22.10., von Tozeur nach Hajeb El Ayun
Planänderung. Tozeur wird mein südlichster Punkt bleiben und ich mich zurück nach Tunis aufmachen. Aus unerfindlichen Gründen fährt zwischen dem 25. und dem 31. Oktober keine Fähre zurück nach Sizilien und der zweite Termin ist zu spät, als dass ich wie vereinbart Ena, Vodoo, Tanja und Sandy in Catania treffen könnte. Verkürztes Tunesienprogramm also, halb so wild.
Dass ich gestern doch noch einen Handschuh verloren habe, nehme ich so hin als kleinen Preis für meine Blödheit und kreuze monobehandschuht die einspurigen Bahngleise, die im Kopfbahnhof Tozeurs münden und schon von Alice besungen wurden. Bis hierher kommt man von Tunis mit dem Zug, aber auch nicht weiter.
Dann fahre ich lange durch einen riesigen schattigen Palmenhain, der die Stadt umgibt. Eine Million Bäume kämpfen hier mit zunehmendem Wassermangel. Deren Bewässerung verheizt momentan die letzten fossilen Bestände, aber Datteln bringen Tunesien unglaubliche zwanzig Prozent der Exporteinnahmen.
Die Tour heute beginnt famos, zuerst durch die Ebene und dann ins Gebirge. Was sich so alles findet in der Wüste. Neben den üblichen Wracks, wirklich nur mehr die skelettierten, verrosteten Karosserien ohne Türen, Sitze, Verkabelung, Motor oder Achsen, zum Beispiel die sehr große Ladefläche eines Kippers oder der Teil eines Betonmischers, der sich dreht. Scheinbar ist der Beton darin ungeplant ausgehärtet. Später sehe ich noch zwei dieser Rieseneier in der Gegend herumkugeln, seltsam. Unmittelbar an der algerischen Grenze liegt die Bergoase Mides und ihr kleiner, aber knackiger Canyon. Tief und steil eingeschnitten in den Fels ist die Schlucht, aber nur drei Kilometer lang. Von einem ungesicherten Plateau hoch oben kann man in den gigantischen Spalt schauen, wobei ich eingedenk meiner gestrigen Erkenntnis weit weg vom Rand bleibe.
Das Gebiet östlich lebt vom Phosphatabbau. Die zersprengte Mondlandschaft rund um Gafsa umfahre ich auf Anraten Zacharias großräumig und bleibe nur zum Lunch in dieser Industriestadt. Eine riesige Fabrik steht im Ortsgebiet und auf dem zentralen Platz wurde ein großes Monument errichtet, bestehend aus einem Krampen und einer Schaufel, gekreuzt auf einem Bergarbeiterhelm mit Stirnlampe. Die gelben bis bräunlichen Zähne der Ansässigen aufgrund von hohem Fluoridgehalt im Wasser und in der Luft kann ich nicht bestätigen, obwohl die Schulmädchen in der Fastfood-Bude, in der ich speise, minutenlang ihre Beisser im Spiegel betrachten.
Wieder unterwegs, bleibe ich bei einer Gedenkinstallation stehen, hier ist wohl jemand verunfallt. Ein Röhrenfernsehergehäuse auf einem weiß lackierten Reifen und darauf Plastikblumen in einer Vase.
Mein Offline- Navi macht keinen Unterschied zwischen einem Feldweg und einer Bundesstraße, Hauptsache, die Distanz zum Ziel ist die kürzeste. Kurz vor meinem heutigen Etappenende schickt es mich erst über einen wenigstens einsamen Friedhof und dann kilometerweit auf holprigen Pfaden durch eine Olivenplantage. Ein Bauer fährt mir netterweise nach und hilft mir, wieder den Weg zurück zu finden.
In Hajeb El Ayoun kam es 1943 zum Showdown zwischen den Amis und Rommels Afrika Korps, aber deswegen bin ich nicht hier. Einzig die billigste Hütte im Umkreis und die strategisch hervorragende Lage am Weg nach Norden sind der Grund. Über meinem abendlichen Couscous, aufgefettet im wahrsten Sinne des Wortes mit einem formlosen und knochigen, aber wohlschmeckendem Brocken Schafffleisch, lerne ich einen Ami kennen, der in Kolumbien lebt und mit einer in Kroatien geliehenen Suzuki in Richtung Wüste unterwegs ist. Die Haare sind ihm stressbedingt ausgefallen und bis heute nicht nachgewachsen, da hat er gekündigt und nach Kolumbien geheiratet und ist jetzt in Pense, obwohl sicher nicht älter als ich. Hauptsächlich zeltelt er und von der Welt hat er insgesamt schon viel gesehen. So viele Geschichten und kein Bier dazu.
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