Mittwoch, 31. Dezember 2025

 30.12., Tarrafal

Gewurl am Hauptplatz in Tarrafal, ein Versorgungsschiff hat Vorräte gebracht. Zusätzlich zu den vielen Fischen, die hier jeden Tag umgeschlagen werden, liegen Unmengen an Erdäpfeln und Zwiebeln auf den Gehsteigen. Frauen kaufen aus dem Auto, Fischer verkaufen aus Kübeln, das Kilo Fisch um zirka einen Euro. 

Mit einem altersschwachen Kleinbus fahren wir nach Cachaco, vorbei am strategisch geparkten Feuerwehrauto der Gemeinde. Manchester Fire Service, lässt sich noch entziffern, die Kiste hat sicher auch schon fünfzig Jahre auf dem Buckel. Zum Telefonieren bleibt unser Fahrer mehrfach überland einfach mitten auf der Fahrbahn stehen, Safety first.

Gipfelsturm! Es gilt, den Monte Gordo zu bezwingen, den höchsten Hügel der Insel mit 1312 Metern. Im Zauberwald am Fuß des Berges machen Schatten und kühler Nebel, der in kompakten Schwaden auftritt, das Wandern erträglich. Mit Farnen behangene Drachenbäume und große Agaven säumen den Weg. Wie im botanischen Garten kommt man sich hier vor, ganz entzückend. Ausgesetzt dann die letzten Kehren den Bergrücken hoch und schon sind wir in einer Felsgipfelwelt über den Wolken mit bombastischem Rundumblick auf Tarrafal, das Meer und die benachbarten Inseln.  Südlich von uns nur karge Felsenlandschaft, nördlich, wo sich immer die Wolken fangen und die Feuchtigkeit kondensiert, grüne Hänge und Wälder. Ein holpriges Herumgerutsche auf losem Alternativpfad retour, lockeres Auslaufen inmitten von Bananen, Zuckerrohr und Papayas zurück in der Ebene. Und jetzt reicht´s auch wieder mit Wandern für ein paar Jahre, sind wir uns später bei isotonischem Bier mit Cola einig, während der tägliche Fisch schon in der Pfanne brutzelt.


Dienstag, 30. Dezember 2025

 29.12., Tarrafal

Morgendlicher Alltag in Tarrafal. So wie der Franzose sein Baguette oder der Italiener seine schwule Herrenhandtasche, trägt der Kapverdier seinen Fisch. Hat er Größeres vor, bedient er sich einer Scheibtruhe.  Die Bullen nerven auch hier und stören den Verkehr mit Kontrollen inklusive Alkotests, alle Fahrer werden außerdem fotografiert. 

Dem schwarzen Sand Sao Nicolaus werden zwar magische Kräfte nachgesagt, enthaltenes Titan und Jod sollen Gelenksbeschwerden und Rheuma lindern, trotzdem machen wir uns auf gen Süden zum Baixa Rocha, dem einzigen Strand der Insel mit weißem Sand. Acht Kilometer gehen wir auf einer einsamen Staubpiste die Küste entlang, rechts zwei unbewohnte Inseln, Vogelschutz und so. Absolut nix los im Süden, keine Dörfer, keine Straßen mehr. Berge von verrosteten Dosen und Stanzabfällen, später massenhaft Gehäuse von Seeigeln und Korallenbrocken, die herumliegen. Kein Schwein weit und breit, nur mehr große Grashüpfer mit doppelten Flügelpaaren und kleine Spatzen und als wir uns später nackig in die erfrischenden Wellen schmeißen, kommt gleich noch einer dazu. Paradiesisch isses hier, keinen Deut weniger. Eine gut zehn Meter hohe Sanddüne hat sich am Steilhang hinter der Bucht gefangen, der makellose, blitzsaubere Strand ist von schwarzen Felsen eingerahmt. Die Sonne trocknet uns und verbrennt uns die Wadeln.

Direkt neben der Fischfabrik in Tarrafal werden in einem Laden hundsgemeine Sardinendosen um umgerechnet 3.5.- Euro verkauft. Der durchschnittliche Stundensatz auf den Kap Verden liegt bei einem Euro. Vielleicht hat der Verantwortliche für diesen Unfug im afrikanischen Darknet gelesen, dass es irgendwo auf der Welt sinnentleerte Bobos gibt, die Sardinendosen wie Andere dereinst Briefmarken sammeln und bereit sind, diese Summen für eingedosten Fisch zu bezahlen, wir jedenfalls essen lieber frischen Fisch ums gleiche Geld. Esmoregal, eine große Bernsteinmakrele, hat mir im Übrigen unlängst eine Wirtin angetragen, und nicht wie irrtümlich verstanden und berichtet" Ismiregal". Dazu bestelle ich mir einen landestypischen Grogue, übelsten Zuckerrohrschnaps, zu dem man sich erst behutsam hinsaufen muß, bis das Grauen nachlässt.  


Montag, 29. Dezember 2025

 28.12., Tarrafal

Hundertzehn Kilo kann eine ausgewachsene unechte Karettschildkröte auf die Waage bringen und siebzig Jahre kann sie alt werden, das noch als Nachtrag zu den gestrigen Funden. Und so ein Schildkrötenbbq kann dieser Tage im Gefängnis enden, sind die Tierchen doch mittlerweile streng geschützt. 

Anyway, heute möchten wir die Inselhauptstadt Ribeira Brava besuchen, was sich zumindest sonntags als zähes Unterfangen herausstellen wird. Lange stehen wir an der einzigen Ausfallstraße Tarrafals, bis sich endlich ein Colectivo blicken lässt und uns mitnimmt auf die wunderschöne, fünfundzwanzig Kilometer lange Reise durch das Inselinnere. Rauf und runter geht´s inmitten grüner Steilhänge, Vulkane und Felsnadeln, entlang tiefer Schluchten und trockener Flussbetten, ganz selten stehen Drachenbäume in der Gegend. Eine Katze mit einer Maus im Maul, ein Dorftrottel mit nur einem Socken an. Männer, die auf einem Brett mit sechs sich gegenüberliegenden Kuhlen Ouril spielen, indem sie darin strategisch Steinchen platzieren.

Ribeira Brava liegt im Koma. Der Markt hat zu und in den schmalen Pflasterstraßen hängen nur große, bunte Spinnen in ihren Netzen ab. Als Sehenswürdigkeit ersten Ranges fungiert ein ehemaliges Priesterseminar, das wirklich nur für Priesterseminaristen interessant sein kann. Nichts los im Bergdorf. Am Rand stehen Schweinepferche, Hühnerverschläge und Natursteinhäuser, im Zentrum teilt ein trockenes Flussbett das Kaff in zwei Teile. Die Brücke darüber wird wohl nicht sehr oft genützt, eine Furt daneben tut´s auch. Im kleinen Park dort finden wir wenigstens ein offenes Lokal, wo wir zu Liedgut des Morna, langsam, sentimental und dem portugiesischem Fado verwandt, Bier mit Cola süffeln. Dann warten wir am Hauptplatz mit Dorfkirche auf eine Mitfahrmöglichkeit retour. Zum Gaudium der wenigen mit uns wartenden Einheimischen vertreiben wir uns die Zeit mit Walzer und albanischem Fruchtbarkeitstanz, bis wir ganz alleine sind. Also wieder zur Ausfallstraße marschieren und von dort die Heimreise mit mehreren Sammeltaxis stückeln, dazwischen halten wir den Daumen raus, während wir unter willkommenen Wolken, die scheinbar immer an den Gipfeln der umwerfenden Berglandschaft hängen, wandern. Und anstandslos nimmt der Hund, der uns für die gleiche Fahrt vor ein paar Tagen noch das Doppelte abgenommen hat, den korrekten Fuhrlohn, Wissen schafft Vorsprung.


Sonntag, 28. Dezember 2025

 27.12.,Tarrafal

Einfach mal losmarschieren gen Norden, zwölf Kilometer von hier gibt´s wohl eine Landschaft, die an gestapelte Palatschinken erinnern soll. Die ersten Kilometer latschen wir noch auf einer schnurgeraden, mit Kopfsteinen gepflasterten Straße, vorbei an aufgegebenen Bauruinen und einfachsten Containerhäuschen direkt am Meer, dann biegen wir querfeldein zu einem Leuchtturm ab und folgen der Küste. 

Wilde, menschenleere Landschaft, nur die tosende Brandung, Geröllfelder und erkaltete Lavaströme. Jetzt ist es zu spät, deine Sünden zu erkennen, hat jemand auf ein Schild geschrieben. Ein zerbrochener, großer Schildkrötenpanzer liegt auf einer Feuerstelle, an der Unterseite noch Reste von Fleisch. Für die Insulaner wird es egal sein, ob sie Schildkröte, Rochen oder Tunfisch essen. Ein größeres Faß mit einem angebrachten Türchen, Hundehütte oder erstes Eigenheim. 

Die Landschaft wird extravaganter, wir klettern über oder springen hinab in ausgetrocknete, breite Flussbetten, staunen über von Wind und Wetter geschaffene Formationen, die an kleine, mehrstöckige Rohbauten erinnern, links von uns steile Klippen, das Wasser darunter. Ena entdeckt noch einen gebleichten Schildkrötenpanzer, von dem sich die großen rechteckigen Schuppen schon leicht abziehen lassen, die Innenseite des Skelettes mit sternförmig angeordneten Knochenspitzen ganz anders, als ich es mir vorgestellt hätte. Unter einem Gebüsch in einer tiefen, sandigen Furt schließlich die dritte tote Schildkröte, ihr Schädel nicht viel kleiner als ein Handball.

Nach vielen anstrengenden Stunden erreichen wir endlich Carberinho, wo sich die Brandung brachial in rund abfallende schwarze Pools und Plateaus ergießt, das Wasser fließt dann über die Ebenen in kleinen Wasserfällen oder breiten Vorhängen wieder zurück ins Meer. Die verschiedenfarbigen, jeweils nur wenige Zentimeter dicken Schichten der ausgewaschenen Felsen und Steilklippen dahinter sind wahrlich grandios, insgesamt ein umwerfendes Spektakel unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Von der Sonne verbrannt, die eine Flasche Wasser schon lange leer und noch zwei Kilometer bis zur Küstenstraße müssen wir gehen, wo es ein Weilchen dauert, bis endlich ein Auto in Sichtweite kommt. Tatsächlich bleibt der Pickup stehen und wir schwingen uns auf die Ladefläche, zumindest ich bin ganz schön angeschlagen. Leider ist der Fahrer, der mich mit seinen Spiegelbrillen und seinem Gehabe an einen afrikanischen Warlord erinnert,  gehirnamputiert und fetzt mit solch absurder Geschwindigkeit über die holprige Piste, dass ich Angst um unser Leben habe und im Nachhinein verstehe, warum wir vormittags an einem mit Plastikblumen und Kerzen geschmückten Andachtssteinhaufen vorbeigekommen sind. Daheim erst einmal sammeln und ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank schlürfen. Es heißt Super Chef und das ist angemessen. 


Samstag, 27. Dezember 2025

 26.12., Tarrafal

Gelsen so winzig, dass wir sie auch im Verlauf mehrerer nächtlicher Razzien nicht finden können, quälen uns des Nächtens und im Waschbecken hockt eine monströse Kakerlake. Der Blick auf das Meer und ein paar Schiffe der Fischfangflotte beim Wegziehen der Vorhänge entschädigt. In Gehweite befindet sich die einzige Tauchbasis der Insel, Inhaber ist der Tscheche Martin. Mit uns springen noch eine Pinzgauerin und ihr italienischer Hawi in den Pick Up zum Hafen, von wo wir mit einem kleinen Boot in See stechen. Weiße Reiher, die für ihr Leben ausgesorgt haben, hocken im Hafenbecken auf eisernen Ringen, an denen ein paar Flaschen für den Auftrieb und unter der Wasseroberfläche ein Netz mit unzähligen Köderfischen für den Tunfischfang angebracht sind, für die Vögel ein sorgenfreies Leben am All you can eat- Buffet. 

Beste Bedingungen. Das Meer ist ruhig, die Sonne scheint, nur ich bin scheinbar etwas aus der Übung. Flossen sollte man schon anhaben, bevor man zum Abtauchen vom Boot springt. Das zerklüftete vulkanische Gestein der Küste bildet unter Wasser tiefe Spalten und Nischen, aus denen uns viele große Hummer ihre Antennen und Muränen ihre hässlichen Visagen entgegenstrecken. Ammenhaie liegen am Grund, Spinnengarnelen zappeln herum, neonleuchtende Schnecken noch und Schwärme von Fischen, inmitten derer wir uns treiben lassen. Fettgebäck mit Kokosraspeln während der Pause, ein Dekompressionsbier zurück am Strand neben Fischern, die im Schatten dreier großer Bäume ihre Netze flicken. Am Brunnen waschen sich die Männer und in den kommunalen betonierten Waschtrögen die Frauen die Wäsche. 

Ob sie noch Kuchen oder sonst etwas Süßes für mich hätte, frage ich später dort, wo wir schon gestern essen waren, die alte Lady, stellt sie mir doch glatt ein Tellerchen mit Guavenmarmelade hin. Zwar nicht gerade das, was ich mir erwartet hätte, aber ein paar Löffel davon schmecken gar nicht schlecht. 

Abends lustwandeln wir an der zentralen Krippe vorbei, daneben steht ein gut fünf Meter hoher, von innen heraus beleuchteter Christbaum aus gelben Plastikkanistern. Im Arrangement finden sich noch ein paar Fischkonserven mit mehr als einem Meter Durchmesser, alles gesponsert von der Fischfabrik hinter uns. Vor einem Lokal hat sich die Dorfgemeinschaft eingefunden. Eine Geigerin spielt auf, ein Mann an der Gitarre und einer am Keyboard begleiten sie. Zur gefälligen, flotten Tanzmusik schwingen hauptsächlich die Alten das Tanzbein, die anderen halten sich an kleinen Bierflaschen fest.


Freitag, 26. Dezember 2025

 25.12., Sao Nicolau

Interessantes Prozedere am Flughafen. Um zweieinhalb Kilo überschreite ich das bescheidene Limit fürs Handgepäck, konstatiert die Lady am Check In- Schalter, aber ich könne ja eine Extratasche aufgeben, kostet nur hundert Euro. Besser, ich stelle vor der nächsten Abwaage einfach ein paar Sachen auf den Boden und räume sie anschließend ums Eck wieder ein, ist auch voll o.k. 

Bummvoll ist die Propellermaschine und nach einem Becher Wasser und vierzig Minuten erreichen wir schon die Trauminsel der nächsten Woche. Wie ein weißer Ring wirkt die Brandung rund um Sao Nicolau aus der Luft. Beim Landeanflug passieren wir in unmittelbarer Nähe und auf Augenhöhe einen Vulkankrater rechts von uns. Schroff zur Küste hin fallen teilweise spärlich begrünte Berghänge ab, das Eiland ist knapp kleiner als Wien. 

Zu lauter Musik tanzende, zu Mittag schon Schnaps saufende Insulaner in der winzigen Ankunftshalle, die ihre Verwandten freudig in Empfang nehmen, sich gegenseitig hoch heben und abbusseln. Draußen nur Natur, so weit sich sehen lässt, kein Haus sonst, nur eine schmale Zufahrtstraße. Mit einem Collectivo fahren wir durch die Hauptstadt Ribeira Brava, ein paar Gebäude in den Hängen, zweieinhalbtausend Einwohner, und gleich weiter einen großen, topografisch bedingten Umweg über Berge und Täler nach Tarrafal. Eine grandiose Landschaft mit Obstplantagen und Weilern, freistehenden Felstürmen und Einheimischen, die mit ihren verfilzten Eseln unterwegs sind, lassen wir hinter uns. Endlich ein schöner, sonniger Tag ohne Wind. Wir beziehen eine einfache, schon in die Jahre gekommene Unterkunft, von deren Balkon im ersten Stock ich fast ins weite, glitzernde Meer springen könnte, mit Anlauf durchs Wohnzimmer halt. Die Familie gibt sich unaufgeregt und nach ein paar Minuten stecken wir schon mitten im gewohnten Alltagsleben, gackern die Hühner und schreien die Kinder. Tarrafal selbst ist noch nicht viel mehr als ein beschauliches Fischerdorf, in dem der Tourismus erst langsam Fuß fasst. Bunte Fischerboote in einer Bucht vor schwarzem Kieselstrand, dahinter die Vulkanlandschaft. Der Kontrast in den Farben ist so übertrieben, als hätte jemand einen Filter über die Szenerie gelegt. 

Heute haben die paar Wirten, mit denen Tarrafal auftrumpfen kann, zu, aber ein Tagedieb bringt uns zu einer Bude, wo zwei ältere Damen in ihrer kleinen Küche einfache Gerichte zubereiten. Ob ich Tuna oder irgendeinen anderen, mir auf portugiesisch unbekannten Fisch haben möchte oder Istmiregal? Ja, Istmiregal klingt gut. Vielleicht glaubt die Lady ja wirklich, dass der Europäer damit eine bestimmte Spezies meint. Simpel, reichlich und gut essen wir und so billig, dass wir erst glauben, sie hätte sich bei der Rechnung geirrt. Vom Bett im Quartier aus schauen wir der Sonne zu, wie sie hinter der Weltenscheibe abtaucht, den Kühlschrank schon gefüllt mit Erfrischungsgetränken unterschiedlicher Drehzahl.


Donnerstag, 25. Dezember 2025

 24.12., Sal, Espargos

Frühmorgendlicher Einkauf, Ena bleibt noch liegen. Sam, eigentlich Samira, vermietet ihre Bude mit voll eingerichteter Küche und selbst ist der Mann, möchte man den Tag mit einem anständigen Frühstück starten. Recht viel haben die asiatischen Ladenbetreiber im Sortiment, Eckerlkäse, ganz kleine Paprikas, getrocknete Piri Piri und dergleichen mehr, aber Eier suche ich vergeblich. Kein Handy und somit auch kein Übersetzungsprogramm dabei, Eggs oder Huevos unbekannt. Auch in zwei anderen Supermercados komme ich nicht weit mit meinen pantomimischen Ausführungen eines eierlegenden Huhnes, sicherheitshalber mit verhaltenem Gegacker untermalt, damit ich hier nicht missinterpretiert werde. Irgendein dunkles Syndikat hat sich wohl das Eiervertriebsmonopol unter den Nagel gerissen. Schade, ich hätte mich so gefreut. 

Später mustern wir einen Teil unserer Habe aus. Für den morgigen Inlandsflug mit einer kleinen Propellermaschine nach Sao Nicolau sind nur sechs Kilo Handgepäck zugelassen, egal ob man selbst fünfzig oder hundert Kilo wiegt.

Seit ich auf Sal bin, ist´s bewölkt und bläst der Wind, trotzdem gehen wir heute schnorcheln. Am Strand verladen Fischer mit langen Harpunen Tunfische und Barracudas, die sie gerade noch alleine tragen können, nicht weit von der Küste entfernt hat die Brandung ein großes Wrack, über das ansonsten nichts herauszufinden ist, vollständig geplättet. Da dümpeln wir etwas herum und am Weg zum zweiten Highlight der Tour erfriert die Kleine schon fast, obwohl ihr ein dicker Neoprenanzug zugestanden wurde. Wer trotz Weihnachten Jesus noch immer nicht gefunden hat- verkrustet von Algen und Muscheln, aber mit ausgebreiteten Armen wartet er auf euch in bescheidener Tiefe vor Santa Maria in Form einer Statue aus Beton. 

Abends sind die Kirchen voll mit Menschen, die sich auf ihrer Suche nicht nass machen wollten, das Singen der Chöre dringt durch die Mauern. Ansonsten ist Espargos wie ausgestorben, während wir auf der Suche nach Nahrung durch die Gassen geistern.  Feliz Natal!


Mittwoch, 24. Dezember 2025

 23.12., Sal, Espargos

Wer glaubt, hier passiert etwas, täuscht sich. Ena lebt ihren Traum, sie schläft und schläft. Einzig die mittlerweile fast tägliche Notwendigkeit, das Quartier zu wechseln, bringt etwas Abwechslung in unser Dasein. Unterkünfte über einen längeren Zeitraum rund um die Feiertage gibt es auf Sal nicht mehr und wir folgen den Krümeln von kurzfristigen Absagen oder organisatorischen Fehlleistungen. Ein Faktor, der uns in die Hände spielt, wird auch sein, dass man sein gebuchtes Quartier einfach nicht gefunden hat. Es gibt so gut wie keine Straßenschilder, die Leute verstehen einen nicht und die privat vermieteten Zimmer sind als solche nicht erkennbar. Darauf angesprochen meinte eine Beherbergerin nur, jeder hier in der Gegend würde sie eh kennen und ohne ein ominöses Zertifikat dürfe man offiziell ja gar nicht vermieten. Bei ihr gibt´s wenigstens das erste Mal Frühstück zur Nächtigung, mit zwei Bulgaren am Tisch schlürfen wir dünnen Kaffee,  dazu zwei Eier und Marmeladebrot. In Boston hat die Senhora zwanzig Jahre lang Torten im Akkord dekoriert, nach Antritt der Pension ist sie wieder heim gekommen. 

Morgen fliegen wir nach Sao Nicolau mit bereits gebuchtem Quartier, aber für´s neue Jahr schaut´s düster aus. Wir schlafen von der Hand in den Mund. Lange Schlangen vor den kleinen Läden und den Banken. Geschenke müssen gekauft und finanziert werden. Der Warenkreislauf ist dabei  gut nachzuverfolgen. Ein Geschäft bekommt eine Ladung Kinderfahrräder geliefert, Väter kaufen sie und verladen sie auf ihre Pick Ups. Gehirnerschütterung der Ableger auf dem holprigen Kopfsteinpflaster vorprogrammiert. Fliegende Händler haben im Park monströse Armbanduhren vor sich ausgebreitet, übermorgen wird jeder zweite Mann eine ums Handgelenk tragen. Die Lage spitzt sich zu, sogar die Feuerwehr hat einen  Christbaum aus gestapelten Feuerlöschern und einem Helm oben drauf installiert. Auch wir Deppen müssen auf die Bank um Geld zu wechseln und ich packe es nicht. Zehn Bittsteller vor mir, nach einer halben Stunde ist einer davon abgefertigt. Druckkochtopffeeling. No work, no stress, lautet das völlig uninspirierte, auf unzählige Shirts und sonstigen Ramsch gedruckte Motto der Kap Verden, bitte einfach gusch. 

Am Strand schauen wir träge und mit einem Glas in der Hand den Profis beim Beachvolleyball spielen zu. Echte Athleten mit Sprungkraft, als wären sie am Mond, Sieger bleibt am Platz. Nur mit Mühe kann ich Ena davon abhalten, eine Forderung zu platzieren. Wie einst Al Bundy von seinen drei Touch Downs auf der Poke High, zehrt auch sie von der Erinnerung an bessere Tage. Zehn Minuten Strandspaziergang meinetwegen, dann werden die Füße schon schwer vom tiefen Sand. Am schon bewährten Straßeneck mit den glücklichsten Hunden Afrikas wird heute auch Fisch ausgegeben, dessen Reste sie ebenso dankbar und vorsichtig entgegennehmen wie Knochen, Reis oder sonstige Abfälle, Ena bekommt später einen Käsetoast. Am Weg heim mit dem Collectivo müssen wir im Gegensatz zu anderen Fahrgästen heute noch nicht irgendwo im Niemandsland eine unbeleuchtete Baracke ansteuern, unser neuer Unterschlupf heißt Sams House.


Dienstag, 23. Dezember 2025

 22.12., Sal, Espargos

 Auch heute finden wir uns auf Geheiß um acht Uhr morgens im Ticketbüro der einzigen Fährgesellschaft der Kap Verden ein, auch heute raunt uns eine inkompetente Mitarbeiterin ihr standardisiertes "Sorry, System broken" zu. Ein der englischen Sprache einigermaßen mächtiger Kollege bringt dann Klarheit in die Sachlage. Letzte Woche wären wegen schlechten Wetters zwei Fähren ausgefallen, weswegen diese Woche entsprechend viele Menschen mit gültigen Tickets auf eine Überfahrt warten würden. Zwei Schiffe für eine halbe Million Menschen, eine nicht funktionierende Homepage und unfähige Mitarbeiter am Schalter, so lässt sich der inselübergreifende öffentliche Nahverkehr der Kap Verden zusammenfassen. 

Für den Rest der Zeit also gestrandet auf der bereits aufgemischten Hauptinsel Sal, finde ich mich schon fast ab, stellt Ena doch tatsächlich im Netz einen leistbaren Flug auf das verschlafene Eiland Sao Nicolai in drei Tagen auf, ich bin nachhaltig entzückt. Nie und nimmer war mit diesem Glücksfall zu rechnen, ich bin begeistert. Ena ist das alles völlig egal. Sie hätte überhaupt kein Problem damit gehabt, die nächsten Wochen einfach hier zu bleiben. 

Zur Belohnung gibt´s einen Mojito am Strand von Santa Maria. Während ich einem zahnlosen Alten bei seiner mäßigen Feuershow zusehe, machen sich drei Hunde mit einem meiner Turnschuhe vom Acker und ich muss ihnen allen Ernstes nachjagen und im Sand um meine einzige geschlossene Fußbehausung kämpfen, ohne gebissen zu werden. 

Beim Wirten stehen kleine Ventilatoren mit langen, elastischen Rotorblättern auf den Tischen, um die Fliegen zu vertreiben. Im georderten Bohnengericht finden sich auch Röhren, die ich zunächst für einen kleinen Oktopus halte, bei genauerer Inspektion sind es aber wohl bleistiftdicke Adern irgendeines Landlebewesens, die alle aus einer größeren, etwa daumendicken Röhre entspringen. Durchblasen und auszutzeln ja, aber sie zu zerbeißen, ist unmöglich. Ena bekommt Hühnerfilet mit Pommes und möchte nicht bei mir kosten. 


Montag, 22. Dezember 2025

 21.12., Sal

Action-Day heute, endlich wieder. Mit einem um ein Heidengeld angemieteten Moped düsen wir zum Olho Azul nach Baracona, einem abrupt im Meer erkalteten, schwarzen Lavastrom. Laut einem Warnschild ist es den Besuchern untersagt, bei niedrigem Wasserstand in den natürlich entstandenen, sehr großen Pool zu springen. Niemand bei klarem Verstand würde es ohnehin wagen, das zu tun, die Menschen stehen nur ehrfürchtig am Rand des Bassins und staunen. Innerhalb von drei Sekunden steigt das Wasser in diesem Becken um geschätzte sieben Meter, sobald sich die nächste Welle mit weißschäumendem Getose darin ergießt. Was für ein grandioses Schauspiel. Außerdem soll man am Gelände keine Fische ausnehmen und es unterlassen, irgendwo abzustuhlen, symbolisiert mit einem dampfenden Kackhaufen mit Fliegen oben drauf. Warum muss man so ein Schild überhaupt aufstellen? Das Besucherzentrum mit ansprechenden sanitären Anlagen ist keine fünfzig Meter entfernt. 

Chaotisch verlaufen Pisten in alle Himmelsrichtungen durch eine weitläufige sandige Ebene, manchmal mit Steinen oder halb eingegrabenen Autoreifen markiert, meistens aber nicht. Busse und Pickups mit Touristen auf der Ladefläche stauben die Gegend zu, bis wir im Landesinneren nach Norden abbiegen, dann sind wir ganz allein. Ab und zu ragt wie ein gigantisches Wimmerl auf der Ebene ein Vulkan empor. In einer surrealen, schwarzen  Mondlandschaft aus Lava erreichen wir nach ein paar Kilometern am nördlichen Ende Sals einen alten, schon vor langer Zeit in sich zusammengestürzten  Leuchtturm, daneben die Überreste eines kleinen Steinhauses. Der Mensch, der einst hier gewohnt hat, muss fertig gewesen sein mit dieser Welt. In völliger Einsamkeit tost die Brandung und heult der Wind und sonst gibt es hier nichts und niemanden. Außer einer zerschmetterten Yacht in den Felsen, Zeugnis einer kleinen Katastrophe. 

Im Navi ist als Geländepunkt allen Ernstes eine Fata Morgana eingezeichnet und tatsächlich scheint in der flimmernden Landschaft ein See vor uns zu liegen, was sich bei näherer Betrachtung als Täuschung herausstellt. Ich wusste gar nicht, dass ein derartiges Trugbild ständig möglich ist, dachte eher, dass das Zustandekommen einer Fata Morgana von besonderen Luft- oder Bewusstheitszuständen abhängt. Wären wir durstig hier herumgelatscht, hätten wir sicher nicht gezögert, das vermeintliche Nass anzusteuern.

 Um zu tanken, nähern wir uns der Stadt Espargos vom Norden her über eine Staubpiste, die Funkanlage am Hügel weist uns schon von Weitem den Weg. Vereinzelte Verschläge auf freier Fläche zuerst, dann grobes Kopfsteinpflaster, dann Asphalt, schon sind wir mitten im urbanen Trubel. An der gleichen Stelle fahren wir nach dem Boxenstopp wieder raus, nach zweihundert Metern herrscht schon die totale Ödnis. Im Westen der Insel umrunden wir später einen sehr großen Vulkankrater. In ihm funkeln flächendeckend Salzbecken in der Sonne, die schon vor über zweihundert Jahren angelegt und bis heute genutzt werden. Das Meer ist nicht weit, das Salzwasser sickert durch das poröse Gestein an die Oberfläche und verdunstet anschließend, so in etwa der Prozess der Salzgewinnung. Über eine Seilbahn und eine mehrstöckige Verladestation aus Holz wurde es dereinst in die Welt verschifft, wovon heute nur mehr Ruinen und durch und durch vom Rost zerfressene Schiffswracks zeugen. Und nichts davon ist abgesperrt, man kann sich nach eigenem Gutdünken inmitten der scharfkantigen und einsturzgefährdeten Überbleibsel bewegen.

Oben am Berg betreten wir durch einen  Tunnel  den Krater, wo sich mehrere Besucher in einem der Salzbecken suhlen. Deren Schweiß und sonstige auskristallisierte Körperflüssigkeiten kann sich dann der Gourmet, der Fleur de Sel dem gemeinen, jahrmillionenalten Bergsalz ohne Mikroplastik und sonstigem Dreck vorzieht, aufs Butterbrot streuen. 

Etwas weiter südlich fahren wir an einer Bucht vorbei, wo man Zitronenhaie streicheln könnte. Wir folgen lieber der Küste entlang schmaler Pisten und trockener Flussläufe. Stunden vergehen, einsame Buchten tun sich auf, Wracks liegen im seichten Wasser und das Terrain wird härter. Geländekanten, kleine Schluchten und Steinfelder zwingen uns immer wieder zu Umwegen, bis wir vollständig vom Weg abkommen. Ena muss ab jetzt absteigen und zu Fuß nach einer Passage suchen. Hundert mal mindestens setzen wir heute mit dem Rahmen auf, wenn wir uns mühsam übers Geröll plagen. Ein Wunder, dass das Moped diesen Trip überlebt und wir schon bei Einbruch der Dunkelheit zwar staubig und von der Sonne verbrannt, aber ohne Patschen die asphaltierte Verbindungsstraße erreichen. Herrlich die Dusche und köstlich das Bier später, ein wunderbarer Ausflug.


Sonntag, 21. Dezember 2025

 20.12., Sal, Espargos

Gebückt und die Schultern hängend von der Last der Welt, kleine, dunkel gerandete Auglein, gezeichnet von unerwarteten Kursabstürzen, aufreibenden Meetings und exzessiven Weihnachtsfeiern, so schleppte sich die Süße gestern zu später Stunde aus der Ankunftshalle. Das Bett vollgekrümelt mit Mini Fritts und eigentlich nur breit genug für einen, das Häusl am Gang? Egal, gute Nacht. 

Heute also Aufbauprogramm vom Feinsten, ein starker schwarzer Kaffee zu afrikanischen Feel good- Klängen und später ein selbst gebasteltes Käsesandwich, mit kaltem Couscous brauche ich ihr gar nicht zu kommen. Und gleich wieder rein ins Bett, nur nichts überstürzen. Kubanische Zustände dann im Ticketbüro, für die Überfahrt am Montag sollen wir montags wieder kommen. Verfügbare Flugtickets zu den benachbarten Inseln rund um die Feiertage sind sowieso utopisch. Schnell runter nach Santa Maria mit dem Sammeltaxi also, Alkoholzufuhr starten. Nach ein paar Mojitos am Strand, neben uns langhaarige, gestählte Insulaner, die Surfbretter tragen, Volleyball spielen oder Kunststückchen mit dem Fußball aufführen, vor uns die untergehende Sonne, stellt sich bei der Gefährtin schon seliger Blick ein, ist sie ganz mellow yellow. Zurück in Espargos noch ein bisschen vorweihnachtliche Stimmung, sogar der Stiel der gigantischen, pilzförmigen Funkkuppel oben am Berg ist mit bunten Lichterketten geschmückt. Redlich bemüht hat man sich zumindest, dem Ungetüm ein feierliches Flair zu verleihen. Noch ein Burguer von der Bude am Eck und auch Ena ist im Urlaub angekommen.

Freitag, 19. Dezember 2025

 19.12., Espargos, Sal

Der Wind heult unentwegt ums Haus und lässt die Fenster und Türen klappern, während ich mit Vermieter Jorge Verhandlungen bezüglich einer allfälligen Mietverlängerung führe. Die Auswahl an verfüg- und leistbaren Quartieren schrumpft vor den Feiertagen zügig und hier isses eigentlich ganz sweet. Mein Zimmer sei eigentlich nur für eine Person gedacht. Eine Nacht zur Not zu zweit wäre schon ok, aber...

Wahrheitsgemäß bedeute ich ihm, dass Ena nicht viel größer als einen Meter ist und als zusätzlicher Gast somit nicht wirklich ins Gewicht fällt, was er eher skeptisch aufnimmt. Außerdem würde ich ihn morgen als Dank für seine Gastfreundschaft auf einen Kaffee einladen, hat er doch zwölf Jahre lang als Ingenieur auf einer Plattform vor Angola gearbeitet und sicher einige gute Geschichten auf Lager. Darüber hinaus sei ich quasi schon Langzeitmieter, gedenke ich doch, im Jänner wieder hier abzusteigen, und ein Moped bräuchten wir auch noch. 

Noch einiges mehr steht auf der heutigen Agenda. Am Weg zur Bäckerei gebe ich meinen mittlerweile vollends zerrissenen Rucksack bei einem Containerschneider ab, dann schlage ich mich durch zum Ticketbüro der Fährgesellschaft. Nur ein paar Brocken Englisch spricht die Dame am Schalter, aber das Wichtigste ist leicht zu verstehen: Momentan sind alle Passagen ausgebucht und nächste Woche auch. Ich solle um acht Uhr morgens wieder vorstellig werden, dann werde man weitersehen. Eine Online-Buchung scheidet aus, weil sich das System einfach aufhängt, also werde ich ihrer Aufforderung nachkommen. Jorge hat mich schon gewarnt. An die 700.000 Kapverdier leben im Ausland, mehr als daheim.  Über Weihnachten besuchen viele ihre Familie, wobei nicht jede Insel über einen Flughafen verfügt. Zieht dann noch Sand von der Sahara heran und können die Propellerflugzeuge deswegen nicht mehr starten, geht schnell gar nichts mehr.

Dann schaue ich mir mal den Süden an, ob es sich dort auch gut leben lässt. Das Sammeltaxi nach Santa Maria wartet nur mehr auf mich, dann fahren wir schon los zum Zentrum des kapverdischen Tourismus. Eine Kaserne bemalt mit Störchen, die ihre Schnäbel kreuzen,  passieren wir und den ehemaligen, sehr kümmerlichen Präsidentenpalast, dann nur mehr felsiges Ödland bis zur zwanzig Kilometer entfernten Südspitze Sals. Ganz schön was los im Mekka für Surfer mit Kites, klassischen Surfboards oder auch Foilwings, bei denen das Brett aufgrund eines langen Tragflügels das Wasser überhaupt nicht mehr berührt. Auf Sal wurden schon Windsurfweltmeisterschaften ausgetragen. Klassische Infrastruktur auf drei langen, teilweise verkehrsberuhigten Gassen im Westen, Bars, Yogastudios, Minimärkte, Tatooläden uswusf. Am südöstlichen Zipfel trauen sich nur mehr die Wahnwitzigsten in die furchterregenden Brecher, hier herrscht akute Zerbröselungsgefahr für unbedarfte Wellenreiter. Mein Shirt binde ich mir während der kleinen Wanderung um die Südspitze um den Kopf, um meine Ohren vor dem Getöse und dem Sand zu schützen.  Erst nur mehr unfertige Rohbauten und eingezäunte Baustellen, an denen sich angewehter Plastikmüll verfangen hat, und dann nur mehr Gstettn. Fuck new Hotels! hat jemand auf eine Mauer geschmiert. Zurück im erschlossenen Teil Santa Marias delektiere ich mich an einer Straßenecke an afrikanischer Cuisine aus zerbeulten Töpfen. Ein paar Einheimische  und ich freuen sich auf Steinen und anderen Behelfssitzmöglichkeiten hockend über lauwarmen Reis mit Bohnen, ein paar Soft-Pommes und ein Stück entgegen gängiger Richtlinien zerteilten Hendels, darüber noch herrliche marinierte Zwiebeln, ich konnte es nicht verhindern. Werde ich später zumindest Ena erzählen, die gleich einem Bluthund meinen verräterischen Atem wohl schon beim Betreten des Rollfeldes wird wittern können. 

Vor Antritt der Heimfahrt nach Espargos bekreuzigen sich einige Fahrgäste und auch der Fahrer, obwohl diese Maßnahme anbetracht einer schnurgeraden Straße, die nur durch drei zumindest vorläufig noch sinnlose Kreisverkehre unterbrochen wird, etwas übertrieben anmutet. Auch ich entsende ein Stoßgebet an Unbekannt, möge mich die berüchtigte Spritzgackkrankeit Turista verschonen. Außerdem bete ich inmitten einer lautstarken Kakofonie aus Handybeschallung, Musik und sich angeregt unterhaltender Menschen im Kleinbus  für Resilienca e Confianca, gemäß dem riesengroß affichiertem Motto der Schule bei mir ums Eck. Zeit für ein Bier bleibt noch, dann mache ich mich auf zum Flughafen.


 Um vier Millimeter zu lange ist mein dereinst in Brasilien erworbener Korkenzieher dem dienstbeflissenen Hilfssheriff am Flughafen Schwechat, er darf heute nicht mit auf die Kap Verden. 

Aus zehn Inseln im Atlantik besteht der kleine afrikanische Staat westlich vom Senegal, ein Kompromiss in der heurigen Urlaubsplanung zwischen dringend benötigter Erholung mit Aussicht auf Sonne, Strand und Cocktails von Seiten der Gefährtin und meiner Hoffnung auf ein bisschen Ungemach und Abenteuer in der Fremde. Mickrige drei Wochen werden wir unterwegs sein, Stichwort monetäre Zwänge und keine Zeitausgleichsreserven mehr. 

Jedenfalls, auf einer dieser Inseln wurde im neunzehnten Jahrhundert Salz in einem Vulkankrater abgebaut, wovon ihr der Name Ilha do Sal blieb. Hier schlage ich nachts auf und könnte mein Quartier  theoretisch sogar zu Fuß erreichen. Aus ein paar Baracken nahe dem internationalen Flughafen ist im Laufe der letzten Jahrzehnte nämlich die Kleinstadt Espargos erwachsen, an deren östlichem Stadtrand ich ein den happigen Umständen entsprechend günstiges Zimmer mit Gemeinschaftshäusl am Gang gebucht habe. Fünf Euro fürs Taxi klingen allerdings auch ganz fair.

Der Asiate gegenüber ist nett und nennt mich Brother, nach kultureller Unart wird er frühmorgens lautstark sein Innerstes hochziehen und in der brüderlichen Nasszelle herumschlatzen. Eine erste Erkundung meiner neuen Hood. Ganz ausgefranst und luftig ist es hier am Stadtrand, viel Brachland noch zwischen den schmucklosen, meistens unverputzten kleinen Häusern. Viel los rund um eine Schule in unmittelbarer Nähe. In einer kleinen Padaria schlürfe ich zu kreolischer Feel good- Musi guten schwarzen Kaffee und löffle einen Gupf ungewürztes, kaltes  Couscous, zu dem mir die Kellnerin mit Wuschelhaar noch ein Schälchen Margarine reicht. Was ich mit der genau machen soll, erschließt sich mir nicht, ich lecke halt ab und zu am Löffel herum. Portugiesisch und Kreol spricht man in der ehemaligen Kolonie übrigens, beides noch immer nicht in meinem Repertoire. 

Mit einem kurzerhand angemieteten Fahrrad trete ich vorbei an der markanten Flugüberwachungsanlage auf einem zentralen Hügel über der Stadt nach Palmeira und seinem bescheidenen Hafen, der trotzdem der größte der Kap Verden ist. Alles an benötigten und verfügbaren Waren wird wenn nicht per Luft, hier umgeschlagen. Hauptsächlich kleine hölzerne Fischerboote liegen in der Bucht neben dem abgesperrten Bereich vor Anker. Eine größere Fähre, die die Inseln miteinander verbindet, wartet auf ihren nächsten Einsatz am Montag. Verrostete Baumaschinen und aufgepackelte Boote gammeln in den Straßen rundum vor sich hin. Öltanks und ein lärmiges Dieselkraftwerk verschandeln außerhalb die Gegend, wobei Windkraft die bevorzugte, weil logische Art der Energiegewinnung sein sollte. Der bläst nämlich stark und pausenlos und es gibt außer ein paar gekrümmten, kümmerlichen Büschen keine Vegetation mehr, die ihn daran hindern könnte. Nur felsige Mondlandschaft bis zum Horizont, seit vor langer Zeit die Wälder Sals zum Kalk brennen abgeholzt wurden. 

Weiter östlich entlang der Küste entdecke ich einen gigantischen Haufen Muschelschalen, den hier viele, viele LKW´s abgekippt haben müssen. Die Frage nach dem warum kann mir niemand beantworten, ich bin alleine. Südlich der Stadt, Menschen hier leben wie im heimatlichen Containistan auch in Frachtcontainern, in die sie Fenster geflext haben und aus denen karibische Musik dringt, versuche ich über Schotter und Staubpisten der Küstenlinie zu folgen, ein völlig sinnloses und anstrengendes Unterfangen. Im kleinsten Gang oder oft auch nur schiebend kämpfe ich gegen den Wind an, Steine in den Taschen wegen der feindseligen Hunde im Niemandsland. Irgendwann schon zu weit von Palmeira entfernt, um noch umzudrehen, die einzige asphaltierte Straße, die den Süden mit dem Norden der Insel verbindet, noch weit vor mir. Hier ist auch niemand, eh klar. Nachmittags kehre ich glücklich und fertig heim und labe mich an Maracujas, der besten Papaya des Universums und winzigen Bananen, alles erstanden am Mercado Municipal von zwei geduldigen Marktfrauen um ein paar Escudos. Die Umrechnung erfolgt grob auf eins zu hundert, das erleichtert die Angelegenheit.

Abends erkunde ich das im Ansatz weihnachtlich dekorierte Zentrum. Die Stadthunde sind im Gegensatz zu ihren ländlichen Artgenossen sehr gechillt und mitunter sogar übergewichtig. Frauen verkaufen wohlschmeckende, fettige und noch warme Teigtascherl aus Plastikboxen, deren Füllung sie auf Wunsch noch mit scharfen Saucen pimpen. Am kleinen Hauptplatz in der Fußgängerzone trinke ich ein Stella Kreol im Kindergebinde und bin´s zufrieden. In aushaltbaren Intervallen donnern mit ohrenbetäubendem Getöse Flugzeuge im Tiefflug herum, wobei Anrainerbeschwerden wie gesagt nicht viel bringen würden, der Flughafen war zuerst da. Morgen kommt schon Sweety, viel Zeit fürs Scouten bleibt nicht mehr. Ob die Kap Verden ausreichend Stoff für einen würdigen Blog liefern können, wird sich erst weisen. Stay tuned...