24. 10., von Tunis zum Cap Bon und retour
Die östlich von Tunis gelegene Halbinsel ist perfekt für einen abschließenden Rundkurs, bevor ich Tunesien kommende Nacht um 3.30 verlasse. Welcher Volltrottel hat sich diese unmenschliche Abfahrtszeit ausgedacht? Die Überfahrt dauert zwölf Stunden plus eine Stunde Zeitverschiebung und die nächste Fähre geht dann sechs Tage später, da hätte man doch noch bis nach dem Frühstück warten können.
Den ersten Halt lege ich in Hammam Lif ein, da gibt´s gleich zwei interessante Orte. Zum einen das Denkmal, das an die Angriffe israelischer Kampfjets 1985 ebenhier erinnert. PLO-Chef Yassir Arafat hätte getötet werden sollen, erwischt hat es siebzig Unschuldige, die jetzt immerhin Märtyrer sind. Bombenangriffe in einem unbeteiligten Land, unglaublich.
Nicht weit entfernt findet sich der deutsche Soldatenfriedhof, wo mehr als 8500 Soldaten, die während des zweiten Weltkrieges an vielen Orten Tunesiens gefallen sind, in den 70er Jahren exhumiert und hier in etwas gelegt wurden, das aussieht wie zweistöckige, überdimensionale Bahnhofsschließfächer, sehr viele davon. Jeweils die Überreste von sieben Soldaten liegen in einem quadratischen Fach, nach dreißig Jahren in afrikanischem Boden auf handliche Größe geschrumpft. Eine Gedenktafel ist Graf Stauffenberg gewidmet, der, nachdem ihm hier eine Hand, ein paar Finger und ein Auge abhanden gekommen waren, plötzlich gegen den Krieg war, auch weil sich schon eine Niederlage der Deutschen an allen Fronten abzeichnete.
Weiter cruise ich über grüne Berghänge und folge ohne Gepäck und ohne behelligt zu werden, schroffen Felsküsten. Durch mindestens dreißig Polizeikontrollen bin ich die letzte Woche gefahren und wurde kein einziges mal aufgehalten.
Vor Korbus sprudelt eine knapp sechzig Grad heiße Quelle ins Meer, wo man sich dann selbst durch entsprechende Positionierung seine Wohlfühltemperatur gestalten könnte. Heute leider nicht. Das Meer ist zu wild und darüber hinaus hat sich sehr viel Seegras angesammelt. Ein paar Schmerzbefreite halten trotzdem tapfer ihre Kasler in die Rinnen mit dem sehr heißen Wasser, aber ich passe.
Der Wind weht stark und beutelt mich ordentlich durch in Haouaria ganz im Norden, bis ich hinabsteige in einen finsteren, stillen Steinbruch der Römer, angelegt, um Sandstein für Karthago abzubauen. Von den unterirdischen Hallen schaue ich Schächte hoch, die dreißig Meter nach oben verlaufen und damals für die Sklaven die einzige Licht- und Sauerstoffquelle waren. Ein Teil des Systems ist eingestürzt, weswegen irgendwann die gesamte Anlage gesperrt wurde, aber ein Gitter wurde ausreichend weggebogen und niemand ist hier, der mich an einer genaueren Exploration hindern könnte. Dumm ist der, der Dummes tut, deswegen bleibe ich auch nicht lange.
Ein Stückchen weiter, vor Kelibia, liegt nämlich das Wrack eines Frachters, der vor der Küste auf Grund gelaufen ist, das will ich auch noch sehen. Mühsam sind die letzten Kilometer über sandige Pisten mit tiefen Fahrrinnen, aber es zahlt sich aus. Ein Tscheche hat sich dort mit seinem historischen Ostblock-Allradgefährt eingerichtet, doch viel Zeit für eine Plauderei bleibt nicht mehr. Gleich wird´s finster und bis nach Tunis fahre ich noch mehr als zwei Stunden.
Was das Moped besonders die letzten Tage aushalten musste, kann sich keiner vorstellen. Unzählige tiefe Schlaglöcher, die ich zu spät gesehen habe, hunderte Bodenschwellen, vor denen ich von fünfzig bis siebzig km/h auf fast null abbremsen musste, wenn ich sie denn rechtzeitig gesehen habe, was sehr oft nicht der Fall war. Wie können ein Fahrwerk, eine Federung oder die Reifen hunderte solcher wuchtigen Stöße überhaupt überstehen? Im Sand, im Gatsch, über Schotter, Felsen und durch Baustellen. Sollte Wof morgen auseinanderfallen, ich wäre trotzdem hochzufrieden mit seiner Performance.
Proviant für die Überfahrt brauche ich auch noch. Und was kauft man sich, wenn man viel Zeit totzuschlagen hat? Einen Granatapfel, genau. Mehr werde ich nicht brauchen, bin ich doch mit Droo, dem traditionellen tunesischen Winterbrei aus Sorghumhirse, abgefüllt. Der kommt mit der großen Schöpfkelle aus einer Wanne und sehr grau daher, schmeckt aber in der Ordnung. Ungefragt schaufelt der Gastronom zunächst sehr viel Zucker dazu, dann kann ich aus allerlei auswählen und entscheide mich für Pistazien und Rosinen. Eine Schüssel davon und man ist nachhaltig satt, vielleicht für Tage.
Noch vor Mitternacht werde ich am Hafen sein. Angeraten werden mindestens vier Stunden Vorlaufzeit, da es etwas chaotisch zugehen kann, ah geh. Wenn ich morgen in Sizilien einlaufe, weiß ich zumindest, dass ich rechtzeitig in Wien sein werde, sei es mit dem Zug, Bus oder Moped. Daumen halten!
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