Mittwoch, 31. Dezember 2025

 30.12., Tarrafal

Gewurl am Hauptplatz in Tarrafal, ein Versorgungsschiff hat Vorräte gebracht. Zusätzlich zu den vielen Fischen, die hier jeden Tag umgeschlagen werden, liegen Unmengen an Erdäpfeln und Zwiebeln auf den Gehsteigen. Frauen kaufen aus dem Auto, Fischer verkaufen aus Kübeln, das Kilo Fisch um zirka einen Euro. 

Mit einem altersschwachen Kleinbus fahren wir nach Cachaco, vorbei am strategisch geparkten Feuerwehrauto der Gemeinde. Manchester Fire Service, lässt sich noch entziffern, die Kiste hat sicher auch schon fünfzig Jahre auf dem Buckel. Zum Telefonieren bleibt unser Fahrer mehrfach überland einfach mitten auf der Fahrbahn stehen, Safety first.

Gipfelsturm! Es gilt, den Monte Gordo zu bezwingen, den höchsten Hügel der Insel mit 1312 Metern. Im Zauberwald am Fuß des Berges machen Schatten und kühler Nebel, der in kompakten Schwaden auftritt, das Wandern erträglich. Mit Farnen behangene Drachenbäume und große Agaven säumen den Weg. Wie im botanischen Garten kommt man sich hier vor, ganz entzückend. Ausgesetzt dann die letzten Kehren den Bergrücken hoch und schon sind wir in einer Felsgipfelwelt über den Wolken mit bombastischem Rundumblick auf Tarrafal, das Meer und die benachbarten Inseln.  Südlich von uns nur karge Felsenlandschaft, nördlich, wo sich immer die Wolken fangen und die Feuchtigkeit kondensiert, grüne Hänge und Wälder. Ein holpriges Herumgerutsche auf losem Alternativpfad retour, lockeres Auslaufen inmitten von Bananen, Zuckerrohr und Papayas zurück in der Ebene. Und jetzt reicht´s auch wieder mit Wandern für ein paar Jahre, sind wir uns später bei isotonischem Bier mit Cola einig, während der tägliche Fisch schon in der Pfanne brutzelt.


Dienstag, 30. Dezember 2025

 29.12., Tarrafal

Morgendlicher Alltag in Tarrafal. So wie der Franzose sein Baguette oder der Italiener seine schwule Herrenhandtasche, trägt der Kapverdier seinen Fisch. Hat er Größeres vor, bedient er sich einer Scheibtruhe.  Die Bullen nerven auch hier und stören den Verkehr mit Kontrollen inklusive Alkotests, alle Fahrer werden außerdem fotografiert. 

Dem schwarzen Sand Sao Nicolaus werden zwar magische Kräfte nachgesagt, enthaltenes Titan und Jod sollen Gelenksbeschwerden und Rheuma lindern, trotzdem machen wir uns auf gen Süden zum Baixa Rocha, dem einzigen Strand der Insel mit weißem Sand. Acht Kilometer gehen wir auf einer einsamen Staubpiste die Küste entlang, rechts zwei unbewohnte Inseln, Vogelschutz und so. Absolut nix los im Süden, keine Dörfer, keine Straßen mehr. Berge von verrosteten Dosen und Stanzabfällen, später massenhaft Gehäuse von Seeigeln und Korallenbrocken, die herumliegen. Kein Schwein weit und breit, nur mehr große Grashüpfer mit doppelten Flügelpaaren und kleine Spatzen und als wir uns später nackig in die erfrischenden Wellen schmeißen, kommt gleich noch einer dazu. Paradiesisch isses hier, keinen Deut weniger. Eine gut zehn Meter hohe Sanddüne hat sich am Steilhang hinter der Bucht gefangen, der makellose, blitzsaubere Strand ist von schwarzen Felsen eingerahmt. Die Sonne trocknet uns und verbrennt uns die Wadeln.

Direkt neben der Fischfabrik in Tarrafal werden in einem Laden hundsgemeine Sardinendosen um umgerechnet 3.5.- Euro verkauft. Der durchschnittliche Stundensatz auf den Kap Verden liegt bei einem Euro. Vielleicht hat der Verantwortliche für diesen Unfug im afrikanischen Darknet gelesen, dass es irgendwo auf der Welt sinnentleerte Bobos gibt, die Sardinendosen wie Andere dereinst Briefmarken sammeln und bereit sind, diese Summen für eingedosten Fisch zu bezahlen, wir jedenfalls essen lieber frischen Fisch ums gleiche Geld. Esmoregal, eine große Bernsteinmakrele, hat mir im Übrigen unlängst eine Wirtin angetragen, und nicht wie irrtümlich verstanden und berichtet" Ismiregal". Dazu bestelle ich mir einen landestypischen Grogue, übelsten Zuckerrohrschnaps, zu dem man sich erst behutsam hinsaufen muß, bis das Grauen nachlässt.  


Montag, 29. Dezember 2025

 28.12., Tarrafal

Hundertzehn Kilo kann eine ausgewachsene unechte Karettschildkröte auf die Waage bringen und siebzig Jahre kann sie alt werden, das noch als Nachtrag zu den gestrigen Funden. Und so ein Schildkrötenbbq kann dieser Tage im Gefängnis enden, sind die Tierchen doch mittlerweile streng geschützt. 

Anyway, heute möchten wir die Inselhauptstadt Ribeira Brava besuchen, was sich zumindest sonntags als zähes Unterfangen herausstellen wird. Lange stehen wir an der einzigen Ausfallstraße Tarrafals, bis sich endlich ein Colectivo blicken lässt und uns mitnimmt auf die wunderschöne, fünfundzwanzig Kilometer lange Reise durch das Inselinnere. Rauf und runter geht´s inmitten grüner Steilhänge, Vulkane und Felsnadeln, entlang tiefer Schluchten und trockener Flussbetten, ganz selten stehen Drachenbäume in der Gegend. Eine Katze mit einer Maus im Maul, ein Dorftrottel mit nur einem Socken an. Männer, die auf einem Brett mit sechs sich gegenüberliegenden Kuhlen Ouril spielen, indem sie darin strategisch Steinchen platzieren.

Ribeira Brava liegt im Koma. Der Markt hat zu und in den schmalen Pflasterstraßen hängen nur große, bunte Spinnen in ihren Netzen ab. Als Sehenswürdigkeit ersten Ranges fungiert ein ehemaliges Priesterseminar, das wirklich nur für Priesterseminaristen interessant sein kann. Nichts los im Bergdorf. Am Rand stehen Schweinepferche, Hühnerverschläge und Natursteinhäuser, im Zentrum teilt ein trockenes Flussbett das Kaff in zwei Teile. Die Brücke darüber wird wohl nicht sehr oft genützt, eine Furt daneben tut´s auch. Im kleinen Park dort finden wir wenigstens ein offenes Lokal, wo wir zu Liedgut des Morna, langsam, sentimental und dem portugiesischem Fado verwandt, Bier mit Cola süffeln. Dann warten wir am Hauptplatz mit Dorfkirche auf eine Mitfahrmöglichkeit retour. Zum Gaudium der wenigen mit uns wartenden Einheimischen vertreiben wir uns die Zeit mit Walzer und albanischem Fruchtbarkeitstanz, bis wir ganz alleine sind. Also wieder zur Ausfallstraße marschieren und von dort die Heimreise mit mehreren Sammeltaxis stückeln, dazwischen halten wir den Daumen raus, während wir unter willkommenen Wolken, die scheinbar immer an den Gipfeln der umwerfenden Berglandschaft hängen, wandern. Und anstandslos nimmt der Hund, der uns für die gleiche Fahrt vor ein paar Tagen noch das Doppelte abgenommen hat, den korrekten Fuhrlohn, Wissen schafft Vorsprung.


Sonntag, 28. Dezember 2025

 27.12.,Tarrafal

Einfach mal losmarschieren gen Norden, zwölf Kilometer von hier gibt´s wohl eine Landschaft, die an gestapelte Palatschinken erinnern soll. Die ersten Kilometer latschen wir noch auf einer schnurgeraden, mit Kopfsteinen gepflasterten Straße, vorbei an aufgegebenen Bauruinen und einfachsten Containerhäuschen direkt am Meer, dann biegen wir querfeldein zu einem Leuchtturm ab und folgen der Küste. 

Wilde, menschenleere Landschaft, nur die tosende Brandung, Geröllfelder und erkaltete Lavaströme. Jetzt ist es zu spät, deine Sünden zu erkennen, hat jemand auf ein Schild geschrieben. Ein zerbrochener, großer Schildkrötenpanzer liegt auf einer Feuerstelle, an der Unterseite noch Reste von Fleisch. Für die Insulaner wird es egal sein, ob sie Schildkröte, Rochen oder Tunfisch essen. Ein größeres Faß mit einem angebrachten Türchen, Hundehütte oder erstes Eigenheim. 

Die Landschaft wird extravaganter, wir klettern über oder springen hinab in ausgetrocknete, breite Flussbetten, staunen über von Wind und Wetter geschaffene Formationen, die an kleine, mehrstöckige Rohbauten erinnern, links von uns steile Klippen, das Wasser darunter. Ena entdeckt noch einen gebleichten Schildkrötenpanzer, von dem sich die großen rechteckigen Schuppen schon leicht abziehen lassen, die Innenseite des Skelettes mit sternförmig angeordneten Knochenspitzen ganz anders, als ich es mir vorgestellt hätte. Unter einem Gebüsch in einer tiefen, sandigen Furt schließlich die dritte tote Schildkröte, ihr Schädel nicht viel kleiner als ein Handball.

Nach vielen anstrengenden Stunden erreichen wir endlich Carberinho, wo sich die Brandung brachial in rund abfallende schwarze Pools und Plateaus ergießt, das Wasser fließt dann über die Ebenen in kleinen Wasserfällen oder breiten Vorhängen wieder zurück ins Meer. Die verschiedenfarbigen, jeweils nur wenige Zentimeter dicken Schichten der ausgewaschenen Felsen und Steilklippen dahinter sind wahrlich grandios, insgesamt ein umwerfendes Spektakel unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Von der Sonne verbrannt, die eine Flasche Wasser schon lange leer und noch zwei Kilometer bis zur Küstenstraße müssen wir gehen, wo es ein Weilchen dauert, bis endlich ein Auto in Sichtweite kommt. Tatsächlich bleibt der Pickup stehen und wir schwingen uns auf die Ladefläche, zumindest ich bin ganz schön angeschlagen. Leider ist der Fahrer, der mich mit seinen Spiegelbrillen und seinem Gehabe an einen afrikanischen Warlord erinnert,  gehirnamputiert und fetzt mit solch absurder Geschwindigkeit über die holprige Piste, dass ich Angst um unser Leben habe und im Nachhinein verstehe, warum wir vormittags an einem mit Plastikblumen und Kerzen geschmückten Andachtssteinhaufen vorbeigekommen sind. Daheim erst einmal sammeln und ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank schlürfen. Es heißt Super Chef und das ist angemessen. 


Samstag, 27. Dezember 2025

 26.12., Tarrafal

Gelsen so winzig, dass wir sie auch im Verlauf mehrerer nächtlicher Razzien nicht finden können, quälen uns des Nächtens und im Waschbecken hockt eine monströse Kakerlake. Der Blick auf das Meer und ein paar Schiffe der Fischfangflotte beim Wegziehen der Vorhänge entschädigt. In Gehweite befindet sich die einzige Tauchbasis der Insel, Inhaber ist der Tscheche Martin. Mit uns springen noch eine Pinzgauerin und ihr italienischer Hawi in den Pick Up zum Hafen, von wo wir mit einem kleinen Boot in See stechen. Weiße Reiher, die für ihr Leben ausgesorgt haben, hocken im Hafenbecken auf eisernen Ringen, an denen ein paar Flaschen für den Auftrieb und unter der Wasseroberfläche ein Netz mit unzähligen Köderfischen für den Tunfischfang angebracht sind, für die Vögel ein sorgenfreies Leben am All you can eat- Buffet. 

Beste Bedingungen. Das Meer ist ruhig, die Sonne scheint, nur ich bin scheinbar etwas aus der Übung. Flossen sollte man schon anhaben, bevor man zum Abtauchen vom Boot springt. Das zerklüftete vulkanische Gestein der Küste bildet unter Wasser tiefe Spalten und Nischen, aus denen uns viele große Hummer ihre Antennen und Muränen ihre hässlichen Visagen entgegenstrecken. Ammenhaie liegen am Grund, Spinnengarnelen zappeln herum, neonleuchtende Schnecken noch und Schwärme von Fischen, inmitten derer wir uns treiben lassen. Fettgebäck mit Kokosraspeln während der Pause, ein Dekompressionsbier zurück am Strand neben Fischern, die im Schatten dreier großer Bäume ihre Netze flicken. Am Brunnen waschen sich die Männer und in den kommunalen betonierten Waschtrögen die Frauen die Wäsche. 

Ob sie noch Kuchen oder sonst etwas Süßes für mich hätte, frage ich später dort, wo wir schon gestern essen waren, die alte Lady, stellt sie mir doch glatt ein Tellerchen mit Guavenmarmelade hin. Zwar nicht gerade das, was ich mir erwartet hätte, aber ein paar Löffel davon schmecken gar nicht schlecht. 

Abends lustwandeln wir an der zentralen Krippe vorbei, daneben steht ein gut fünf Meter hoher, von innen heraus beleuchteter Christbaum aus gelben Plastikkanistern. Im Arrangement finden sich noch ein paar Fischkonserven mit mehr als einem Meter Durchmesser, alles gesponsert von der Fischfabrik hinter uns. Vor einem Lokal hat sich die Dorfgemeinschaft eingefunden. Eine Geigerin spielt auf, ein Mann an der Gitarre und einer am Keyboard begleiten sie. Zur gefälligen, flotten Tanzmusik schwingen hauptsächlich die Alten das Tanzbein, die anderen halten sich an kleinen Bierflaschen fest.


Freitag, 26. Dezember 2025

 25.12., Sao Nicolau

Interessantes Prozedere am Flughafen. Um zweieinhalb Kilo überschreite ich das bescheidene Limit fürs Handgepäck, konstatiert die Lady am Check In- Schalter, aber ich könne ja eine Extratasche aufgeben, kostet nur hundert Euro. Besser, ich stelle vor der nächsten Abwaage einfach ein paar Sachen auf den Boden und räume sie anschließend ums Eck wieder ein, ist auch voll o.k. 

Bummvoll ist die Propellermaschine und nach einem Becher Wasser und vierzig Minuten erreichen wir schon die Trauminsel der nächsten Woche. Wie ein weißer Ring wirkt die Brandung rund um Sao Nicolau aus der Luft. Beim Landeanflug passieren wir in unmittelbarer Nähe und auf Augenhöhe einen Vulkankrater rechts von uns. Schroff zur Küste hin fallen teilweise spärlich begrünte Berghänge ab, das Eiland ist knapp kleiner als Wien. 

Zu lauter Musik tanzende, zu Mittag schon Schnaps saufende Insulaner in der winzigen Ankunftshalle, die ihre Verwandten freudig in Empfang nehmen, sich gegenseitig hoch heben und abbusseln. Draußen nur Natur, so weit sich sehen lässt, kein Haus sonst, nur eine schmale Zufahrtstraße. Mit einem Collectivo fahren wir durch die Hauptstadt Ribeira Brava, ein paar Gebäude in den Hängen, zweieinhalbtausend Einwohner, und gleich weiter einen großen, topografisch bedingten Umweg über Berge und Täler nach Tarrafal. Eine grandiose Landschaft mit Obstplantagen und Weilern, freistehenden Felstürmen und Einheimischen, die mit ihren verfilzten Eseln unterwegs sind, lassen wir hinter uns. Endlich ein schöner, sonniger Tag ohne Wind. Wir beziehen eine einfache, schon in die Jahre gekommene Unterkunft, von deren Balkon im ersten Stock ich fast ins weite, glitzernde Meer springen könnte, mit Anlauf durchs Wohnzimmer halt. Die Familie gibt sich unaufgeregt und nach ein paar Minuten stecken wir schon mitten im gewohnten Alltagsleben, gackern die Hühner und schreien die Kinder. Tarrafal selbst ist noch nicht viel mehr als ein beschauliches Fischerdorf, in dem der Tourismus erst langsam Fuß fasst. Bunte Fischerboote in einer Bucht vor schwarzem Kieselstrand, dahinter die Vulkanlandschaft. Der Kontrast in den Farben ist so übertrieben, als hätte jemand einen Filter über die Szenerie gelegt. 

Heute haben die paar Wirten, mit denen Tarrafal auftrumpfen kann, zu, aber ein Tagedieb bringt uns zu einer Bude, wo zwei ältere Damen in ihrer kleinen Küche einfache Gerichte zubereiten. Ob ich Tuna oder irgendeinen anderen, mir auf portugiesisch unbekannten Fisch haben möchte oder Istmiregal? Ja, Istmiregal klingt gut. Vielleicht glaubt die Lady ja wirklich, dass der Europäer damit eine bestimmte Spezies meint. Simpel, reichlich und gut essen wir und so billig, dass wir erst glauben, sie hätte sich bei der Rechnung geirrt. Vom Bett im Quartier aus schauen wir der Sonne zu, wie sie hinter der Weltenscheibe abtaucht, den Kühlschrank schon gefüllt mit Erfrischungsgetränken unterschiedlicher Drehzahl.


Donnerstag, 25. Dezember 2025

 24.12., Sal, Espargos

Frühmorgendlicher Einkauf, Ena bleibt noch liegen. Sam, eigentlich Samira, vermietet ihre Bude mit voll eingerichteter Küche und selbst ist der Mann, möchte man den Tag mit einem anständigen Frühstück starten. Recht viel haben die asiatischen Ladenbetreiber im Sortiment, Eckerlkäse, ganz kleine Paprikas, getrocknete Piri Piri und dergleichen mehr, aber Eier suche ich vergeblich. Kein Handy und somit auch kein Übersetzungsprogramm dabei, Eggs oder Huevos unbekannt. Auch in zwei anderen Supermercados komme ich nicht weit mit meinen pantomimischen Ausführungen eines eierlegenden Huhnes, sicherheitshalber mit verhaltenem Gegacker untermalt, damit ich hier nicht missinterpretiert werde. Irgendein dunkles Syndikat hat sich wohl das Eiervertriebsmonopol unter den Nagel gerissen. Schade, ich hätte mich so gefreut. 

Später mustern wir einen Teil unserer Habe aus. Für den morgigen Inlandsflug mit einer kleinen Propellermaschine nach Sao Nicolau sind nur sechs Kilo Handgepäck zugelassen, egal ob man selbst fünfzig oder hundert Kilo wiegt.

Seit ich auf Sal bin, ist´s bewölkt und bläst der Wind, trotzdem gehen wir heute schnorcheln. Am Strand verladen Fischer mit langen Harpunen Tunfische und Barracudas, die sie gerade noch alleine tragen können, nicht weit von der Küste entfernt hat die Brandung ein großes Wrack, über das ansonsten nichts herauszufinden ist, vollständig geplättet. Da dümpeln wir etwas herum und am Weg zum zweiten Highlight der Tour erfriert die Kleine schon fast, obwohl ihr ein dicker Neoprenanzug zugestanden wurde. Wer trotz Weihnachten Jesus noch immer nicht gefunden hat- verkrustet von Algen und Muscheln, aber mit ausgebreiteten Armen wartet er auf euch in bescheidener Tiefe vor Santa Maria in Form einer Statue aus Beton. 

Abends sind die Kirchen voll mit Menschen, die sich auf ihrer Suche nicht nass machen wollten, das Singen der Chöre dringt durch die Mauern. Ansonsten ist Espargos wie ausgestorben, während wir auf der Suche nach Nahrung durch die Gassen geistern.  Feliz Natal!


Mittwoch, 24. Dezember 2025

 23.12., Sal, Espargos

Wer glaubt, hier passiert etwas, täuscht sich. Ena lebt ihren Traum, sie schläft und schläft. Einzig die mittlerweile fast tägliche Notwendigkeit, das Quartier zu wechseln, bringt etwas Abwechslung in unser Dasein. Unterkünfte über einen längeren Zeitraum rund um die Feiertage gibt es auf Sal nicht mehr und wir folgen den Krümeln von kurzfristigen Absagen oder organisatorischen Fehlleistungen. Ein Faktor, der uns in die Hände spielt, wird auch sein, dass man sein gebuchtes Quartier einfach nicht gefunden hat. Es gibt so gut wie keine Straßenschilder, die Leute verstehen einen nicht und die privat vermieteten Zimmer sind als solche nicht erkennbar. Darauf angesprochen meinte eine Beherbergerin nur, jeder hier in der Gegend würde sie eh kennen und ohne ein ominöses Zertifikat dürfe man offiziell ja gar nicht vermieten. Bei ihr gibt´s wenigstens das erste Mal Frühstück zur Nächtigung, mit zwei Bulgaren am Tisch schlürfen wir dünnen Kaffee,  dazu zwei Eier und Marmeladebrot. In Boston hat die Senhora zwanzig Jahre lang Torten im Akkord dekoriert, nach Antritt der Pension ist sie wieder heim gekommen. 

Morgen fliegen wir nach Sao Nicolau mit bereits gebuchtem Quartier, aber für´s neue Jahr schaut´s düster aus. Wir schlafen von der Hand in den Mund. Lange Schlangen vor den kleinen Läden und den Banken. Geschenke müssen gekauft und finanziert werden. Der Warenkreislauf ist dabei  gut nachzuverfolgen. Ein Geschäft bekommt eine Ladung Kinderfahrräder geliefert, Väter kaufen sie und verladen sie auf ihre Pick Ups. Gehirnerschütterung der Ableger auf dem holprigen Kopfsteinpflaster vorprogrammiert. Fliegende Händler haben im Park monströse Armbanduhren vor sich ausgebreitet, übermorgen wird jeder zweite Mann eine ums Handgelenk tragen. Die Lage spitzt sich zu, sogar die Feuerwehr hat einen  Christbaum aus gestapelten Feuerlöschern und einem Helm oben drauf installiert. Auch wir Deppen müssen auf die Bank um Geld zu wechseln und ich packe es nicht. Zehn Bittsteller vor mir, nach einer halben Stunde ist einer davon abgefertigt. Druckkochtopffeeling. No work, no stress, lautet das völlig uninspirierte, auf unzählige Shirts und sonstigen Ramsch gedruckte Motto der Kap Verden, bitte einfach gusch. 

Am Strand schauen wir träge und mit einem Glas in der Hand den Profis beim Beachvolleyball spielen zu. Echte Athleten mit Sprungkraft, als wären sie am Mond, Sieger bleibt am Platz. Nur mit Mühe kann ich Ena davon abhalten, eine Forderung zu platzieren. Wie einst Al Bundy von seinen drei Touch Downs auf der Poke High, zehrt auch sie von der Erinnerung an bessere Tage. Zehn Minuten Strandspaziergang meinetwegen, dann werden die Füße schon schwer vom tiefen Sand. Am schon bewährten Straßeneck mit den glücklichsten Hunden Afrikas wird heute auch Fisch ausgegeben, dessen Reste sie ebenso dankbar und vorsichtig entgegennehmen wie Knochen, Reis oder sonstige Abfälle, Ena bekommt später einen Käsetoast. Am Weg heim mit dem Collectivo müssen wir im Gegensatz zu anderen Fahrgästen heute noch nicht irgendwo im Niemandsland eine unbeleuchtete Baracke ansteuern, unser neuer Unterschlupf heißt Sams House.


Dienstag, 23. Dezember 2025

 22.12., Sal, Espargos

 Auch heute finden wir uns auf Geheiß um acht Uhr morgens im Ticketbüro der einzigen Fährgesellschaft der Kap Verden ein, auch heute raunt uns eine inkompetente Mitarbeiterin ihr standardisiertes "Sorry, System broken" zu. Ein der englischen Sprache einigermaßen mächtiger Kollege bringt dann Klarheit in die Sachlage. Letzte Woche wären wegen schlechten Wetters zwei Fähren ausgefallen, weswegen diese Woche entsprechend viele Menschen mit gültigen Tickets auf eine Überfahrt warten würden. Zwei Schiffe für eine halbe Million Menschen, eine nicht funktionierende Homepage und unfähige Mitarbeiter am Schalter, so lässt sich der inselübergreifende öffentliche Nahverkehr der Kap Verden zusammenfassen. 

Für den Rest der Zeit also gestrandet auf der bereits aufgemischten Hauptinsel Sal, finde ich mich schon fast ab, stellt Ena doch tatsächlich im Netz einen leistbaren Flug auf das verschlafene Eiland Sao Nicolai in drei Tagen auf, ich bin nachhaltig entzückt. Nie und nimmer war mit diesem Glücksfall zu rechnen, ich bin begeistert. Ena ist das alles völlig egal. Sie hätte überhaupt kein Problem damit gehabt, die nächsten Wochen einfach hier zu bleiben. 

Zur Belohnung gibt´s einen Mojito am Strand von Santa Maria. Während ich einem zahnlosen Alten bei seiner mäßigen Feuershow zusehe, machen sich drei Hunde mit einem meiner Turnschuhe vom Acker und ich muss ihnen allen Ernstes nachjagen und im Sand um meine einzige geschlossene Fußbehausung kämpfen, ohne gebissen zu werden. 

Beim Wirten stehen kleine Ventilatoren mit langen, elastischen Rotorblättern auf den Tischen, um die Fliegen zu vertreiben. Im georderten Bohnengericht finden sich auch Röhren, die ich zunächst für einen kleinen Oktopus halte, bei genauerer Inspektion sind es aber wohl bleistiftdicke Adern irgendeines Landlebewesens, die alle aus einer größeren, etwa daumendicken Röhre entspringen. Durchblasen und auszutzeln ja, aber sie zu zerbeißen, ist unmöglich. Ena bekommt Hühnerfilet mit Pommes und möchte nicht bei mir kosten. 


Montag, 22. Dezember 2025

 21.12., Sal

Action-Day heute, endlich wieder. Mit einem um ein Heidengeld angemieteten Moped düsen wir zum Olho Azul nach Baracona, einem abrupt im Meer erkalteten, schwarzen Lavastrom. Laut einem Warnschild ist es den Besuchern untersagt, bei niedrigem Wasserstand in den natürlich entstandenen, sehr großen Pool zu springen. Niemand bei klarem Verstand würde es ohnehin wagen, das zu tun, die Menschen stehen nur ehrfürchtig am Rand des Bassins und staunen. Innerhalb von drei Sekunden steigt das Wasser in diesem Becken um geschätzte sieben Meter, sobald sich die nächste Welle mit weißschäumendem Getose darin ergießt. Was für ein grandioses Schauspiel. Außerdem soll man am Gelände keine Fische ausnehmen und es unterlassen, irgendwo abzustuhlen, symbolisiert mit einem dampfenden Kackhaufen mit Fliegen oben drauf. Warum muss man so ein Schild überhaupt aufstellen? Das Besucherzentrum mit ansprechenden sanitären Anlagen ist keine fünfzig Meter entfernt. 

Chaotisch verlaufen Pisten in alle Himmelsrichtungen durch eine weitläufige sandige Ebene, manchmal mit Steinen oder halb eingegrabenen Autoreifen markiert, meistens aber nicht. Busse und Pickups mit Touristen auf der Ladefläche stauben die Gegend zu, bis wir im Landesinneren nach Norden abbiegen, dann sind wir ganz allein. Ab und zu ragt wie ein gigantisches Wimmerl auf der Ebene ein Vulkan empor. In einer surrealen, schwarzen  Mondlandschaft aus Lava erreichen wir nach ein paar Kilometern am nördlichen Ende Sals einen alten, schon vor langer Zeit in sich zusammengestürzten  Leuchtturm, daneben die Überreste eines kleinen Steinhauses. Der Mensch, der einst hier gewohnt hat, muss fertig gewesen sein mit dieser Welt. In völliger Einsamkeit tost die Brandung und heult der Wind und sonst gibt es hier nichts und niemanden. Außer einer zerschmetterten Yacht in den Felsen, Zeugnis einer kleinen Katastrophe. 

Im Navi ist als Geländepunkt allen Ernstes eine Fata Morgana eingezeichnet und tatsächlich scheint in der flimmernden Landschaft ein See vor uns zu liegen, was sich bei näherer Betrachtung als Täuschung herausstellt. Ich wusste gar nicht, dass ein derartiges Trugbild ständig möglich ist, dachte eher, dass das Zustandekommen einer Fata Morgana von besonderen Luft- oder Bewusstheitszuständen abhängt. Wären wir durstig hier herumgelatscht, hätten wir sicher nicht gezögert, das vermeintliche Nass anzusteuern.

 Um zu tanken, nähern wir uns der Stadt Espargos vom Norden her über eine Staubpiste, die Funkanlage am Hügel weist uns schon von Weitem den Weg. Vereinzelte Verschläge auf freier Fläche zuerst, dann grobes Kopfsteinpflaster, dann Asphalt, schon sind wir mitten im urbanen Trubel. An der gleichen Stelle fahren wir nach dem Boxenstopp wieder raus, nach zweihundert Metern herrscht schon die totale Ödnis. Im Westen der Insel umrunden wir später einen sehr großen Vulkankrater. In ihm funkeln flächendeckend Salzbecken in der Sonne, die schon vor über zweihundert Jahren angelegt und bis heute genutzt werden. Das Meer ist nicht weit, das Salzwasser sickert durch das poröse Gestein an die Oberfläche und verdunstet anschließend, so in etwa der Prozess der Salzgewinnung. Über eine Seilbahn und eine mehrstöckige Verladestation aus Holz wurde es dereinst in die Welt verschifft, wovon heute nur mehr Ruinen und durch und durch vom Rost zerfressene Schiffswracks zeugen. Und nichts davon ist abgesperrt, man kann sich nach eigenem Gutdünken inmitten der scharfkantigen und einsturzgefährdeten Überbleibsel bewegen.

Oben am Berg betreten wir durch einen  Tunnel  den Krater, wo sich mehrere Besucher in einem der Salzbecken suhlen. Deren Schweiß und sonstige auskristallisierte Körperflüssigkeiten kann sich dann der Gourmet, der Fleur de Sel dem gemeinen, jahrmillionenalten Bergsalz ohne Mikroplastik und sonstigem Dreck vorzieht, aufs Butterbrot streuen. 

Etwas weiter südlich fahren wir an einer Bucht vorbei, wo man Zitronenhaie streicheln könnte. Wir folgen lieber der Küste entlang schmaler Pisten und trockener Flussläufe. Stunden vergehen, einsame Buchten tun sich auf, Wracks liegen im seichten Wasser und das Terrain wird härter. Geländekanten, kleine Schluchten und Steinfelder zwingen uns immer wieder zu Umwegen, bis wir vollständig vom Weg abkommen. Ena muss ab jetzt absteigen und zu Fuß nach einer Passage suchen. Hundert mal mindestens setzen wir heute mit dem Rahmen auf, wenn wir uns mühsam übers Geröll plagen. Ein Wunder, dass das Moped diesen Trip überlebt und wir schon bei Einbruch der Dunkelheit zwar staubig und von der Sonne verbrannt, aber ohne Patschen die asphaltierte Verbindungsstraße erreichen. Herrlich die Dusche und köstlich das Bier später, ein wunderbarer Ausflug.


Sonntag, 21. Dezember 2025

 20.12., Sal, Espargos

Gebückt und die Schultern hängend von der Last der Welt, kleine, dunkel gerandete Auglein, gezeichnet von unerwarteten Kursabstürzen, aufreibenden Meetings und exzessiven Weihnachtsfeiern, so schleppte sich die Süße gestern zu später Stunde aus der Ankunftshalle. Das Bett vollgekrümelt mit Mini Fritts und eigentlich nur breit genug für einen, das Häusl am Gang? Egal, gute Nacht. 

Heute also Aufbauprogramm vom Feinsten, ein starker schwarzer Kaffee zu afrikanischen Feel good- Klängen und später ein selbst gebasteltes Käsesandwich, mit kaltem Couscous brauche ich ihr gar nicht zu kommen. Und gleich wieder rein ins Bett, nur nichts überstürzen. Kubanische Zustände dann im Ticketbüro, für die Überfahrt am Montag sollen wir montags wieder kommen. Verfügbare Flugtickets zu den benachbarten Inseln rund um die Feiertage sind sowieso utopisch. Schnell runter nach Santa Maria mit dem Sammeltaxi also, Alkoholzufuhr starten. Nach ein paar Mojitos am Strand, neben uns langhaarige, gestählte Insulaner, die Surfbretter tragen, Volleyball spielen oder Kunststückchen mit dem Fußball aufführen, vor uns die untergehende Sonne, stellt sich bei der Gefährtin schon seliger Blick ein, ist sie ganz mellow yellow. Zurück in Espargos noch ein bisschen vorweihnachtliche Stimmung, sogar der Stiel der gigantischen, pilzförmigen Funkkuppel oben am Berg ist mit bunten Lichterketten geschmückt. Redlich bemüht hat man sich zumindest, dem Ungetüm ein feierliches Flair zu verleihen. Noch ein Burguer von der Bude am Eck und auch Ena ist im Urlaub angekommen.

Freitag, 19. Dezember 2025

 19.12., Espargos, Sal

Der Wind heult unentwegt ums Haus und lässt die Fenster und Türen klappern, während ich mit Vermieter Jorge Verhandlungen bezüglich einer allfälligen Mietverlängerung führe. Die Auswahl an verfüg- und leistbaren Quartieren schrumpft vor den Feiertagen zügig und hier isses eigentlich ganz sweet. Mein Zimmer sei eigentlich nur für eine Person gedacht. Eine Nacht zur Not zu zweit wäre schon ok, aber...

Wahrheitsgemäß bedeute ich ihm, dass Ena nicht viel größer als einen Meter ist und als zusätzlicher Gast somit nicht wirklich ins Gewicht fällt, was er eher skeptisch aufnimmt. Außerdem würde ich ihn morgen als Dank für seine Gastfreundschaft auf einen Kaffee einladen, hat er doch zwölf Jahre lang als Ingenieur auf einer Plattform vor Angola gearbeitet und sicher einige gute Geschichten auf Lager. Darüber hinaus sei ich quasi schon Langzeitmieter, gedenke ich doch, im Jänner wieder hier abzusteigen, und ein Moped bräuchten wir auch noch. 

Noch einiges mehr steht auf der heutigen Agenda. Am Weg zur Bäckerei gebe ich meinen mittlerweile vollends zerrissenen Rucksack bei einem Containerschneider ab, dann schlage ich mich durch zum Ticketbüro der Fährgesellschaft. Nur ein paar Brocken Englisch spricht die Dame am Schalter, aber das Wichtigste ist leicht zu verstehen: Momentan sind alle Passagen ausgebucht und nächste Woche auch. Ich solle um acht Uhr morgens wieder vorstellig werden, dann werde man weitersehen. Eine Online-Buchung scheidet aus, weil sich das System einfach aufhängt, also werde ich ihrer Aufforderung nachkommen. Jorge hat mich schon gewarnt. An die 700.000 Kapverdier leben im Ausland, mehr als daheim.  Über Weihnachten besuchen viele ihre Familie, wobei nicht jede Insel über einen Flughafen verfügt. Zieht dann noch Sand von der Sahara heran und können die Propellerflugzeuge deswegen nicht mehr starten, geht schnell gar nichts mehr.

Dann schaue ich mir mal den Süden an, ob es sich dort auch gut leben lässt. Das Sammeltaxi nach Santa Maria wartet nur mehr auf mich, dann fahren wir schon los zum Zentrum des kapverdischen Tourismus. Eine Kaserne bemalt mit Störchen, die ihre Schnäbel kreuzen,  passieren wir und den ehemaligen, sehr kümmerlichen Präsidentenpalast, dann nur mehr felsiges Ödland bis zur zwanzig Kilometer entfernten Südspitze Sals. Ganz schön was los im Mekka für Surfer mit Kites, klassischen Surfboards oder auch Foilwings, bei denen das Brett aufgrund eines langen Tragflügels das Wasser überhaupt nicht mehr berührt. Auf Sal wurden schon Windsurfweltmeisterschaften ausgetragen. Klassische Infrastruktur auf drei langen, teilweise verkehrsberuhigten Gassen im Westen, Bars, Yogastudios, Minimärkte, Tatooläden uswusf. Am südöstlichen Zipfel trauen sich nur mehr die Wahnwitzigsten in die furchterregenden Brecher, hier herrscht akute Zerbröselungsgefahr für unbedarfte Wellenreiter. Mein Shirt binde ich mir während der kleinen Wanderung um die Südspitze um den Kopf, um meine Ohren vor dem Getöse und dem Sand zu schützen.  Erst nur mehr unfertige Rohbauten und eingezäunte Baustellen, an denen sich angewehter Plastikmüll verfangen hat, und dann nur mehr Gstettn. Fuck new Hotels! hat jemand auf eine Mauer geschmiert. Zurück im erschlossenen Teil Santa Marias delektiere ich mich an einer Straßenecke an afrikanischer Cuisine aus zerbeulten Töpfen. Ein paar Einheimische  und ich freuen sich auf Steinen und anderen Behelfssitzmöglichkeiten hockend über lauwarmen Reis mit Bohnen, ein paar Soft-Pommes und ein Stück entgegen gängiger Richtlinien zerteilten Hendels, darüber noch herrliche marinierte Zwiebeln, ich konnte es nicht verhindern. Werde ich später zumindest Ena erzählen, die gleich einem Bluthund meinen verräterischen Atem wohl schon beim Betreten des Rollfeldes wird wittern können. 

Vor Antritt der Heimfahrt nach Espargos bekreuzigen sich einige Fahrgäste und auch der Fahrer, obwohl diese Maßnahme anbetracht einer schnurgeraden Straße, die nur durch drei zumindest vorläufig noch sinnlose Kreisverkehre unterbrochen wird, etwas übertrieben anmutet. Auch ich entsende ein Stoßgebet an Unbekannt, möge mich die berüchtigte Spritzgackkrankeit Turista verschonen. Außerdem bete ich inmitten einer lautstarken Kakofonie aus Handybeschallung, Musik und sich angeregt unterhaltender Menschen im Kleinbus  für Resilienca e Confianca, gemäß dem riesengroß affichiertem Motto der Schule bei mir ums Eck. Zeit für ein Bier bleibt noch, dann mache ich mich auf zum Flughafen.


 Um vier Millimeter zu lange ist mein dereinst in Brasilien erworbener Korkenzieher dem dienstbeflissenen Hilfssheriff am Flughafen Schwechat, er darf heute nicht mit auf die Kap Verden. 

Aus zehn Inseln im Atlantik besteht der kleine afrikanische Staat westlich vom Senegal, ein Kompromiss in der heurigen Urlaubsplanung zwischen dringend benötigter Erholung mit Aussicht auf Sonne, Strand und Cocktails von Seiten der Gefährtin und meiner Hoffnung auf ein bisschen Ungemach und Abenteuer in der Fremde. Mickrige drei Wochen werden wir unterwegs sein, Stichwort monetäre Zwänge und keine Zeitausgleichsreserven mehr. 

Jedenfalls, auf einer dieser Inseln wurde im neunzehnten Jahrhundert Salz in einem Vulkankrater abgebaut, wovon ihr der Name Ilha do Sal blieb. Hier schlage ich nachts auf und könnte mein Quartier  theoretisch sogar zu Fuß erreichen. Aus ein paar Baracken nahe dem internationalen Flughafen ist im Laufe der letzten Jahrzehnte nämlich die Kleinstadt Espargos erwachsen, an deren östlichem Stadtrand ich ein den happigen Umständen entsprechend günstiges Zimmer mit Gemeinschaftshäusl am Gang gebucht habe. Fünf Euro fürs Taxi klingen allerdings auch ganz fair.

Der Asiate gegenüber ist nett und nennt mich Brother, nach kultureller Unart wird er frühmorgens lautstark sein Innerstes hochziehen und in der brüderlichen Nasszelle herumschlatzen. Eine erste Erkundung meiner neuen Hood. Ganz ausgefranst und luftig ist es hier am Stadtrand, viel Brachland noch zwischen den schmucklosen, meistens unverputzten kleinen Häusern. Viel los rund um eine Schule in unmittelbarer Nähe. In einer kleinen Padaria schlürfe ich zu kreolischer Feel good- Musi guten schwarzen Kaffee und löffle einen Gupf ungewürztes, kaltes  Couscous, zu dem mir die Kellnerin mit Wuschelhaar noch ein Schälchen Margarine reicht. Was ich mit der genau machen soll, erschließt sich mir nicht, ich lecke halt ab und zu am Löffel herum. Portugiesisch und Kreol spricht man in der ehemaligen Kolonie übrigens, beides noch immer nicht in meinem Repertoire. 

Mit einem kurzerhand angemieteten Fahrrad trete ich vorbei an der markanten Flugüberwachungsanlage auf einem zentralen Hügel über der Stadt nach Palmeira und seinem bescheidenen Hafen, der trotzdem der größte der Kap Verden ist. Alles an benötigten und verfügbaren Waren wird wenn nicht per Luft, hier umgeschlagen. Hauptsächlich kleine hölzerne Fischerboote liegen in der Bucht neben dem abgesperrten Bereich vor Anker. Eine größere Fähre, die die Inseln miteinander verbindet, wartet auf ihren nächsten Einsatz am Montag. Verrostete Baumaschinen und aufgepackelte Boote gammeln in den Straßen rundum vor sich hin. Öltanks und ein lärmiges Dieselkraftwerk verschandeln außerhalb die Gegend, wobei Windkraft die bevorzugte, weil logische Art der Energiegewinnung sein sollte. Der bläst nämlich stark und pausenlos und es gibt außer ein paar gekrümmten, kümmerlichen Büschen keine Vegetation mehr, die ihn daran hindern könnte. Nur felsige Mondlandschaft bis zum Horizont, seit vor langer Zeit die Wälder Sals zum Kalk brennen abgeholzt wurden. 

Weiter östlich entlang der Küste entdecke ich einen gigantischen Haufen Muschelschalen, den hier viele, viele LKW´s abgekippt haben müssen. Die Frage nach dem warum kann mir niemand beantworten, ich bin alleine. Südlich der Stadt, Menschen hier leben wie im heimatlichen Containistan auch in Frachtcontainern, in die sie Fenster geflext haben und aus denen karibische Musik dringt, versuche ich über Schotter und Staubpisten der Küstenlinie zu folgen, ein völlig sinnloses und anstrengendes Unterfangen. Im kleinsten Gang oder oft auch nur schiebend kämpfe ich gegen den Wind an, Steine in den Taschen wegen der feindseligen Hunde im Niemandsland. Irgendwann schon zu weit von Palmeira entfernt, um noch umzudrehen, die einzige asphaltierte Straße, die den Süden mit dem Norden der Insel verbindet, noch weit vor mir. Hier ist auch niemand, eh klar. Nachmittags kehre ich glücklich und fertig heim und labe mich an Maracujas, der besten Papaya des Universums und winzigen Bananen, alles erstanden am Mercado Municipal von zwei geduldigen Marktfrauen um ein paar Escudos. Die Umrechnung erfolgt grob auf eins zu hundert, das erleichtert die Angelegenheit.

Abends erkunde ich das im Ansatz weihnachtlich dekorierte Zentrum. Die Stadthunde sind im Gegensatz zu ihren ländlichen Artgenossen sehr gechillt und mitunter sogar übergewichtig. Frauen verkaufen wohlschmeckende, fettige und noch warme Teigtascherl aus Plastikboxen, deren Füllung sie auf Wunsch noch mit scharfen Saucen pimpen. Am kleinen Hauptplatz in der Fußgängerzone trinke ich ein Stella Kreol im Kindergebinde und bin´s zufrieden. In aushaltbaren Intervallen donnern mit ohrenbetäubendem Getöse Flugzeuge im Tiefflug herum, wobei Anrainerbeschwerden wie gesagt nicht viel bringen würden, der Flughafen war zuerst da. Morgen kommt schon Sweety, viel Zeit fürs Scouten bleibt nicht mehr. Ob die Kap Verden ausreichend Stoff für einen würdigen Blog liefern können, wird sich erst weisen. Stay tuned...


Sonntag, 2. März 2025

 28.1., 1.,2.2., Jambiani, Uroa, Stonetown

Viel ist nicht mehr. Am Strand schaue ich den Kindern zu, wie sie bei Ebbe selbstgebastelte Segelboote in den Pfützen aussetzen oder Drachen steigen lassen. Einfältigere begnügen sich damit, die angespülten Plastikflaschen mit Sand oder Wasser zu füllen und wieder zurück ins Meer zu schleudern. 

Wo ich gerade dabei bin. Ich glaube nicht, dass mir im Laufe einer Reise schon mehr Schwurbler und Sonderlinge als auf Sansibar untergekommen sind. Abends zeigt einer Fernsehaufnahmen von sich her, er ist leibhaftig in deutschen Nachrichtensendern zu sehen, wie er per Megaphon dümmliche Parolen in eine aufgebrachte Menge schreit. Der Staatsschutz habe ihn unter Beobachtung und ob ich nicht wisse, dass Cannabis Krebs heilt und die Chinesen einem Hundefleisch unterjubeln.

Stromausfall die ganze Nacht und bis zu unserer Abreise gegen Mittag. Seit sechs Wochen keine Nacht unter siebenundzwanzig Grad. Die letzte werde ich in Uroa verbringen und Hiasi plant, gleich länger dort zu bleiben. Leider gibt es auch im einstimmig zum Lieblingsresort gewählten Domizil keine Abkühlung für mich. Die Klimaanlage zeigt kryptische 77 an und lässt sich nicht verstellen und einer der neu angeschafften Ventilatoren, hergestellt in Pakistan, verpasst mir den ärgsten jemals ausgefassten Stromschlag, als ich ihn ortsverändern möchte. Beim Tauschgerät haut´s mich dann fast um und die freundliche Betreiberin meint dazu nur, da stimme wohl etwas mit der Wand nicht. Ich empfehle Isoliertapeten Marke Hinterholz 8, meine Pratze schmerzt noch eine ganze Weile bis zur Schulter hoch. 

Am letzten Tag übergebe ich nicht mehr benötigte Habseligkeiten, mein grindiges Obstmesser samt letzter Mango, einen Reiseführer, Sonnenmilch und dergleichen an Interessierte und Zurückgebliebene, dann quere ich die Insel ein letztes Mal und retourniere endgültig das zu Schanden gerittene Gasrad. Nur wenige Muzungus schleppen sich schwitzend durch die Straßen. Viele Läden haben wegen des Ramadan geschlossen, aber nach Sonnenuntergang kommt wieder Schwung in die Bude, strömen die Leute in die Moscheen und freuen sich. 

Seit ewig bin ich schon nicht mehr mit einem Tuktuk gefahren, heute bringt mich eines knatternd zum Flughafen. Die Namensgebung der gewählten Fluglinie Precision Air ist sehr ambitioniert, wenn nicht gar irreführend. Vor drei Jahren ist eine ihrer Propellermaschinen über die Landebahn geschossen und im Victoriasee abgesoffen. Da ich aber nächtliche Fährüberfahrten generell unheimlich finde und der Stunt auf dieser Strecke aufgrund einiger Unglücke in letzter Zeit auch keine wirkliche Alternative darstellt, gebe ich halt meine Holzkeule als Hauptgepäck auf und vertraue mich der Luftfahrt an, oh this is Afrika. Hunderte beleuchtete Schiffe zwischen Sansibar und dem Festland und Daressalam scheint riesig.

Insgesamt war´s hier ganz nett, aber in die schamlos übertriebenen, mitunter fantastischen  Lobpreisungen der Fremdenverkehrspropaganda kann ich nicht einstimmen. So gut wie keine intakte Natur mehr und großer Ausverkauf an ausländische Investoren. Wie immer außerhalb Europas bestechen aber auch die Sansibaris mit oft absichtsloser Offen-, und Freundlichkeit und das alleine ist ja auch schon eine ganze Menge, oder.


Freitag, 28. Februar 2025

 27..2., Jambiani

Hiasi schafft es fast rechtzeitig von Stone Town zu seinem ersten Tauchgang seit mehr als zehn Jahren. Treue Leser erinnern sich an seine ohnehin fragwürdige Ausbildung damals irgendwo in Indonesien, ale er sich den abschließenden Test mit aufs Zimmer nehmen durfte. 

Es folgt eine völlig wertlose Verschwendung meiner Lebenszeit. Bei starkem Wellengang, der bis in unsere bescheidene Tauchtiefe zu spüren ist, fühle ich mich wie ein Betrunkener im Schneegestöber nördlich von Novosibirsk. Hiasi rauft sich auch irgendwie durch die nächste halbe Stunde, dann brechen wir das Unterfangen ab. 

Nicht der Erwähnung wert ist der restliche Tag. Wenigstens hat Hiasi reichlich Fotos und ein paar Geschichten über die Serengeti und den Ngoro Ngoro-Krater mitgebracht. Er erzählt von allen nur erdenklichen Tiersichtungen und stinkenden Menschen, deren Dunst nach Rauchküche, Ziegenfleisch und ungewaschenem Dasein schon aus weiter Ferne wahrzunehmen gewesen sei. Während sich Sparfüchse in der Wildnis ein Igluzelt teilen mussten, residierte er wie dereinst Dr. Livingstone in einem geräumigen Luxuszelt mit Klo und Dusche. Trotzdem musste er unterwegs reichlich Sand fressen, hatte Fieber von der offiziellen Verpflegung und eine kaputtgescheuerte Sonnenbrille vom Fahren in unwegsamem Gelände.

Um elf Uhr nachts suchen wir den menschenleeren Strand nach einem geöffneten Lokal ab, aber die einzige Beleuchtung kommt von den Sternen über uns. Jambiani ist tot, und das schon Tage vor dem offiziellen Beginn des Ramadan. Widerwillig müssen wir uns dem fremdbestimmten Frühschluss, wie es Hiasi nennt, fügen. Irgendein bescheuertes Viech hat unterdessen Teile meines Buches weggeknabbert, vielleicht ein Bücherwurm.


Mittwoch, 26. Februar 2025

 26.2., Jambiani

Dinge, die man tun kann, wenn man es auf der Sonnenliege am Meer nicht mehr aushält, weil es dort unerträglich heiß ist und sich das letzte mitgeführte Buch als absolut lähmend herausstellt: 

Wasser, Brot, Mangos, Avocados und Kekse einkaufen, die Mopette auftanken, Wäsche im Mistkübel waschen, eine eh schon flächendeckend geflickte Hose, von der man sich nicht trennen kann, noch einmal zum Schneider bringen, an der Straße super essen gehen um siebzig Cent, zum Frisör gehen, duschen, weil man vom reichlich aufgetragenen parfümierten Puder stinkt, eine Mango essen, in die Apotheke um Aspros gehen, am klimatisierten Zimmer den Blog schreiben, zumindest bis zum nächsten Stromausfall, sich mit den zwei deutschen Mitbewohnern unterhalten, wobei der eine hauptsächlich abartig hustet, weil er serbische Marlboro raucht, mit einem der Angestellten Fußball im Resti-Verschlag schauen, obwohl man sich keine langweiligere Sportart vorstellen kann, und Bier trinken. 

Überwältigt von bleierner Langeweile schlafe ich immer wieder ein, wache auf und wende meine feuchten Socken oder knabbere ein paar Nüsse, bis mich abermals unruhiger, weil unverdienter Schlaf übermannt. Morgen kommt Hiasi vom Festland, dann starten wir hoffentlich noch einmal durch.

Auf den ersten Blick unmerklich, aber stetig rieselt es von der Decke meiner Behausung grobkörniges Holzmehl auf mein Bett. Im Laufe eines Tages kommt so locker ein Fingerhut voll tragender Bausubstanz zusammen und mit Sicherheit wird diese Hütte deswegen irgendwann einstürzen. Wird es mich heute Nacht erwischen oder darf ich noch ein weiteres Frühstück mit Labbertoast, Neonmarmelade und Löskaffee erleben? Stefsechef, living on the edge. 


Dienstag, 25. Februar 2025

 25.2., Jambiani

Zum Kaffee eröffnen mir die zwei entzückenden Resortdamen, sie würden sich schon bald Pässe besorgen und dann auch nach Wien kommen, ob sie sich dann bei mir melden dürften. Ein bisschen Geld hätten sie schon angespart und sie würden nur ein paar Tage bleiben. Bis vor fünf Minuten dachten die Damen noch, ich sei Australier, aber das Land ihrer Träume ist scheinbar jedes außer Sansibar. 

Auf der Suche nach Neuland quere ich wieder einmal die Insel. Irgendwie hat mein Roller Probleme mit der Kraftübertragung und rennt schon unter normalen Umständen schnell heiß. Tausendsechshundert Kilometer hat er schon weggesteckt, eine Woche muss er noch halten. 

In Bwejuu und Umgebung klappere ich die Strände und Unterkünfte ab, lande aber letztendlich wieder in Jambiani. Abends zieht ein veritabler Sturm auf. Einige Locals tragen sogar Pullis und Jacken, was ich bei über dreißig Grad aber für übertrieben halte. Im Lost Soles, einem mit hunderten angespülten Schlapfen dekorierten Strandpub, spielt heute ein Typ mit Muscheln in den Haaren und so weich wie Butter, die in der Sonne vergessen wurde. Ihm zur Seite spielt noch einer virtuos die Djembe und zu später Stunde gibt es niemanden mehr, der nicht seinen Körper zu afrikanischen Rhythmen winden und stampfend im Sand tanzen würde. Auch Klassiker werden bemüht, good friends we´ve lost along the way.

Ich glaube, die nächsten Tage werden nicht viel anders ablaufen, obwohl der mit März beginnende Ramadan schon seine Schatten wirft. Übermorgen kommt Hiasi vom Festland zurück und wir werden wohl tauchen und mit einem einst ausgewanderten Freund von ihm Segeln gehen, vielleicht passiert aber auch nix mehr. Die Exploration der Insel stelle ich jedenfalls ein, es gibt nichts mehr zu entdecken.


 24.2., Fumba

Unsere Bitte um Frühstück bringt den ganzen verschlafenen Laden in Aufruhr, obwohl er unter Bed and Breakfast läuft. In der Not wird kurzerhand eine Papaya gepflückt und aufgeschnitten und der Sicherheitsmann wird zweckentfremdet, borgt sich meinen Roller aus, damit er vom Dorf noch ein paar Chapatis und  Löskaffee für uns kaufen kann. Und dann wird´s schon wieder Zeit, die Süße zum Flughafen zu führen, eine muss ja das Geld nach Hause bringen. Neben unvergesslichen Erinnerungen wird sie auch Dreckwäsche und sonstiges unnötiges Zeug von mir im Gepäck haben, wenn sie morgen hoffentlich wohlbehalten in Wien aufschlägt. Leere in meinem Rucksack und ein wenig auch in mir.

Bei mir gurgelt es unterdes im Gebälk. Auch nach all den Wochen noch keine Spur von angewandter Resilienz. Am besten, ich mache es so wie dereinst der Präsident Tansanias, ich glaube einfach nicht mehr an Dünnpfiff. Bei ihm war es zwar Covid, aber das Prinzip bleibt das gleiche. Nachdem er damals zum Schluss gekommen war, dass es dieses Virus überhaupt nicht gibt, erkrankten seine Bürger auch nicht mehr an Corona und wenn doch, so waren die Symptome der Infektion maximal die einer Grippe. So wurde es mir gestern von einer  Festlandschönheit berichtet, also war es auch so. 

Weil noch Gulaschsuppe übrig sein muss, finde ich mich auch heute Abend beim Vorarlberger ein. Auch er hat interessante Thesen auf Lager. Zum Beispiel kann er auch bei größter Anstrengung nicht zunehmen, weil er als Kind zu wenig Fettzellen produziert hat. Dieser Umstand definiert jetzt und für immer seinen Körperbau. 


Montag, 24. Februar 2025

 23.2., Fumba

Gefährliche Tierattacken schon früh morgens. Ein Rabe entwendet dem französischen Nachbarn seine Medikamente und deponiert sie zerfetzt bei uns im Badezimmer und auf der Fahrt nach Fumba peckt eine Biene Ena ins Knie. 

Unter sengender Sonne starten wir mittags mit Issa Brown, dem Knaben, mit dem ich vor Wochen im Krankenhaus war, weil es seiner Frau nicht gut ging, einen Spaziergang durch sein Dorf. Angereist am Moped du dritt, wie es sich in Afrika gehört, schleppen wir uns an Kindern in Kopftüchern in zwei Koranschulen vorbei und schauen in den alten, tief getriebenen Dorfbrunnen. Zwei Köhlereien, einen Fahnenplatz und viel Grün rundum entdecken wir auch noch. Natürlich kennt Issa jeden und alles hier und später kochen wir Pilav mit Fleisch und Gemüse bei ihm daheim. 

Kinder krabbeln und schreien derweilen herum, die gehören irgendwelchen Schwestern oder Schwägerinnen. Unverputzte, aber wenigstens schon geziegelte  Wände, aber wenn der Wind ins Wellblechdach fährt, donnert es ordentlich. Seine Frau erklärt und gibt Instruktionen, teilt Ena zum Kokosnuss auspressen und zum Zerstampfen von Kardamom ein, wobei ein Baueisen als Hammer beziehungsweise Stößel dient. Vor dem Hauptgang verkochen wir nämlich noch Bananen, Kokosmilch, Kardamom und braunen Zucker auf der offenen Feuerstelle, geile Sache. 

Nach Stunden setzen wir uns unter Protest ab, wir müssen noch zum Vorarlberger. Das ist der, der früher für die UN als Mediator gearbeitet hat und jetzt einen Wirten am Strand führt. In bunter Runde wird Wein getrunken und hausgemachte Gulaschsuppe gelöffelt. Ein italienischer Weinhändler mit tansanischer Schönheit im Schlepp, dereinst vor Corona und den damit einhergehenden Pflichten und Restriktionen zuerst für Monate in seine Skihütte in Sestriere geflüchtet, dann gleich weiter nach Sansibar. Eine jamaikanisch-englische, wuchtige Boxerin und Menschenrechtsaktivistin, deren Vater Söldner in Bosnien war. Sie kann Geister sehen, Massengräber spüren und dergleichen mehr. Eine österreichische Meeresbiologin noch und ein paar Franzosen. 


 22.2., Kizimkazi

Ich träume, ich ziehe mit Mark Zuckerberg um die Häuser. Die meisten haben wohl ein falsches Bild von ihm, er ist eh ganz o.k. Und damit habe ich den spannendsten Teil meines Tages auch schon vorweg genommen. Auf Geheiß von unten verbringen wir heute einen ruhigen Tag am Pool. Olta, is mir fad! Da ist das japanische Science Fiction-Buch aus den Siebzigern, das mir noch zum lesen bleibt, auch keine große Hilfe. Sonnen, abkühlen, sonnen, Bier mit Cola, Sonne geht theatralisch unter, Fledermäuse kommen, essen, gähn.


Freitag, 21. Februar 2025

 21.2., Kizimkazi

Laut meinem gewissenhaften Fact Checker Peter B. beträgt die Mitgift, die ein vermögender Massai aufbringen muss, immerhin 23 Rinder und 10 Schafe, ich solle Ena weiterhin pfleglich behandeln. Das werde ich mit Sicherheit. Ihre Eltern haben sicher keinen Bedarf und unser Kleingarten ernährt höchstens ein paar Meerschweinchen, was soll ich also mit den Viechern. Apropos Meerschweinchen. Die Tierwelt Afrikas ist erbarmungslos. Ameisen so klein, dass sie gar keine mitfühlende Seele haben können, stürmen nachts mein eh schon stark geschrumpftes Fresspaket und dem nicht genug, fladert ein Rabe meinen letzten Eckerlkäse, den ich mir auf der Terrasse fürs Frühstück hergerichtet habe. Nur ein paar Sekunden gehe ich ins Zimmer, der Vogel muss mich geduldig belauert haben. Take thy form from off my door! Quoth the raven,"Nevermore." 

Im Jozani Forest, dem letzten verbliebenen und heute geschützten Waldstück der ansonsten kahlgeschlagenen Insel, hängen ein paar Affen auf Mahagonibäumen ab und viel mehr lässt sich darüber eigentlich nicht sagen. Ein paar hundert Meter vom Haupteingang entfernt schlängelt sich noch ein Steg durch einen sumpfigen Mangrovenwald, auch ganz nett. Ein kleines Buschbaby, zwei Chamäleons, ein paar langnasige Elefantenspitzmäuse und natürlich Schmetterlinge fristen ihr Dasein in zwei mit Netzen verhangenen Verschlägen, die gemeinsam den stolzen Namen Schmetterlingfarm tragen. Denen statten wir auch noch einen Besuch ab und sie sind ebenfalls ganz in der Ordnung, aber der Heuler ist heute nicht dabei. 

Bei den Polizeikontrollen wende ich eine neue Taktik an, steige nicht mehr ab und raunze erfolgreich herum, warum ich schon wieder aufgehalten werde. Man winkt mich weiter, ein Bulle lädt uns sogar zu sich daheim ein. Sicher nicht.

Weitere Erkenntnisse des Tages:

Der Job des dauergutgelaunten Resortmanagers ist kein schöner. Abends muss er jeden Tisch abklappern, smalltalken und sogar abgedroschene Lieder mit den Gästen singen, untertags lächelnd Klospülungen reparieren. Hakuna matata.

Im Urlaub wachsen meine Nägel schneller. Das wahrscheinlich deswegen, weil ich sie nicht durch Arbeit abnütze.


Donnerstag, 20. Februar 2025

 20.2., Kizimkazi

Ein Bursche winkt uns morgens vom Strand, ein Abgesandter des Typen, mit dem wir gestern eigentlich einen Dorfrundgang vereinbart haben. Entweder leidet der Reserveguide an einer kapitalen Augenentzündung oder er ist voll eingekifft. Laut ihm ist der ursprüngliche Vertragspartner mit anderen Touris beschäftigt, der Abgängige selbst schickt mir eine Nachricht, er wäre auf einem kurzfristig anberaumten Begräbnis in Stone Town. Anyway. Der Gesteinigte bringt uns zunächst zur Dorfschule, wo er eine sehr sympathische Englischlehrerin, die monatlich hundertzwanzig Euro verdient, nötigt, uns am Areal herumzuführen. Die Klassenzimmer bestehen nur aus einem Dach und einer niedrigen Balustrade und sind im Rechteck um einen sandigen Innenhof mit einem großen Baum angeordnet. In einem kleinen Häuschen abseits werden noch blinde oder taube Schüler unterrichtet, ein analoges Braillegerät dafür ist vorhanden. Die Bibliothek, das Chemielabor und der Computerraum sind bescheidenst bestückt, für vierhundert Schüler stehen zehn alte Rechner zur Verfügung. Auch ich muss kurzfristig die Schulbank drücken und bin sehr froh, als ich den Unterricht wieder verlassen darf. Zur Pause wird mit einer Stange auf eine Eisenplatte geschlagen, aber Verpflegung für die Schüler gibt es nur im Zeitraum von drei Monaten, wenn während der Klausur zur Vorbereitung auf die abschließenden Prüfungen niemand die Schule verlassen darf. Die Matratzen und Kochtöpfe dafür sind in einer eigenen Kammer verstaut. Drei Monate durchgehend, muss man sich einmal vorstellen.

Nach Entrichtung einer kleinen Spende führt uns der weiche Knabe zur zweiten Sehenswürdigkeit des Dorfes, einem Baobabbaum. Der ist natürlich keine zehntausend Jahre alt, wie vom Bubi nach persönlichem Gutdünken frei erfunden und behauptet, aber trotzdem sehr schön. Und damit ist der Dorfrundgang auch schon beendet, ein Hohn. Es folgt der ebenfalls gestern vereinbarte Kochworkshop und mir schwant Böses. Zunächst soll ich einmal die notwendigen Zutaten dafür einkaufen, warum auch nicht. Was kochen wir denn? Keine Ahnung. Auf Verdacht erstehe ich diverses Gemüse und Reis, dann gehen wir zu einem Haus. Die drei anwesenden Damen wissen sicher nichts von einem Workshop, so viel ist sicher. Eilig wird ein Bett weggeschoben und eine Plane in einer Nische ausgebreitet, dort schnipple ich dann Karotten, Melanzani und Konsorten und Ena schabt mittels einer archaischen, an einem Hocker befestigten Messerkonstruktion eine Kokosnuss aus. Im gewässerten und ausgedrückten Kopra wird dann der vorher handverlesene Reis gekocht und der Rest wandert in einen zweiten Topf. Gewürzt wird das Gemüse mit Kurkuma, Salz und Pfeffer, den einzigen im Haushalt vorhandenen Gewürzen. Was auch immer wir alle später essen, um ein sansibarisches Nationalgericht handelt es sich dabei sicher nicht. Aber das Ergebnis unserer bemühten Improvisation schmeckt ganz wunderbar und das ist die Hauptsache. 

Wir ziehen weiter. Eine glückliche Fügung beschert uns in Kizimkazi eine affengeile Unterkunft inmitten einer gepflegten Anlage mit Pool und sonstigem Schnickschnack. Hier checken wir für die nächsten drei Nächte ein, von hier werden wir fortan ausschwärmen. Von der Freiluftdusche und vom Bett aus sehe ich aufs Meer und hier können wir der Sonne wieder bei ihrem Untergang zusehen.


Mittwoch, 19. Februar 2025

 19.2., Jambiani

Drei Mann Besatzung und ein Tauchguide nur für uns zwei, so soll es sein. Ganz zärtlich steuert der Mann am Außenborder das kleine Boot über das Riff und vermeidet gekonnt ein paar hohe Brecher, die Potential für allerhand Ungemach hätten. Beim Abstieg ist Ena dann in ihrer eigenen Welt. Die Hände wie ein Hamster an den Ohren gleitet sie reglos nach unten und lässt uns andere zwei, die wir sie neugierig umzingeln, nicht teilhaben an ihrem Manöver. Schafft sie den Druckausgleich? Weiß sie überhaupt, dass sie sinkt? Am Grund gesteht sie uns eine knappe Geste zu, alles gut. 

Eine kleine weiße Muräne, die in einer Koralle wohnt, drei Steinfische, die allen Ernstes glauben, sie könnten sich vor uns tarnen. Bunte Nacktschnecken, ein zerfranster, rötlicher Froschfisch, der wirklich aussieht wie ein treibendes Bündel Seegras. Geistermuränen mit weit offenem Maul, gelbe Trompetenfische, Napoleonfische, Pufferfische, flinke Seegurken mit Saugnäpfen, große, violett ausgepolsterte  Mördermuscheln, Anämonen in der Strömung mit ihren symbiotischen Bewohnern. Super Sicht, super Sache heute. Zwischen den zwei Tauchgängen wird wie immer Obst gereicht und wir pinkeln ins Meer. Links hüpfen die Mädchen rein, rechts die Burschen, sagt der Kapitän. Ist natürlich nur Spaß. Hat man sein Geschäft endlich erledigt, Ena schlüpft dazu im Wasser komplett aus ihrem Anzug und anschließend wieder hinein, ist das Boot schon hundert oder mehr Meter entfernt. Die Wellen sind hoch und die Strömung ist stark. 

Erst nachmittags holen wir uns unser inklusives Frühstück ab und plaudern mit dem menschlichen Chamäleon. Latscht man hier auf einen Seeigel, reibt man die betroffene Stelle mit einer unreifen Mango ein. Ein in Asien gängiges chirurgisches Instrument, der Hammer, kommt hier nicht zum Einsatz. Rochen isst er gern, weil die keine Gräten haben, und seine Hütte, in der er auch aufgewachsen ist, steht keine Minute von uns entfernt. Kaum bin ich drei Minuten weg, wird die Holde schon von einem Massai angebaggert, you are pretty, womit er nicht unrecht hat.

Zwei Hände voll Glasscherben sammeln wir während des Strandspazierganges ein, jede Menge Volltrotteln müssen auf diesem Abschnitt unterwegs sein. Dann cruisen wir durchs Dorf und die Straße hoch und weil wir das Best of-Programm laufen haben, kehren wir in der Austrobude Rafikis Chickies ein, ihr erinnert euch.


 18.2., Jambiani

Nur über die asphaltierten Hauptverbindungsstraßen fahren wir nach Süden, damit der Prinzessinnenpopsch nicht zu sehr leiden muss. Dann begeben wir uns auf die leidige Quartiersuche, weil die ursprünglich im Netz auserkorene Hütte keinen Zugang zum Strand hat. Anstrengendes Unterfangen mit dem ganzen Gepäck und den Helmen in der Mittagshitze. Keine Spur auch von Nebensaison, die Unterkünfte sind durchgehend gut gebucht. Ein gemütlicher Substandardbungalow wird´s schließlich in einer kleinen, etwas heruntergekommenen Anlage. Die vorherigen Gäste seien kurzfristig ausgezogen, erzählt einer der zuständigen Insulaner, wegen eines Tieres, das in der Nacht krk krk macht und Holzmehl von der Decke rieseln lässt. Die Zähne und die Augen des Mannes weisen in alle möglichen Richtungen und es ist recht humorig , als er das Viech bei seiner Tätigkeit nachahmt. Das Häufchen Holzmehl am Boden stört uns nicht weiter, aber die Dusche funktioniert nicht. Wie bei einem Tresor muss man auf gut Glück diverse Rädchen nach links und rechts drehen, mal schnell, mal langsam, dazu muss man auf verräterisches Gurgeln in den Leitungen lauschen und sich aufbauenden Druck erkennen. Die Arschbrause neben dem Klo, ein kleiner Duschkopf an einem kurzen Schlauch, hätte guten, zuverlässigen Druck, wird aber von Ena aus ästhetisch-hygienischen Gründen abgelehnt, obwohl sie klein genug dafür wäre. 

Der Rest des Tages verläuft unspektakulär mit Holzschnitzereien kaufen, Bier-Cola trinken, das Tauchequipment für den morgigen Tag zusammenstellen und ähnlichem. Mit lokalen Spezialitäten brauche ich der Süßen gar nicht kommen, Pizza Margherita muss auf den Tisch. Nachts versperrt uns dann die Flut den Weg heim, da nützt es auch nichts mehr, Enas Handtasche mit all unseren Habseligkeiten am Kopf zu tragen. Barfuß müssen wir über das ärmliche, aber recht saubere Dorf und den gerade bespielten Fußballplatz ausweichen. Dem Spielfluss tut das keinen Abbruch. In Gegenrichtung queren gerade seelenruhig ein paar Kühe. Die nackte Glühbirne in unserer Hütte gewährt uns später Einblick in die extremen Schwankungen im Stromnetz. Das Spektrum reicht von Zündholz bis Supernova. 


Montag, 17. Februar 2025

 17.2., Uroa

Hiasi bricht auf in unbekannte Gefilde. Übermorgen wird er dann rüber aufs Festland fliegen und sich ein paar Tage lang The big Five geben. Ena und ich hingegen gehen heute mit Kapitän Abdul segeln. Am Weg zu seinem Auslegerboot kommen uns Männer und Kinder mit etwas in Händen entgegen, das von Weitem das Haupt der Medusa sein könnte. Bei näherer Betrachtung stellen sich die hängenden Knäuel als gebündelte Oktopussis heraus. Auch Muränen nehmen die Fischer gerade aus und säubern sie anschließend im Meer.  

Das traditionelle Dhau, in das wir klettern, hat einen v-förmigen, recht hohen und gleichzeitig schmalen Rumpf, wir schätzen ihn auf sieben, acht Meter Länge. Mit zwei Jahren ist das Boot so gut wie neu bei einer erwarteten Lebensdauer von mindestens zehn Jahren. Abdul hält vorne den hohen Mast in Position, indem er auf einem der Ausleger steht und ihn mit einem Seil seitlich abspannt, hinten sitzt der Steuermann und kümmert sich um das geblähte Segel. Ein dritter Typ hat nichts anderes zu tun, als das Wasser, das stetig hereinsickert, auszuschöpfen. Hart am Winde dran sind wir, na na naana, na na na na na nanaaa, Wickie! Ein paar bunte, stachelige Seesterne taucht man uns hoch, die so hart und reglos sind, dass sie ebenso gut aus Ton sein könnten, ein Lied wird angestimmt, die vier Wendemanöver gehen routiniert vonstatten. Zur Belohnung dafür, dass sie uns kein Unglück gebracht hat, bekommt Ena später ein Eis. Das Warensortiment der Eisdiele ist dabei mehr als ungewöhnlich. Haushaltsreiniger aller Art und Raumsprays stehen ebenfalls zum Verkauf. Dann eine Heimsuchung aus dem Nichts. Zack, habe ich sieben juckende Wimmerl am Hals. Ich bin ratlos. Zum Tagesausklang noch Schnappatmung bei Ena, die Buschbabies sind wirklich Zucker, und morgen sind auch wir dahin.


Sonntag, 16. Februar 2025

 16.2., Uroa

Wo sind die Zeiten hin, als man erst um 12.00 auschecken musste. Gepäck hat die Kleine wirklich nicht viel mit, Hut ab, nur ihre behinderte Handtasche mit Reservehantelgewichten und Tauchblei drin muss sie am Moped zwischen sich und mich stopfen, damit Taschlziager im städtischen Frühverkehr keine Chance haben. 

Während wir gesteinigt die Insel queren, verwandelt sich Ena erwartungsgemäß und zügig in ein Streifenhörnchen. Die Sonne auf Sansibar ist noch viel stärker als ihr Sturschädel. Dann wird mal ordentlich gechilled in der kleinen Anlage, während der Affe über uns herumturnt und wir dem Wasser zusehen, wie es in Windeseile um zweieinhalb Meter steigt. Bei Ebbe kann man über eine Länge von einem Kilometer oder mehr durch Pfützen bis zum Riff draußen wandern, bei Flut schwappen die Wellen schnell über die Mauer des Resorts. Mit Hiasi schwärme ich später aus auf der Suche nach weiteren Zutaten für ein fürstliches Mahl, dann plündern wir das Fresspaket und saufen südafrikanischen und tansanischen Wein dazu. Hiasi trumpft bei der Auswahl der Tropfen mit fundierten Englischkenntnissen auf, yes, when´s the same quality is..., aber der letzte Rote ist so süß, dass einem beim Trinken die Lockenwickler wachsen. Es soll uns nie schlechter gehen. 

Eines bleibt noch zu tun. Als der Mond schon aufgegangen ist, gehen wir hoch zum Verschlag mit dem Billardtisch. Ena muss nach meiner schmählichen Niederlage letzte Woche unsere Ehre retten. Innerhalb von Minuten Full House, an die dreißig Typen schauen nur so, als ihr bester Mann gnadenlos vom Tisch gefetzt wird. Zuvor war schon ein Raunen durch die Menge gegangen, als sie mit steinaltem Gesicht unsere Biere geöffnet hat, eines mit dem anderen. Mein zweiter Karriereweg als Trainer nimmt Fahrt auf. Ena hat alle Profitipps gelehrig angenommen - gut zielen, immer die Weiße zuerst, nicht nervös sein - ohne mich hätte sie es wohl nicht geschafft. 


Samstag, 15. Februar 2025

 15.2., Stone Town

Ena kommt zwar am falschen Terminal an, bringt dafür aber ein vom braven Mäg zusammengestelltes, gigantisches Fresspaket mit. Da ich über keinen Kühlschrank verfüge, inhaliere ich in einem Kraftakt gleich einmal jeweils eine Stange Mett- beziehungsweise Leberwurst mit einer Packung Schnittbrot, gefolgt von Kuchen und Schokolade. Dann muss ich mich für ein paar Stunden hinlegen. 

Abends startet schon die erste Phase der Best of Sansibar-Tour, die ich der Süßen die nächsten zehn Tage angedeihen lassen werde, hat die ein Glück. Wir statten uns mit jeweils einer Mille Spielgeld aus, verlaufen uns im Gassengewirr, kommen dreimal beim gleichen Typen vorbei und tun so, als wäre das Absicht, flüchten vom stinkenden Fischmarkt und schauen uns das Meer und den Nachtmarkt an. Nach einer Kokosnuss schmiere ich abermals erfolgreich den Mann beim Hintertürchen der Festung und wir schunkeln ein bisschen zu Kasiva Mutua aus Kenia und einer Combo aus dem Senegal mit schwitzenden Großmeistern an den Perkussions. Fahnenschwingende Fans mit Trillerpfeifen, tanzende Menschenschlangen, die sich durch die Massen schieben, enthusiasmiertes Publikum auf der Bühne. Noch eine Palatschinke mit Mango und Nutella und die Kleine ist erwartungsgemäß hin und weg, Pulver für heute verschossen.

Die Nacht wird übel, Gelsenattacke! Die Zimmertür ist stark verzogen und zu kurz und im Bad, das nicht mehr ist als eine verflieste Nische, gibt es statt eines Fensters verschnörkselte, kleine Aussparungen ohne Moskitonetz. Alles was ich tun kann ist, alle paar Minuten das Licht aufzudrehen und meinen Frust an den Gelsen auszulassen, die sich zu gierig von mir bedient haben und jetzt vollgesogen und flugunfähig herumhocken. Die Schlanken und Schlauen warten unter dem Bett. Ena meint, ich solle mich beruhigen und schlafen, sie bleibt wie immer gänzlich unbehelligt.


Freitag, 14. Februar 2025

 14.2., Stone Town

Stone Town war einst der zentrale Umschlagplatz des ostafrikanischen Sklavenhandels. In engen Gewölben mussten die aus ihren Dörfern Entführten wochenlang auf ihren Verkauf warten, bevor am Prügelstock noch ihre Widerstandsfähigkeit geprüft wurde, hardcore. Genau an seiner Stelle steht heute der Altar der anglikanischen Kathedrale, die später hier errichtet wurde.  Dass ich eigentlich nur zum Beten hier sei, glaubt mir die Lady mit dem Metalldetektor nicht, auch ich muß die fünf Dollar Eintritt abdrücken. Dann schaue ich mir noch ein paar Plattenbauten aus Zeiten der Kooperation mit der DDR an. Tatsächlich, deutsche Qualitätsarbeit, obwohl der Wasserdruck dem Vernehmen nach nicht bis in die oberen Stockwerke reicht. 

Übersiedeln musste ich auch schon wieder, jetzt wohne ich wieder bei den zwei bärtigen ZZ Top-Figuren. Der eine erzählt mir, er kann mit Schachtelhalmkraut Alzheimer heilen, super Sache. Was macht Stefsechef eigentlich in der steinernen Stadt, wo er doch ebenso gut am Strand liegen und Delphine beobachten könnte? Erstens muss ich morgen früh schon wieder das Öl wechseln lassen und darf bei der Gelegenheit nicht auf den zweiten Helm vergessen, weil nämlich zweitens jemand vom Flughafen abgeholt werden will. Wer kann das sein? Betreuerin und Gespielin, Korrektiv und Mahnerin im Hintergrund. Licht meiner Augen, Antwort auf alle Fragen. Die Blume des Kosovo, the one and only, die Gefährtin trudelt endlich ein.

Gegen Acht schaue ich zum alten Fort. Der Einlass hat begonnen, der Andrang ist überschaubar. Die Kartenpreise für Ausländer sind ganz ordentlich, hundertsiebzig Juros für den Dreitagespass. Strategisch umrunde ich die Festung und entscheide mich für den Ausgang als geeignetsten Ort für einen Bestechungsversuch, aber vorher gehe ich noch auf ein Bier. 

Beim Inder ums Eck hockt auch Christopher, der siebenundsechzigjährige südafrikanische Weinhändler und Pleitier, außerdem ein Einheimischer mit finnischem Führerschein und ein Typ vom Festland, dem ein paar Dala Dalas, also Sammelbusse, gehören. Vierzig Euro bleiben ihm im Schnitt pro Tag pro Bus, was ihn sehr zufrieden macht. Das Zauberwort bei jedem Deal ist Flatrate, auch beim Steuern zahlen. Jedenfalls tremmeln wir uns ein paar Hülsen rein, dann ziehe ich mit dem Bärtigen los und stecke dem Typen am Gitter per Handschlag umgerechnet vier Euro zu, wir wollen nur kurz etwas trinken. Sonst lehnen noch Bullen und Militaristen herum, aber der Ordner nimmt seelenruhig den Schein aus seiner Hand und überprüft ihn noch auf Nominalwert und Zustand, ehe er uns passieren lässt. Na das ging ja einfach! Christopher wachelt noch sinnlos mit seinem sansibarischen Führerschein herum, aber der Käse ist gegessen und wir sind drinnen. 

Geschätzt nicht mehr als siebenhundert Zuschauer haben sich eingefunden, man kann ganz leicht bis ganz nach vor zur Bühne gehen. Irgendwann spielt Assa Matusse aus Mosambique, unterstützt nur von zwei Bassisten und einem Schlagzeuger. Sie trägt ihr Haar wie einen Baum und ist in jeder Hinsicht eine Göttin, ich bin dicht und glücklich. Dann klatscht Etinsel Maloya von der Insel La Reunion ab und weit nach Mitternacht noch irgendwer, an den ich mich nur mehr schemenhaft erinnern kann. Später erwischt mich bei der Nebenbühne ein gewissenhafter Mitarbeiter ohne das obligatorische Band und komplimentiert mich raus. Passt gut, ich wollte eh gerade gehen. Von der letzte Woche abgehobenen Million besitze ich noch fünftausend Schilling und für den Notfall zwei Dollar. Gut, dass Sweety morgen Nachschub mitbringt.


Donnerstag, 13. Februar 2025

 13.2., Stone Town

Jeder hat so seinen Film laufen. Hiasi schreibt mir spät nachts, er wäre beim Einkauf einer eleganten Frau mit besonderen vertikalen Bedürfnissen begegnet. Sie ginge ihm bis zu den Knien und nicht mehr aus dem Kopf. 

Ich bin zurück in der steinernen Stadt. Nicht nur, dass die Hitze kaum auszuhalten ist, liegt noch der unverkennbare Gestank von Durian in der Luft. Erst abends krieche ich unter dem Ventilator meines Zimmers hervor und streune durch das Labyrinth der Altstadt. Der plärrende Muezzin nervt, die Papassis auch. Stechfliegen werden die allgegenwärtigen Keiler in ihren Schlapfen aus Autoreifen treffend genannt. Coldi Beer, cheapi tours to easti coasti. Aus unerfindlichen Gründen hängen die Sansibaris gerne ein I an x-beliebige Wörter, klingt witzig. 

Der Informationsgewinn am Hafen bezüglich einer Überfahrt mit Moped zur Nachbarinsel Pemba in zehn Tagen hält sich in Grenzen. Chaotisches, hektisches Treiben. Menschen, Lastenträger, Haufen von Kartons, Säcken und Gepäck. Die Homepage funktioniert auch nicht, das wird wohl nix. Gehe ich halt ins alte Fort, wo gerade eine Band für ihren Auftritt im Rahmen des Saut za Busara, dem großen Musikfestival, das morgen beginnt, probt. Der Sound, die Musikanten und die Location sind großartig. Eine stimmgewaltige Sängerin, einer bespielt ein bizarres Instrument, das an eine Gitarre mit nach oben hin stark gebogenem Hals erinnert. Die Bühne steht inmitten der gut zehn Meter hohen, beleuchteten Festungsmauern, die Boxentürme neben den runden, bezinnten Festungstürmen. Die Rahmenbedingungen sind gemeingefährlich. Ein Fetzendach über der Technik, Totalausfall bei Regen vorprogrammiert. Besucher inmitten reger Bautätigkeit, diverse Trümmer liegen noch am Gelände verstreut. Ich schätze das Fassungsvermögen auf dreitausend Menschen, die die Festung über eine zweiflügelige Tür und fünf unterschiedlich hohe Stufen betreten werden. Als Ausgang dient eine normale, aber zu niedrige Tür, die nur über eine wackelige Laderampe ohne Geländer zu erreichen ist. Notausgänge gibt es keine. Darf halt nix passieren, inschallah.

Nach intensivster Recherche kann ich euch noch mitteilen, dass gestern gesichteter Wurm nicht irgendein dahergelaufener Wurm war, sondern der größte seiner Art in ganz Afrika. Einen Witz hätte ich auch noch: Warum tragen Tausendfüßler keine Schuhe? Genau.   

Mittwoch, 12. Februar 2025

 12.2,. Selem

Auf nach Stone Town. Ein Lkw mit eingängigem Slogan auf der Windschutzscheibe kommt mir qualmend entgegen, Impossible! lautet sein Motto. Schon im Vorort Bububu ist das Gebot der Stunde, immer in Bewegung zu bleiben. Dreißig km/h sind dabei vollkommen ausreichend. Der Verkehr ist dicht und ab und zu staut es sich. Die wenigen vorhandenen Ampeln werden ignoriert, die Schülerlotsen leben gefährlich. Nur einmal habe ich es ganz zu Beginn der Reise im Zweifel gewagt, bei Rot stehen zu bleiben und wurde sofort zusammengehupt. Wäre ich ein korrupter Polizist, würde ich mich genau hierher stellen und auf Opfer wie mich warten. Von Bububu fuhr übrigens der erste Zug Sansibars und zwar nach Stone Town, weil hier irgendwelche Mineralien abgebaut wurden. Die Ansässigen waren dann infantil genug, ihre Stadt nach dem eigentümlichen Geräusch, das die Lok von sich gab, zu benennen, Bububu halt. Dieser Halffunfact ist gleichzeitig  auch schon das Interessanteste, was dieses lärmige Kaff zu bieten hat. 

Meine Unterkunft der ersten Stunde, das Zava House, hat ab morgen zumindest ein Zimmer für eine Nacht frei. Das größte Musikfestival des Jahres findet dieses Wochenende statt und eine volle Stadt ist zu erwarten. Aus meiner Jause wird nix. Leider hat der Fressverschlag gegenüber für immer geschlossen, schade. Am Weg zurück aufs Land besuche ich ein paar mickrige persische Paläste aus vergangenen Zeiten. Vom Maruhubi Palace sind nur mehr wuchtige Säulen eines ehemaligen Aquädukts, ein paar Außenpools und Bäder in einem Nebengebäude erhalten, der Mann am Schalter gibt mir der Einfachheit halber gleich den Schlüssel dafür mit. Ich möge mich selbst umsehen.  Drinnen warten verflieste, quadratische Pools, Sitzgelegenheiten für Viele und die Ahnung einstiger Grandezza. Von der runden Decke hängen ein paar Fledermäuse ab. Der Mann am Einlass zum nächsten Palast lässt nicht mit sich handeln, für zwölftausend Schilling würde sich das doch gar nicht lohnen. Er strebt mittelfristig einer Karriere in der Politik an, wo er dann ordentlich abkassieren möchte. Das und mehr erfahre ich, als ich mit ihm, einem Typen, der auch dort hockt und Installateur ist, und einer Frau, der ich zuvor einen kleinen Fisch abgekauft hatte, meine Proviant- Samosas teile. Das letzte herrschaftliche Domizil des Tages sehe ich mir nur von außen an. Nicht weit vom Ufer dümpeln ein paar verrostete Militärboote, hier ankert scheinbar die bescheidene sansibarische Marine. Ein ausladender Mangobaum lädt zu einer schattigen Pause fernab des Trubels auf der Straße ein. Was es denn im Inneren des Palastes zu sehen gäbe? A funny chair of the Sultan, schwärmt die Torwächterin. Man muss im Leben nicht alles gesehen haben, aber Tiere gehen immer. Ich kann heute einen daumendicken schwarzen Tausendfüßler mit dreißig Zentimetern Länge verbuchen, Hiasi am anderen Ende der Insel gewinnt mit einem Hammerhai. Wow! Allerdings hat der schon bessere Tage gesehen, war tot auf einem Moped unterwegs und roch schon streng.


Dienstag, 11. Februar 2025

 11.2., Selem

Drei Pärchen und ein Typ im Resort, allesamt Deutsche und Teil einer Kleininvestorengruppe, die hier Land kaufen möchten. Der Schmäh rennt, hahaha. Einer erzählt, er wäre von den Bullen um dreißig Dollar erleichtert worden, er konnte sie von fünfundsiebzig runterhandeln. Er hätte gar keine Tafel mit einer 30 km/h- Beschränkung bemerkt, auf die die Wegelagerer als Grund für ihre Amtshandlung verwiesen hätten... 

Noch einmal mache ich mich auf in den Nordwesten. Soldaten mit vorsintflutlichen Gewehren marschieren in ärgster Hitze an der Hauptstraße. Mehr Fuhrwerke als sonst sind unterwegs, wobei keine Pferde, sondern Esel oder Stiere vorgespannt sind. Auch andere kulturelle Unterschiede sind erkennbar. In dieser Gegend sitzen die Menschen nicht mehr auf kaputten Kühlschränken, sondern auf halb vergrabenen Reifen. Auch die Bananen sind größer, tatsächlich sind sie gewaltig. Wäre ich ein Fischer, würde ich sagen, die Teile haben locker die Dimension meines Unterarmes und ich glaube nicht, dass ich eine Staude von ihnen hochheben könnte. Ich decke mich noch mit Avocados und Mangos ein, ehe ich die Küstensiedlung Mkokotoni erreiche. Hier gammeln völlig unbeachtet historische Gebäude vor sich hin. Eine Art mehrstöckiges Fort weist schon zahlreiche alarmierende Risse und große Löcher auf und könnte meiner Meinung nach jede Minute einstürzen, was die Menschen, die rundum in ihren Hütten leben und arbeiten, wohl nicht so sehen oder notgedrungen in Kauf nehmen. Beim Hafen, eigentlich bloß einem bewachten und mit einem Tor gesicherten Pier, stehen andere heruntergekommene Gebäude, deren Architektur überhaupt nicht ins Stadtbild passt, und rundum liegen noch kleine Kanonen, die auch kein Schwein interessieren. Berge von großen Säcken voll mit Holzkohle werden gerade auf ein Schiff verladen, das wohl eine kleine vorgelagerte Insel damit anfahren wird. Als ein übermotivierter Tropenscheriff wild gestikulierend auf mich zugelaufen kommt, fahre ich weiter. Scheinbar glaubt er allen Ernstes, dass dieser Minimundushafen geopolitisch irgendeine Relevanz hat und ich hier Werksspionage betreibe. Kurz vor Fuckuchani fahre ich abermals an die Küste und bin entzückt von den unberührten Traumstränden  traditionellen Fischerbooten. Auf einem Fußballplatz flicken gerade Männer das größte von mir bis dato gesehene Netz. Dann spricht mich ein Bubi an, alle sagen Kobemaster? zu ihm und ich schätze ihn auf Vierzehn. Gegen kleines Salär wird er mir die hiesigen Sehenswürdigkeiten zeigen. Wir starten mit einer sehr kleinen, mit Brackwasser gefluteten Höhle. Irgendein sehr mutiger Mensch hat die Verbindung von ihr zum Meer durchtaucht, ich schätze die Distanz auf mindestens sechshundert Meter. Der nächste Halt zwingt mich zu einer schwierigen Entscheidung. Soll ich später in einer kommerzialisierten Auffangstation einen Geparden um hundertsechzig Dollar streicheln oder hier in einem kleinen Garten ein Chamäleon um zwei? So lässig sind die Tierchen. Etwas kleiner als meine Hand, gelb, grün oder braun, wippen sie mit abgewinkeltem Vorderast außerirdisch herum, machen seltsame Sachen mit ihren Augen und krallen sich ganz schön fest in meine Haut. 

Ums Eck hat erst vor zwölf Jahren ein Bauer eine Höhle entdeckt, die ist auch ganz interessant. Es gibt einen kleinen Eingang und vielleicht zweihundert Meter weiter einen Ausgang auf gleicher Höhe, der wie bei einer Nahtoderfahrung winzig in der Entfernung strahlt. Dazwischen eine Art stockfinsterer Schlauch mit schönen, oft ganz fragilen und glitzernden Gesteinsformationen und ein paar Fledermäusen. In die nächste, gleich angrenzende Höhle darf ich nicht. Zu viel Hitze, zu wenig Sauerstoff. Der Rest der Tour ist dann nicht mehr so spannend. Das Grab eines Typen, der angeblich drei Meter groß war und ein Fell hatte, ist eher ein Scherz und meine Frage nach einer Seegrasverarbeitungsanlage missversteht Kobemaster. Er bringt Seaweed und Weed durcheinander und glaubt, ich suche etwas zum Kiffen. Einen Maiskolben mit Zitrone gebe ich ihm noch aus, dann setze ich den Nachwuchsguide bei ihm daheim ab. Vorher wurden wir schon auf ein Stück Kassava eingeladen, das auch roh gar nicht schlecht schmeckt. 

Unterhalb der Homebase streune ich abends noch durch die Mangroven und bewundere Krebse jeder Größe. Am kleinen Strand geht vor mir die Sonne unter und im Rücken steht der fast volle Mond schon hoch und leuchtet mir den Weg heim.


Montag, 10. Februar 2025

 10.2., Uroa

An die Mentalität der Insulaner kann ich mich nur schwer gewöhnen.  

-Kaufe ich zum Beispiel Mangos, läuft die Verkäuferin über die Straße und dann davon, verschwindet für Minuten und kommt endlich wieder, in Händen genau die zwei kleinen Plastiksackerl, die ich für mein Obst benötige. Beim nächsten Kunden wird sie wieder loslaufen und sich wohl nix dabei denken. Plastiksackerl und benzinbetriebene Motorsägen sind übrigens verboten in Sansibar, aber das ist eine andere Geschichte.

- Schon am Nachmittag lassen Hiasi und ich unseren Kellner Jackson vorsorglich wissen, dass wir gedenken, abends ein paar Biere zu trinken. Schon die zweite Runde ist dann nicht mehr kalt, er hat nur zwei Flascherl eingekühlt.

- Ich bestelle ein Gemüsecurry und bekomme eines ausschließlich mit Melanzani. Oben an der Straße gibt es Paradeiser, Paprika, Karotten, Kraut und Kürbis und als ich mich beschwere, lächelt mich Jackson nur an. Ob ihn das ihn völlig kalt lässt oder ob er sich überhaupt irgendetwas dabei denkt, kann ich nicht sagen.

- Eine Frau verrechnet mir beim ersten Einkauf das Doppelte des gängigen Preises und kann partout nicht verstehen, warum ich sie fortan ignoriere und mir mein Zeug halt wo anders besorge.

Anyway, einmal noch raffe ich mich auf, packe meinen Ranzen und breche auf gen Nordwesten, dem letzten verbliebenen Eck Sansibars, wo ich bislang noch nicht war. Vorbei an Kinyasini, Mahonda Mkataleni und Mangapwani fahre ich hoch nach Makoba, immer auf der Suche nach irgendeiner Unterkunft. Zuckerrohrplantagen, Frauen bei der Feldarbeit und immer wieder Horden von Schülern auf der Straße. Über erwähnte Ortschaften war im Vorfeld eigentlich nichts mehr in Erfahrung zu bringen oder besser gesagt gibt es wohl nichts, was man über sie hätte berichten können, und am Ende der Landzunge fahre ich in ein winziges Dorf ein, schlängle mich an Hütten vorbei, ducke mich unter Wäscheleinen durch, störe Frauen beim Kochen, stehe quasi im Wohnzimmer der Dorfgemeinschaft wie ein Japaner, der bei einem daheim anläutet und fragt, ob er hier eh richtig wäre in Schönbrunn. Alle schauen blöd und das zu Recht und ich schaue, dass ich weiterkomme. Sperrgebiet. This area belongs to the army! It is strictly forbidden to carry out any touristic activities by order! An einem Verschlag mache ich Pause und esse ein trockenes Chapati mit süßem Ingwertee, mehr gibt es nicht. Auch keine Palmölmargarine zum drauf schmieren oder eine Tomate oder sonst irgendetwas. Fünf Leute und ein paar Katzen schauen mir in der verranzten Hütte zu, wie ich mein lediges Brot kaue. 

Nachmittags quartiere ich mich im ersten Resort, das mir unterkommt, ein. Die Bude verfügt über einen Privatstrand, von dem ein kleiner mangrovenbestandener Bach ins Landesinnere führt, eine Bar, wo sehr große Schildkrötenpanzer an den Wänden hängen, und einen Pool. Nach härtesten Verhandlungen beziehe ich für fünfunddreißig Dollar einen kleinen Bungalow ohne viel Schnickschnack, aber ein Moskitonetz und einen Ventilator hat er. Zuerst hüpfe ich ins Meer, dann in den Pool, dann noch ein bisschen die Umgebung abcruisen. Am Nachbargrundstück steht eine Saufhütte mit vollfetten, dubiosen Insulanern, einer schreit "Welcome, welcome!", und versperrt mir mit trüben Augen und ausgestreckten Armen den Rückweg. Schnell ein Bogerl schlagen und nichts wie weg und für heute reicht´s dann auch schon wieder.


Sonntag, 9. Februar 2025

 9.2., Uroa

Heute mache ich nix, ich schwöre. Vom Dorf hole ich mir ein paar Mangos, Wasser und kleine würzige Erdäpfelteigkugeln das Stück um vier Cent, die mich leider noch länger in Atem halten werden, dann hau ich mich auf eine der Liegen unter einer schönen Pinie und schaue aufs Meer. Ein modriges Buch von Jürgen von der Lippe habe ich im Literaturregal gefunden. Folgende Protagonisten stören meine Kreise:

- Der Affe von gestern. Weder die verschiedenen Blumen, die wir ihm auf einem Stock drapiert anbieten, interessieren ihn, noch die kleine Banane, die wir ihm in den Baum hochwerfen. Eigentlich ist ihm nur fad im Schädel und er will spielen, aus unerfindlichen Gründen ist er allein und nicht wie üblich in der Gruppe.

- Ein junger Massai, der plaudern/schnorren möchte. Sein Vater am Festland hat vierhundert Kühe, zwölf Frauen und über vierzig Kinder, er achtundzwanzig, zwei und eines. Fisch und Hendl isst er auf keinen Fall, nur Rind, Ziege und Schaf. Wenn es sich einrichten lässt, trinkt er morgens eine Mischung aus Blut und Milch. Drei Monate mindestens müssen vergehen, ehe die Kuh erneut angezapft werden darf. 

- Passanten am Strand. Einer trägt seine Harpune und einen großen Oktopus, dessen Tentakel fast im Sand schleifen, zwei tragen gemeinsam ein Bettgestell. Kinder spielen mit allem, das sich auftreiben lässt.

Übersiedeln in billigeren Wohnraum muss ich auch noch und ein bisschen Wäsche waschen und als die Temperaturen erträglicher werden, gehe ich den Strand entlang bis zum italienischen Resti. Unserem Kellner Jackson musste ich gestern mitteilen, dass ich nie wieder im resorteigenen Restaurant essen werde, Näheres dazu morgen. Großer Auflauf jedenfalls einen Kilometer weiter, rund fünfzig Massai tanzen im Kreis, springen und schreien, ein großes Spektakel. Warum das Ganze, weiß ich nicht, aber die Sache wirkt recht authentisch. Hiasi kommt mit dem Moped, mit dem wir zu später Stunde under the influence heimfahren, ich schicksalsergeben ohne Schuhe am Sozius. Alles geht gut.


 8.2., Uroa und der ganze Norden

Heute wird es Zeit für den nördlichsten Punkt der Insel, ich packe mein Zeug und mache mich auf nach Nungwi, dem Epizentrum des hiesigen Tourismus. Die Strände entlang der Ostküste sind zwar ein Traum, aber kein Dorf kann sich durch welche Besonderheiten auch immer von den anderen abheben. Schnorcheln ist entgegen anderslautender Berichte nirgends eine Option und in den Lehmhütten rund um die von hohen Mauern umgebenen Resorts gibt es für Muzungus auch nichts zu holen. Es geht gut dahin. Den ersten vier Polizeikontrollen entkomme ich, mit ein bisschen Small Talk ziehe ich mich bei der fünften aus der Affäre. Beim Queren nach Westen verfahre ich mich schließlich und lande auf einer breiten, aber völlig kaputten und einsamen Piste. Nur ein schmaler Sandstreifen seitlich ist so einigermaßen befahrbar und das Moped rennt das erste mal heiß. Zehn Kilometer oder eine Stunde später erreiche ich endlich die einzige asphaltierte, nordwärts führende Straße. Eine Tafel schmückt den sogleich angesteuerten Zuckerrohrsaftstand, Love and peace, the Kingo lives forever. Um wen es sich denn handle beim Kingo? Na um Haile Selassie natürlich, dem ehemaligen Kaiser Äthiopiens und Gott der Rastafaris. An der Straße werden auch windschiefe Bettgestelle und Regale aus naturgewachsenen, notdürftig mit Kokosseil zusammengebundenen Ästen verkauft. 

Viele der als Tourist Attraction ausgeschilderten Ruinen im etwas derb klingenden Fuckuchani unterscheiden sich von den üblichen verlassenen und teilweise schon eingestürzten Hütten der Siedlung eigentlich nur insofern, als dass jemand ein Wellblechdach darüber gebaut hat. Auch eine Höhle gäbe es, in der ich schwimmen und mich abkühlen könnte, aber mit meiner ganzen Habe am Moped muss ich passen. 

Je weiter nördlich ich komme, desto seltsamer wird es. Ein künstliches Massaidorf, wo man ein Dinner mit Feuerwerk buchen kann?, angekündigte Vollmondpartys, mindestens siebzig weiße Großraumtaxis an einem besonders gehypten Strandabschnitt. Schon im Vorort Kendwa tummeln sich sehr viele Touristen. Hier bauen direkt am Strand unter ein paar gespannten Planen Männer mit einfachsten Mitteln Holzboote. Man möchte meinen, dass manche der mitunter ganz schön großen Schiffe, die mit Stangen gestützt im Sand der kleinen Bucht stehen und wohl auf ihre Reparatur warten, bereits am Ende ihrer Lebenszeit angelangt sind, aber was weiß man schon.   

Ganz übel wird es dann in Nungwi. Viel zu viel von allem. Eine plan-, und reizlose, laute Ansammlung von allem, was ein aus den Fugen geratenes, pseudourbanes  Touristenzentrum ausmacht. Eine Bar verfügt über ein hier wirklich angebrachtes Stress Reduction Device. Bang your head here for stress relief, steht auf einem an der Wand befestigten Zettel. Kwaheri, tschüss, schnell weg. Auf Höhe des Flughafens quere ich zurück nach Osten, wo ich ewig lange versuche, einen Weg nach Süden zu finden. Über lange Strecken watschle ich in Schrittgeschwindigkeit mit dem Moped mit, nachdem das Fahren im Gelände irgendwann unmöglich geworden ist, und abermals rennen wir beide heiß. Hier ist nichts und niemand. Wenn der Vermieter wüsste, was ich seinem Moped zumute, würde er mich verwünschen. Als die Sonne schon tief steht und nach vielen leeren Kilometern muss ich mir eingestehen, dass eine Nordostsüdpassage auf Sansibar nicht möglich ist. Und jetzt wohin mit mir? Am besten wieder zurück nach Uroa, da war es schön. Ein weiter Weg, aber bin ich froh, als ich wieder da bin. Hiasi und die anderen können sich nur wundern. Leider ist nur mehr ein Zimmer frei, das mit Abstand luxuriöseste im ersten Stock mit großem Balkon direkt aufs Meer. Richtig gut sieht sie heute wieder aus in ihrem gelben Kleid, lasse ich die Chefin wissen, und sie erbarmt sich und rückt mit einem lächerlichen Fünfdollaraufschlag die Schlüssel dafür raus. 


Freitag, 7. Februar 2025

 7.2., Uroa

Am Wegesrand ein so stark verrostetes Schild, dass nichts mehr darauf entziffert werden kann, und später im Wald ein Wegweiser im Dreck, Visitor Center. Verfallene Nebengebäude und ein zugewachsener Weg zeugen von früherer Betriebsamkeit. Auch auf Sansibar gibt es einige nichtssagende Höhlen und diese hier wurde scheinbar wieder ihrem Schicksal überlassen, aufgegeben und verlassen, nachdem man sie dereinst aufwendig für die Öffentlichkeit erschlossen hatte. Ein Betonweg mit Geländer führt ins stockfinstere Innere. Dem folge ich eine Zeit lang und leuchte ein bisschen mit meinem Handy herum, dann mache ich kehrt. Alles ganz schön spooky. Gerade als ich mich aufs Moped schwinge, materialisiert sich ein Typ mit Bauhelm aus dem Unterholz und hätte gerne 10.000 Schilling von mir, frech. Hätte er im Gegenzug ein Ticket für mich? Nein. Dann nicht, tschau. 

An der Straße freut sich später eine Katze einen Haxen aus über den von mir gespendeten Fischkopf. Abgemagerte Artgenossen habe ich schon mit Zwieback oder Reis gefüttert und niemals wurde etwas verschmäht. Zurück im Resort lässt sich sogar einer der seltenen Stummelaffen blicken. Er turnt und springt affenartig vor uns herum, klettert einen Fahnenmast rauf und runter und ist ganz schön cool dabei, obwohl er nur ein Hirn in Erdnussgröße besitzt. Mit einer Banane ist er nicht zu locken, weil er keinen Zucker verdauen kann, er hält sich lieber an junge Blätter und Blumen. Erwischt er doch einmal etwas Falsches, kuriert es sich mit einem Stück Kohle, genau wie ich.

Und zack, ist es schon Abend. Gestern habe ich einem Einheimischen in einem Anfall von Größenwahn vollmundig erklärt, ich würde ausnahmslos jeden, der es wagt, gegen mich anzutreten, vom Billardtisch fetzen, der Showdown startet ab halb Sieben. Mit Hiasi als Coach und einem italienischen Pärchen, das die Pressefotos schießen wird, finde ich mich im Sportverschlag ein. Reges Interesse, schwitzende Anstrengung. Nach einer Stunde trolle ich mich, von zwei Dahergelaufenen geschlagen und gedemütigt, wieder heim. Morgen werde ich abreisen, hier kann ich mich nicht mehr blicken lassen.


Donnerstag, 6. Februar 2025

 6.2., zurück nach Uroa

Ein verwilderter südafrikanischer Weinhändler und ein ausgemergelter älterer Holländer, der sonst in Goa wohnt und sich schon morgens sechzigprozentigen Strohrum in seinen Kaffee leert, sitzen mit nacktem Oberkörper im kleinen Garten meiner Unterkunft, gemeinsam sehen sie aus wie ZZ Top für Arme. Eine Dame aus Wales hat sich noch eingefunden und mir gegenüber sitzt ein Mädchen aus Kenia in Tracht. Noch ein paar Samosas und Wasser für den Weg eingekauft, dann quere ich mit Hiasi die Insel von West nach Ost. Den Telekommunikationsknochen habe ich mit den notwendigsten Programmen gepimpt, trotzdem verfahren wir uns in scharfkantigstes Gelände. Einen Sickerpatschen vorne habe ich schon, Luft nachfüllen kostet vierzig Cent und der Service ist nicht überall zu bekommen. Ein schmieriger Bulle leiert mir wegen nix vier Euro raus, Hiasi verliert sein Handy in der Botanik, einmal springt sein Moped nicht mehr an, Lastwägen stauben uns ein. Eine Kokosnuss leeren wir noch, schon erreichen wir die Ostküste und dort das Kaure Beach Inn, wo ich freudig mein altes Zimmer beziehe. Leider spinnt jetzt der Laptop, das hier schreibe ich schon zum zweiten mal. 

Torjubel brandet auf, als ich später an der Straße Reis mit Bohnen esse, irgendein Hundskick wird übertragen. Auch die, die das Spiel gar nicht mitverfolgen, freuen sich einen Haxen aus, dazu noch ein Hupkonzert der vorbei fahrenden Autos. Übrigens! Kürzlich wurde von einem zwölfköpfigen Forscherteam in Cern wissenschaftlich nachgewiesen, dass Fußball tatsächlich zu den langweiligsten Sportarten zählt, die man sich ansehen kann, überboten nur von der neuen Trendsportart dieser Tage, Hobby Horsing. Anyway. Sitze ich später so am Strand und fröne der Digestion, wird alsbald wie üblich ein Insulaner vorstellig. Picasso sei sein Künstlername, er hätte einen Shop. Sicher nicht. Was noch? Er könne uns Buschbabys zeigen, Aufbruch in fünfzehn Minuten. Sechs Euro pro, ok, let´s go. Mit den Rollern schwärmen wir aus, er bei mir am Sozius. Nach zehn Minuten biegen wir ein ins Unterholz, wo sich die extraherzigen Galagos, kleine Feuchtnasenaffen, vorsichtig aus den Baumwipfeln nach unten wagen, weil sie dort mit kleinsten Bananenstückchen angelockt werden. Große Augen, dünne Finger, süß. Später essen auch Hiasi und ich Bananen, allerdings Kochbananen in Kokossauce, gar nicht übel. Der größte Teil der ohnehin schon recht überschaubaren vegetarischen Auswahl in der Anlage war nicht verfügbar, wie der Kellner Hiasi zuvor mit angstgeweiteten Augen gestehen musste. Er durfte weiter leben, wir hatten einen schönen Tag. 


Mittwoch, 5. Februar 2025

 5.2., nach Stonetown

Spoileralarm. Ich kenne nur sehr wenige Menschen, die so wie ich das Potential zum absoluten Sautrottel in sich bergen. Auch bei mir handelt es sich erfreulicherweise um keinen Dauerzustand, aber ich habe meine Phasen. Heute ist so ein Tag. Vormittags breche ich von der Ostküste auf nach Stonetown, um den Hiasi zu treffen, eigentlich ein leichtes Unterfangen. Zwei Hauptstraßen, einmal rechts abbiegen, Ankunft. Allerdings, mein Navi schlägt mir eine verwegenere Route über Nebenstraßen vor und da sage ich nicht nein. Kurz nachdem ich den schnöden Asphalt gegen unverfälschten Flur getauscht habe, tut sich vor mir raumfordernd eine imposante und undurchschaubar trübe Wasserlacke auf, sie erstreckt sich gute dreißig Meter über den gesamten befahrbaren Weg. Na gut, was soll sein, sage ich mir und tauche zügig ein in die braune Suppe. Stoße ich mit dem Vorderrad auch schon gegen ein unsichtbares Hindernis, vielleicht einen Felsbrocken oder so. Den Lenker verdreht es nach links, ich stütze mich notgedrungen mit dem Fuß ab, während das Moped ebenfalls nach links kippt. Nicht genug, um zu stürzen, aber jedenfalls ausreichend, um den Rucksack, der kurz davor noch zwischen meinen Knien lag, ins Wasser zu befördern. Da ist meine gesamte Habe drin, Bücher, Kleidung, Medizin, der Laptop, Akkus, Kabel, alles. So, was tun. Absteigen, irgendwie das Moped an die Hüfte lehnen und gleichzeitig den Rucksack rausfischen und vorläufig ohne Rücksicht auf Verluste ins nächste trockene Gebüsch schleudern. Aber halt, das war ja noch etwas. Oben auf der Tasche lag mein Telefon, wegen dem Navi. Ich taste auf gut Glück den Grund ab und finde das Teil auch, eine Minute lang läuft sogar noch alles und ich gebe mich trügerischer Hoffnung hin, dann beginnt der Bildschirm zu flackern und dann Game over. Irgendwie zerre ich das Moped an Land und ziehe mir die nassen Socken und  Schuhe aus, möchte gar nicht in den triefenden Rucksack schauen und schlage mich die nächste Stunde orientierungslos nach Stonetown durch, wo ich mir fast wahllos ein Quartier suche, um mich erst einmal notdürftig zu fangen. Nach mehrmaligem, unfreiwilligem Abstieg mit ungeschützter Sohle auf felsigem Terrain bin ich zuvor wieder in die nassen, grauslichen Schuhe geschlüpft, um mein Unglück nicht noch durch sinnlose Verletzungen zu vergrößern. Alles stinkt, alles ist feucht, aber der Lapi funktioniert noch. Das Handy trage ich zügig in einen Reparaturshop am Bazar, Exitus. Prozessor und Display unrettbar hinüber. Obwohl oder gerade weil der Spezialist den internen Stromfluss anstatt mit einem Spannungsmesser mittels seiner Zunge misst, muss ich ihm glauben. Sonst hat er auch noch ein paar gute Tricks auf Lager, tauscht Teile, biegt und umgeht das System, aber es ist nix zu machen. Alle Daten, Fotos, Passwörter, Programme verloren und keine Cloud als Plan B. Das neu gekaufte Handy ist zumindest heute ebenfalls nutzlos, weil ohne die dafür notwendigen Passwörter nicht aufzusetzen. Dazwischen treffe ich Hiasi, der nach fast zwei Wochen des Dahinsiechens wieder so einigermaßen genesen ist, helfe ihm bei der Suche nach einem fahrbaren Untersatz und lasse bei meinem Roller das Öl wechseln, wobei ebenfalls sehr viel schief geht. Bleibt nur mehr, auf Überlebensmodus zu schalten und mich abends mit Bier zu betäuben, dazu gibt´s trockenes Byriani und wässrige Linsensuppe. Was für ein Scheißtag.


Dienstag, 4. Februar 2025

 4.2, Uroa

So schön ist es hier. Ein zweistöckiger, kühler Unterstand mit Muschelketten am Meer und ein paar Bäume in roter Blütenpracht, unter denen man sich´s auf einer Liege gemütlich machen kann. In einem dieser Bäume leben Vögel, die Spatzen ähneln, aber knallgelb sind. Ihre Nester sind kugelrund und so groß wie Grapefruits. Aber ein kleiner Ausflug die Küste entlang geht immer. Paläste hinter Stachel-, oder Stromdraht stehen neben einfachen Hütten. Eine ganze Insel dient als exklusives Resort, Nichtgästen ist der Zutritt verboten. Wie immer hohe Mauern zum Strand hin und Wellblechzäune dort, wo gerade mehrstöckige Hotels entstehen. Viel mehr als schlecht bezahlte Jobs sind dann für die Locals nicht in Sicht, dafür dürfen sie nicht mehr fischen und mit der Beschaulichkeit ist es auch vorbei. Ein Wunder eigentlich, wie freundlich einem die Einheimischen angesichts dieses Kapitalimperialismus noch immer begegnen. 

Die Männer, die bei Ebbe Löcher graben, verbuddeln dort übrigens für einige Monate leere Kokosnüsse, um deren Fasern für die Produktion von Seilen mürbe zu machen, die Info war ich noch schuldig. Am Ende meiner Reise lasse ich mich noch zu einem Stück Fisch in klarer Suppe mit Reis und höchstwahrscheinlich spinatähnlichem Amaranth dazu nieder. Schmeckt wieder sehr gut, aber die Fliegen sind zahlreich und frech.

Nachmittags nimmt der Wind richtig Fahrt auf und die einheimischen Kitesurfer fetzen dahin, heben sechs, sieben Meter hoch ab und springen dabei über Boote. Zwei Männer sitzen im Schatten des Strandes und deuten mir, ich solle mich zu ihnen gesellen. Der eine ist Taxler, der andere besitzt einen kleinen Wald für Bauholz und hat zwei Frauen. Strikt alle zwei Tage wechselt er den Haushalt ohne jegliche Flexibilität, auch bei Streit kann er sich nicht einfach so absetzen. Eigentlich hätte ihm eine gereicht, aber um Nachwuchs zu bekommen, musste er ein zweites mal heiraten. 

Der heutige Tag steht im Zeichen der kulturellen Aneignung. Zunächst kaufe ich einer von vielen glatzköpfigen Frauen ein Armband mit der tansanischen Flagge ab und dem nicht genug später einem ohnehin schon vollständig assimilierten Massai seine Keule. Sehr seiner Ehre beraubt kommt er mir nicht vor, eher sehr zufrieden. Er wird einen seiner Homies vom Festland anrufen, der bringt ihm dann einen neuen Pracker mit, sagt er. Andersrum geht´s aber auch. Drei Billardtische an der Hauptstraße gehören  scheinbar zur Grundausstattung eines sansibarischen Dorfes. Eigentlich will ich nur zusehen, aber ein Massai in roter Tracht, mit üblicher Bewaffnung und mit weißen Schienbeinschützern lädt mich herzlich zu ein paar Partien ein. Neben seinem traditionellen Outfit trägt der doch tatsächlich ein Baseballkapperl, ich bin empört.