Samstag, 10. Oktober 2026

 10.10., von Orbetello nach Neapel

Um Sieben checke ich aus und mache mich auf den Weg gen Süden. Noch ist es dunkel, noch ist alles gut. Beeinträchtigungen auf dem Weg wegen Überschwemmungen nahe Rom, sagt mein Navi, na wird schon nicht so schlimm sein, ahahahahahaaaaaa! 

Anfangs sind schimmelige, finstere Tunnel die Hauptattraktion, aber nach einer Stunde sehe ich schon die erste Gewitterzelle vor mir, ein schwarzes V inmitten hoch aufgetürmter, weißer Wolken. Ich könnte ja warten theoretisch, aber praktisch muss ich schauen, dass ich weiter komme. Starkregen, nach einer halben Stunde bin ich schon ganz schön nass. Von der Innenseite der Jacke rinnt es in die Handschuhe. Unter einer verlassenen Tankstelle warte ich dann doch ein Weilchen. Zwei Leidensgenossen reden mich an wegen des Wetters, si si, che miseria. Bei mehr Text muss ich die Notbremse ziehen, non parlo italiano. 

Heute möchte die Bevölkerung vermehrt mit mir in Kontakt treten. Ein Mopettenheini wie ich zog schon anerkennend die imaginäre Truckerhupe, als er mein Kennzeichen gesehen hat und eine Straßendirne, vom Schicksal und schlechter Ernährung mit Ungestalt geschlagen, fragte mittels eindeutiger, äußerst vulgärer Handzeichen an, ob ich nicht Liebe mit ihr machen möchte.  

Die erste überschwemmte Straße überrascht mich dann doch. Autos hinter mir, der Gegenverkehr achtet nicht auf mich und brettert durch die Suppe, viel Wasser von links und von unten, ein guter Teil davon in meine Schuhe. Später auf einer Art Schnellstraße spritzen die LKW´s gewaltige Fontänen über die Betontrennelemente und einige Male sind alle Spuren vor mir tief unter Wasser. Shit, da kann ich nur im Schritttempo durch, aber die, die sich gleichzeitig mit mir der Lacke nähern, fetzen durch ohne Rücksicht auf Verluste. Irgendwann schwimme ich das erste mal auf und dann sicher noch fünfmal. Dann geht die Drehzahl in die Höhe und ein schwammiges Fahrgefühl setzt ein, aber Wof bleibt dabei einigermaßen kontrollierbar. Ich wusste gar nicht, dass das auch bei Zweirädern geht, ohne dass es einen zwangsläufig auf die Pfeife haut. 

Normaler Regen wäre schon super, aber es schüttet extrem und ohne Unterlass. Eine Tortur. Der Zustand der Straßen macht das Unterfangen nicht leichter. Quadratmetergroße und tiefe Schlaglöcher, wo man die darunterliegenden Reihen von Kopfsteinpflaster sieht, wahrscheinlich noch aus dem römischen Reich. 

Nicht nur fahren die Itaker wie die Schinder, Schweine sind sie auch. Müll überall, vor Neapel haben sich so manche Unterführungen und Zubringer in regelrechte Müllkippen verwandelt, wo gerade noch so Platz zum Fahren bleibt. Mittendrin im Dreck hängt das Bild eines jungen Mannes, der hier weiß Gott wie ums Leben gekommen ist. 

Nach Stunden hört der Regen endlich auf, ich bin sehr glücklich. In Neapel ist der Straßenbelag auch so schon schlecht genug. Ein paar hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt, neben einem Spiellokal, vor dem zwielichtige Typen herumschlatzen, treffe ich eine Figur, die in einer Mischung aus Trainings- und Regenanzug steckt, wobei der Teil der Hose, auf dem normalerweise die Eier liegen, dem Typen bis zu den Knöcheln herunterhängt. Diese Witzfigur übergibt mir das Zimmer, das ich sogleich in eine Waschküche verwandle. Panier zum Trocknen aufhängen, gleich ein bisschen Wäsche waschen, heiß duschen, affengeil. 

Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis Ena um 19.00 landet. Noch schnell einkaufen gehen, denke ich mir, dann stehe ich dicht gedrängt mit allen anderen gefangenen Kunden zwanzig Minuten beim Ausgang, es schüttet schon wieder. Bis ich schließlich die paar hundert Meter zurück gelaufen bin, ist auch die letzte Garnitur waschelnass, Oida! Ena muss heute mit einem Taxi vorlieb nehmen, mich bringt nichts und niemand mehr aus der Bude.


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