21.10., von Kairouan nach Tozeur
Gestern umständehalber blau gemacht, heute für Tunesien ambitionierte dreihundert Kilometer geplant. Der Süden verheißt die größten Chancen auf Abenteuer und die Zeit rennt, deswegen. Also zeitig aufgestanden und Kaffee so dick wie Schweröl getrunken, dazu ein bröseliges Brot, Margarine und Marmelade. Pro Stock leistet sich das Hotel Tunisia einen eigenen kleinen Speisesaal mit Personal.
Wof schnurrt wieder und bei der Tanke kann ich mir endlich meine strategische Reserve in Form von eineinhalb Litern Benzin in der Flasche anlegen, so fährt sich´s gleich wesentlich entspannter. Eine Zeit lang fahre ich inmitten eines kleinen Militärkonvois mit brandneuen Lastautos und Humvees. Für Allah und das Militär findet sich wohl immer ein Sondervermögen.
Die Kamelsichtungen häufen sich. Ein totes Pferd liegt fünfzig Meter abseits der Straße in einer breiten Senke. Rundum Blut, ansonsten wirkt es recht frisch und unversehrt. Die Gegend wird endlich schöner, weil auch menschenleerer. Ein Großteil der Bevölkerung lebt im Norden des Landes. Für starken Kontrast zum kargen Braun sorgen die viele Meter langen Vorhänge aus leuchtendroten Spitzpaprikas, die an der Straße verkauft werden.
In einer der wenigen Städte, durch die ich fahre, ist gerade Markttag. Aufgehängte Kalbs- und Schafschädel, Tiere, Granatäpfel und Kürbisse auf Pickups, Pferde, die der Breite nach auf die Ladefläche eines Lastwagens geschlichtet wurden, sicher zehn Stück. Junge Olivenbäume werden verkauft und alles, was man aus Fellen herstellen kann, und Motorteile. Große, ölige, metallisch-graue Haufen voller Eisen, wobei die Verkäufer genauso aussehen, wie ihre Ware.
Von wegen, ambitioniert. Es geht flach und schnurstracks dahin. Die dreihundert Kilometer werde ich heute locker runterbiegen, sogar mit Mittagspause. Im Restaurant der Wahl scheuche ich zwei Frauen auf und bedeute ihnen, dass ich etwas essen möchte. Sie reden arabisch auf mich ein und niemand versteht auch nur ein einziges Wort des Gegenübers. Die eine fragt mich etwas, ich vermute ein Speisenangebot und sage oui, oui. Dann imitiere ich ein Huhn. Wieder reden sie auf mich ein, ich sage oui, oui. Sie: Oui, oui???, und schauen mich entgeistert an, dann schnattern sie wieder und wir lachen viel. Ich deute auf meine Augen und schließlich darf ich einen Blick in die Kühltruhe machen und mir einen handtellergroßen Fisch angeln. Vor dem Hauptgang bekomme ich noch einen Teller mit gelben Nudeln mit Tomatensauce und einem Stück Erdäpfel obendrauf, soll mir auch recht sein. Der mittlerweile eingetroffene Herr des Hauses schreibt mir dann eine Rechnung, sogar einen abgebrochenen Stempel samt Kissen kramt er aus einem Plastiksackerl hervor und ist ganz schön stolz. Leider kann ich nix damit anfangen, ich bin ja nicht der Travelex, der seine Reisen von der Steuer abschreibt.
Ein Weilchen später hat die Landschaft auch noch den letzten Rest an Vegetation verloren. Trotzdem schätze ich, dass gut dreißigtausend Menschen in der Stadt wohnen, die sich links von mir in einer Senke befindet. Kein Schatten, nur kahles Geröll, soweit das Auge reicht. Wovon zum Geier ernähren sich diese Menschen? Sicher nicht vom Bauschutt und den Müllhalden, die sie rundum angelegt haben. Tankstellen werden auch immer rarer. Sprit gibt´s jetzt dort, wo Schläuche aus Kanistern heraushängen, die am Straßenrand gestapelt sind. Benzina, no Melange si wu plä! Natürlich hätte ich nichts einzuwenden gegen einen guten Kaffee, aber Melange steht in diesem Fall für ein Benzin/Ölgemisch für Zweitaktmotoren, womit hier die meisten Mopeds fahren.
Gegen Ende der Etappe stecken dann hüfthohe Schilfzäune über Kilometer entlang der Straße im Boden, damit die nicht ständig versandet, ich bin in der Wüste angekommen. Attention! Passage Dromadaires! warnen große Schilder. Tatsächlich, rechts von mir steht die erste Herde mit sechzehn Tieren, später sehe ich noch viel mehr. Natürlich gehören die Viecher irgendjemandem, aber Ohrenmarkerl oder Brandzeichen oder Sonstiges kann ich nicht entdecken.
Schon nachmittags erreiche ich Tozeur, eine der größten Oasenstädte im Süden des Landes, bekannt für seine Palmenhaine und seine Altstadt und am Flughafen rosten zwei Boeings von Saddam Hussein vor sich hin, die dieser angesichts der sich abzeichnenden Niederlage noch schnell außer Landes bringen ließ. Tozeur liegt am Nordufer von Chott el-Djerid, einem Teil des größten Salzseengebietes der Welt. Ein riesiges, abflussloses Becken am Rand der Sahara ist das, von Karl May dereinst mit vielen Geschichten bedacht. Einbrechende und versinkende Karawanen, Fata Morganas, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in Action. Die Amis wollten den Salzsee in den Sechziger Jahren mit Hilfe von Atombomben tiefer legen und so einen Binnensee erschaffen, man konnte es ihnen ausreden.
Mein Gastgeber Zacharias meint, da ginge sich doch noch locker der Trip nach Mos Espa aus, wo die Kulissen aus Star Wars, Episode Eins, noch immer erhalten sind. Etwas überhastet checke ich ein und breche ich auf, ohne Wasser und nur im Leiberl, zuerst nach Nefta und von dort fünfzehn Kilometer nach Norden auf einer asphaltierten, herrlich kurvigen Straße durch eine Bilderbuchwüste mit vereinzeltem, dornigen Buschwerk. Runde, hobbitartige Behausungen haben die Filmmenschen hier inmitten von Sanddünen gebaut, dazu wie Antennen aussehende Luftverdampfer, mit denen im Film Feuchtigkeit aus der Luft gewonnen wurde. Absolut surreal und lässig! Entspannte Wüstenheinis verkaufen daneben alles vom gebleichten Kamelschädel bis zum Kühlschrankmagneten, ich erstehe eine eiskalte Flasche Wasser zum Wucherpreis.
Rechts neben dem Gelände zeigt mir mein Navi eine weitere Sehenswürdigkeit, den Berg Ong Jmal am Südufer eines weiteren Salzsees, zirka acht Kilometer entfernt. Eine holprige, felsige Piste dorthin zweigt ab, der folge ich. Schon nach zwei Dritteln der Distanz biege ich nördlich ab, das Navi zeigt mir den See ganz nahe. Allzu weit wage ich mich nicht hin zum Ufer. Eine große, flimmernde weiße Fläche also im Sand, o.k. Ich drehe wieder um und biege bei der nächsten Abzweigung rechts ab, wo ich schon bald in tiefem Sand stecke. Das kann nicht der richtige Weg sein. Wieder zurück also und ein Stückchen weiter nach Süden fahren, bis sich eine andere Abzweigung auftut, ist aber auch nicht die, die ich suche. Ich bin offline, aber immerhin wird mir der Weiler Mos Espa angezeigt, zumindest kenne ich die Himmelsrichtung dorthin. Meine Piste muss irgendwo links von mir verlaufen, aber ich traue mich nicht, durch den jungfräulichen Sand zu kreuzen oder Wof stehenzulassen und zu Fuß zu scouten. Also weiter im schweren Terrain. Wof schleudert´s, die Reifen drehen durch, ich watschle und schiebe mit. Dann ist der Bildschirm des Telefons schwarz, Akku leer. Ich spüre die Panik, wie sie sich anschleicht. Cool bleiben jetzt, leichter gesagt. Habe ich die Powerbank mit oder habe ich sie in der Jacke, die im Zimmer hängt. Im seitlichen Hosensack finde ich sie. Fünf Kilometer, eineinhalb Stunden, bis die Sonne untergeht. Kurz vor dem Ziel treffe ich wieder auf die felsige Piste und dann sehe ich den Asphalt. Ich küsse den Boden, wasche mir das Gesicht, saufe die Flasche aus, vallah billah!
Ena sagt oft, ich sei nicht der Hellste. Das meint sie auch gar nicht böse, sie konstatiert es einfach nur trocken angesichts zahlreicher Ereignisse, die nicht für meine geistige Gesundheit sprechen. Ich denke, es ist an der Zeit, das zur Kenntnis zu nehmen.
Daheim eine lange Dusche, auf der Straße noch eine gefüllte Flade, dann ins Bett. Ich werde schlafen wie ein Stein.
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