Dienstag, 20. Oktober 2026

 20.10., Kairouan

Vielleicht ist mein Zimmer das entzückenste, in dem ich jemals abgestiegen bin. Eine orientalische Vision mit teilweise bemaltem, rundem Deckengewölbe, zweiflügeliger Tür, bunt verfliestem Boden, verschnörkeltem Himmelbett mit weißen Vorhängen und zwei vergitterten Fenstern in den kleinen, ebenfalls verfliesten Innenhof, zu dem hin sich auch die anderen Zimmer auf zwei Ebenen öffnen. Salah beobachte ich durch das Fenster, wie er den Tisch deckt. Alles wird zentimetergenau eingerichtet und nachpoliert. Später beim Frühstück bedient er mich wie einen Großemir, schiebt mir den Sessel unterm Hintern nach und schenkt mir ein, peinlich. Aufgewartet wird eine Flade mit Margarine, Marmelade und einem gekochten Ei. Nicht gerade üppig, aber mit Grandezza dargereicht.

Später bringt er mich zur nächsten Mopedwerkstatt, wo neben den längerfristigen Projekten kurz nach der Öffnungszeit schon fünf, sechs Einheimische mit ihren zusammengerittenen Mopeds vorstellig geworden sind, Boxenstopp quasi. Alle sind gut drauf und für meinen Patienten werden eineinhalb Stunden und fünfundzwanzig Juros veranschlagt, das ist würdig und recht. 

Natürlich ist die Medina von Kairouan Unesco Weltkulturerbe und abgesehen davon spirituelle und religiöse Hauptstadt Tunesiens und weltweit nach Mekka, Medina und Jerusalem die viertheiligste Stadt des sunnitischen Islam. Sieben Pilgerfahrten hierher ersetzen die eine nach Mekka. Dreieinhalb Kilometer lang ist die mit Zinnen bewehrte Stadtmauer mit zehn Toren und zwanzig Wachtürmen. Natürlich schreibe ich das alles von meinem Reiseführer ab, so etwas kann und muss ja keiner wissen.

Wenn ich alles richtig verstanden habe, hatte der Stadtgründer ein paar Haare des Propheten im Hosensack, vielleicht war er ja sein Frisör, und deswegen gibt es hier dreihundert Moscheen. Die größte und älteste von allen, nach dem Vorbild des Very large Telescope in Chile ebenfalls äußerst geistreich Die große Moschee benannt, ist in ihren Dimensionen und ihrer Ausstattung enorm. Eine Open Air Anlage mit einem Minarett aus dem achten Jahrhundert und einem mit Marmor gefliesten Boden, darauf zwei Sonnenuhren zur Festlegung der Gebetszeiten. Dem nicht genug, gebe ich mir noch ein schön verfliestes Mausoleum und einen heiligen Brunnen aus dem siebenten Jahrhundert. Der Legende nach hat er eine direkte Verbindung zum Zamzam, dem heiligen Wasser aus Mekka, wovon sich wiederum der österreichische, superlativierte Trinkspruch Zamzamzam herleitet. Im ersten Stock des Gebäudes muss ein Kamel angebunden an einem Holzkonstrukt seine Runden drehen, um das Wasser aus fünfundzwanzig Metern Tiefe zu pumpen. Ich denke, es wird sein ganzes Leben in dieser Nische verbringen, außer es kann Stiegen steigen.

Als ich in der Früh Salah zur Werkstatt nachgefahren bin, die im Übrigen dem Anschein nach super Arbeit geleistet hat, hat er sich aus einer kleinen Nische heraus ein Sackerl mit Fressalien geben lassen. Hier esse ich zu Mittag. Drei selbstgebastelte Barhocker und ein Brett an der Wand für die Gäste, eine tiefe Pfanne mit heißem Fett und eine verkrustete Schüssel für den Wirten, der darin höchstwahrscheinlich Ojja anrührt, einen hervorragenden Schlatz aus diversen Saucen und Gewürzen, in den ein nur kurz anfrittiertes Ei gerührt wird. Mit einer Flade, die mir direkt aufs vollgekleckerte Brett gelegt wird, und ein paar Gummifritten wird aufgetunkt, Besteck gibt´s keines. Blockabfertigung. Ist einer fertig, wird sein Teller in einem Trog abgespült und mit Papier trocken gewischt. Grind und Fliegen, ein wrackreifes Moped nimmt ein Viertel des verfügbaren Platzes ein. Ich komme aus Australien und zahle fünf Dinar, das entspricht einem Euro fuffzig. Den Verdauungskaffee und die vier Kohletabletten, die ich mir nach diesem kulinarischen Stunt präventiv vergönne, nehme ich auf einem kleinen Platz ein, aber die Drecksfliegen, die auch beißen, nerven wahnsinnig, sobald man sich wo hinsetzt. Gerne halten sie sich auch bei den Gerbereien auf, ein wahres Fliegenparadies. Schöne Silberringe gäbe es, aber alle sind zu klein für meine Wurstfinger. Einen Granatapfel, der so groß ist wie Enas Kopf, kaufe ich mir für daheim.

Bei mir ums Eck gibt´s ein Kino, das ist die Gelegenheit. Alle Filme natürlich nur auf Arabisch, aber einen einzigen englischen Streifen für Touristen hätte der Mann am Schalter ebenfalls. Er würde ihn sofort abspielen, nur für mich. Um was geht´s? Um den Islam. Ich komme abends wieder. Vorher werde ich kurzerhand delogiert. Organisatorische Unschärfen, Fremdbuchung trotz Zusage an mich. Die Nachmieter kommen in zehn Minuten, aber ich solle mir ruhig Zeit lassen. Ein Ersatzquartier hat die nette unbekannte Dame am Telefon schon für mich gebucht, Hotel Tunisia. Drei Minuten mim Moped, außerhalb der Medina, zwölf Juros. Der Preis überzeugt mich, aber auch in Tunesien bekommt man für diese Kohle nur überschaubare Gegenleistungen. Wof wird über drei Stufen in ein Nebengebäude verräumt und ich brauche den Hotelboy, um meine Zimmertüre überhaupt aufsperren zu können. 60er-Charme, die Bremsspuren des Typen vor mir noch in der Keramik, alhamdulillah! 

Ab ins Kino. Das ist chic in einem historischen Haus untergebracht, aber trotzdem ganz modern und neu. Die jungen Besucher sind auch sehr chic und die Filmcharaktere auch. Man raucht E-Tschick, trägt Bikinis, fährt Merzedes und Jeep, trinkt Corona und tippt in Eiphones. 

Die Handlung behirne ich problemlos. Eine Partie schöner Menschen verbringt ein Wochenende im Edeldomizil, aber Unheil bahnt sich an. Ein überfahrener Vogel ist das erste böse Omen. Dann verlasse ich das Etablissement, ich habe meine Zeit ja auch nicht gestohlen. Als Cineast erster Güte genügen mir die paar Minuten, um den Film als das zu erkennen, was er ist, der totale Dreck. 

Verbringe ich doch meine wertvolle Zeit lieber damit, den Granatapfel zu entkernen. Merke: Kaufst du dir einen großen Granatapfel, kaufst du dir sehr viel Arbeit. Die Monotonie des Unterfangens kann nur durch wenige Tätigkeiten übertroffen werden, etwa das Löffeln einer Schüssel Suppe mit einer Gabel oder das Stricken eines Winterpullovers mit einer Angelschnur. Wäre ich ein eingepuffter indischer Eremit, ich würde aufgehen in dieser kontemplativen Übung, bin ich aber nicht. Gegen Ende der Session fresse ich mir die Bemmerl nur mehr hinein, damit ich irgendwann fertig werde, und bin froh, den klebrigenTatort morgen verlassen zu können.


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