka-Musik.