Samstag, 17. Oktober 2026

 17.10., von Militello nach Tunis

Es könnte schöner nicht sein. Die kurvige Küstenstraße fast für mich allein. Der Lärmpegel der Mopette ist nicht berauschend, aber doch auszuhalten, so dass ich das Problem vorerst geflissentlich ignorieren kann. Meine Zeitreserve verwende ich darauf, am Platz in Cefalu einen Kaffee zu trinken, eingedenk der alten Zeiten. Hier hatte ich vor einigen Jahren ein paar schöne Tage mit Ena. Das Erfrischungsgetränk der Wahl damals war allerdings Bloody Mary in den großen, eckigen Ikea-Gläsern, göttlich. Those where the days my friend, we thought they´d never end, la la la laaa la la la la la la laaaa..

Standln mit großen Schwerfischen und säckeweise Muscheln am Straßenrand, als ich entspannt nach Palermo komme, aber ab dann wird´s hektisch. Das Navi schickt mich zum falschen Hafen, plus zehn Minuten. Auf dem Ticket steht die Fahrzeugidentifikationsnummer anstatt des Kennzeichens, weil damals beim Ausfüllen des Formulares die Identification Number gefragt war. Ich möge das Moped einparken, zum Ticketbüro latschen und den Fahrschein umschreiben lassen, plus zehn Minuten. Viel zu viele Menschen dort. Retour, betteln, bis ich mit dem Moped wenigstens aufs Gelände darf, dann versuche ich mein Glück und fahre direkt zur Fähre, plus zehn Minuten. Ob ich schon eingecheckt hätte. Zurück zum Büro, anstellen, wieder zur Fähre, plus zwanzig Minuten.

Ein Bulle schnauzt mich an, warum ich keinen Helm trage, dann Passkontrolle. Ein Zöllner fragt, wieviel Cash ich mithabe. Zuerst denke ich, er will geschmiert werden, aber nein. Plus zehn Minuten. Acht Minuten vor der geplanten Abfahrt fahre ich in den Schiffsbauch, durchgeschwitzt. Auf zwei Ebenen lungern hunderte Menschen in einem Aufenthaltsraum mit Tischen und Sesseln, darunter viel Kinder. Profis liegen schon auf dünnen Matratzen in den Gängen. Der Lärmpegel ist nicht auszuhalten. Der Alte an meinem Tisch fragt, wo ich her bin. Als Kind sei er zwei Jahre in Österreich in die Schule gegangen. Die Donau so blau, so blau, so blau. Und die Blume heißt Vergissmeinnicht, genau! Ich bedeute ihm, mein Hirn schmilzt gerade, drehe mir die Ohrstöpsel so tief in die Birne, wie mein kleiner Finger mit viel Kraft reinkommt, dann wird es ruhiger und ich atme tief durch. 

Elf Stunden Überfahrt. Nach einer Stunde habe ich meinen kompletten Proviant aufgefressen, nach drei Stunden bin ich mit dem Tunesien- Reiseführer durch. Nach vier Stunden auch mit dem italienischen. Fad, fad, fad. Faaad, ismirfad. Und der Hintern tut mir weh.

Früher als erwartet erreichen wir Tunis, immerhin. Eine Stunde später finde ich mich am Hafengelände in einer Spur mit geschätzt fünfzig anderen Zweirädern wieder. Zuerst Passkontrolle, dann Nachweis einer Unterkunft. Dann langsam weiter zu sehr vielen kleinen Büros und Verschlägen. Nach langer Fragerei, es steht nix angeschrieben und niemand, der sich auskennen würde, spricht Englisch , die Erkenntnis, dass eine Zusatzversicherung abzuschließen ist, siebzig Euro für zwei Wochen. Endlich eine Italienerin, die mich versteht, endlich ein erkennbarer Plan. Zuerst Geld tauschen, nur Cash wird akzeptiert, dann brauche ich einen ominösen QR- Code. Ein Zöllner ist geduldig beim Ausfüllen eines hochkomplexen französischen Formulares behilflich, nicht nur mir, sondern sehr vielen anstehenden Menschen. Dann ewig anstellen bei der Registrierung, wie angewiesen. Als ich endlich drankomme, fehlt ein Stempel. Der Stempler sitzt im gleichen kleinen Container, schaut aber bei einem anderen Fenster raus. Neu anstellen, Stempel holen, wieder anstellen, Eintrag in den Pass bekommen. Die Italienerin sagt, wenn die heimische Versicherung Tunesien mit abdeckt, braucht man die Zusatzversicherung nicht. Wie das kontrolliert wird? Gar nicht. Ok, meine heimische Versicherung deckt ab jetzt Tunesien mit ab. Ob ich jetzt gehen kann? Nein, ich muss noch zum Inspecteur, der nicht da ist. Wie er heisst? Met heisst er, Mohamed. Ich renne herum und suche Mohamed, der mir etwas auf ein Formular krixelt. Ein Zöllner nimmt mir den Wisch ab, einer will meinen Pass sehen. Ob ich jetzt endlich fahren darf? Ja mit einer gelangweilten Handbewegung, zisch ab. Meine Nerven halten das nicht mehr aus. Ich bin so kaputt. Drei Stunden ohne jeglichen Durchblick, was hier überhaupt los ist. 

Noch fünfzehn Kilometer in die Stadt. Alles wirkt recht sauber und modern, aber es stinkt extrem nach offenem Kanal. Ich finde mein Hotel gerade noch so, Wof kommt in die Tiefgarage und ich ins Bett. Jetzt isses Drei und langsam geht´s wieder.


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